Fucking Eingliederung

Klar, ging es mir besser als noch vor wenigen Wochen. Und ich hatte sowohl dank der Einzel- als auch der Gruppentherapien riesige Fortschritte gemacht. Ich hatte aber auch beinahe zwei Monaten lang jeden Gedanken an meinen alten Arbeitgeber verweigert. Wochen vor meiner Krankschreibung hatte ich bereits innerlich gekündigt gehabt und diese Entscheidung noch einmal zu überdenken hatte ich in den vergangenen zwei Monaten auch nie in Betracht gezogen. Was ich stattdessen machen wollte, wusste ich nicht so recht. Verschiedene Ideen sponnen in meinem Kopf herum. Physiotherapie bzw. Ostheopathie waren plötzlich da und schienen Sinn machen. Warum aber nicht versuchen, tatsächlich den eigenen Traum zu verwirklichen und Schriftstellerin zu werden? Oder zumindest eben Texterin oder Journalistin? Oder sollte ich vielleicht doch versuchen, eine lehrende Tätigkeit für mich zu finden? Deutsch für Ausländer zum Beispiel?

Diese Gedanken flogen immer wieder hin und her in meinem Kopf, aber so richtig nachgegangen bin ich ihnen nicht. Mein oberstes Ziel war es, erst einmal gesund zu werden. Und dann würde ich mich mit dem Thema Zukunft beschäftigen, war mein Plan. Eine Auszeit bis nächsten Sommer wollte ich mir sowieso genehmigen. Vielleicht die langersehnte Weltreise, ab Januar, ein halbes Jahr. Hin und wieder ging ich gedanklich verschiedene Reiserouten durch. Alternative Ideen. Jedenfalls, ich wollte mich partout nicht mit dem Thema Arbeit beschäftigen. Und dass mich meine Therapeutin nun dazu zwang, behagte mir nicht. Ich war noch nicht so weit. Aber diese Botschaft kam offensichtlich nicht bei ihr an.

Ganz im Gegenteil: Sie tat alles, um mich davon zu überzeugen, dass eine Eingliederung der einzige, richtige Weg für mich sei und dass ich diese sobald als möglich nach meinem Verlassen der Klinik beginnen sollte. Es war, als würde ich gegen eine Wand reden. Ich schaffte es zwar, das Thema zwischen den Einzelgesprächen so gut es ging auszublenden, aber diese 50 Minuten trieben mich zur Verzweiflung. Wie konnte ich ihr klar machen, dass ich einfach nicht so weit war? Dass ich das Thema PR für mich schon vor Monaten abgeschlossen hatte? Oder hatte sie vielleicht doch recht? Und ich lief davon?

Ich schlief wieder schlecht ein. Abends konnte ich die Gedanken nämlich nicht verdrängen. Der Tornado in meinem Kopf machte mich teilweise regelrecht wahnsinnig. Ich wollte einfach nur noch, dass der Kopf endlich aufhörte. Ich marschierte im Schlafanzug zur Medizinischen Zentrale und wollte einfach irgendwas, das meinen Kopf ruhig stellt. Ich hätte sogar Tavor genommen. Es war mir egal, Hauptsache, der Kopf hörte auf. Bekam ich nicht, ich hatte keine Bedarfsmedikation verordnet. Ich bekam nur Baldrian-Pastillen oder Schlaftee, was aber gottseidank auch half. Meine Augenringe – und ich hatte in meinem Leben noch nicht solch tiefe Augenringe gehabt – gingen gar nicht mehr weg, obwohl ich nachts lange schlief. Ich hatte richtige Rückenschmerzen wegen der gefühlten Dauerverspannung, die überhaupt nicht mehr wegging, und schließlich, stellt ich Freitag früh vor dem Spiegel fest, hatte ich mir ein Stück eines Schneidezahns abgebissen. Vermutlich nachts, sonst hätte ich es wohl bemerkt. Ich hatte nie geknirscht oder gebissen – bis dato jedenfalls.

Also fuhr ich am Freitagnachmittag nach München zu meinem Zahnarzt, um eine Beißschiene anpassen zu lassen. Wunderbar. Was ich am Wochenende machte? Ich bin heimgefahren. Und dann habe ich gar nichts gemacht. Bin mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch herumgelegen.

