T -4

Ich saß abends – wieder schreibend – im Zimmer. Ich war eine ganze Zeitlang allein gewesen. Dann öffnete sich die Tür, Jeanette war wieder da. Ich versuchte, mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Sie wäre etwas unsicher, und wollte mich fragen, ob sie unangenehm aufgefallen wäre, fragte sie mich. Ich war mir nicht sicher, wie sie das meinte, und antwortete vorsichtshalber mit nein. Absichtlich fragte ich schon gar nicht nach weshalb, aber es nutzte nichts. “Sie würde manchmal unangenehm riechen“. Nach Fisch. Sie leide an Reizdarm – daher auch das ganze Essen im Zimmer, da sie auf beinahe alles allergisch war – und durch die Bakterien hätte sie sehr oft bakterielle Infektionen im Intimbereich. Ich hatte Mühe, zumindest nach außen hin die Ruhe zu bewahren. Meine Finger hatten von allein aufgehört zu tippen und waren wie festgefroren auf der Tastatur. Ich suchte fieberhaft nach einer passenden Antwort. „Oh eh. Das tut mir leid? Aber ich habe nichts gerochen.“ Damit versuchte ich es. Sie fing an, weiter auszuholen. Ich versuchte, es auszublenden, schaffte es aber nicht ganz. Halleluja. Gottseidank ging sie ins Bad. Ich klappte meinen Laptop zu, schnappte mir mein Handy und flüchtete, zum zweiten Mal an diesem Tag. Ich teilte das Bad und die Toilette (!) mit jemanden, der permanent an Scheidenentzündungen litt. Hilfe!

Ich hätte wohl eigentlich Mitleid haben sollen. Konnte ich aber nicht. Ich begann nun wirklich, meine Tage hier zu zählen. T -4.

Think about it…

Mittwochnachmittag hatte ich wieder einen Termin bei meiner Therapeutin.

Denkaufgabe für euch nun:

Was stresst euch eigentlich?

Und wobei könnte ihr am besten und einfachsten entspannen?

Think about it. Ich habe festgestellt, dass ich die Dinge, bei denen ich am meisten bei mir bin, und dabei auch am einfachsten entspannen und loslassen kann, nämlich Turnen, Tanzen oder eben auch Yoga/Pilates, in den letzten Monaten, genaugenommen Jahren, sträflich vernachlässigt habe. Weil: keine Zeit. Böser Fehler.

Jeanette

Johanna war noch keine halbe Stunde weg, da war das Bett schon neu belegt. Ich war momentan vielleicht etwas übersensibel. Aber kennt ihr auch Menschen, die einfach alles um sich herum erdrücken, einfach nur, weil sie da sind? Kennt ihr das? Ich jedenfalls hatte sie noch nicht einmal ganz gesehen, aber ich spürte diese Welle schon, als ich gerade die Zimmertür öffnete, um mich nach dem Sport zu duschen. Eine Aura. Die das ganze Zimmer ausfüllte. Für mich und meinen aktuell auch etwas größeren Raumbedarf war kein Platz. Zwei riesige, teils mit braunem Packband geklebte Koffer lagen im Zimmer herum, Tupperboxen in den verschiedensten Größen waren auf dem rechten und dem mittleren Fensterbrett aufgebaut worden, Taschen und Jacken lagen verteilt auf zwei der drei Stühle – unter anderem auf meinem Handtuch! – und mittendrin stand Jeanette. In etwa so groß wie ich, also gute 1,75m, eine braune, nicht unbedingt modische Kurzhaarfrisur, flatternde Kleidung, die eher an einen Thailand-Rucksack-Trip erinnerte als an irgendetwas anderes, altmodische Brille, pummelig.

