Episode 2

Am nächsten Tag wachte ich wieder erst mittags auf. Ich hatte schon wieder vierzehn Stunden geschlafen. Aber ich war gut aufgelegt. Unmittelbar nachdem ich das feststellte, überfiel mich ein Aktionismus. Bloß nicht nichts tun, so dass mein Hirn wieder Zeit hätte, sich selbstständig zu machen. Ich schnappte mir eine halbe Banane, zog meine Laufsachen an und lief los. Ich hatte Lust zu joggen – was bei mir eher die Ausnahme war. Während des Laufens überlegte ich mir, dass ich mich doch heute mal bei meinem Kollegen melden könnte. Oder bei einer der zwei Freundinnen, die heute aus Rhodos wiederkamen. Ich bin keine große Läuferin und meine Runde ist lächerliche drei Kilometer lang, aber nicht einmal die schaffte ich ganz. Was aber okay war. Ich dehnte noch ein bisschen, duschte. Ich war schon wieder ein bisschen erschöpft, also ließ ich alle Pläne fallen und entschloss mich, doch nach Hause zu fahren. Ich wusste, meine Mutter hatte Kuchen gebacken, und bei dem Wetter wäre es herrlich, mit meinen Eltern entspannt auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und natürlich den Kuchen zu essen. Ich schrieb meiner Mutter eine kurze Whatsapp-Nachricht, dass ich jetzt auf dem Weg nach Hause sei.

Die Autobahn war frei, das letzte Stückchen Landstraße ging gut, der Wind fegte durch das offene Fenster, das Leben war schön.

Daheim angekommen stellte ich fest, dass niemand zu Hause war. Meine Mutter hatte auf die Nachricht nicht einmal geantwortet. Nicht einmal die Katze, die sonst immer von irgendwoher zur Begrüßung anmaunzte, war da.

Klick.

Es gab niemanden, in dessen Leben es einen Unterschied machte, ob ich da war oder nicht. Es war allen egal. Ich hielt es nicht mehr aus, ich selbst zu sein. Ich wollte raus, raus aus meinem Körper. Weg von hier, weg von meinem Leben. Ich rastete aus.

Nach etwa einer Stunde, in einem kurzen Moment, konnte ich immerhin so weit denken, dass ich in die Küche ging, und mir aus dem Apothekerschrank das kleine Döschen mit den Pulsatilla-Kügelchen schnappte. Die hatte ich vor Wochen, nach dem Kreislaufzusammenbruch, von meiner Mutter bekommen. Alle zwei Tage zwei, um die Nerven zu beruhigen. Ich kippte mir einen Teil der Kügelchen auf die Handfläche, es müssen wohl so zehn gewesen sein, und schluckte sie. Ich ging nach oben, ich zitterte immer noch am ganzen Körper, mir war heiß und kalt, und legte mich ins Bett. Ich schloss die Augen. Keine gute Idee. Ablenken. Ich muss mich ablenken. Also schnappte ich mir mein Tablet und schaute wieder Big Bang Theory. Das hatte gestern ja auch funktioniert. Nach drei Folgen merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Die Nerds und die Kügelchen begannen zu wirken.

Dann hörte ich die Haustür. Meine Mutter, erkannte ich an der Art, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich war sofort wieder wütend. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ihr vorgeworfen, dass sie nicht da war. Gleichzeitig war mir sonnenklar, dass auch sie ein eigenes Leben hatte. Und vor allen Dingen auch ein Recht darauf. Ich blieb oben in meinem Bett liegen und schaute eine weitere Folge Big Bang Theory. Ich konnte mich aber nicht mehr darauf konzentrieren, also ging ich doch runter. Sie war im Wohnzimmer und saß auf der Couch. Sie schaute in den Fernseher, fragte mich etwas, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich antwortete nicht. Sie blickte mich an. Und sah sofort, dass gar nichts stimmte. Mein Gott, Sophie, was ist denn los? Ich begann zu heulen. Ich konnte kein Wort mehr hervorbringen. Ich stand einfach da und heulte. Sie stand auf. Nahm mich in die Arme und fragte mich nochmal, was ist denn los? Weil ich jetzt nicht da war, wie du gekommen bist?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann so ganz genau passierte. Jedenfalls saß ich, von Heulkrämpfen geschüttelt, nicht mehr viel mehr als ein Häufchen Elend, vor Kälte und schluchzen zitternd, neben ihr. Sie versuchte, aus mir herauszubringen, was denn los war. Zwischen den Schluchzern brachte ich in Satzfetzen noch die einzelnen Gedanken vor, die wieder in meinem Kopf Karussell fuhren.

Sie wollte mich in die nahegelegene psychiatrische Notaufnahme bringen. Ich weigerte mich. Sie hielt mich eine ganze Zeit lang weiter umarmt, und ich heulte mit dem Kopf auf ihrer Schulter weiter, bis meine Tränen aus waren und ich keine Kraft mehr hatte, zu zittern. Ich schaute wie betäubt ein paar weitere Folgen Big Bang Theory, nahm die nächste Mirtzapin und schlief irgendwann ein.

Bei der Aufnahmeuntersuchung in der psychiatrischen Klinik (ja, es widerstrebt mir immer noch das Wort Psychiatrie zu schreiben) zwei Wochen später erfuhr ich, wie man die Gedanken, die mein Karussell an diesem Sonntag bestimmten, im Fachjargon nennt: passive Suizidgedanken; damit wären wir dann im ICD-Diagnoseschlüssel bei F 32.2., schwere depressive Episode.

