„Hervorragend geschrieben und kurzweilig“

Hervorgehoben

Ich freue mich riesig, dass es „Grüße aus der Psychiatrie“ als erstes BoD-Buch überhaupt am 2. November in die Kurzkritiken des Münchner Merkurs geschafft hat – und dann auch noch solch ein Ritterschlag. Aber lest selbst: Die Rezension vom Münchner Merkur: 5/5 Sternen

Mach‘ ich eine verdiente Pause oder bin ich einfach faul?

Kennt ihr das? Ich liege in der Sonne, oder einfach im Bett, schaue irgendeine Serie, vielleicht habe ich davor sogar schon etwas erledigt. Die To-Do-Liste ist aber selten ganz aufgearbeitet und dann fängt es in mir schon an:

Du bist faul! Tu was!, motzt der innere Kritiker.

Aber Pausen und auch Faulsein sind super wichtig, fördern sogar die Kreativität, das weißt du doch spätestens seit dem Burn-out, kontert irgendeine andere Stimme.

Ja, was tue ich denn da gerade? Faulenzen? Oder Pause machen?

Normalerweise habe ich einen Dienstplan. Da ist fein geregelt, wann ich Pause habe und wann nicht, da kann ich das easy unterscheiden. In den Monaten, in denen ich krankgeschrieben war, ist ja jetzt auch schon eine Weile her, hatte ich mir ein ganz gutes Gerüst entwickelt, und – da war ich krankgeschrieben. Da sollte ich per definitionem faulenzen (also gesund werden). Momentan bin ich im Beschäftigungsverbot, das heißt: zwar in anderen Umständen, aber (glücklicherweise!) definitiv nicht krank. Und im Haus und am Buch und am Bürokratie-Schreibtisch gäbe es genug zu tun, die To-Do-Listen werden nicht kürzer. Und je länger dieses Beschäftigungsverbot dauern, desto mehr kämpfe ich innerlich mit meiner Produktivität bzw. Faulheit.

Ich weiß, dass dieses „immer Arbeiten, immer produktiv sein“ ein ganz stark in mir verhafteter Glaubenssatz ist, sehr deutsch, zu viele Bauernhof-Gene vermutlich. Seit mir das in der Therapie so bewusst wurde, hatte ich das ganz gut im Griff – aber ich habe seither immer entweder mit einen Lehrplan mit Prüfungen oder eben geregelte Arbeitszeiten gelebt, die mir sehr gut halfen, diesen Glaubenssatz einzugrenzen. Wenn für die Prüfung gelernt war oder Feierabend, war eben Feierabend, wohlverdient.

Nun, so den ganzen Tag zu Hause ohne einen festen Plan von außen, kämpfen die beiden Stimmen in meinem Kopf. Einen Masterplan, die beiden zur Ruhe zu bringen, habe ich noch nicht entwickelt. Zeitpläne, To-Do-Listen helfen zwar, aber so ganz zur Ruhe kommt der Kritiker nicht. Wenn mir nicht gerade ohnehin vor lauter Müdigkeit auch tagsüber die Augen zufallen (wie macht man das nur, wenn man sich parallel noch um ein Kind und nen Job kümmern muss?!), muss ich mir selbst die Pausen richtig zugestehen. Eiei. Diese Glaubenssätze sind ganz schön hartnäckig, das Arbeiten daran hört einfach nicht auf. Tipps, anyone? Gern in den Kommentaren 🙂

Aufklärung in den Lehrplan!

Kurzmitteilung

Einige Abiturienten aus dem Süden Münchens haben nicht nur einen vielbeachteten Film über Depression gedreht („Grau ist keine Farbe“), sondern auch eine Petition gestartet: Die Aufklärung über psychische Krankheiten wie eben die Depression soll fester Bestandteil des Lehrplans werden! Diese Woche sprachen sie deshalb vor einem Ausschuss des Bayerischen Landtags. Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich das mehr als gut finde.

Wer die Petition unterstützen will klickt, einmal bitte hier:

Link zur Petition

Und wer mehr darüber lesen will, klickt bitte hier:

Link zur Website des Filmprojekts „Grau ist keine Farbe“

Link zum Artikel des Bayrischen Rundfunks zur Ausschusssitzung des Landtags

Buchtipp: Sophia, der Tod und ich

Lang, lang ist es her, dass ich hier den letzten Buchtipp veröffentlicht habe. Weil ich leider nicht mehr so viel zum Lesen komme, seit mich die Ausbildung beschäftigt, weil die Bücher, die ich gelesen habe, nicht wirklich empfehlenswert waren und weil ich sage und schreibe das komplette vergangene halbe Jahr mit der spanischen Originalversion von „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ verbracht habe…

Jedenfalls habe ich vergangenes Wochenende im unaufgeräumtesten Bücherregal aller Zeiten bei einem Kumpel eben Thees Uhlmanns „Sophia, der Tod und ich“ entdeckt. Obwohl nicht absehbar war, dass ich im nächsten halben Jahr – danke, Staatsexamen – wirklich Zeit haben würde zu Lesen, lieh ich es aus. Prompt wurde ich in der darauffolgenden Woche krank und war heilfroh, dass da nun immerhin noch ein Buch in meinem Regal stand, das weder Fachliteratur noch bereits gelesen war.