„Hallo, ich bin Jeanette!“, schleuderte sie mir entgegen, noch bevor ich überhaupt bis zu meinem Bett vorgedrungen war. Ich wich zurück. Ich hatte das Gefühl, als würde das Zimmer beben, so laut und durchdringend war ihre Stimme. Viel zu laut. Eh, hallo, antwortete ich. Ich war überfordert. Johanna hatte vor nicht einer halben Stunde die Klinik verlassen und nun war da dieses – ich blickte noch einmal fassungslos über das Chaos hinweg, dass diese Person innerhalb von nur wenigen Minuten angerichtet hatte – Monstrum?! Ich blickte hilfesuchend zu Ruths Bett. Ruth war nicht da. „Kann ich ins Bad?“, fragte ich nur, wartete aber die Antwort aber gar nicht erst ab, sondern schloss mich umgehend im Badezimmer ein. Hier hatte sie noch keine Spuren hinterlassen. Ich duschte recht ausführlich – was mit dem Duschkopf auf Hüfthöhe gar nicht so einfach war – und versucht dabei, meine Gedanken neu zu ordnen und zu sammeln.

Ich hatte vergessen, frische Kleidung mit ins Bad zu nehmen. Verdammt. Als ich, in mein Handtuch gewickelt, kurz aus dem Bad hüpfte, um frische Unterwäsche und zumindest meine Jogginghose aus meiner Tasche am Bett herauszufischen, hallte es „und, wie lange bist du schon da? Ich habe gehört, hier soll es gut sein, ich habe mich hier selbst eingewiesen. Wirkt auch alles viel freundlicher als in Haar!“ Zwei Wochen, murmelte ich verschreckt und huschte wieder zurück ins Bad. Hilfe. Haar? Haar? Das Haar? Das, mit dem wir uns als Kinder immer gegenseitig aufgezogen hatten? Wenn du dich weiter so aufführst, dann bringen wir dich nach Haar? Ins Irrenhaus? Puh. Die Männer mit den weißen Kitteln. Ja gut, ich war auch in einer Psychiatrie. Aber Haar war irgendwie…eine andere Nummer. Wenn wohl auch nur gefühlt. Ich nahm mir Zeit, so lange ich es in dem kleinen, dampfigen Bad aushielt, cremte mich ein, zog mich an, bürstete und föhnte meine Haare. Aber schließlich musste ich doch wieder nach draußen. Ich war kaum zwei Schritte im Zimmer, da dröhnte diese Stimme schon wieder. „Weißt du schon, wie lange du noch hier bist?“ Heilfroh antwortete ich, eine Woche noch, und nannte ihr die Klinik, in die ich wechseln würde. „Ach, deswegen bin ich eigentlich hier! Da will ich auch unbedingt hin und ich habe gehört, dass man von hier aus sehr schnell einen Platz kriegt!“ Achso? Schön. Ich schnappte meinen Laptop, mein Handy und meine Wasserflasche und flüchtete regelrecht aus dem Zimmer. Hilfe, dachte ich nur. Ich zog die Tür hinter mir zu und schrieb Johanna eine Whatsapp-Nachricht: „Hilfe! Dein Bett ist schon wieder belegt. Ich bin gerade geflüchtet… bist du gut angekommen?“

Hinter dem Aufenthaltsraum war noch ein kleines Eckchen, in dem sich der Fernseher und der Billardtisch befanden, außerdem zwei kleine runde Tische und ein paar Stühle aus hellem Holz. Der Fernseher lief beinahe den ganzen Tag, auch der war mir zu laut, aber gerade war er aus. Ich setzte mich also dahin, und begann zu schreiben. Nach einer Weile tippte mich jemand an der Schulter an, ich schrak zusammen. Es war Ruth. Ob sie mich aus dem Zimmer verjagt hätte, fragte sie mich sichtlich verstimmt. So hatte ich sie noch gar nicht erlebt. Sie war sonst eine Seele von Mensch. Nein, antwortete ich ihr, ich bin freiwillig gegangen. Ich habe es da drin nicht mehr ausgehalten. Hm, brummte Ruth. Ich auch. Ich vermisse Johanna jetzt schon… Dito. Damit ging sie wieder, ich schrieb weiter. Wie konnte ein eigentlich geräumiges und sogar halbwegs gemütliches Zimmer (wir hatten sogar eine Orchidee und eine riesige Sonnenblume auf dem Fensterbrett) binnen Minuten auf einen Käfig zusammen schrumpfen, aus dem alle freiwillig flüchteten?

1:0 für mich!

