Ich glaube an Gott.

Was mein Burn-out und ein indischer Ashram mit der Taufe meiner Tochter zu tun haben.

Sechs Kinder aus zwei Schulklassen gehen dieses Jahr in unserem Dorf zur Kommunion. Nach fast fünfzehn Jahren in München und anderswo bin ich seit kurzem wieder zurück, mit Haus und neuerdings auch Kind, ganz, wie es sich gehört. Taufen, geschweige denn die Erstkommunion allerdings, gehört sich offenbar jedoch nicht einmal mehr dort. Bei meiner eigenen Erstkommunion im Jahr 1997 waren wir, wenn ich mich richtig erinnere, 18 Kinder, aus einer Grundschulklassen mit etwa 24 Schülern. Das Verhältnis hat sich mehr als umgekehrt. Taufen, weil man es halt so macht, gilt also nicht einmal mehr in Regionen, die bis vor kurzem noch katholische Hochburgen waren. Das gängigste Argument ist eher, dass man einer Diskussion mit den Großeltern des (Nicht-)Täuflings aus dem Weg gehen wollte. Erst recht gilt das in meiner akademikerlastigen Freunde-Blase. Da gibt es zwar mittlerweile sehr viele Kinder – aber nur ganz vereinzelt Taufen. Von genau einem Kind weiß ich sicher, dass es getauft wurde. Das hat seit kurzem ein Geschwisterchen.

„Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich Simon taufen lasse. Das fängt ja schon dabei an, dass ich gar keinen passenden Paten mehr weiß. Es ist ja niemand mehr in der Kirche, nicht einmal mehr sein Vater“, erzählte mir meine Freundin neulich. Wieder die gleichen Argumente: Kirchensteuer, Missbrauchskandale, Glauben sei einfach nicht mehr zeitgemäß im Informationszeitalter, die Kirche hätte verpasst, mit der Zeit zu gehen, ich gehe ja sowieso nicht hin.

Ich kenne und verstehe die Argumente, ich kann die meisten mehr als nachvollziehen. Trotzdem habe ich meine Tochter im Dezember taufen lassen. Warum, wenn ich doch genausowenig wie alle anderen die Missbrauchskandale oder die Position der Frau im kirchlichen Dienst durch die römisch-katholische Kirche (und man könnte die Liste bestimmt noch eine Weile fortsetzen) billige?

Gegenfrage: Wer hat denn aufgehört, Fußball zu spielen, weil die FIFA gerade alles daran setzt in Deutschland die katholische Kirche als unbeliebteste Organisation abzulösen? Ja, die TV-Zuschauerzahlen mögen zurückgegangen sein. Aber selbst aufhören zu spielen? Das ginge doch zu weit.

Genauso geht es mir: Ich kann nicht einfach aufhören zu glauben. Tatsächlich habe auch ich mit Mitte zwanzig gedacht, der Glaube und Gott spielten in meinem Leben keine nennenswerte Rolle mehr. Obwohl ich in einem erzkatholischen Dorf auf dem oberbayerischen Land aufgewachsen bin, in einer Familie, in der es bis weit in die 2000er noch völlig selbstverständlich war, dass man sonntags in die Kirche geht und dass der freie Tag an Fronleichnam für die Prozession da ist und nicht für den Wanderausflug. Aber mit jedem Umzug, mit dem Studium, später dem Arbeiten, meinem völlig veränderten Lebensumfeld verschwand Stück für Stück der Glaube aus meinem Leben. Was war davon übriggeblieben? Hin und wieder ein Kirchgang mit meinen Eltern und das ein oder andere Opferlicht, das ich für eine schwer erkrankte Tante anzündete.

Plötzlich aber kam der Glaube zu mir zurück. An meinem absoluten Tiefpunkt angekommen, in der Psychiatrie – wer den Blog schon länger verfolgt oder das Buch gelesen hat, kennt die Geschichte schon – zog mich eine liebgewonnen Mitpatientin in die kleine Klinikkapelle. Ein Fürbittenbuch lag aufgeschlagen da. Unwillkürlich griff ich zum Stift: Zum allerersten Mal in meinem Leben hatte ich wirklich eine Bitte an Gott. Ich suchte Halt, etwas oder jemanden, der meinen freien Fall bremste. Niemand mehr – nicht meine Eltern, nicht meine Freunde, die Arbeit oder sonst etwas – hatte mir in diesem Zustand helfen können.

Da war kein Lichtschein, Jesus stieg nicht von seinem Kreuz herab, ich habe keine Erklärung dafür, wie und warum, aber während ich meine Gedanken in dem Fürbittenbuch niederschrieb, kehrte eine Art Urvertrauen zurück. Ich fiel nicht mehr, ich wurde plötzlich getragen.