Uhlmann liest sich leicht und locker. Er nimmt einen direkt mit in die Welt seines Ich-Erzählers. Und der sinniert über Kaffeeduft, alte Polen, Fußballspiele und eine alte Liebe, an was man eben so denkt – bis plötzlich der Tod vor ihm steht.

Doch das Sterben geht schief. Gründlich sogar – und so bleibt nicht nur der Protagonist vorerst am Leben, sondern er behält den Tod an seiner Seite. Mitten im Leben. Schönschönschön? Ja nu, erklärt ihr mal eurer Ex-Freundin, eurer Mutter und dem eigenen Sohn, den ihr seit sehr, sehr langer Zeit nicht gesehen habt, dass das neben euch der Tod ist. Immerhin: Der Tod ist sehr freundlich und kommt gut an.

Uhlmanns Geschichte ist von vorn bis hinten verrückt, manchmal tiefenphilosophisch oder traurig, aber gleich im nächsten Moment wieder urkomisch und einfach schön. Sophia, der Tod und ich – 318 Seiten Lebensfreude.

Buchtipp: So was von da

von Tino Hanekamp.

„So was von da“ komprimiert den ganzen Wahnsinn des Lebens auf 24 Stunden.

Es ist Silvester, die letzte Nacht des Clubs, es soll eine rauschende Party werden. Und es wird eine rauschende Party. Man folgt Oskar Wrobel, der allen Umständen trotzend seine To-Do-Listen abarbeitet, hinein in ein überschäumendes, atemloses Leben: beängstigend, begeisternd, überfordernd, unmittelbar. In vierundzwanzig Stunden nimmt Wrobel die Welt auseinander, während seine Welt auseinander genommen wird. Er analysiert große Themen wie Familie und Freundschaft, beschreibt, wie jeder für sich allein und trotzdem doch gemeinsam kämpft. Er beschreibt ein Leben ohne doppelten Boden, ohne Versicherungen und Sicherheit – mit dem Effekt, dass ich mir beim Lesen nichts sehnlicheres Wünsche, als ganz genau so unmittelbar im Leben zu stehen, so was von da eben, – und gleichzeitig mehr als heilfroh bin, einen dicken, doppelten Boden zu haben.

Diese unmittelbare, fordernde Erzählung führt Hanekamp auch sprachlich weiter. Er bringt Marc Aurel, Baudelaire, Songtexte und To-Do-Listen zusammen und spielt die visuellen Möglichkeiten der Schrift aus. Absoluter Lesetipp!

Filmtipp: To Write Love On Her Arms

Eigentlich wollte ich einen ganz anderen Film ansehen, aber den gab’s weder auf Sky Go noch auf Amazon Prime. Da habe ich zufällig „To Write Love On Her Arms“ entdeckt.

Der Film erzählt die wahre Geschichte von Renee Yohe. Einmal aus der Bahn geworfen stürzt die Teenagerin ab – sie ritzt, sie kokst, kurz, am Ende ist sie mit ihren 19 Jahren eine alte Crackhure. An einem „verschneiten“ Abend, an dem sie, völlig dicht, vergewaltigt wird, setzt sie einen Hilferuf ab. Ihre alten besten Freunde sind für sie da und sie entschließt sich, dem ganzen ein Ende zu setzen. Sie beginnt eine Entziehungskur. Der Film erzählt die 5 Tage der Ausnüchterung, blendet kurz in die Therapie ein, und erzählt dann vom schwierigen Neuanfang sowie der Entstehung der Organisation „To Write Love On Her Arms“.

Manchmal ist der Film für meinen Geschmack ein bisschen arg Hollywood, dennoch bleibt er realistisch und ehrlich. Er erzählt die Geschichte eines Entzugs – aber vor allem eine Geschichte der Hoffnung: Es ist alles möglich, und nichts ist vorbei.

#AndSoIKeptLiving

 

 

 

 

 

Filmtipp: Garden State

Auf dem Rückflug aus Rio, Simon & Garfunkel im Ohr, meinte mein Nachbar, dass ich mir unbedingt „Garden State“ anschauen müsse. Nun, das habe ich drei Tage später getan. Und ihr solltet das auch tun 🙂

Es ist das Regiedebut von Scrubs-Star Zach Braff, der gleichzeitig die Hauptrolle spielt. Ein unerwartetes, aber nettes Wiedersehen. Genauso wie übrigens auch mit Sheldon Cooper aus Big Bang Theory, der eine kleine, aber legendäre Rolle übernimmt.

