Allein

Am nächsten Morgen wachte ich erst mittags auf. Ich hatte 14 Stunden durchgeschlafen, aber fühlte mich trotzdem eher erschlagen als wach. Ich war weder besonders gut, noch besonders schlecht gestimmt. Nachdem ich ein „Frühstück“, ein Müsli mit Obst und Joghurt, gegessen hatte, fuhr ich mit dem Fahrrad zu dem kleinen Tengelmann in meiner Straße zum Einkaufen. In dem kleinen Geschäft mit den verwinkelten Regalen, dem typischen Supermarkt-Labyrinth, und den niedrigen Decken befiel mich sehr bald ein beklemmendes Gefühl und die mittlerweile bekannte Enge in der Brust. Es war mir zu laut, zu eng, zu dunkel. Genervt schnappte ich mir also nur das Notwendigste, um so schnell wie möglich wieder nach draußen zu kommen. Da ging es schon wieder besser. Sehr langsam fuhr ich mit dem Fahrrad zurück. Ich war niedergeschlagen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, zur Geburtstagsfeier eines lieben Kollegen zu gehen, in einen Biergarten. Da müsste ich allerdings mit der S-Bahn hinfahren. Und wenn ich noch nicht einmal ohne Probleme einkaufen gehen konnte, konnte ich es vergessen, an einem Samstagabend an der Stammstrecke, also unterirdisch, S-Bahn zu fahren.

Ich schrieb zwei sehr guten Freundinnen, was sie denn heute machen würden. Keine antwortete. Das war eigentlich nicht weiter verwunderlich, die beiden waren am Wochenende oft am Berg unterwegs und meldeten sich dann immer erst abends. Zwei andere gute Freundinnen waren im Urlaub. Eine fünfte feierte ihren Geburtstag. Und alle meine lieben Kollegen waren auf der Geburtstagsfeier, auf die ich nicht gehen konnte.

Das Karussell begann, sich zu drehen.

Auch meine Mutter war beschäftigt. Meine Schwester in Sri Lanka auf Rucksack-Urlaub. Meine beste Freundin in Kalifornien. Zwei andere sehr enge Freundinnen in Baden-Württemberg.

Ich hatte niemanden. Ich war allein.

Zusehends gewann dieses Karussell die Beherrschung über mich. Ich war nicht mehr fähig, einen anderen Gedanken zu fassen. Ich lag im Bett, mir liefen die Tränen herunter. Ich nahm mein Handy in die Hand. Immer noch keine Antworten. Stattdessen Facebook-Posts vom „Ach-so-tollen-Griechenland-Urlaub“ und der „Ach-so-tollen-Geburtstagsparty“. Das machte es nicht besser.

Natürlich hätte ich auch einfach meine Eltern anrufen können oder eine der beiden Freundinnen in Baden-Württemberg. Aber das schaffte ich nicht mehr. Keine Kraft. Kein Antrieb. Und was sollte ich denn sagen. Ich konnte ja nicht nur am Telefon sitzen und heulen. Aber das war das Einzige, zu dem ich gerade in der Lage war.

Ich bin allein. Niemand interessiert sich für mich. Das Karussell drehte sich in Tornado-Geschwindigkeit und bestand nur noch aus diesen Gedanken. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf stünde kurz davor, zu zerspringen. Ich hielt es nicht mehr aus, ich zu sein.

Es fühlte sich an, als würde ich vollends durchdrehen.

Aber irgendwann, nach ein paar Stunden, wurde ich wieder ruhiger. Eine Freundin schrieb mir zurück, sie wäre den ganzen Tag wandern gewesen, wie es mir gehe, und wir könnten uns gerne Montag- oder Dienstagabend treffen. Ein Licht am Ende des Tunnels. Vielleicht war ich doch nicht so allein. Ich gewann langsam wieder die Überhand über meinen Kopf. Ich stand wieder aus dem Bett auf, machte mir etwas zu essen. Meine Bewegungen waren so unkontrolliert und fahrig, dass ich mir beim Gemüseschneiden in den Finger schnitt. Nach dem Essen ging ich raus, an die frische Luft, etwas Bewegung. Aber ich hatte solche Schmerzen (eine Muskelverspannung, die mir immer wieder starke Hüftschmerzen verursachte), dass ich nicht weit gehen konnte. Also ging ich nur direkt zur Isar. Vom Mountainbike-Trail am Ufer wollte ich ein kleines Stück die Böschung hinunter gehen, um direkt am Wasser zu sitzen. Ich war unbedacht aufgetreten, mit dem Kopf schon wieder in einer anderen Welt, rutschte ab und knickte um, fiel zu Boden. Die Außenbänder am linken Sprunggelenk stachen. Ich blutete. Endlich ein richtiger Grund, zu weinen. Ich saß auf einem Stein an der Isar und heulte. Irgendwann hörten die Tränen auf und ich starrte gedankenlos um mich herum. Eine Ente, die plötzlich hinter mir quakte, erschreckt mich zu Tode. Ich blafft sie lautstark an. Unbeeindruckt drehte sie sich um und schwamm von dannen. Es begann zu dämmern. Ich ging heim, nahm die Mirtazapin und begann, Big Bang Theory zu schauen. Angenehme langsame Schnitte. Und die Serie spielt in Kalifornien. An der Uni, an der meine beste Freundin gerade war.

