Abschied von der Gang

Heute war so viel passiert, so dass ich gar nicht wirklich dazu kam, traurig zu sein, da Steffi und Johanna morgen gehen würden. Die beiden aber waren ganz schön aufgeregt. Johanna vor allem, weil es ihr momentan nicht gut ging – ihre Medikamente hatten immer stärkere Nebenwirkungen gezeigt, aber keine Wirkung, und waren erst wieder ausgeschlichen (so nennt man das schrittweise Absetzen von Psychopharmaka) worden. Das neue Medikament wirkte noch nicht – die Dosis war noch zu gering – und dann auch noch ein Klinikwechsel. Das waren zwei Fragezeichen auf einmal. Ruth aber machte ihr Mut. Ruth litt seit Jahrzehnten an posttraumatischen Belastungsstörungen und kannte sich in diesem mir völlig fremden System gut aus. Sie war selbst – wenn auch bereits vor zwanzig Jahren – in der gleichen Klinik gewesen und sprach durchweg positiv von ihr. Ruth hatte die Klinik dort gut getan, sie war mehrere Jahre, so lang wie nie zuvor in ihrem Leben, symptomfrei gewesen. Außerdem gab es dort ein Hallenbad. Und eine Sauna. Und das Essen war angeblich gut. Nicht nur im Vergleich zu dem Fraß hier in der Psychiatrie, sondern wirklich gut.

Steffi war zwar auch aufgeregt, aber noch viel mehr heilfroh darüber, endlich aus der Psychiatrie herauszukommen. Ich war nach wie vor für die gleiche Klinik wie Johanna gemeldet, aber hatte immer noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. In der Regel erfuhr man den Aufnahmetermin etwa eine Woche im Voraus. Damit hatte sich unsere ursprüngliche Hoffnung zerschlagen, zeitgleich aufgenommen zu werden. Johanna wäre zwar sowieso in einer anderen Station, aber dann wären wir immerhin nicht ganz allein. Also versuchte ich in den letzten Tagen vor allen Dingen nicht daran zu denken, was ich ohne meine beiden Mädels hier tun würde. Für Donnerstag hatte ich einen kleinen Ausflug mit meiner Schwester geplant, das Wochenende würde ich natürlich wieder zu Hause verbringen. Aber sonst?

Passend zur Stimmung drehte das Wetter während des Tages. Es wurde immer kälter, bis am Nachmittag sogar Regenwolken aufzogen. Wir hatten eigentlich einen gemütlichen letzten Abend im Park, mit der Slackline, unseren Decken und vor allen Dingen mit Pizza verbringen wollen. Jetzt saßen wir mit der Pizza, die uns direkt vor die Haustür geliefert wurde, im sterilen und ungemütlichen Eingangsbereich. Wir ratschten ein wenig, aber hauptsächlich aßen wir. In den letzten Tagen hatten wir die beiden Kliniken bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, die beiden hatten ihre Packlisten verglichen, wir hatten gegenseitige Besuchspläne gemacht – so dass jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen war. Ich blieb über. Ich würde hier bleiben. Allein, bislang auf noch nicht absehbare Zeit. Mindestens eine Woche noch. Eine Woche konnte lang sein. Besonders hier in der Psychiatrie. Ohne jemanden, mit dem man ganz entspannt und normal quatschen konnte. Oder mit dem man gern zwei Stunden lang durch den Wald spazierte.

Plötzlich stand Ruth hinter mir. Da bist du ja, Sophie. Ich habe dich schon überall gesucht! Du sollst zum Stationszimmer kommen, die Schwester will dich sprechen. Dann schmunzelte sie uns an: Bestimmt ist das eine Nachricht von der Klinik! Ich wollte es nicht glauben. Steffi und Johanna stimmten ein. Oh bestimmt! Du kommst mit mit uns!

