Rosenkranz

Ich fühlte mich unwohl. Irgendwie eingeengt. Gestern hatten wir die Slackline aufgebaut. Diesmal vor dem Klinikeingang, zwischen der Raucherecke und der Schaukel. Da war der Boden eben. Und außerdem dachte ich, dass vielleicht noch ein paar andere Bock hätten, es auszuprobieren. Hatten sie. Aus welchem Grund auch immer, ich weiß es nach wie vor nicht, wurde mir das diesmal rasch zu viel. Ich fühlte mich ein wenig gegen meinen Willen eingespannt und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich lieber zurückgezogen hätte. Ich hatte es dann zwar schließlich, zu spät eigentlich, geschafft, mich abzuseilen, aber das maue Gefühl, dass man mich mal wieder dazu gebracht hatte, etwas zu tun, was ich eigentlich nicht tun wollte, und die Tatsache, dass mich das bisschen Slacklinen und Übungsleiterspielen so sehr überfordert hatten, behagten mir nicht. Ganz und gar nicht. Die Wassergymnastik war wie immer, das Wasser zu kalt, die Gymnastik ein wenig anstrengend, aber ich war einfach gern im Wasser. Danach war es wie immer stressig, innerhalb von einer Stunde raus aus dem Becken, über den Umweg Mittagessen um eins bereits fertig und aufnahmebereit in der Burnout-Gruppe zu sitzen. Und mittlerweile war die Teilnehmer-Anzahl in der Burnout-Gruppe ziemlich geschrumpft. Die waren zwar immer noch alle nett. Keiner tat mir da etwas zu leide. Aber es war eben auch keiner dabei, mit dem ich mit halbwegs identifizieren konnte. Ich war mit deutlichem Abstand die Jüngste. Punkt eins. Ich arbeitete in einer völlig anderen Welt wie sie. Punkt zwei. Ich war, was meine Energieressourcen betraf, physisch und psychisch in einem deutlich schlechteren Zustand als sie. Punkt drei. Und war aber, was die Analyse der Ursachen betrag, vielleicht auch aufgrund des Aufenthalts in der Psychiatrie zuvor, viel weiter als der Rest der Gruppe. Punkt vier. Ich fühlte mich unwohl. Mein Kopf rumorte. Ich brauchte eine Pause von allem hier. Dringend. Abstand. Ich wollte einen Chai-Latte. Und mich zumindest für zwei Stunden mal wieder „normal“ fühlen. Nicht in irgendeiner Klinik sein und mir den ganzen Tag anhören müssen, wie schlecht es anderen Leuten gerade ging, oder analysieren müssen, wie schlecht es mir gerade ging. Ich wollte eine Pause. Und einen Chai-Latte. Das einzige, was die hauseigene Cafeteria nicht im Angebot hatte.

Ich packte meine Tasche und fuhr in die Stadt. Ich fragte nicht einmal Johanna. Sie hatte sowieso gerade noch Therapie und mein Kopf wollte wirklich, wirklich, wirklich gerade überhaupt keinen Input von außen haben und nichts von Therapien, Burnout oder Kliniken hören. Ich schlenderte durch das Städtchen. Ließ die Kleidergeschäfte gleich links liegen, heute hatte ich kein Energie für ein Expositionstraining. Ich ging in den schönen Buchladen und stöberte dort umher. Las ein paar Bücher an. Besorgte mir endlich einen Ordner für die Zettelwirtschaft. Einen blauen, auch wenn er daheim dann farblich nicht ins Regal passen würde. Das war mir gerade egal. Kaufte eine kleine Leinwand. Ich wollte demnächst gerne mal den Freizeitbereich der Kunsttherapie nutzen, wenn man in der Kunsttherapie selbst nur dumme Gärten malen durfte. Kaufte zwei Zeitschriften, die burda easy und die flow, die kannte ich beide noch gar nicht und waren meilenweit von meinem alten Arbeits-Zeitschriftenspektrum entfernt. Und fand schließlich ein kleines Café, setzte mich dort allein an einen kleinen Tisch, bestellte einen Chai-Latte und genoss es, in der richtigen Welt zu sein. Allein. Einfach mal zumindest so tun zu können, als wäre alles so wie immer. Es war ruhig in dem Café und ich wurde langsam entspannter. Ich atmete die Normalität ein und blätterte in den beiden neuen Zeitschriften. Eine Näh-Zeitschrift. Ich könnte ja, wenn ich jemals irgendwann wieder aus diesen Kliniken raus wäre, mal wieder etwas nähen. Und die flow. Eine dieser Glücks- und Achtsamkeitszeitschriften, die unter den Klinikpatienten der Renner waren. Mit sowas esoterischem hätte ich mich früher nie beschäftigt. Für so etwas hätte ich gar keine Zeit gehabt. Auch diesmal hatte ich sie nur gekauft, weil auf dem Titel ein Gespräch mit dem „Erfinder“ der Achtsamkeit, Jon Kabat-Zinn angepriesen wurde. Das interessierte mich. Und außerdem war die flow einfach schön.