Sinn, Glaube oder Spiritualität, lernte ich viel später, werden in der Forschung als ein elementarer Faktor für Resilienz gehandelt. Der Glaube, oder besser: der Wunsch nach etwas unbegreifbarem, spirituellem, ist aus unserer Welt nicht verschwunden. Er hat sich verändert, dem Zeitgeist, dem Informationsalter angepasst. Nicht ohne Grund sind Yogakurse, Meditationsreisen oder Astrologinnen ausgebucht. Auch der Ashram, den ich, wieder ein paar Jahre später für eine Woche in Indien besuchte, war ausgebucht. Und gar nicht so billig. In den täglichen Gesprächsrunden zur Yoga-Philosophie mit dem Yogi stellte ich nach einigen Tagen schließlich fest: ich war fast als einzige „nur“ auf der Suche nach Ruhe. Die anderen rangen um etwas ganz anderes. Um Halt, Sinn, spirituelle Führung, wie man es auch immer nennen mag. In der letzten Yoga-Philosophie-Runde sprach ich den Yogi schließlich darauf an. Er verstünde sehr gut, antwortete er, was die meisten Westeuropäer, die zu ihm kamen, suchten, und fühle sich geehrt. Er frage sich jedoch immer wieder, warum sich diese Menschen es so schwer machten und ausgerechnet bei ihm, in einer vollkommen andersartigen Kultur und Religion danach suchten. Es gäbe doch sicher für uns Westler leichter zugängliche und verständlicher Wege, diesen Fragen nachzugehen, als altindische Yogasutren zu studieren.

Ich hatte Glück: unauffällig, ganz nebenbei, mit jedem Gutenachtgebet, mit Antworten auf meine vielen Fragen aber vor allem durch ihr Vorleben haben meine Eltern mit Unterstützung der ganzen Familie, ganz unterschiedlichen Pfarrern, Religionslehrern und einer – damals noch lebendigen – Kirchengemeinde mir von klein auf beigebracht, wie das geht, zu glauben. Mich hat das mit 27 gerettet.

Und deshalb ist meine Tochter getauft. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, ihr genau das mit auf den Weg zu geben, was auch meine Eltern mir mitgegeben haben: einen unaufgeregten, differenzierten, aber fest verankerten Glauben, Vertrauen in Gott und die Gewissheit, dass sie gut ist, genauso wie sie ist. Damit – und ich wünsche es ihr ganz sicher nicht – auch sie Halt und Hilfe findet, wenn ich ihr nicht mehr helfen kann.

Ob ich das nicht auch ohne Papst und Co. hinbekäme? Vielleicht schon. Aber Fußballspielen lernen die Kinder doch auch am besten im Verein.  

Rosenkranz

Ich fühlte mich unwohl. Irgendwie eingeengt. Gestern hatten wir die Slackline aufgebaut. Diesmal vor dem Klinikeingang, zwischen der Raucherecke und der Schaukel. Da war der Boden eben. Und außerdem dachte ich, dass vielleicht noch ein paar andere Bock hätten, es auszuprobieren. Hatten sie. Aus welchem Grund auch immer, ich weiß es nach wie vor nicht, wurde mir das diesmal rasch zu viel. Ich fühlte mich ein wenig gegen meinen Willen eingespannt und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich lieber zurückgezogen hätte. Ich hatte es dann zwar schließlich, zu spät eigentlich, geschafft, mich abzuseilen, aber das maue Gefühl, dass man mich mal wieder dazu gebracht hatte, etwas zu tun, was ich eigentlich nicht tun wollte, und die Tatsache, dass mich das bisschen Slacklinen und Übungsleiterspielen so sehr überfordert hatten, behagten mir nicht. Ganz und gar nicht. Die Wassergymnastik war wie immer, das Wasser zu kalt, die Gymnastik ein wenig anstrengend, aber ich war einfach gern im Wasser. Danach war es wie immer stressig, innerhalb von einer Stunde raus aus dem Becken, über den Umweg Mittagessen um eins bereits fertig und aufnahmebereit in der Burnout-Gruppe zu sitzen. Und mittlerweile war die Teilnehmer-Anzahl in der Burnout-Gruppe ziemlich geschrumpft. Die waren zwar immer noch alle nett. Keiner tat mir da etwas zu leide. Aber es war eben auch keiner dabei, mit dem ich mit halbwegs identifizieren konnte. Ich war mit deutlichem Abstand die Jüngste. Punkt eins. Ich arbeitete in einer völlig anderen Welt wie sie. Punkt zwei. Ich war, was meine Energieressourcen betraf, physisch und psychisch in einem deutlich schlechteren Zustand als sie. Punkt drei. Und war aber, was die Analyse der Ursachen betrag, vielleicht auch aufgrund des Aufenthalts in der Psychiatrie zuvor, viel weiter als der Rest der Gruppe. Punkt vier. Ich fühlte mich unwohl. Mein Kopf rumorte. Ich brauchte eine Pause von allem hier. Dringend. Abstand. Ich wollte einen Chai-Latte. Und mich zumindest für zwei Stunden mal wieder „normal“ fühlen. Nicht in irgendeiner Klinik sein und mir den ganzen Tag anhören müssen, wie schlecht es anderen Leuten gerade ging, oder analysieren müssen, wie schlecht es mir gerade ging. Ich wollte eine Pause. Und einen Chai-Latte. Das einzige, was die hauseigene Cafeteria nicht im Angebot hatte.

