Zusammenbruch

Am Abend noch hatte ich Ihnen allen geschrieben. Meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester, meiner besten Freundin, meinem aktuellen Ex-Freund und meinem ersten Freund, mit dem ich immer noch in Kontakt war. Ich hatte Angst. Noch nie in meinem Leben hatte ich so etwas gemacht. Was, wenn Ihnen nichts einfallen würde. Würden sie überhaupt antworten?

Nach und nach trudelten die Antworten ein. Ich sammelte sie auf einem Block, erstaunlicherweise überschnitt sich wenig. Meine Eltern hatten am meisten geschrieben. Belustigt hatte mich eine Antwort meiner Mutter: „Sehr liebevoll, besonders mit Schafen und Katzen.“ Auf meine etwas verwirrte Frage hin, was sie damit genau meinte, antwortete sie, naja, eben liebevoll. Und Katzen und Schafe magst du doch gern.“ Na gut 🙂

Mehrmals war „immer gut gelaunt“ und „für jeden Spaß zu haben“ zu lesen. Das bereitete mir Sorgen. Was war denn dann, wenn ich nicht lachte? So wie im Moment? Mochten sie mich dann gar nicht mehr? Insgesamt aber war ich erleichtert über die Antworten. Sie hatten sich alle gemeldet, jeder hatte sich Zeit für mich genommen. Und es waren Dinge dabei, die ich selbst nie aufgezählt hätte. Aber auch alle, die mir selbst wichtig waren. Ich war erleichtert. Meine Stimmung hellte sich aber nicht auf. Im Laufe des Mittwochs wurde sie eher noch schlechter. In der Angstgruppe hatte heute die mit einer sonst großen Klappe ausgestattete, coole Jenny ein Thema gehabt. Selbst sie, deren Auftreten sonst eher einschüchterte, hatte Taschentücher gebraucht. Die waren sowieso in jeder Stunde im Dauereinsatz.

Aus welchem Grund auch immer – es war für mich selbst absolut nicht ersichtlich, meine Schwester war ja nun schon ein paar Tage in Berlin und hatte bisher eher positiv geschrieben – ging es mir immer schlechter. Mittwochabend spazierten Johanna und ich eine große Runde. Die Stimmung war auf dem bisherigen absoluten Tiefpunkt. Sonst war es immer mindestens einer von uns beiden recht gut gegangen. Johanna schimpfte ein wenig auf ihre Therapiegruppen und die Therapeutin. Ich hatte nichts zu schimpfen. Ich war einfach depressiv, ohne jeden Antrieb, ohne jeden Funken Lebensenergie. Einschlafen ging irgendwann irgendwie.

Am nächsten Morgen wurde es nicht besser. Um zehn hatte ich Therapiestunde. Ich war ein Häufchen Elend. Die Therapeutin fragte mich gar nicht erst, wie es mir ging. Es war offensichtlich. Ich hielt ihr die Liste hin, die ich in den vergangenen zwei Tagen gesammelt hatte. Sie überflog sie. Wunderschön. Für jeden Spaß und jedes Abenteuer zu haben. Spontan. Fröhlich. Warmherzig. Es waren wirklich viele Dinge. Viele sehr positive Dinge. Die Ärztin betonte das auch noch mal. Dass sie solche Listen nicht allzu oft sähe. Ob mich das nicht aufheitern würde. Offensichtlich war ich nicht nur nicht allein, sondern wurde auch sehr geschätzt. „Ich weiß“, antwortete ich ihr. „Aber es kommt nicht mehr durch“, waren meine Worte. „Ich kann es nicht spüren.“

Und ich verstand einfach nicht, warum es mir ausgerechnet jetzt so schlecht ging. Es gab doch keinen Anlass. „Oh naja“, meinte da die Ärztin. „Das ist eigentlich kein Wunder. Schließlich nehmen Sie seit ein paar Tagen gar kein Mirtazapin mehr. Das wirkt ja auch anti-depressiv.“ Ich nahm das in dem Moment gar nicht so war. Erst später, als ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte, fiel mir das wieder ein. Mir war nie bewusst gewesen, dass das nicht nur beruhigend und schlaffördernd, sondern auch anti-depressiv wirkte. Das erklärte natürlich einiges. Half mir aber dennoch nichts. Ich konnte die Tablette ja nicht einfach wieder nehmen.

Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, über was wir in dieser Stunde gesprochen hatten. Aber wirklich aufbauen konnte sie mich diesmal nicht. Ich hing zu tief drin. Nur, dass sie mich zuletzt fragte, ob es irgendetwas anderes, ein ganz anderes Thema gäbe, was mich zusätzlich beunruhigte? Ich schniefte immer noch. Ja. Ich hatte Angst, bald wieder in die Arbeit zu müssen. Wie all die anderen aus der Burnoutgruppe, die bereits zwei bis drei Wochen nach ihrer Entlassung mit der Eingliederung begonnen. „Solange es Ihnen nicht gut geht, werden sie nicht arbeiten müssen, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wenn Sie krank sind, werden sie von jedem Arzt auch krankgeschrieben werden.“ Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Eine Sorge weniger.

Als sie mich verabschiedete, tat sie etwas, was Therapeuten sonst nie tun. Sie stand auf, und nahm mich in den Arm. Drückte mich fest und fragte mich: „Gibt es denn hier in der Klinik niemanden, der sie in dem Arm nehmen kann?“ „Johanna“, schluchzte ich. „Sagen sie ihr, sie soll sie ganz fest drücken, ja?“

Ich ging hoch in mein Zimmer. Rief Johanna an. Ob sie kommen könnte. Sie war schon auf dem Weg zur Wassergymnastik. Da sollte ich eigentlich auch hin. Egal. Ich war sowieso nicht fähig. Sie kam zu mir und war ziemlich perplex, als sie mich völlig verheult vor ihr stehen sah. „Ge Franzi, was ist denn los? Komm her.“ Sie nahm mich in den Arm, wir setzten uns auf mein Bett. Und ich heulte. Und heulte. Sie redete mir gut zu. Schaukelte mich fast wie ein kleines Kind. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich will, dass das alles endlich aufhört. Sie setzte dagegen, „Franzi, es wird alles wieder gut.“ Wie ich es schon so oft bei ihr getan hatte. Irgendwann hatte sie es geschafft, mich zu beruhigen. Oder ich hatte einfach keine Tränen und keine Kraft mehr, zu weinen. Ich weiß es nicht. Sie blieb neben mir sitzen, fütterte mich mit Schokolade. Versuchte, mich zum Lachen zu bringen, bis es Zeit war für das Mittagessen. Ich stand immer noch ziemlich neben mir. Genauso in der Burnoutgruppe. Ich beteiligte mich kaum. Sah einfach nur zu. Am Abend ging ich eine große Runde spazieren. Ich musste mich dazu zwingen. Ich spürte, wie die Angst sich wieder fest in mir verbiss. Ich hatte Angst davor, allein draußen zu sein. Insgeheim Angst, ich würde mir vielleicht etwas antun, da draußen, allein auf dem Feld. Aber wenn ich die Angst gewinnen ließe, wäre ich hier eingesperrt. Das durfte nicht sein. Das erste Stück rannte ich beinahe. Wie damals im Wald begann ich absichtlich langsam zu gehen und baute kleine Achtsamkeitsübungen ein. Es half. Ich konnte langsamer gehen und die Angst verflog. Abends heulte ich mich in den Schlaf.

Episode 2

Am nächsten Tag wachte ich wieder erst mittags auf. Ich hatte schon wieder vierzehn Stunden geschlafen. Aber ich war gut aufgelegt. Unmittelbar nachdem ich das feststellte, überfiel mich ein Aktionismus. Bloß nicht nichts tun, so dass mein Hirn wieder Zeit hätte, sich selbstständig zu machen. Ich schnappte mir eine halbe Banane, zog meine Laufsachen an und lief los. Ich hatte Lust zu joggen – was bei mir eher die Ausnahme war. Während des Laufens überlegte ich mir, dass ich mich doch heute mal bei meinem Kollegen melden könnte. Oder bei einer der zwei Freundinnen, die heute aus Rhodos wiederkamen. Ich bin keine große Läuferin und meine Runde ist lächerliche drei Kilometer lang, aber nicht einmal die schaffte ich ganz. Was aber okay war. Ich dehnte noch ein bisschen, duschte. Ich war schon wieder ein bisschen erschöpft, also ließ ich alle Pläne fallen und entschloss mich, doch nach Hause zu fahren. Ich wusste, meine Mutter hatte Kuchen gebacken, und bei dem Wetter wäre es herrlich, mit meinen Eltern entspannt auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und natürlich den Kuchen zu essen. Ich schrieb meiner Mutter eine kurze Whatsapp-Nachricht, dass ich jetzt auf dem Weg nach Hause sei.

