Es wäre so leicht

Johanna ging es momentan auch wieder richtig beschissen. Und trotzdem fuhr sie jedes Wochenende beinahe drei Stunden nach Hause und wieder zurück in die Klinik. Es war mir ein Rätsel, wie sie das machte. Wenn es mir schlecht ging, konnte ich kaum Autofahren. Zum einen, weil ich mich einfach nicht auf das Autofahren konzentrieren konnte – ich war dann oft auch einfach kaum da und schaffte es einfach nicht, länger als eine Minute tatsächlich bewusst Auto zu fahren – zum anderen, weil ich – again – Angst vor mir hatte. Es wäre so leicht, einfach das Lenkrad herumzureißen. In den Baum zu fahren. Da gab es keine Hürde und damit auch keine Zeit, um sich selbst wieder einzufangen.

Mein Wochenende war beschissen. Ich war nervös und unglaublich angespannt. Träumte wieder Albträume. Der Tornado tobte meistens. Ich konnte nichts anfangen. Und am Sonntagabend dann, vor der Rückfahrt, hatte ich tatsächlich zum ersten Mal seit dem Sommer wieder Suizidgedanken. Was wäre wenn.

Ich schob sie beiseite. Ich bildete mir das nur ein. Ich kann das. Und ich kann auch mit dem Auto selbst in die Klinik zurückfahren. Es blieb mir außerdem ja gar nichts über. Meinen Eltern wollte ich auf keinen Fall von meinen Gedanken erzählen. Ich kann das!

Und natürlich ging es.

Tatsächlich aber meinte Johanna am nächsten Morgen zu mir. Franzi, weißt du, als ich gestern hier her zurückgefahren bin, habe ich das erste Mal verstanden, was du meinst. Es wäre so leicht, gerade auf der Autobahn. Es ist furchtbar, dass wir so etwas überhaupt denken. Aber es wäre so leicht.

Wir beiden wollten aber nicht. Nur unser Kopf ab und zu. Aber gottseidank sind wir nicht nur unser Kopf.

Schäfchen zählen

Es war immer noch heiß. Das war vermutlich der heißeste Juli seit Menschengedenken. Seit zwei Wochen hatte es fast durchgängig über 35° Celsius.

Meine Wohnung in München und mein Zimmer im Haus meiner Eltern liegen direkt unter dem Dach und sind nur teilweise mit Jalousien ausgestattet. Herzlichen Glückwunsch! Ich schlief also so oft es ging auf einer Matratze im Keller meiner Eltern. Und wenn ich unbedingt in München sein musste oder wollte, weil ich es bei meinen Eltern nicht mehr aushielt, legte ich vor dem Schlafgehen nasse Handtücher auf das Bett, damit sich die Matratze etwas vollsaugte. Wenn ich dann schlafen ging, deckte ich mich mit einem anderen nassen Handtuch zu und steckte die Füße in nasse Waschlappen. Aber ich lag trotzdem stundenlang wach. Und ich träumte unglaublich schlecht. Ständig starb jemand. Oder ich starb. Oder beides. Oder ich war schuld am Tod anderer. Verdammte Hitze!

Ein paar Tage später kühlte es endlich etwas ab. Aber trotzdem schlief ich nicht besser. Und: Ich konnte auch tagsüber nicht mehr schlafen. Ich war unglaublich müde, und ich wollte nichts mehr als einfach nur schlafen. Aber es ging nicht. Das Karussell in meinem Kopf fuhr zwar langsamer als noch vor einigen Wochen, aber es fuhr immer noch. Und zwar ohne Pause.