Buchtipp: Ein Mann namens Ove

Und schon wieder haben wir es mit Selbstmord zu tun. Ove hat vor einem halben Jahr seine Frau verloren, und nun wird ihm auch noch gekündigt. Kein Grund also, seine Frau noch länger warten zu lassen. Doch er hat kein Glück. Jeden Tag versucht er aufs Neue, endlich wieder bei seiner geliebten Sonja zu sein, aber keine Chance: Er hat keine Zeit zu sterben. Eine zerfledderte Katze (nein, es ist nicht seine!) und die neue Nachbarsfamilie mit zwei naseweisen Gören, einer ausländischen und noch dazu schwangeren Mutter und einem IT-Berater-Nichtsnutz zum Vater lassen ihm einfach keine Zeit dazu.

Ove wächst dem Leser ans Herz. Der Schwede Frederik Backmann erzählt in seinem Debüt eine sehr tragische, oft zu Tränen rührende Geschichte auf eine sympathische, herzerwärmende und unglaublich witzige Art. Eine Empfehlung für jeden, ob jung, ob alt, ob Mann, ob Frau, ob Gerne-Leser oder Muss-das-sein-Leser. Der Titel hat die Bestsellerlisten nicht von ungefähr erobert!

Das kleine Trauma

Die neue Krankschreibung in der Hand und die Aussicht, sich erst einmal vier Monate nicht weiter mit der Arbeit auseinandersetzen zu müssen, gaben mir große Ruhe. Es ging mir seit Dienstag ziemlich gut. Am Freitagmorgen hatte ich den zweiten Termin bei der Therapeutin im BOZM. Ich hatte mir die Mirtazapin, die mir meine Allgemeinärztin verschrieben hatte, in der Apotheke geholt. Genommen hatte ich aber noch keine.

Ich war also – wie immer – mit dem Fahrrad unterwegs, an der Isar entlang, quer durch den Englischen Garten und dann noch ein Stückchen durch die Maxvorstadt bis an die Nymphenburgerstraße. Wie schon beim ersten Termin bei ihr, hatte ich das Gefühl, dass es mir eigentlich gerade viel zu gut ging, um jemandem mein Herz ausschütten zu müssen.

Ich musste der Therapeutin dann, wider Erwarten, gar nicht viel erzählen. Nach etwas mehr als einem ersten Blick und meinen ersten Worten meinte sie, ich hätte schon viel früher zu ihr kommen sollen. Sie selbst könne mir nicht allein aus meinem Tief wieder heraushelfen, insbesondere, da meine Krankenkasse die Behandlung bei ihr nicht bezahlen würde. Sie riet mir also, mich bei einer Klinik um einen Platz zu bewerben. Sie nannte mir ein paar, die sie für gut befand, fügte aber auch gleich an, dass die Wartezeiten teils bei mehr als vier Monaten lagen.

Anschließend nahm sie sich einer Schlüsselsituation an, aus der ich, so ihre Meinung, ein kleines Trauma entwickelt hatte. Sie forderte mich auf, ihr zu erzählen, wie ich diesen Moment erlebte hatte – vor allen Dingen, was ich gefühlt hatte. Die Emotionen waren sofort wieder da, obwohl das Ganze bereits vor mehr als einem halben Jahr passiert war. Eine sehr, sehr tiefe Enttäuschung, ein vollständiger Vertrauensverlust, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen; alles, an was ich fest glaubte, wurde einfach umgekehrt und auf den Kopf gestellt.

