Morgendliches Mantra

Im Stillen dankte ich meiner Mutter, die mir bei meiner Ankunft Oropax in meinen Waschbeutel geschoben hatte. Nach dem Jeanette den ersten Teil der Nacht im Dreißig-Minuten-Takt abwechselnd ins Bad und zum Stützpunkt gelaufen war, sich die neunundzwanzig Minuten dazwischen geräuschvoll in ihrem Bett – mir gegenüber -hin- und herwälzte, war sie nun endlich eingeschlafen. Und schnarchte nun wie ein Walross. Man hörte sie vermutlich auch noch drei Zimmer weiter. Ich schob die Oropax tiefer, drückte mir mein zweites, eigenes Kissen aufs Ohr, zur Wand gedreht war ich schon die ganze Nacht, und versuchte einmal mehr zu schlafen. Zwischendrin hörte ich auch Ruth rascheln – sie machte wohl auch kein Auge zu. Irgendwann schlief ich ein: sei Dank. Bis irgendjemand in aller Herrgottsfrühe ein „Guten Morgen!“ durchs Zimmer schmetterte -und ein Gespräch begann. Es dämmere gerade erst, ich war hundemüde. Gereizt zeterte ich, dass sie gefälligst leise sein sollten! Ich hörte die Tür öffnen und schließen, das war wohl Ruth, die zum Rauchen ging. Also war es wohl noch nicht einmal sechs. Jeanette war offensichtlich im Bad verschwunden, da dort der Wasserhahn aufgedreht wurde. Ich drehte mich wieder um, schnaufte verzweifelt tief ein und aus, und versuchte, wieder einzuschlafen. Nach ein paar Minuten hörte ich jemanden laut reden. In einem gleichbleibenden Rhythmus. Hin und wieder konnte ich verstehen, was gesagt wurde. Jeanette, du bist schön! Jeanette, du bist reizend! Jeanette, du bist fröhlich! Oh. Mein. Gott. Ich weiß, ich sollte wirklich Mitleid haben, da ging es jemanden nicht nur gerade scheiße, so wie mir, sondern wohl schon immer. Aber es ging nicht. Es war momentan kein Fünkchen Emotion für irgendjemanden außer mir vorhanden, und schon gar kein Mitleid für eine vollkommen Fremde, die noch dazu in meinen Schutzraum eingebrochen war wie ein Elefant. Ich musste mich wirklich sehr zusammenreißen, um weder vor Wut noch vor einem leicht verzweifelten Lachen zu explodieren. Ich stellte mich schlafend, bis endlich auch sie das Zimmer verlassen hatte, dann schlief ich sogar wieder ein. Bis mich eben die Schwester um halb acht weckte. Im Bad entdeckte ich dann den Ursprung des morgendlichen Mantras: Eine bunte Postkarte neben dem Spiegel, auf der stand: Du bist… gefolgt von ca. zwanzig positiven Adjektiven. Ich starrte sie etwa ungläubig an. Das würde ich nun wohl jeden Morgen hören. An der Badezimmertür hingen außerdem noch einige selbstgemalte Bilder, auf denen Dinge wie „Jesus liebt dich!“ standen. Daran war eigentlich nichts auszusetzen. Besser als der Wachturm der Zeugen Jehovas jedenfalls. Aber das alles zusammen! Das war zu viel. Ich seufzte, putzte mir die Zähne, wusch mein Gesicht, zog mich an, schnappte mir die Wasserflasche und ging zum Stützpunkt, um das morgendliche Messen, Wiegen und Medikamente nehmen hinter mich zu bringen. Um halb neun begann bereits die Yoga-Stunde, ich musste mich beeilen. Mittlerweile gehörte ich zu den „alten Hasen“ und gesellte mich zu der Damenrunde. Elvira war darunter, die Dame, die mich an meine Tante erinnerte, dann eine neue, die meistens heulte, sonst aber nett war und eine sehr nette Burnoutpatientin, die mit mir in der AGT-Gruppe war. Obwohl ich die vergangenen zwei Wochen hauptsächlich mit Johanna und Steffi verbracht hatte, gehörte ich irgendwie dazu. Man kannte sich eben. Wusste sich irgendwie zu schätzen.

 

Schäfchen zählen

Es war immer noch heiß. Das war vermutlich der heißeste Juli seit Menschengedenken. Seit zwei Wochen hatte es fast durchgängig über 35° Celsius.

Meine Wohnung in München und mein Zimmer im Haus meiner Eltern liegen direkt unter dem Dach und sind nur teilweise mit Jalousien ausgestattet. Herzlichen Glückwunsch! Ich schlief also so oft es ging auf einer Matratze im Keller meiner Eltern. Und wenn ich unbedingt in München sein musste oder wollte, weil ich es bei meinen Eltern nicht mehr aushielt, legte ich vor dem Schlafgehen nasse Handtücher auf das Bett, damit sich die Matratze etwas vollsaugte. Wenn ich dann schlafen ging, deckte ich mich mit einem anderen nassen Handtuch zu und steckte die Füße in nasse Waschlappen. Aber ich lag trotzdem stundenlang wach. Und ich träumte unglaublich schlecht. Ständig starb jemand. Oder ich starb. Oder beides. Oder ich war schuld am Tod anderer. Verdammte Hitze!

Ein paar Tage später kühlte es endlich etwas ab. Aber trotzdem schlief ich nicht besser. Und: Ich konnte auch tagsüber nicht mehr schlafen. Ich war unglaublich müde, und ich wollte nichts mehr als einfach nur schlafen. Aber es ging nicht. Das Karussell in meinem Kopf fuhr zwar langsamer als noch vor einigen Wochen, aber es fuhr immer noch. Und zwar ohne Pause.