Abschied von der Psychiatrie

Meine letzten beiden Tage in der Psychiatrie waren angebrochen. Ich hatte heute noch ein letztes Gespräch mit der Psychologin, musste, wie bei meiner Aufnahme, eine Blut- und eine Urinprobe abgeben und zum EKG. An allen Therapien nahm ich – abgesehen vom kognitiven Training – bis zum Schluss teil. Morgen, Dienstag würde ich dann nach dem Entlassungsgespräch mit meiner Ärztin gegen halb zehn Uhr selbst mit dem Auto in die psychosomatische Klinik fahren. Diese lag circa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, war einfach zu finden, und ich war froh, mir mit der Tatsache wieder selbst mit meinem Auto mobil zu sein, wieder ein Stückchen Freiheit erkämpft zu haben. Offiziell durfte ich natürlich immer noch nicht fahren – daher wich ich der Ärztin dezent aus, als sie mich bei der letzten Visite fragte, ob ich bereits wüsste, wie ich in die neue Klinik kommen würde.

Ich war einerseits heilfroh, endlich die Klinik verlassen zu können. Andererseits hatte ich aber auch ein bisschen Angst: Die Psychiatrie hier war mein Schutzraum gewesen. Hier hatte ich mich endlich wieder gefangen. Hatte die erste Stufe auf der Treppe genommen. Ich hoffte inständig, in der neuen Klinik bessere Zimmergenossen als zuletzt zu haben. Jetzt zum Schluss erst habe ich realisiert, wie verdammt wichtig das war. Wohl mit das wichtigste überhaupt. Johanna würde in der neuen Klinik da sein, sie freute sich schon sehr auf mich hatte sie zuletzt geschrieben, das war gut. Und dann waren da noch die Therapien. Einige Mitpatienten hier in der Psychiatrie sprachen nur davon, wie unglaublich stressig und anstrengend so eine psychosomatische Klinik wäre, da würde man nur von einer Therapie zur nächsten rennen. Das musste man auch erst einmal schaffen. Ich spürte im Moment wieder sehr deutlich, deutlicher als noch vor zwei Wochen, dass ich mir meine Energie sehr genau einteilen musste. Zudem war das Kratzen im Hals schlimmer geworden. Ich fühlte die Erkältung regelrecht in mir hochsteigen. Das ist immer noch ein Krankenhaus, beruhigt mich meine Ärztin. Der Fokus liegt dort genauso wie hier auf Ihrer Genesung, die in Ihrem eigenen Tempo vor sich gehen wird. Natürlich ist es eine große Umstellung, das wird ein, zwei Wochen dauern, bis Sie dort angekommen sind. Aber Sie werden das schon schaffen, da bin ich mir sicher.

Jeanette schnarchte nun auch tagsüber im Zimmer. Draußen war es regnerisch und ziemlich kühl, also war ich hauptsächlich damit beschäftigt, ein ruhiges und trotzdem halbwegs gemütliches Plätzchen für mich zu finden. Ich zählte die Stunden. Ohne Steffi und Johanna war es hier wirklich nicht besonders gut auszuhalten. Wir schrieben hin und wieder auf Whatsapp – den beiden ging es ganz gut in ihren neuen Kliniken – aber das war natürlich nicht das gleiche. Ich wollte endlich hier raus. An einen angenehmeren Ort. Der die neue Klinik zu sein schien.

So jedenfalls absolvierte ich die beiden letzten Tage. Viele der Patienten, die länger hier waren, bestellten an ihrem letzten Abend Pizza für die große Runde – ein kulinarischer Hochgenuss, verglichen zu dem „normalen“ Essen. Ich begnügte mich mit meinem letzten Butter-Zwieback und einer Tafel Schokolade – für mich allein. Ich war froh, meine Ruhe zu haben. Ich hatte viel im Kopf, da brauchte nicht noch mehr hinzukommen und schon gar kein überflüssiger Schwachsinn.

Der letzte Morgen war unspektakulär. Frühstück wie immer. Viele Patienten, die ich noch gut kannte, waren nicht mehr da, eine ging ebenfalls heute. Eigentlich blieb beinahe nur noch Ruth über. Wir verabschiedeten uns – vermutlich auf Nimmerwiedersehen – und wünschten uns inständig alles Gute. Sie war mir in den letzten Wochen wirklich ans Herz gewachsen.

Nach dem Frühstück fand das Abschlussgespräch statt. Schließlich packte ich meine letzten Habseligkeiten zusammen, verabschiedete mich am Stützpunkt von den Schwestern und Pflegern und verließ die Station. Im Erdgeschoss warf ich einen letzten Blick in den nach wie vor trostlosen, aber mittlerweile etwas grüneren Innenhof und gab meine Patientenkarte an der Rezeption ab. Die Empfangsdame kannte mich mittlerweile beim Namen. Auch sie wünschte mir alles, alles Gute. Und ich sollte doch Johanna bitte schöne Grüße ausrichten. Schließlich drückte sie den Türöffner, die Glasschiebetür öffnete sich und ich verließ die Psychiatrie.