Ich packte meine Tasche und fuhr in die Stadt. Ich fragte nicht einmal Johanna. Sie hatte sowieso gerade noch Therapie und mein Kopf wollte wirklich, wirklich, wirklich gerade überhaupt keinen Input von außen haben und nichts von Therapien, Burnout oder Kliniken hören. Ich schlenderte durch das Städtchen. Ließ die Kleidergeschäfte gleich links liegen, heute hatte ich kein Energie für ein Expositionstraining. Ich ging in den schönen Buchladen und stöberte dort umher. Las ein paar Bücher an. Besorgte mir endlich einen Ordner für die Zettelwirtschaft. Einen blauen, auch wenn er daheim dann farblich nicht ins Regal passen würde. Das war mir gerade egal. Kaufte eine kleine Leinwand. Ich wollte demnächst gerne mal den Freizeitbereich der Kunsttherapie nutzen, wenn man in der Kunsttherapie selbst nur dumme Gärten malen durfte. Kaufte zwei Zeitschriften, die burda easy und die flow, die kannte ich beide noch gar nicht und waren meilenweit von meinem alten Arbeits-Zeitschriftenspektrum entfernt. Und fand schließlich ein kleines Café, setzte mich dort allein an einen kleinen Tisch, bestellte einen Chai-Latte und genoss es, in der richtigen Welt zu sein. Allein. Einfach mal zumindest so tun zu können, als wäre alles so wie immer. Es war ruhig in dem Café und ich wurde langsam entspannter. Ich atmete die Normalität ein und blätterte in den beiden neuen Zeitschriften. Eine Näh-Zeitschrift. Ich könnte ja, wenn ich jemals irgendwann wieder aus diesen Kliniken raus wäre, mal wieder etwas nähen. Und die flow. Eine dieser Glücks- und Achtsamkeitszeitschriften, die unter den Klinikpatienten der Renner waren. Mit sowas esoterischem hätte ich mich früher nie beschäftigt. Für so etwas hätte ich gar keine Zeit gehabt. Auch diesmal hatte ich sie nur gekauft, weil auf dem Titel ein Gespräch mit dem „Erfinder“ der Achtsamkeit, Jon Kabat-Zinn angepriesen wurde. Das interessierte mich. Und außerdem war die flow einfach schön.

 

Schließlich war der Chai leer. Ich hatte alle Schnittmodelle mehrfach begutachtet und mich für mein erstes Projekt entschieden. Ich zahlte, seufzte, stand auf und ging, in Richtung Auto. Ich kam an der Kirche vorbei. Eine dieser riesigen Stadtpfarrkirchen. Ich besuche gerne Kirchen. Ich mag die Ruhe, die sie ausstrahlen. Sie sind ein Zufluchtsort – weit, weit weg und raus aus dem Alltag.

Ich ging also in die Kirche hinein. Auf der Suche nach Ruhe. Ich wollte beten, allein sein. Bei mir sein. Eine Ruhe, wie ich sie nur in Kirchen finde. Ich war beinahe enttäuscht, als ich feststellte, dass ich nicht alleine hier war. Dass weiter vorne eine Gruppe älterer Damen saß und Rosenkranz betete. Ich wollte beinahe schon gehen, dann entschied ich mich anders. Setzte mich in eine Bank, mit Abstand zu den Damen, aber doch in guter Hörweite und ließ mich, statt selbst zu beten, von dem angenehmen Wechselrhythmus des Rosenkranzes wiegen. Es war ein bisschen schade, dass keine Männer da waren, und der Wechsel daher nur zwischen den Damengruppen stattfand. Schließlich begann ich beinahe automatisch mitzubeten. Die Worte kenne ich in und auswendig. Vater Unser, der du bist im Himmel. Gegrüßet seist du, Maria. Ich wiegte im Rhythmus mit. Ich wurde ruhiger, und ruhiger, und ruhiger. Ich versank richtig im meditativen Wechselrhythmus. Ich betete etwa zwanzig Minuten leise mit. Bis ich mich entschloss, zu gehen. Ich war getragen von dieser Ruhe, von diesem gleichmütigen Singsang. Mein Kopf war ruhig, mein Geist, die restliche Anspannung, die selbst nach dem Chai-Latte noch da gewesen war, war dahin. Ich war so ruhig wie seit Tagen nicht mehr.

Ich versuchte, diesen Zustand festzuhalten, und es gelang mir erstaunlich gut. Ich genoss das Abendessen mit den Frauen am Tisch, das Nashornbaby im Tierpark Hellabrunn war mal wieder Thema und verrückte Reisegeschichten der alten Dame. Außerdem die Wiesn, die seit Samstag lief. Und Johanna und ich trugen uns für den nächsten Tag in die Infrarot-Kabine ein.