Buchtipp: The thoughtful dresser

Kein Roman, kein Krimi, eher eine Sammlung einzelner Essays ist dieses Buch der englischen Autorin Linda Grant. Perfekt, wenn man gerade depressiv ist und Ablenkung braucht, jedoch tunlichst nicht in Kontakt mit zusätzlich tragischen, schlimmen Geschichten oder einer unrealistischen Liebesgeschichten kommen möchte.

Die Autorin philosophiert in diesem Buch umfassend über einen der wohl wichtigsten Aspekte unseres Lebens, nämlich Kleidung – von Secondhand bis Dior, von den maßgeschneiderten Gewändern in vorigen Jahrhunderten bis zu den konfektionierten Modellen, die wir heute in Kaufhäusern erstehen. Sie schreibt über Biographisches, erzählt von ihrer Mutter, einer ukrainischen Einwandererin – „nur reiche Leute können sich billige Kleidung leisten“-, berichtet von Interviews mit Persönlichkeiten aus der Modebranchen oder zieht Bücher wie „Ein Kleid von Dior“ zur Untersuchung des Gegenstands heran. Ihre Kernaussage: Es gibt niemanden, der sich nicht für Kleidung interessiert. Wenn es nicht die eigenen Kleidung ist, dann interessiert er sich für die Kleidung anderer.

Ich fand in dem Buch einige sehr interessante Ansätze (zugegeben, andere waren eher banal). Einer davon brachte mich zum Nachdenken. Keinem von uns ist es völlig egal, was er anhat – mit der Ausnahme klinisch-depressiver Personen. Da kann ich einen Haken dahinter setzen. Es war mir wirklich, so wie alles andere eben auch, ganz egal, was ich anhatte. Ob die graue weite Jogginghose mit dem grauen weiten Pullover gut aussah, geschweige den farblich zusammenpasste? Ganz egal. Ich denke, auch deshalb achtete ich auch, wenn ich dann doch mal unterwegs war erst recht darauf was ich anhatte. Denn ich spürte es nicht mehr. Ihr kennt das bestimmt: Es geht euch gut, heute ist eine Party, auf die ihr euch freut, ihr seid gut drauf, die Jeans sitzt und das Top passt, und, ja, vielleicht sitzt die Frisur nicht perfekt, aber das ist ganz egal, weil du fühlst dich gut, du spürst es regelrecht und das strahlst du dann auch aus. Ich spürte davon gar nichts mehr. Also musste ich mich im Spiegel davon überzeugen, dass mein Erscheinungsbild in Ordnung war. Und im Gegensatz zu sonst musste es, um ein bisschen Selbstsicherheit zu haben, perfekt sein. Früher war das eher andersrum gewesen. In denselben Zusammenhang stellt Grant auch das Trauerjahr, in dem früher nur schwarz getragen wurde. Eine Witwe wurde so davon erlöst, sich auch noch in ihrer Trauer um die gängigen Konventionen in Sachen Mode kümmern zu müssen. Man sah von weitem, dass sie trauerte und räumte ihr alleine schon dadurch eine gewisse Sonderbehandlung ein. Sicherlich verschwand das Trauerjahr nicht grundlos aus unserer Gesellschaft. Generell aber haben wir uns damit doch Stück für Stück von der Freiheit befreit, öffentlich ungestraft, sogar respektiert, Trauern zu dürfen.

Zurück zum Buch: Grant schreibt sehr gut, nimmt einen mit durch diese alles andere als oberflächliche Reise durch die Geschichte der Kleidung und der Mode. Eine etwas andere, aber durchaus interessante Lektüre auch für die, die sich nicht unbedingt als Fashionistas bezeichnen. Leider gibt es das Buch nur auf Englisch…sorry dafür. Dennoch viel Spaß beim Lesen!