Ich weinte schließlich so sehr, dass ich kaum noch sprechen konnte. Die Therapeutin bat mich, es mir nochmal zu erzählen. Es ging nicht. Ich konnte mich selbst nicht mehr in diesen Moment hineinzwängen. Alles in mir spreizte sich dagegen. Also schlug sie mir vor, die Situation erst noch einmal im Kopf durchzugehen. Ich tat das, heulte wieder, diesmal stumm. Schließlich schaffte ich es, diesen Moment noch etwa dreimal zu rekapitulieren. Es fiel mir nach wie vor sehr schwer, aber es gelang mir. Und immer mehr nahm ich die Position des Betrachters statt der des Opfers an. Ich schaffte es, dem ganzen einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Es war nun nicht mehr nur unheimlich enttäuschend, sondern vor allem absurd.

Nach eineinhalb Stunden verließ ich das BOZM wieder. Draußen setzte ich mir zuerst meine verspiegelte Sonnenbrille auf – ich hatte mit Sicherheit noch völlig verheulte Augen. Mir war, obwohl die Sonne schien und es bestimmt schon 25° C warm war, eiskalt. Eine ganz eigenartige Kälte, die aus meinem tiefsten Inneren zu kommen schien. Diese 90 Minuten hatten mich verdammt viel Kraft gekostet. Also beschloss ich, ins Café Vorhoelzer zu fahren. Das Studenten-Café auf dem Dach der TU hat eine wunderschöne Sonnenterasse, die einen der besten Ausblicke Münchens bietet. Nah am Königsplatz gelegen überblickt man die Innenstadt mit den Zwillingstürmen der Frauenkirche und dahinter in der Regel die Bergkette der bayrischen Alpen, inklusive Zugspitze. Ich holte mir einen Chai-Latte und einen Schoko-Brownie – es konnte gerade nicht genug Zucker sein – und setzte mich in einen der Liegestühle. Ich war die einzige auf der ganzen Terrasse, die einen warmen Pullover anhatte. Erst, nachdem der Brownie gegessen, der Latte getrunken und die Mathe-Nachhilfestunde neben mir beendet war, war es auch mir endlich warm genug, um den Pulli auszuziehen.

Schließlich hatte ich wieder genügend Energie gesammelt und verließ das Café. Ich beschloss, mir endlich einen neuen Fotoapparat zu kaufen. Meine bisherige, die ich mir extra vor meiner Reise nach Panama und Kolumbien geleistet hatte, war mir nicht wie befürchtet etwa in Bogotà, sondern ein halbes Jahr später in Spanien geklaut worden. Ich fuhr als zum Fotofachgeschäft am Sendlinger Tor und war schon eine halbe Stunde später Besitzerin einer neuen System-Kamera. Nicht das beste Modell, aber für mich würde es reichen. Um die Gunst der Stunde und meine Energie zu nutzen, beschloss ich, noch kurz bei Konen, einem großen Bekleidungsgeschäft, vorbeizuschauen. Bei der Suche nach einem Kleid für die Hochzeit meiner Cousine war ich schließlich immer noch nicht weiter gekommen.

Ich stellte mein Fahrrad an einem Verkehrsschild vor einem der Eingänge an. Drinnen ging ich, nach einem kurzen Orientierungsblick, zügig hinauf in das Stockwerk mit der Abendgarderobe und schlenderte durch die Reihen. Als ich dann begann, die Kleider, die ich auf den ersten Blick für schön befand, einem zweiten, prüfenden Blick zu unterziehen, fing mein Herz plötzlich an zu stechen. Ich versuchte, es zu ignorieren. Aber es wurde mit jedem Schritt und jedem Kleid, das ich anfasste, stärker. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich konnte mich gerade noch zu einem ruhigen Schritt zwingen und verließ schnurstracks das Geschäft. Draußen war das Stechen sofort wieder weg. Ich atmete tief durch und fuhr dann, nun nicht mehr in beinahe Hochstimmung, sondern stark niedergeschlagen durch den Englischen Garten wieder zurück in meine Wohnung.