Ich klappte also den Deckel meiner Pizzaschachtel zu, damit sie nicht kalt würde (so etwas Gutes hatte ich in diesen vier Wänden noch nie gegessen!) und ging über die Treppe in den 1. Stock, in unsere Station. Dort klopfte ich an die Tür zum Stützpunkt. Schwester Elke hatte heute Dienst und als sie mich durch das Glasfenster vor der Tür stehen sah, lächelte sie bereits. Sie öffnete die Tür. Es war tatsächlich endlich die heißersehnte Nachricht aus der Klinik. Ich würde am 8. September, also nächsten Dienstag erwartet. Endlich! Ich war erleichtert. Eine Woche. Der Zeitraum war also jetzt absehbar. Eine Woche hielt ich hier alleine aus.

Der Abschied von Johanna und Steffi am nächsten Tag war recht unspektakulär. Wir frühstückten noch gemeinsam und, zwischen zwei Therapien und ihren Abschlussbesprechungen mit den behandelnden Ärzten, umarmten wir uns. Viele Worte gab es nicht mehr zu sagen. Passt auf euch auf, meldet euch – und bis bald.

Jetset im Kopf

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Es war wieder Freitag. Der dritte, den ich in der Psychiatrie verbachte. Es ging mir besser wie am ersten, dem Tag meiner Einlieferung. Aber es ging mir auch sehr viel schlechter als vergangenen Freitag. Da war ich ja in richtiger Hochstimmung gewesen, voller Vorfreude auf das Wochenende. Diesen Freitag ging es mir nicht gut. Die Episode am Dienstag hatte mich unwahrscheinlich viel Kraft gekostet. Und gestern hatte ich wieder Herzstechen und die alten Stress-Symptome gehabt. Helene und ihr Mann waren zu Besuch gewesen, wir waren Schwimmen und standen auf der Heimfahrt im Stau – ich drohte zu spät zurück in die Klinik zu kommen. Ich war mit der Bewältigung des Klinikalltags hier wieder beinahe überfordert. Zudem würden Johanna und Steffi nächste Woche die Klinik verlassen. Ich wäre dann allein in diesem Irrenhaus. Und Johanna saß mir beinahe schon seit zwei Tagen mehrere Stunden täglich heulend oder eben gerade nicht mehr heulend, aber hundeelend im Bett gegenüber. Ich fühlte mich wieder schwach, sehr schwach. Ich fühlte mich allein. Und ich hatte Angst vor dem Wochenende. Meine Eltern waren eine Woche in Urlaub gefahren, meine Schwester war daheim. Eigentlich hatte sie wieder zurück nach London fliegen wollen, um ihre Masterarbeit abzugeben. Aber sie blieb hier. Sie würde sie per Post einschicken. Auch wenn es mir niemand so gesagt hatte, vermutete ich, dass meine Mutter sie wohl dazu verdonnert hatte. Damit ich eine Anlaufstelle hatte während ihres Urlaubs. Ich war dankbar dafür. Auch wenn ich es natürlich selbst nie gewagt hätte, sie selbst darum zu bitten.

Am Montag hatte sie mich gefragt, ob es für mich okay wäre, wenn sie am Samstag mit ihren Freundinnen auf ein Volksfest – den Barthelmarkt – fahren würde. Sie wäre dann von mittags bis nach Mitternacht unterwegs, also den ganzen Samstag. Klar, das passt schon, sagte ich am Montag. Da ging es mir noch gut. Mittlerweile hatte sich die Situation allerdings wieder arg gedreht. Und ich lag nach dem Morgensport wieder in meinem Bett und kämpfte mit der Angst, die im Laufe des Tages wieder von mir Besitz ergriff. Die mir die Brust eindrückte, mich klein machte, die mir die Kehle zuschnürte. Ich wollte nicht, dass meine Schwester wegen mir nicht feiern gehen konnte. Ich fühlte mich schlecht dabei. Aber ich wusste irgendwie auch keine andere Alternative. Ich hatte solche Angst davor, allein zu sein, Angst davor, dass ich dann wieder komplett kippen würde, und Angst davor, dass ich dann schließlich vielleicht nicht, wie am Dienstag, die Kontrolle behalten würde. Ich hatte Angst davor, dass ich mir selbst etwas antun könnte.