Am Dienstagnachmittag war wieder Depressionsgruppe. Nachdem wir in der letzten Woche die Auslöser einer Depression besprochen hatten, kamen wir diese Woche die Symptome an die Reihe.

Man gliedert sie in vier Bereiche: Verhalten, Gefühle, Gedanken und körperliche Symptome.

Wie viele Symptome, meint ihr, hat eine Depression?

Wir sammelten, gemeinsam in der Gruppe, fast dreißig:

Verlust der Tagesstruktur. Passivität. Zynismus. Rückzug. Abwehr. Verlangsamung. Interessensveränderung. Antriebslosigkeit. Einsamkeitsgefühl. Aggressivität. Angst. Gefühlskälte und innere Leere. Trauer. Aufbau eines emotionalen Panzers. Überreizung. Appetitlosigkeit. Verlust des Selbstwertgefühls bzw. eigene Abwertung. Konzentrationsschwäche. Gedankenkarussell. Entscheidungs-/Entschlussunfähigkeit. Negativität. Schlaflosigkeit bzw. Schlafstörungen. Alpträume. Müdigkeit. Schmerzen. Schreckhaftigkeit. Kraftlosigkeit. Appetitstörung.*

Ich betrachtete die Tafel nochmal. Ich betrachtete meine Mitschrift.

Ich hatte jedes einzelne dieser verdammten Symptome. Jedes. Einzelne.

Ich hörte an, was die anderen zu den einzelnen Symptomen zu sagen hatten. Ich konnte es kaum fassen. War ich der einzige Depp, der wirklich jedes einzelne Symptom gehabt hatte? Dann hielt ich inne. Lächelte. Der jedes einzelne Symptom gehabt hatte. Hatte. Vergangenheit! Ich hatte mir das letzte Woche nicht eingebildet. Ich hatte die Abwärtsspirale also wirklich gestoppt.

Dann zeichnete die Psychologin eine Abwärtsspirale an die Tafel. Man kann sich die Entwicklung einer Depression als Spirale vorstellen, sagte sie. Da musste ich grinsen. Hatte ich tatsächlich intuitiv die richtige Wortwahl getroffen, als ich sagte, ich hätte das Gefühl, die Abwärtsspirale sei nun gestoppt. Die Abwärtsspirale, fuhr die Psychologin fort, beginnt in der Regel mit einer großen Belastung, greift dann auf die Gefühle über, dann die Gedanken, schließlich auf den Körper und zuletzt unser Verhalten. Die Spirale wird naturgemäß nach unten hin immer schneller und immer schwieriger zu stoppen. Der Weg nach oben ist sehr viel schwieriger und dauert sehr viel länger. Stellen sie sich ein Treppenhaus vor. Nach oben zu laufen ist sehr viel mühsamer als nach unten!

Sie malte eine Aufwärtsspirale an die Tafel. Und sprach weiter. Ich betrachtete nochmal ihre Spirale und malte auch eine Aufwärtsspirale in meinen Kalender, der gerade als Notizbuch dienen musste.

Eine Art Triumphgefühl ergriff mich. „Hatte“! Ich war schon wieder auf dem Weg nach oben. Vielleicht stand ich erst auf der untersten Treppenstufe. Aber die Talsohle hatte ich schon wieder verlassen. Es geht wieder aufwärts! 1:0 für mich, liebe Depression!

 

*ohne Anspruch auf Vollständigkeit!

Abschied von der Gang

Heute war so viel passiert, so dass ich gar nicht wirklich dazu kam, traurig zu sein, da Steffi und Johanna morgen gehen würden. Die beiden aber waren ganz schön aufgeregt. Johanna vor allem, weil es ihr momentan nicht gut ging – ihre Medikamente hatten immer stärkere Nebenwirkungen gezeigt, aber keine Wirkung, und waren erst wieder ausgeschlichen (so nennt man das schrittweise Absetzen von Psychopharmaka) worden. Das neue Medikament wirkte noch nicht – die Dosis war noch zu gering – und dann auch noch ein Klinikwechsel. Das waren zwei Fragezeichen auf einmal. Ruth aber machte ihr Mut. Ruth litt seit Jahrzehnten an posttraumatischen Belastungsstörungen und kannte sich in diesem mir völlig fremden System gut aus. Sie war selbst – wenn auch bereits vor zwanzig Jahren – in der gleichen Klinik gewesen und sprach durchweg positiv von ihr. Ruth hatte die Klinik dort gut getan, sie war mehrere Jahre, so lang wie nie zuvor in ihrem Leben, symptomfrei gewesen. Außerdem gab es dort ein Hallenbad. Und eine Sauna. Und das Essen war angeblich gut. Nicht nur im Vergleich zu dem Fraß hier in der Psychiatrie, sondern wirklich gut.