 

Schließlich war der Chai leer. Ich hatte alle Schnittmodelle mehrfach begutachtet und mich für mein erstes Projekt entschieden. Ich zahlte, seufzte, stand auf und ging, in Richtung Auto. Ich kam an der Kirche vorbei. Eine dieser riesigen Stadtpfarrkirchen. Ich besuche gerne Kirchen. Ich mag die Ruhe, die sie ausstrahlen. Sie sind ein Zufluchtsort – weit, weit weg und raus aus dem Alltag.

Ich ging also in die Kirche hinein. Auf der Suche nach Ruhe. Ich wollte beten, allein sein. Bei mir sein. Eine Ruhe, wie ich sie nur in Kirchen finde. Ich war beinahe enttäuscht, als ich feststellte, dass ich nicht alleine hier war. Dass weiter vorne eine Gruppe älterer Damen saß und Rosenkranz betete. Ich wollte beinahe schon gehen, dann entschied ich mich anders. Setzte mich in eine Bank, mit Abstand zu den Damen, aber doch in guter Hörweite und ließ mich, statt selbst zu beten, von dem angenehmen Wechselrhythmus des Rosenkranzes wiegen. Es war ein bisschen schade, dass keine Männer da waren, und der Wechsel daher nur zwischen den Damengruppen stattfand. Schließlich begann ich beinahe automatisch mitzubeten. Die Worte kenne ich in und auswendig. Vater Unser, der du bist im Himmel. Gegrüßet seist du, Maria. Ich wiegte im Rhythmus mit. Ich wurde ruhiger, und ruhiger, und ruhiger. Ich versank richtig im meditativen Wechselrhythmus. Ich betete etwa zwanzig Minuten leise mit. Bis ich mich entschloss, zu gehen. Ich war getragen von dieser Ruhe, von diesem gleichmütigen Singsang. Mein Kopf war ruhig, mein Geist, die restliche Anspannung, die selbst nach dem Chai-Latte noch da gewesen war, war dahin. Ich war so ruhig wie seit Tagen nicht mehr.

Ich versuchte, diesen Zustand festzuhalten, und es gelang mir erstaunlich gut. Ich genoss das Abendessen mit den Frauen am Tisch, das Nashornbaby im Tierpark Hellabrunn war mal wieder Thema und verrückte Reisegeschichten der alten Dame. Außerdem die Wiesn, die seit Samstag lief. Und Johanna und ich trugen uns für den nächsten Tag in die Infrarot-Kabine ein.

Jeanette

Johanna war noch keine halbe Stunde weg, da war das Bett schon neu belegt. Ich war momentan vielleicht etwas übersensibel. Aber kennt ihr auch Menschen, die einfach alles um sich herum erdrücken, einfach nur, weil sie da sind? Kennt ihr das? Ich jedenfalls hatte sie noch nicht einmal ganz gesehen, aber ich spürte diese Welle schon, als ich gerade die Zimmertür öffnete, um mich nach dem Sport zu duschen. Eine Aura. Die das ganze Zimmer ausfüllte. Für mich und meinen aktuell auch etwas größeren Raumbedarf war kein Platz. Zwei riesige, teils mit braunem Packband geklebte Koffer lagen im Zimmer herum, Tupperboxen in den verschiedensten Größen waren auf dem rechten und dem mittleren Fensterbrett aufgebaut worden, Taschen und Jacken lagen verteilt auf zwei der drei Stühle – unter anderem auf meinem Handtuch! – und mittendrin stand Jeanette. In etwa so groß wie ich, also gute 1,75m, eine braune, nicht unbedingt modische Kurzhaarfrisur, flatternde Kleidung, die eher an einen Thailand-Rucksack-Trip erinnerte als an irgendetwas anderes, altmodische Brille, pummelig.