Morgendliches Mantra

Im Stillen dankte ich meiner Mutter, die mir bei meiner Ankunft Oropax in meinen Waschbeutel geschoben hatte. Nach dem Jeanette den ersten Teil der Nacht im Dreißig-Minuten-Takt abwechselnd ins Bad und zum Stützpunkt gelaufen war, sich die neunundzwanzig Minuten dazwischen geräuschvoll in ihrem Bett – mir gegenüber -hin- und herwälzte, war sie nun endlich eingeschlafen. Und schnarchte nun wie ein Walross. Man hörte sie vermutlich auch noch drei Zimmer weiter. Ich schob die Oropax tiefer, drückte mir mein zweites, eigenes Kissen aufs Ohr, zur Wand gedreht war ich schon die ganze Nacht, und versuchte einmal mehr zu schlafen. Zwischendrin hörte ich auch Ruth rascheln – sie machte wohl auch kein Auge zu. Irgendwann schlief ich ein: sei Dank. Bis irgendjemand in aller Herrgottsfrühe ein „Guten Morgen!“ durchs Zimmer schmetterte -und ein Gespräch begann. Es dämmere gerade erst, ich war hundemüde. Gereizt zeterte ich, dass sie gefälligst leise sein sollten! Ich hörte die Tür öffnen und schließen, das war wohl Ruth, die zum Rauchen ging. Also war es wohl noch nicht einmal sechs. Jeanette war offensichtlich im Bad verschwunden, da dort der Wasserhahn aufgedreht wurde. Ich drehte mich wieder um, schnaufte verzweifelt tief ein und aus, und versuchte, wieder einzuschlafen. Nach ein paar Minuten hörte ich jemanden laut reden. In einem gleichbleibenden Rhythmus. Hin und wieder konnte ich verstehen, was gesagt wurde. Jeanette, du bist schön! Jeanette, du bist reizend! Jeanette, du bist fröhlich! Oh. Mein. Gott. Ich weiß, ich sollte wirklich Mitleid haben, da ging es jemanden nicht nur gerade scheiße, so wie mir, sondern wohl schon immer. Aber es ging nicht. Es war momentan kein Fünkchen Emotion für irgendjemanden außer mir vorhanden, und schon gar kein Mitleid für eine vollkommen Fremde, die noch dazu in meinen Schutzraum eingebrochen war wie ein Elefant. Ich musste mich wirklich sehr zusammenreißen, um weder vor Wut noch vor einem leicht verzweifelten Lachen zu explodieren. Ich stellte mich schlafend, bis endlich auch sie das Zimmer verlassen hatte, dann schlief ich sogar wieder ein. Bis mich eben die Schwester um halb acht weckte. Im Bad entdeckte ich dann den Ursprung des morgendlichen Mantras: Eine bunte Postkarte neben dem Spiegel, auf der stand: Du bist… gefolgt von ca. zwanzig positiven Adjektiven. Ich starrte sie etwa ungläubig an. Das würde ich nun wohl jeden Morgen hören. An der Badezimmertür hingen außerdem noch einige selbstgemalte Bilder, auf denen Dinge wie „Jesus liebt dich!“ standen. Daran war eigentlich nichts auszusetzen. Besser als der Wachturm der Zeugen Jehovas jedenfalls. Aber das alles zusammen! Das war zu viel. Ich seufzte, putzte mir die Zähne, wusch mein Gesicht, zog mich an, schnappte mir die Wasserflasche und ging zum Stützpunkt, um das morgendliche Messen, Wiegen und Medikamente nehmen hinter mich zu bringen. Um halb neun begann bereits die Yoga-Stunde, ich musste mich beeilen. Mittlerweile gehörte ich zu den „alten Hasen“ und gesellte mich zu der Damenrunde. Elvira war darunter, die Dame, die mich an meine Tante erinnerte, dann eine neue, die meistens heulte, sonst aber nett war und eine sehr nette Burnoutpatientin, die mit mir in der AGT-Gruppe war. Obwohl ich die vergangenen zwei Wochen hauptsächlich mit Johanna und Steffi verbracht hatte, gehörte ich irgendwie dazu. Man kannte sich eben. Wusste sich irgendwie zu schätzen.