Steffi war zwar auch aufgeregt, aber noch viel mehr heilfroh darüber, endlich aus der Psychiatrie herauszukommen. Ich war nach wie vor für die gleiche Klinik wie Johanna gemeldet, aber hatte immer noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. In der Regel erfuhr man den Aufnahmetermin etwa eine Woche im Voraus. Damit hatte sich unsere ursprüngliche Hoffnung zerschlagen, zeitgleich aufgenommen zu werden. Johanna wäre zwar sowieso in einer anderen Station, aber dann wären wir immerhin nicht ganz allein. Also versuchte ich in den letzten Tagen vor allen Dingen nicht daran zu denken, was ich ohne meine beiden Mädels hier tun würde. Für Donnerstag hatte ich einen kleinen Ausflug mit meiner Schwester geplant, das Wochenende würde ich natürlich wieder zu Hause verbringen. Aber sonst?

Passend zur Stimmung drehte das Wetter während des Tages. Es wurde immer kälter, bis am Nachmittag sogar Regenwolken aufzogen. Wir hatten eigentlich einen gemütlichen letzten Abend im Park, mit der Slackline, unseren Decken und vor allen Dingen mit Pizza verbringen wollen. Jetzt saßen wir mit der Pizza, die uns direkt vor die Haustür geliefert wurde, im sterilen und ungemütlichen Eingangsbereich. Wir ratschten ein wenig, aber hauptsächlich aßen wir. In den letzten Tagen hatten wir die beiden Kliniken bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, die beiden hatten ihre Packlisten verglichen, wir hatten gegenseitige Besuchspläne gemacht – so dass jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen war. Ich blieb über. Ich würde hier bleiben. Allein, bislang auf noch nicht absehbare Zeit. Mindestens eine Woche noch. Eine Woche konnte lang sein. Besonders hier in der Psychiatrie. Ohne jemanden, mit dem man ganz entspannt und normal quatschen konnte. Oder mit dem man gern zwei Stunden lang durch den Wald spazierte.

Plötzlich stand Ruth hinter mir. Da bist du ja, Sophie. Ich habe dich schon überall gesucht! Du sollst zum Stationszimmer kommen, die Schwester will dich sprechen. Dann schmunzelte sie uns an: Bestimmt ist das eine Nachricht von der Klinik! Ich wollte es nicht glauben. Steffi und Johanna stimmten ein. Oh bestimmt! Du kommst mit mit uns!

Ich klappte also den Deckel meiner Pizzaschachtel zu, damit sie nicht kalt würde (so etwas Gutes hatte ich in diesen vier Wänden noch nie gegessen!) und ging über die Treppe in den 1. Stock, in unsere Station. Dort klopfte ich an die Tür zum Stützpunkt. Schwester Elke hatte heute Dienst und als sie mich durch das Glasfenster vor der Tür stehen sah, lächelte sie bereits. Sie öffnete die Tür. Es war tatsächlich endlich die heißersehnte Nachricht aus der Klinik. Ich würde am 8. September, also nächsten Dienstag erwartet. Endlich! Ich war erleichtert. Eine Woche. Der Zeitraum war also jetzt absehbar. Eine Woche hielt ich hier alleine aus.

Der Abschied von Johanna und Steffi am nächsten Tag war recht unspektakulär. Wir frühstückten noch gemeinsam und, zwischen zwei Therapien und ihren Abschlussbesprechungen mit den behandelnden Ärzten, umarmten wir uns. Viele Worte gab es nicht mehr zu sagen. Passt auf euch auf, meldet euch – und bis bald.