Schließlich schrieb ich Helene. Sie war eigentlich mit ihrem Umzug Anfang nächster Woche mehr als beschäftigt. Sonst würde ich meine Schwester bitten müssen, abzusagen. Es ging einfach nicht anderes. Helene hatte Zeit. Sie würde am Nachmittag vorbeikommen, und dann, wenn ich wirklich nicht alleine sein konnte, könnte ich ja einfach mit zu ihr mitkommen und ihr beim Packen zusehen oder sogar helfen.

Ich telefonierte dann mit meiner Schwester, sagte ihr, dass es mir nicht besonders gut ginge, dass aber Helene morgen vorbeikommen würde, und notfalls, sagte ich, würde ich eben zu meiner Tante gehen – die auch im selben Ort wohnt. Sie klang etwas besorgt und meinte dann auch, so besonders viel Lust hätte sie sowieso gerade nicht auf das Fest, sie sei noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit. Vielleicht würde sie auch gar nicht fahren. Jedenfalls machten wir aus, dass sie mich morgen früh um Punkt acht abholen würde und wir danach gemeinsam frühstücken würden. So richtig gesehen und lange miteinander gesprochen hatten wir das letzte Mal in London, einen Tag vor meiner Krankschreibung, auf meiner bisher letzten Dienstreise. Also vor beinahe zwei Monaten.

Nachdem ich das geklärt hatte, wurde ich etwas ruhiger. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf lief heute aber wieder recht munter und turbulent. Ich war traurig, fühlte mich von der Welt verlassen. Mir ging es einfach schlecht. Nach dem Mittagessen lag ich schon wieder in meinem Bett, mit dem Gesicht zur Wand, aber diesmal hörte ich zumindest Musik. Jojo hatte Therapie, Ruth saß in ihrem Bett und strickte an Herzchen-Socken. Das Lied, das auf egoFM gespielt wurde, war traurig. Und ich begann zu weinen. Ich hatte keinen expliziten Grund. Ich war einfach traurig. Die Welt war grau, der Schleier war wieder da. Draußen herrschte strahlender Sonnenschein. Aber meine Welt war grau. Freudlos. Traurig. Ich lag einfach in meinem Bett und schluchzte. Zum ersten Mal, seit ich hier war. Die Apathie war der Trauer gewichen.

Da spürte ich sanft eine Hand auf meiner Schulter, so unerwartet jedoch, dass ich richtig erschrak. Aber es war nur Ruth. Sie beugte sich besorgt, beinahe schon mütterlich, über mich. Sophie, flüsterte sie, was ist denn los? Ich weiß nicht, schluchzte ich. Nichts eigentlich. Das Lied ist so traurig. Ruth streichelte noch ein paar Mal über meinen Arm. Kann ich etwas für dich tun?, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Nein, es geht schon. Das Lied ist einfach so traurig gerade.

Später am Tag versuchte ich es dann noch mit Musik und Entspannung. Das war in etwa das einzige der über zwanzig Therapieprogramme, das unserem anspruchsvollen Dänen, Marc, zusagte. In der Schule hatten Fantasiereisen bei mir immer gut funktioniert, ich mochte sie gerne. Aber diesmal nicht. Ich konnte mich nicht darauf einlassen. Ich konnte mich nicht entscheiden, an welchem Strand ich gerade war. Ich war die ganze Zeit nur am Überlegen, welcher der Strände, die ich kannte, für den Zweck am besten passte. Mein Kopf jettete von Italien (Bibione) an die Ostsee (Heiligendamm), von Neuseeland (Hahei) nach Panama (San Blas Inseln). Von Entspannung keine Spur. An all diesen Orten war ich entspannt gewesen und glücklich gewesen – aber jetzt nicht. Das Karussell drehte mit Strandbildern, aber immer noch auf Hochtouren.