Was war schon Zeit

Ich lag den ganzen restlichen Nachmittag in meinem Bett, ins Eck gerollt, mit dem Rücken zum Zimmer und tat so, als würde ich schlafen. Schlafen konnte ich ja nicht. Aber es war trotzdem irgendwie entspannend, zumindest so zu tun, als ob ich schlafen würde. Johanna hatte mich gefragt, ob ich mit zum Qi Gong kommen wollte. Das hatte ich mir eigentlich vorgenommen. Aber dann blieb ich lieber im Bett liegen. Ich musste ja nicht. Heute musste ich noch kein Therapieprogramm machen. Draußen begann es zu stürmen. Ich setzte mich auf und starrte stundenlang nach draußen und sah dem Wind dabei zu, wie er die Bäume verbog und hin und her warf.

Weit hast du es gebracht, Sophie. Du bist 27 und sitzt in der Psychiatrie.

Später am Abend geisterte ich etwas durch die Klinik, ich ging kurz in den trostlosen Innenhof, um zumindest ein bisschen frische Luft zu schnappen. Auf dem Weg zurück in den ersten Stock, in dem meine Station lag, hörte ich einen Fernseher. Es lief offenbar Fußball. Ich setzte mich dazu. Die ARD übertrug das Auftaktspiel der Bundesliga. Wie verdammt weit weg war das noch gewesen, an dem Tag, an dem ich krankgeschrieben wurde.

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wieviel Zeit vergangen war. Wie lange ich schon umherdämmerte. Sechs Wochen. Sechs verdammte Wochen. Eineinhalb Monate. Eine halbe Ewigkeit wäre das in einem früheren Leben gewesen. Aber Zeit hatte jede Bedeutung für mich verloren. Es gab nur den nächsten Tag.

Buchtipp: Momo

Ich kann es selbst nicht ganz glauben, dass ich es geschafft habe, 27 Jahre alt zu werden ohne je auch nur ein Buch von Michael Ende gelesen zu haben. An Ostern las ich erstmals „Die Unendliche Geschichte“ und vor einigen Wochen nun, auf einen Tipp hin, „Momo“. Ich kannte auch die Filme nicht. Einzig ein Theaterstück über den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpusch hatte ich in der zweiten Klasse gesehen.

Unglaublich, dass Ende das Märchen von der Zeit und seiner Retterin, Momo, bereits vor vierzig Jahren verfasst hat. Es ist nach wie vor aktuell, vielleicht sogar aktueller denn je. Ende entwirft eine Phantasiewelt, die in unserem eigenen Universum angedockt ist, mit Figuren, die man einfach ins Herz schließen muss, angefangen vom Straßenkehrer Beppo, dem Mädchen, das immer auf die kleine Schwester aufpassen muss, hin zur Schildkröte Kassiopeia und natürlich Momo selbst.

Ich möchte das Buch euch allen ans Herz legen – ganz besonders den Talenten, die es (so wie ich bisher auch) sehr gut schaffen, sich Tag für Tag und Woche für Woche so voll zu packen, dass für die einfachen und schönen Dinge unversehens irgendwie keine Zeit mehr bleibt.

Zeit ist nicht Geld – Zeit ist Leben. Wer an der Zeit spart, spart am Leben.