Ich stelle die Plastiktüte mit der Kamera in ein freies Regalfach, machte mir eine sehr kleine Kleinigkeit zu essen und legte mich hin. Fand aber keine Ruhe, ich musste unbedingt meine Wohnung putzen. Das war in den letzten Wochen zu kurz gekommen. Also begann ich der Reihe nach aufzuräumen, Staub zu wischen, das Bad zu putzen, klopfte mein Schaffell aus, holte den Staubsauger…ich war noch nicht annähernd fertig, aber bereits völlig am Ende. Am liebsten hätte ich meine Mutter angerufen, damit sie vorbeikommt, um bei mir zu putzen. Getan habe ich es natürlich nicht. Stattdessen habe ich weiter geputzt, bis die Wohnung wieder sauber und ich zufrieden war. Aber auch völlig erschöpft. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so erledigt gewesen zu sein. Ich war nicht nur körperlich, sondern auch mental am Ende. Und das nach dem Putzen meiner 35qm-Wohnung.

Ich hätte einfach gerne ein bisschen geschlafen, aber das ging ja seit Tagen schon nicht mehr. Also ging ich eine kleine Runde an der Isar spazieren, aß eine Kleinigkeit, googelte die Kliniken, die mir die Therapeutin vorgeschlagen hatte und fand auf 3sat eine schweizerische Dokumentation über Murmeltiere. Die Mirtazapin-Tablette, die ich an diesem Tag auf Anraten der Therapeutin das erste Mal nahm, wirkte innerhalb einer Stunde, und ich schlief ein.

Buchtipp: Das Lügenhaus

Und um euch nicht auf die Folter zu spannen: Das Buch, das mit dem Selbstmord beginnt, ist „Das Lügenhaus“ der norwegischen Bestsellerautorin Anne B. Ragde. Ein eigentlich völlig trostloses Setting, die Protagonisten ein Bestatter, ein Schweine-Bauer, ein homosexueller Dekorateur und die uneheliche, erwachsene Tochter des Bauern. Trotzdem habe ich das Buch kaum aus der Hand legen können. Die Autorin erweckt diese norwegische Tristesse zum Leben und die schrulligen Hauptpersonen wachsen einem richtig ans Herz. Ich habe eben, als ich nochmal überprüfte, ob ich Ragde richtig geschrieben habe, festgestellt, dass „Das Lügenhaus“ der erste Band der Neshov-Trilogie ist. Teil zwei und drei stehen hiermit auf meiner Einkaufsliste.

PS: Warum zum Amazonas reisen, wenn es auch in deiner Stadt Bücher gibt?

Buch- und Filmtipps (nicht nur) für Depressive

Status

Ich liebe Lesen. Ich liebe es, mich dabei in anderen Welten treiben zu lassen, andere Kulturen und Länder zu erkunden. Oder mich auch einfach nur abzulenken. Als ich Ende Juni plötzlich nicht mehr in der Lage war, zu lesen, realisierte ich einmal mehr, wie schlimm es um mich stand. Lesen war immer mein Rettungsanker gewesen. Liebeskummer, Trauer – ich hatte alles weggelesen.

Glücklicherweise hatte ich diese Fähigkeit schnell wieder zurück. Nur war die Auswahl der Bücher in den letzten Wochen nicht immer einfach. Ich mag keine Thriller und nur ausgewählte Krimis. Geschichten, in den es um glückliche Menschen, Beziehungen, etc. geht, gehen gerade einfach nicht. Nachdem ich nacheinander drei solcher luftig-leichter Liebesromane, von Cecilia Ahern über Jojo Moyes angelesen und spätestens nach dem zweiten Kapitel weggelegte habe, fiel mir ein anderes Buch, das mir eine Freundin geliehen hatte, in die Hand. Das Buch begann mit dem Selbstmord eines Jungen in einem norwegischen Kaff, aus der Sicht des Bestatters erzählt. Hervorragend! Das passte viel besser zu meiner Stimmung (und war auch weniger unrealistisch).

Hier werde ich euch in der nächsten Zeit also auch ein paar Buch- und Filmtipps mit euch teilen. Und keine Angst – sie werden garantiert nicht alle mit einem Selbstmord beginnen.

Filmtipp: Soul Surfer

Der Film basiert auf der Biographie der Profisurferin Bethany Hamilton. Sie ist bereits ein vielversprechendes Nachwuchstalent und hat den ersten Sponsorenvertrag in den Händen, als sie bei einer Haiattacke einen Arm verliert. Der Film begleitet sie auf ihrem beeindruckenden Comeback. Neben der Geschichte, die gleichzeitig herzzerreißend und inspirierend ist, begeistern vor allem auch die tollen Surf-Aufnahmen.