Allein

Am nächsten Morgen wachte ich erst mittags auf. Ich hatte 14 Stunden durchgeschlafen, aber fühlte mich trotzdem eher erschlagen als wach. Ich war weder besonders gut, noch besonders schlecht gestimmt. Nachdem ich ein „Frühstück“, ein Müsli mit Obst und Joghurt, gegessen hatte, fuhr ich mit dem Fahrrad zu dem kleinen Tengelmann in meiner Straße zum Einkaufen. In dem kleinen Geschäft mit den verwinkelten Regalen, dem typischen Supermarkt-Labyrinth, und den niedrigen Decken befiel mich sehr bald ein beklemmendes Gefühl und die mittlerweile bekannte Enge in der Brust. Es war mir zu laut, zu eng, zu dunkel. Genervt schnappte ich mir also nur das Notwendigste, um so schnell wie möglich wieder nach draußen zu kommen. Da ging es schon wieder besser. Sehr langsam fuhr ich mit dem Fahrrad zurück. Ich war niedergeschlagen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, zur Geburtstagsfeier eines lieben Kollegen zu gehen, in einen Biergarten. Da müsste ich allerdings mit der S-Bahn hinfahren. Und wenn ich noch nicht einmal ohne Probleme einkaufen gehen konnte, konnte ich es vergessen, an einem Samstagabend an der Stammstrecke, also unterirdisch, S-Bahn zu fahren.

Ich schrieb zwei sehr guten Freundinnen, was sie denn heute machen würden. Keine antwortete. Das war eigentlich nicht weiter verwunderlich, die beiden waren am Wochenende oft am Berg unterwegs und meldeten sich dann immer erst abends. Zwei andere gute Freundinnen waren im Urlaub. Eine fünfte feierte ihren Geburtstag. Und alle meine lieben Kollegen waren auf der Geburtstagsfeier, auf die ich nicht gehen konnte.

Das Karussell begann, sich zu drehen.

Auch meine Mutter war beschäftigt. Meine Schwester in Sri Lanka auf Rucksack-Urlaub. Meine beste Freundin in Kalifornien. Zwei andere sehr enge Freundinnen in Baden-Württemberg.

Ich hatte niemanden. Ich war allein.

Zusehends gewann dieses Karussell die Beherrschung über mich. Ich war nicht mehr fähig, einen anderen Gedanken zu fassen. Ich lag im Bett, mir liefen die Tränen herunter. Ich nahm mein Handy in die Hand. Immer noch keine Antworten. Stattdessen Facebook-Posts vom „Ach-so-tollen-Griechenland-Urlaub“ und der „Ach-so-tollen-Geburtstagsparty“. Das machte es nicht besser.

Natürlich hätte ich auch einfach meine Eltern anrufen können oder eine der beiden Freundinnen in Baden-Württemberg. Aber das schaffte ich nicht mehr. Keine Kraft. Kein Antrieb. Und was sollte ich denn sagen. Ich konnte ja nicht nur am Telefon sitzen und heulen. Aber das war das Einzige, zu dem ich gerade in der Lage war.

Ich bin allein. Niemand interessiert sich für mich. Das Karussell drehte sich in Tornado-Geschwindigkeit und bestand nur noch aus diesen Gedanken. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf stünde kurz davor, zu zerspringen. Ich hielt es nicht mehr aus, ich zu sein.

Es fühlte sich an, als würde ich vollends durchdrehen.

Aber irgendwann, nach ein paar Stunden, wurde ich wieder ruhiger. Eine Freundin schrieb mir zurück, sie wäre den ganzen Tag wandern gewesen, wie es mir gehe, und wir könnten uns gerne Montag- oder Dienstagabend treffen. Ein Licht am Ende des Tunnels. Vielleicht war ich doch nicht so allein. Ich gewann langsam wieder die Überhand über meinen Kopf. Ich stand wieder aus dem Bett auf, machte mir etwas zu essen. Meine Bewegungen waren so unkontrolliert und fahrig, dass ich mir beim Gemüseschneiden in den Finger schnitt. Nach dem Essen ging ich raus, an die frische Luft, etwas Bewegung. Aber ich hatte solche Schmerzen (eine Muskelverspannung, die mir immer wieder starke Hüftschmerzen verursachte), dass ich nicht weit gehen konnte. Also ging ich nur direkt zur Isar. Vom Mountainbike-Trail am Ufer wollte ich ein kleines Stück die Böschung hinunter gehen, um direkt am Wasser zu sitzen. Ich war unbedacht aufgetreten, mit dem Kopf schon wieder in einer anderen Welt, rutschte ab und knickte um, fiel zu Boden. Die Außenbänder am linken Sprunggelenk stachen. Ich blutete. Endlich ein richtiger Grund, zu weinen. Ich saß auf einem Stein an der Isar und heulte. Irgendwann hörten die Tränen auf und ich starrte gedankenlos um mich herum. Eine Ente, die plötzlich hinter mir quakte, erschreckt mich zu Tode. Ich blafft sie lautstark an. Unbeeindruckt drehte sie sich um und schwamm von dannen. Es begann zu dämmern. Ich ging heim, nahm die Mirtazapin und begann, Big Bang Theory zu schauen. Angenehme langsame Schnitte. Und die Serie spielt in Kalifornien. An der Uni, an der meine beste Freundin gerade war.