Kein Platz für Freude

Da habe ich es nun endlich geschafft, tatsächlich ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen – und dann kann ich mich noch nicht mal richtig drüber freuen, geschweige denn die Motivation finden, es zu vermarkten.

Stattdessen: Leere. Und: tausend andere Dinge noch zu tun, bevor meine Tochter auf die Welt kommt. Statt mich zu freuen und stolz zu sein, hakte ich nur einen weiteren Punkt auf meiner To-Do-Liste ab, mit dem Kopf schon beim nächsten. Vielleicht mag das auch an den Schwangerschaftshormonen gelegen haben, die mich zu diesem Zeitpunkt herunterregulierten, als hätte ich Tavor geschluckt. Wahrscheinlich aber war es wie so oft eine Mischung aus beidem: Unfassbar viel zu tun, die ganzen zwei Jahre zuvor, zu viel manchmal, jede winzige Auszeit musste erkämpft werden, und wurde dann doch wieder von so manchem Handwerker oder Wohnungsbewerber, der nur dann kann (und, haha, oft nicht mal auftauchte), zunichte gemacht. Der Geburtsvorbereitungskurs war eine Oase der Ruhe. Zwei Stunden mit meinem Partner, in denen es mal nicht, aber auch gar nicht, ums Haus ging. Sondern nur um uns. Zuhören, Kuscheln, mehr mussten wir nicht tun.

Ich kenne das:

Es ist so viel zu tun, dass man gar keine Zeit mehr findet, sich über Erreichtes zu freuen.

Das Leben geht drunter und drüber, so dass man gar keine Zeit mehr findet, schöne Momente zu genießen.

Man ist vollauf damit beschäftigt, das Tempo zu halten – würde man einen Augenblick innehalten, fiele man vom Rad.

Die Geburt meiner Tochter und die ersten Monate mit ihr haben mir eine Atempause gewährt, alles andere wurde unwichtig. Das Rad fuhr plötzlich von allein sehr viel langsamer, ohne dass ich fiel. Ich musste nicht mal mehr treten und blieb trotzdem oben. Mittlerweile habe ich Lust, mich nicht mehr nur ausschließlich treiben zu lassen, das auslaufende Rad wieder ein wenig anzutreiben.

Ich bin wieder da, ganz gemütlich zumindest.

Wie immer eben

Als ich am Freitag aufwachte, war der Tag schlecht. Ich war depressiv, hatte überhaupt keinen Antrieb. Am liebsten wäre ich im Bett liegengeblieben. Ich musste allerdings frühstücken, sonst würde ich bis zum Mittagessen verhungern, soviel Obst hatte ich dann doch noch nicht gebunkert. Also quälte ich mich aus dem Bett. Ich bin auch ohne Depression ein kleiner Morgenmuffel, aber an diesem Morgen sprach man mich besser gar nicht erst an. Und machte schon gar keine Witze. Alles ödete mich an und ich war genervt von diesem Rückfall. Trotzdem – ich musste ja mindestens zwei Therapien am Tag belegen – ging ich, wie geplant, zum autogenen Training. Anfangs nervte mich auch das. Aber die vollkommene Konzentration auf meinen Körper entspannte mich. Während der halben Stunde, in der ich abwechselnd in meinen rechten Arm und mein linkes Bein hineinspürte, oder die Lehne des Stuhls an meinem Rücken bewusst annahm, wurde mein Kopf ruhig und die depressiven Gedanken verschwanden. Im Anschluss mischte ich noch die Damen und Herren der allgemeinen Gymnastik auf. Auf einen neuen Muskelkater!, dachte ich mir, aber der blieb glücklicherweise aus. Hinterher ging es mir wieder richtig gut – keine Spur mehr von Depression oder Antriebslosigkeit.

Am Wochenende würde ich außerdem heimfahren und endlich meine beste Freundin wiedersehen, die aus Kalifornien zurück war. Sie und ihr Mann hatten zu einer Wiedersehensparty eingeladen. Im Juli hatte ich noch sofort zugesagt – in einem Monat würde ich ja wohl wieder fit sein; zwei Wochen vor der Party hatte ich komplett abgesagt; jetzt war ich voller Elan, und beschloss auf jeden Fall hinzugehen, auch wenn ich vielleicht nur zwei Stunden dort sein könnte. Ich telefonierte mit einem Kumpel, der auch eingeladen war, um herauszufinden, ob es vielleicht ein Geschenk gäbe. Er klopfte dumme Sprüche, witzelte über die Tatsache, dass ich in einer Psychiatrie war, erzählte von seiner kleinen Tochter – und alles war wie immer. Es fühlte sich in mir drin auch an wie immer. Ich war da. Und ich begann, mich aus ganzem Herzen auf die Party zu freuen. Mich erfasste eine solche Freude, wie ich sie seit Monaten nicht mehr verspürt hatte. Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht, das für den restlichen Tag nicht mehr zu verjagen war. Mir ging es so unglaublich gut. Wie immer eben!