„Hallo, ich bin Jeanette!“, schleuderte sie mir entgegen, noch bevor ich überhaupt bis zu meinem Bett vorgedrungen war. Ich wich zurück. Ich hatte das Gefühl, als würde das Zimmer beben, so laut und durchdringend war ihre Stimme. Viel zu laut. Eh, hallo, antwortete ich. Ich war überfordert. Johanna hatte vor nicht einer halben Stunde die Klinik verlassen und nun war da dieses – ich blickte noch einmal fassungslos über das Chaos hinweg, dass diese Person innerhalb von nur wenigen Minuten angerichtet hatte – Monstrum?! Ich blickte hilfesuchend zu Ruths Bett. Ruth war nicht da. „Kann ich ins Bad?“, fragte ich nur, wartete aber die Antwort aber gar nicht erst ab, sondern schloss mich umgehend im Badezimmer ein. Hier hatte sie noch keine Spuren hinterlassen. Ich duschte recht ausführlich – was mit dem Duschkopf auf Hüfthöhe gar nicht so einfach war – und versucht dabei, meine Gedanken neu zu ordnen und zu sammeln.

Ich hatte vergessen, frische Kleidung mit ins Bad zu nehmen. Verdammt. Als ich, in mein Handtuch gewickelt, kurz aus dem Bad hüpfte, um frische Unterwäsche und zumindest meine Jogginghose aus meiner Tasche am Bett herauszufischen, hallte es „und, wie lange bist du schon da? Ich habe gehört, hier soll es gut sein, ich habe mich hier selbst eingewiesen. Wirkt auch alles viel freundlicher als in Haar!“ Zwei Wochen, murmelte ich verschreckt und huschte wieder zurück ins Bad. Hilfe. Haar? Haar? Das Haar? Das, mit dem wir uns als Kinder immer gegenseitig aufgezogen hatten? Wenn du dich weiter so aufführst, dann bringen wir dich nach Haar? Ins Irrenhaus? Puh. Die Männer mit den weißen Kitteln. Ja gut, ich war auch in einer Psychiatrie. Aber Haar war irgendwie…eine andere Nummer. Wenn wohl auch nur gefühlt. Ich nahm mir Zeit, so lange ich es in dem kleinen, dampfigen Bad aushielt, cremte mich ein, zog mich an, bürstete und föhnte meine Haare. Aber schließlich musste ich doch wieder nach draußen. Ich war kaum zwei Schritte im Zimmer, da dröhnte diese Stimme schon wieder. „Weißt du schon, wie lange du noch hier bist?“ Heilfroh antwortete ich, eine Woche noch, und nannte ihr die Klinik, in die ich wechseln würde. „Ach, deswegen bin ich eigentlich hier! Da will ich auch unbedingt hin und ich habe gehört, dass man von hier aus sehr schnell einen Platz kriegt!“ Achso? Schön. Ich schnappte meinen Laptop, mein Handy und meine Wasserflasche und flüchtete regelrecht aus dem Zimmer. Hilfe, dachte ich nur. Ich zog die Tür hinter mir zu und schrieb Johanna eine Whatsapp-Nachricht: „Hilfe! Dein Bett ist schon wieder belegt. Ich bin gerade geflüchtet… bist du gut angekommen?“

Hinter dem Aufenthaltsraum war noch ein kleines Eckchen, in dem sich der Fernseher und der Billardtisch befanden, außerdem zwei kleine runde Tische und ein paar Stühle aus hellem Holz. Der Fernseher lief beinahe den ganzen Tag, auch der war mir zu laut, aber gerade war er aus. Ich setzte mich also dahin, und begann zu schreiben. Nach einer Weile tippte mich jemand an der Schulter an, ich schrak zusammen. Es war Ruth. Ob sie mich aus dem Zimmer verjagt hätte, fragte sie mich sichtlich verstimmt. So hatte ich sie noch gar nicht erlebt. Sie war sonst eine Seele von Mensch. Nein, antwortete ich ihr, ich bin freiwillig gegangen. Ich habe es da drin nicht mehr ausgehalten. Hm, brummte Ruth. Ich auch. Ich vermisse Johanna jetzt schon… Dito. Damit ging sie wieder, ich schrieb weiter. Wie konnte ein eigentlich geräumiges und sogar halbwegs gemütliches Zimmer (wir hatten sogar eine Orchidee und eine riesige Sonnenblume auf dem Fensterbrett) binnen Minuten auf einen Käfig zusammen schrumpfen, aus dem alle freiwillig flüchteten?