Die Autobahn war frei, das letzte Stückchen Landstraße ging gut, der Wind fegte durch das offene Fenster, das Leben war schön.

Daheim angekommen stellte ich fest, dass niemand zu Hause war. Meine Mutter hatte auf die Nachricht nicht einmal geantwortet. Nicht einmal die Katze, die sonst immer von irgendwoher zur Begrüßung anmaunzte, war da.

Klick.

Es gab niemanden, in dessen Leben es einen Unterschied machte, ob ich da war oder nicht. Es war allen egal. Ich hielt es nicht mehr aus, ich selbst zu sein. Ich wollte raus, raus aus meinem Körper. Weg von hier, weg von meinem Leben. Ich rastete aus.

Nach etwa einer Stunde, in einem kurzen Moment, konnte ich immerhin so weit denken, dass ich in die Küche ging, und mir aus dem Apothekerschrank das kleine Döschen mit den Pulsatilla-Kügelchen schnappte. Die hatte ich vor Wochen, nach dem Kreislaufzusammenbruch, von meiner Mutter bekommen. Alle zwei Tage zwei, um die Nerven zu beruhigen. Ich kippte mir einen Teil der Kügelchen auf die Handfläche, es müssen wohl so zehn gewesen sein, und schluckte sie. Ich ging nach oben, ich zitterte immer noch am ganzen Körper, mir war heiß und kalt, und legte mich ins Bett. Ich schloss die Augen. Keine gute Idee. Ablenken. Ich muss mich ablenken. Also schnappte ich mir mein Tablet und schaute wieder Big Bang Theory. Das hatte gestern ja auch funktioniert. Nach drei Folgen merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Die Nerds und die Kügelchen begannen zu wirken.

Dann hörte ich die Haustür. Meine Mutter, erkannte ich an der Art, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich war sofort wieder wütend. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ihr vorgeworfen, dass sie nicht da war. Gleichzeitig war mir sonnenklar, dass auch sie ein eigenes Leben hatte. Und vor allen Dingen auch ein Recht darauf. Ich blieb oben in meinem Bett liegen und schaute eine weitere Folge Big Bang Theory. Ich konnte mich aber nicht mehr darauf konzentrieren, also ging ich doch runter. Sie war im Wohnzimmer und saß auf der Couch. Sie schaute in den Fernseher, fragte mich etwas, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich antwortete nicht. Sie blickte mich an. Und sah sofort, dass gar nichts stimmte. Mein Gott, Sophie, was ist denn los? Ich begann zu heulen. Ich konnte kein Wort mehr hervorbringen. Ich stand einfach da und heulte. Sie stand auf. Nahm mich in die Arme und fragte mich nochmal, was ist denn los? Weil ich jetzt nicht da war, wie du gekommen bist?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann so ganz genau passierte. Jedenfalls saß ich, von Heulkrämpfen geschüttelt, nicht mehr viel mehr als ein Häufchen Elend, vor Kälte und schluchzen zitternd, neben ihr. Sie versuchte, aus mir herauszubringen, was denn los war. Zwischen den Schluchzern brachte ich in Satzfetzen noch die einzelnen Gedanken vor, die wieder in meinem Kopf Karussell fuhren.

Sie wollte mich in die nahegelegene psychiatrische Notaufnahme bringen. Ich weigerte mich. Sie hielt mich eine ganze Zeit lang weiter umarmt, und ich heulte mit dem Kopf auf ihrer Schulter weiter, bis meine Tränen aus waren und ich keine Kraft mehr hatte, zu zittern. Ich schaute wie betäubt ein paar weitere Folgen Big Bang Theory, nahm die nächste Mirtzapin und schlief irgendwann ein.

Bei der Aufnahmeuntersuchung in der psychiatrischen Klinik (ja, es widerstrebt mir immer noch das Wort Psychiatrie zu schreiben) zwei Wochen später erfuhr ich, wie man die Gedanken, die mein Karussell an diesem Sonntag bestimmten, im Fachjargon nennt: passive Suizidgedanken; damit wären wir dann im ICD-Diagnoseschlüssel bei F 32.2., schwere depressive Episode.