Die Story ist liebenswert verquer, eine Liebesgeschichte, die ob der Charaktere der beiden Hauptfiguren und dem Drumherum beinah ins Hintertreffen gerät. So hört er auch genau da auf, wo andere Liebesfilme erst beginnen und endet, passend, mit der Frage: „Und was machen wir jetzt?“.

Der Film lässt einen ob aberwitziger und skurriler Szenen laut auflachen, und im nächsten Moment nachdenklich über das Leben und den manchmal darin herrschenden Wahnsinn sinnieren.

Aber so ist das Leben. Es ist doch immer noch irgendwo das Leben. Es ist da und manchmal tut es scheiß weh. Und am Ende ist es alles was wir haben!

Passend zu diesem Blog, spielen Psychopharmaka, Psychiater, psychische bzw. neurologische Krankheiten eine weitere Hauptrolle. Aber auf angenehme Art und Weise: Sie sind einfach da, unaufdringlich, und werden im Nebensatz diskutiert. Insgesamt erinnert der Film ein wenig an „The Perks Of Being A Wallflower“.

Habe ich außerdem erwähnt, dass Natalie Portman die weibliche Hauptrolle spielt?

Buchtipp: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Und einmal mehr Tote. Aber immerhin erst in der Mitte des Buches. Auch wenn es das eigentlich ganz zentrale Thema des Romans von Joachim Meyerhoff ist, tritt es nicht stark hervor. Man liest fast ein bisschen drüber – genauso wie die Hauptfigur weiterlebt, und nicht genau hinsehen will.

Die Hauptfigur, ein Ich-Erzähler, 17 Jahre alt, aufgewachsen auf einem Psychiatriegelände als Sohn des Direktors der Klinik, bricht auf, er lässt die norddeutsche Provinz hinter sich und tauscht sie für ein Austauschjahr gegen die amerikanische ein. Sachlich, reflektiert manchmal ironisch, trocken, sehr oft sehr witzig und trotzdem zwischen den Zeilen sehr behutsam berichtet er über dieses Jahr.

Das Buch ist das erste in einem mehrteiligen Zyklus von Meyerhoff. Es ist auf seine nüchterne Art sehr fesselnd und nimmt einen mit in die Weiten Wyomings und die enge der norddeutschen Kleinstadt, in „The German“s Leben und lässt gleichzeitig die eigene Jugend, den eigenen Aufbruch, wieder aufleben. War das nicht die aufregendste Zeit?

Ein unterhaltsames Buch, das sich leicht und abwechslungsreich liest ohne dabei auch nur im Mindesten seicht zu werden: Unbedingt Lesen!

 

 

Zitat

„Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst, wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremde, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“

Joachim Meyerhoff, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, S. 348

Buchtipp: Blasmusikpop

…oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser

Noch ein Spiegel-Bestseller für euch! Vea Kaiser ist eine junge, österreichische Autorin, die mittlerweile zwei Romane veröffentlicht hat. Eben Blasmusikpop und Makarionissi. Beide sind sehr empfehlenswert, das Erstlingswerk finde ich jedoch besser, deswegen stelle ich euch dieses hier vor.

Aus dem Klappentext:

„Fischbandwurm, eine Seifenkiste mit Kurs auf den Mond, eine schwangere Dorfprinzessin, eine altphilologische Geheimgesellschaft, ein Jungfußballer mit dem Herz am rechten Fleck, eine sinistre Verschwörung der Dorfältesten sowie jede Menge poppige Blasmusik gehören zum einzigartigen Mikrokosmos des abgeschiedenen Bergdorfs St. Peter am Anger.“

Vea Kaiser erbaut in ihrem Roman ein Dorfgesellschaft, die so real ist und gleichzeitig doch in einem völlig anderem Kosmos zu spielen scheint – ein wenig wie in Jonas Jonassons „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ (und wer das noch nicht gelesen hat, sollte das als allererstes nachholen!). Zugegeben, anfangs ist das Ganze ein wenig langatmig. Der Fischbandwurm ist dann eben doch nicht so attraktiv. Was die Autorin dann aber, etwa ab dem zweiten Drittel, an Kuriositäten, einem großen Schuss Ironie, Witz und nicht zuletzt auch Emotionen zu einem großen Roman verknüpft, ist wunderbar. Schon lange nicht mehr habe ich beim Lesen so viel gelacht. Denn so absurd die Geschichte von St. Peter am Anger manchmal erscheint: Wir alle kennen ein St. Peter am Anger. Oder zumindest ihre Dorfältesten. Oder eine Dorfprinzessin. Oder. Oder. Oder.

Wahnsinnig witzig, charmant geschrieben, herrlich verrückt. Ein wunderbares Buch! Herzlichen Dank nach Österreich dafür.

Ach ja: Der 1. FC St. Pauli kommt darin auch zu einem großen Auftritt!