Schokolade ist aus!

Freitag. Angstgruppe. Meine Stimmung war wieder halbwegs in Ordnung. Bis zur Angstgruppe. Ich hatte eh schon nur noch ein Minimum an Energie und dann musste ich auch noch aktiv mitmachen, weil niemand ein Thema hatte. Auf dem Boden lag eine Schnur, unsere Zeitliste. Und ich musste angeben, wo ich mich bei meinem Klinik Aufenthalt gesehen hatte, dann weiter gehen, wo ich jetzt  stand. Das war schon ein bisschen weiter. Und dann dorthin gehen, wo ich wieder hin wollte. Was mein Ziel war. Von dem Punkt, an dem ich war, als ich in der Klinik ankam, zu jenem an dem ich mich aktuell sah, reichte ein kleiner Hüpfer. Zu dem Punkt, an den ich gelangen wollte, musste ich die restliche Zeitleiste entlang gehen. Die war lang. Verdammt lang.

Was war mein Ziel? Ich wollte wieder Ich sein. „Wie bist du denn?“, fragten sie mich. Ich versuchte es mit ein paar Adjektiven. „Naja, eben. Fröhlich, voller Energie. Immer gut gelaunt.“ Die Therapeutin machte mir unmissverständlich klar, dass mein Ziel offensichtlich noch nicht definiert war. Dass ich offensichtlich gar nicht wirklich wusste, wo ich hin wollte. Das alte Ich hatte mich ja schließlich hierher gebracht. Ich musste etwas ändern in meinem Leben. Wollte ich wirklich wieder genauso werden, wie ich war?

Ich kämpfte mit den Tränen. Das war genau das, wovor ich am meisten Angst hatte. Ich hatte mein Leben geliebt. Ich wollte es nicht hergeben. Oder hatte ich das schon? Ich war ja oft gar nicht mehr selbst da. Zumindest fühlte ich mich so. „Aber du strahlst doch auch jetzt noch so viel Energie und Fröhlichkeit aus“, meinte jemand aus der Runde. „So, wie du da eben gehüpft bist. Da ist schon noch was da, Sophie. Das ist nicht alles weg.“

Eigentlich war das ja beruhigend. Aber die Aussage machte es nur noch schlimmer. Ich hüpfte ja nicht, weil ich fröhlich war. Sondern weil ich gar nicht anders konnte. Ich konnte das doch nicht anders. Ich habe es nie anders gemacht. Ich weinte. Schon wieder.

Und wie so oft begann ich zu frieren. Meine Hände waren warm, meine Haut, die Sonne schien ja auch draußen. Aber ich fror von innen heraus. Die Stunde war vorbei. Ich musste einen lieben Menschen hören. Johanna hatte Therapie. Ich holte mein Handy und etwas Geld und ging in die Cafeteria. Ich brauchte Schokolade. Am besten eine ganze Tafel. Die würde mich etwas aufwärmen.

Ich hatte Glück. Ich bekam die allerletzte Tafel. Nicht unbedingt meine Lieblingssorte, „Ganze Nuss“, aber immerhin Schokolade. Schokolade war jetzt ausverkauft in der Psycho-Klinik, die neue Lieferung würde erst in drei Tagen kommen. Ich setzte mich auf der Terrasse in die Sonne und rief bei Helene an. Das Telefonieren tat gut, sie heiterte mich auf und lenkte mich ab. Nebenbei aß ich die ganze Tafel. Mir wurde langsam wieder wärmer.

Samstag fuhr ich wie immer nach Hause. Und machte das ganze Wochenende original gar nichts. Lag im Haus herum und beobachtete die Katze. Ging spazieren und Sonntag in die Kirche. Das war alles. Sonntagabend kam ich wieder in die Klinik.

Milkaherzen von den Zeugen Jehovas

Johanna, Steffi und ich hatten gerade die Slackline abgebaut und uns in Richtung der jeweiligen Zimmer verabschiedet – es war bereits halb acht, der Tag in der Psychiatrie so gut wie vorbei. Steffi würde noch mit ihrem Mann telefonieren, Johanna und ich debattierten gerade über das abendliche Fernsehprogramm, als es an der Tür klopfte. Draußen stand Frederik, der seit zwei Tagen eigentlich wieder zu Hause war. Er wohnte nicht weit entfernt und war extra noch einmal gekommen, meinte er, um sich bei uns drei Mädels zu bedanken, da wir ihn so freundlich aufgenommen hatten.

Frederik war noch jung, vermutlich um die zwanzig, Borderliner, und hatte sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen. Er machte einen total normalen und netten Eindruck mit der blonde Surfer-Mähne und seinen ausgelatschte Adidas-Sneakers, saß beim Essen immer mit an unserem Tisch und war mit uns gemeinsam immer beim Walken gewesen. Aber von „besonders gekümmert“ konnte eigentlich nicht die Rede sein. Wie auch immer war er nun da und hatte für jede von uns Milkaherzen als Dankeschön dabei. Schokolade konnten wir sehr gut brauchen. Er war sichtlich nervös – Ich habe das noch nicht so oft gemacht, sagte er – bedankte sich artig bei uns und drückte uns nach einem kurzen Smalltalk eben die Pralinen sowie noch ein paar Zeitschriften in die Hand. Ich war immer noch etwas verwirrt über den plötzlichen Besuch. Er fragte noch, ob wir wüssten, wo Steffi wäre, er hätte für sie auch noch etwas dabei. Johanna ging mit ihm den Gang entlang, wo Steffi auf einer der Bänke saß und wie beinahe jeden Abend mit ihrem Mann telefonierte. Nach kaum zehn Minuten hatte sich Frederik wieder verabschiedet. Da schaute ich zum ersten Mal auf die Zeitschriften in meiner Hand. Ein „Wachturm“ und ein „Erwachet“. Die einschlägige Lektüre der Zeugen Jehovas. Ich war überrascht. Wir hatten nie über Religion gesprochen, aber Frederik hatte definitiv nicht wie einer der klassischen Vertreter der Zeugen gewirkt, die an der Haustüre oder an der Straße versuchten, zu missionieren. Der arme Kerl, dachte ich. So jung. Und hatte es sowieso schon nicht leicht. Und war er wohl auf der Suche nach Halt auch noch – meine Sicht – an die Falschen geraten.