Im Schatten der Zugspitze

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Nach dem kurzzeitigen Aktionismus schlich sich wieder etwas Ruhe ein. Ich hatte mir mit den Arztterminen ein Auffangnetz verschafft und meine Eltern hörten damit auch endlich auf, mich täglich nach der neuesten Entwicklung zu fragen. Die meisten dieser „Anfragen“ habe ich recht unwirsch weggewischt. Aus dem einfachen Grund: Ich wusste ja selbst nicht, was passierte und wie es weitergehen würde, welcher der richtige Weg war. Ich war unfähig, Entscheidungen zu treffen – also verdrängte ich alles, so gut es ging.

Ich fuhr mit einer Freundin drei Tage nach Grainau. Ich war dankbar und glücklich, dass sie sich extra für mich freigenommen hatte. Aber wirklich freuen konnte ich mich auf die Tage dort nicht. Genaugenommen war es mir ganz egal, wo und mit wem ich war.

Bereits auf der Fahrt merkte ich, wie gut es tat, rauszukommen und „meine“ Berge endlich wieder zu sehen. Das Hotel lag wunderschön ruhig an einem kleinen See. Die Zimmer sauber und ordentlich, das Essen sehr gut und das Personal sehr freundlich.

Nur wenige Stunden nach unsere Ankunft im Hotel klingelte plötzlich mein Handy. Die Personalabteilung hatte mir eine E-Mail geschickt. Sie würden mir gute Besserung wünschen und baten mich, mich bei Ihnen zu melden. Wenn ich mehrere Monate ausfallen würde, müssten sie einen Ersatz suchen. Zack! Da fegte der Tornado wieder in meinem Kopf. Ich versuchte die E-Mail zu verdrängen. Ich war in Grainau. Quasi im Urlaub. Ich wollte mich nicht damit beschäftigen. Aber der Tornado wollte sich nicht legen.

Wenig später, als ich die Kraft dafür gesammelt hatte, rief ich also unsere Personalerin an. Ich sagte ihr, dass ich noch nichts Genaues wüsste, und mich nach dem Termin bei meiner Ärztin wieder bei ihr melden würde. Damit war sie zufrieden. Ich legte auf. Doch den ganzen Abend flogen in meinem Kopf wieder Gedanken an die Arbeit umher. Das ging mir auf die Nerven. Ich ging mir auf die Nerven. Meine Freundin ging mir auf die Nerven. Wir stritten uns. Das ging mir auch auf die Nerven. Ich ging raus und lief zwei Runden um den kleinen See, versuchte mich zu beruhigen. Es gelang mir etwas. Schließlich gingen wir ins Bett. Es war circa elf.

Um zwölf stand ich wieder auf. Ich hatte noch keine Sekunde geschlafen. Ich setzte mich in einen der Balkonsessel und starrte den dunklen, nachtschwarzen Wald gegenüber an. Ich fröstelte. Eine ganze Weile saß ich dort, bis es mir endgültig zu kalt wurde, und legte mich wieder ins Bett. Ich weiß nicht, wie lang ich noch wach gelegen war. Am nächsten Morgen war ich wie gerädert. Aber immerhin war ich – für meine aktuellen Verhältnisse – gut aufgelegt.

Nach einem ausgiebigen Frühstück zogen wir los. Wir wollten zur Höllentalklamm und dann zum Eibsee. Alles zu Fuß, versteht sich. Das Wandern tat mir gut. Grainau ist ein wunderschöner Flecken Erde und gerade die Höllentalklamm und der Eibsee, der direkt unter der Zugspitze liegt, lassen einen vor Ehrfurcht staunen. Wir wanderten beinahe fünf Stunden am Stück. Erst einen schönen, teilweise steilen und anstrengenden Steig hinauf zum Eingang der Klamm. In den Felshöhlen und Steiggittern der Klamm beobachteten wir begeistert den glasklaren, türkisblauen Bergbach, der sich irrwitzig die schmale Klamm hinunterstürzte und wanderten dann zweieinhalb Stunden auf beinahe ebenen Forstwegen bis zum Eibsee. Ich war weitgehend still, meine Freundin übernahm das Reden; eigentlich war mir das zu viel, ich hätte gerne Stille gehabt. Aber es tat mir gut. Negative Gedanken hatten so den ganzen Tag fast keine Chance, sich in mir auszubreiten, denn mein Gehirn war mit der Verfolgung der beinahe atemlosen Erzählungen und dem Wandern an sich bereits vollkommen beschäftigt. Als wir endlich am Eibsee ankamen, war ich zwar körperlich ziemlich erschöpft, mein Geist war aber zum ersten Mal seit Wochen völlig entspannt. Ich schwamm eine große Runde im Eibsee, der erstaunlich warm war, und genoss es, mich auf dem Rücken liegend durch das Wasser treiben zu lassen und dabei die Zugspitze und die umliegenden Berggipfel zu beobachten. Danach saßen bzw. lagen wir auf einem großen Fels am Ufer in der Sonne. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich die Schönheit der Natur um mich herum in vollen Zügen genießen, ohne dass mich irgendwelche störenden Gedanken aus dem Hier und Jetzt rissen. Ich spürte die Sonne, die das Wasser langsam von meiner Haut trocknete und sie wärmte. Den Wind, der mit meinen nassen Locken spielte. Ich atmete die Bergluft tief ein und sog die Ruhe, mit der der See vor mir lag, auf. Den Abend verbrachten wir im Spa-Bereich. In der finnischen Sauna mit Blick auf die Zugspitze und den Sternenhimmel ließen wir den Tag ausklingen. Ich schlief trotz der 90° dort beinahe ein. Und auch eine Stunde später in meinem Bett hatte ich zum ersten Mal seit Wochen keine Einschlafschwierigkeiten.

Am nächsten Tag besuchten wir noch das Königsschlösschen „Linderhof“ – ein wunderschöner Bau in einem noch schöneren Garten. Ich bemerkte zwar, dass mir die schlechte Luft in den alten Räumlichkeiten zu schaffen machte, hatte aber keinerlei Probleme damit, mit den zwanzig anderen Besuchern in den teils sehr kleinen Räumen „eingepfercht“ zu sein. Auch am Samstag schlief ich gut. Und am Sonntag fühlte ich mich sogar so fit, dass ich mich mit ein paar Kollegen zum Beach-Volleyball-Spielen traf. Ich hatte richtig Spaß am Spiel und konnte zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig lachen. Selbst, dass der Beach-Volleyball-Platz in unmittelbare Nähe zum Firmengelände lag, machte mir nichts aus. Es war so schön.