Ich nahm die nächste Stufe auf meiner Treppe.

Abschied von der Gang

Heute war so viel passiert, so dass ich gar nicht wirklich dazu kam, traurig zu sein, da Steffi und Johanna morgen gehen würden. Die beiden aber waren ganz schön aufgeregt. Johanna vor allem, weil es ihr momentan nicht gut ging – ihre Medikamente hatten immer stärkere Nebenwirkungen gezeigt, aber keine Wirkung, und waren erst wieder ausgeschlichen (so nennt man das schrittweise Absetzen von Psychopharmaka) worden. Das neue Medikament wirkte noch nicht – die Dosis war noch zu gering – und dann auch noch ein Klinikwechsel. Das waren zwei Fragezeichen auf einmal. Ruth aber machte ihr Mut. Ruth litt seit Jahrzehnten an posttraumatischen Belastungsstörungen und kannte sich in diesem mir völlig fremden System gut aus. Sie war selbst – wenn auch bereits vor zwanzig Jahren – in der gleichen Klinik gewesen und sprach durchweg positiv von ihr. Ruth hatte die Klinik dort gut getan, sie war mehrere Jahre, so lang wie nie zuvor in ihrem Leben, symptomfrei gewesen. Außerdem gab es dort ein Hallenbad. Und eine Sauna. Und das Essen war angeblich gut. Nicht nur im Vergleich zu dem Fraß hier in der Psychiatrie, sondern wirklich gut.

Steffi war zwar auch aufgeregt, aber noch viel mehr heilfroh darüber, endlich aus der Psychiatrie herauszukommen. Ich war nach wie vor für die gleiche Klinik wie Johanna gemeldet, aber hatte immer noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. In der Regel erfuhr man den Aufnahmetermin etwa eine Woche im Voraus. Damit hatte sich unsere ursprüngliche Hoffnung zerschlagen, zeitgleich aufgenommen zu werden. Johanna wäre zwar sowieso in einer anderen Station, aber dann wären wir immerhin nicht ganz allein. Also versuchte ich in den letzten Tagen vor allen Dingen nicht daran zu denken, was ich ohne meine beiden Mädels hier tun würde. Für Donnerstag hatte ich einen kleinen Ausflug mit meiner Schwester geplant, das Wochenende würde ich natürlich wieder zu Hause verbringen. Aber sonst?

Passend zur Stimmung drehte das Wetter während des Tages. Es wurde immer kälter, bis am Nachmittag sogar Regenwolken aufzogen. Wir hatten eigentlich einen gemütlichen letzten Abend im Park, mit der Slackline, unseren Decken und vor allen Dingen mit Pizza verbringen wollen. Jetzt saßen wir mit der Pizza, die uns direkt vor die Haustür geliefert wurde, im sterilen und ungemütlichen Eingangsbereich. Wir ratschten ein wenig, aber hauptsächlich aßen wir. In den letzten Tagen hatten wir die beiden Kliniken bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, die beiden hatten ihre Packlisten verglichen, wir hatten gegenseitige Besuchspläne gemacht – so dass jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen war. Ich blieb über. Ich würde hier bleiben. Allein, bislang auf noch nicht absehbare Zeit. Mindestens eine Woche noch. Eine Woche konnte lang sein. Besonders hier in der Psychiatrie. Ohne jemanden, mit dem man ganz entspannt und normal quatschen konnte. Oder mit dem man gern zwei Stunden lang durch den Wald spazierte.

Plötzlich stand Ruth hinter mir. Da bist du ja, Sophie. Ich habe dich schon überall gesucht! Du sollst zum Stationszimmer kommen, die Schwester will dich sprechen. Dann schmunzelte sie uns an: Bestimmt ist das eine Nachricht von der Klinik! Ich wollte es nicht glauben. Steffi und Johanna stimmten ein. Oh bestimmt! Du kommst mit mit uns!

Ich klappte also den Deckel meiner Pizzaschachtel zu, damit sie nicht kalt würde (so etwas Gutes hatte ich in diesen vier Wänden noch nie gegessen!) und ging über die Treppe in den 1. Stock, in unsere Station. Dort klopfte ich an die Tür zum Stützpunkt. Schwester Elke hatte heute Dienst und als sie mich durch das Glasfenster vor der Tür stehen sah, lächelte sie bereits. Sie öffnete die Tür. Es war tatsächlich endlich die heißersehnte Nachricht aus der Klinik. Ich würde am 8. September, also nächsten Dienstag erwartet. Endlich! Ich war erleichtert. Eine Woche. Der Zeitraum war also jetzt absehbar. Eine Woche hielt ich hier alleine aus.

Der Abschied von Johanna und Steffi am nächsten Tag war recht unspektakulär. Wir frühstückten noch gemeinsam und, zwischen zwei Therapien und ihren Abschlussbesprechungen mit den behandelnden Ärzten, umarmten wir uns. Viele Worte gab es nicht mehr zu sagen. Passt auf euch auf, meldet euch – und bis bald.