Ein Stück entwirrt

Wutminton. Dann ein Spaziergang, bei dem ich mich endlich so richtig auskotzen konnte. Und jemanden hatte, dem es genau wie mir ergangen war. Dann die Erkenntnis der vielen Modi. Wenn ich so richtig wütend war, heulte ich oft. Ich hatte immer gedacht, dass war eben so, weil ich so unglaublich wütend war. Vielleicht war ich das gar nicht. Vielleicht hatte ich nur von klein auf gelernt, dass es gefährlicher war, verletzt zu sein. Dass man wütend stärker wirkte.

Ein großes Ventil war aufgegangen. Ein weiteres Stück des großen Knotens entwirrt.

Das wütende Kind

Same procedure wie üblich: Nach einem kurzen Frühstück trabten Johanna und ich los. Abwechselnd walkend und joggend setzten wir uns an die Spitze der langen Schlange Morgensportler, die sich aus der Klinik über die umliegende Feldwege ergoss. In gleichmäßigem Tempo brachten wir uns auf den aktuellen Stand, wie wir die Nacht so verbracht hatten – das konnte in der Tat ein langes Thema werden, dank Zimmernachbarn, Albträumen oder nicht wirkenden Tabletten – , teilten unsere Sorgen und Freude und besprachen den anstehenden Tag. Tina würde heute gehen, und Johanna damit zwei neue Zimmernachbarinnen erhalten. Zu spät waren wir auf den Gedanken kommen, dass eine von uns zur anderen ins Zimmer ziehen könnte. Die Verwaltung hatte gestern Vormittag dem Bestreben dann entsprechend ein Ende gesetzt. In meinem Zimmer war nach wie vor ein Bett frei. Mit meiner Zimmergenossin hatte ich zwar Kontakt, aber immerhin kamen wir uns weder tagsüber noch nachts gegenseitig in die Quere. Johannas Freund würde nun definitiv mit auf die Wiesn kommen. Das war seit der vergangenen Woche unser Topthema, natürlich auf meinem Mist gewachsen. Ich konnte nicht ohne Wiesn. Schweren Herzens hatte ich, Ende August erst, alles abgesagt. Noch in der Psychiatrie hatte ich eine Zeitlang gehofft, zumindest an einer Sonntag-Mittags-Wiesn dabei sein zu können. Irgendwann hatte ich mich schließlich geschlagen gegeben. Ein Wiesnzelt würde heuer (=in diesem Jahr) eine Tortur für mich sein. Und wenn ich das sonst noch so liebte. Aber ein Wiesnspaziergang bei schönem Wetter, einer Fahrt auf der alten Münchner Rutsche, der Toboggan, und ein Früchtespieß mussten, mussten, mussten einfach drin sein! Ich plante den Ausflug mit meiner Schwester nun schon seit drei Wochen, und auch Johanna und ihr Freund würden nun mitkommen. Am Freitag nach dem Mittagessen wollten wir los. Vorsichtshalber verschwieg ich diesen Ausflug vor meiner Therapeutin. Was sie nicht wusste, konnte sie nicht absagen. Dass das ein bisschen wahnsinnig war, wusste ich selbst genau genug. Aber ich musste einfach auf die Wiesn. Und wenn es nur eine halbe Stunde war.

Nach dem Joggen – Johanna und ich wurden immer fitter und liefen mittlerweile beinahe die ganze Strecke durch – saß ich um 9.20 Uhr wieder in der Angstgruppe. Tina hatte heute ein Thema, an ihrem letzten Tag, in ihrer letzten Therapiestunde. Nach der Begrüßungsrunde, ich war heute ruhig und entspannt, Tina ganz im Gegensatz zu ihrer sonst sehr coolen Art sehr aufgeregt und nervös, verteilte meine Therapeutin vier Stühle, offensichtlich nach einem System, im Raum. Da ich, mal wieder als Einzige, keinen blassen Schimmer hatte, was vor sich ging, erklärte sie, dass Tina nun eine bestimmte, in diesem Fall ihre aktuelle, Lebenssituation anhand einem Schematherapeutischen Modell (wir waren hier ja in der Schematherapie Angst) selbst analysieren solle. Sie stellte insgesamt fünf Stühle auf. Einer war der „Gesunde Erwachsene“, einer der „Kritiker“, einer die „Schutzmauer“, einer das „wütende Kind“ und der letzte schließlich das „verletzte Kind“. Die beiden letzteren Stühle standen nebeneinander hinter der Schutzmauer, der Kritiker seitlich neben der Schutzmauer und der gesunde Erwachsene über bzw. vor allem. Jeder dieser Stühle sollte also einen der Verhaltensmodi darstellen, in die man, wie dieses Schema eben besagte, je nach Situation, meistens unbewusst, rutschte. Der gesunde Erwachsene ist die Instanz, in der man im besten Fall immer sein sollte, der Idealzustand. Auf dessen Stärkung zielen die meisten Therapien ab. Er ist die Instanz, in der wir bewusst und vernunftgesteuert handeln, unsere Emotionen auf Angemessenheit oder auch Verhältnismäßigkeit prüfen und überlegt reagieren. Ich bin wahrlich keine Psychologie-Koryphäe, aber ich würde sagen, dass dieser gesunde Erwachsene dem Freudschen „Ich“ sehr nahe kommt. Die Schutzmauer war eben eine emotionale Schutzmauer, der Kritiker eben der Kritiker – das „Über-Ich“ oder die ganze Ansammlung an Glaubenssätzen und Grundsätzen, die wir im Laufe der Zeit angesammelt haben und die nun die Anforderungen darstellen, an denen wir uns automatisch und unterbewusst selbst messen. Die beiden Kinder sind im wahrsten Sinne des Wortes Kinder: Das wütende Kind reagiert wütend. Wie ein kleines Kind. Oder eben verletzt, wie ein kleines Kind. Mit Vernunft kommt man ihnen beiden nur schwer bei, wenn sie einmal losgelassen sind. Unserer individuellen Biografie und aktuellen Lebenssituation entsprechend sind die Modi, die ich eben aufgezählt habe, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Tina stand nun also vor diesen Stühlen und sollte selbst entscheiden, welcher Modus in ihr gerade am stärksten ausgeprägt war. Es ging um eine unschöne Trennungssituation. Ich kannte die Geschichte, ich fand ganz eindeutig, dass er der Arsch war. Tina wählte – nicht eines der Kinder. Auch nicht die Schutzmauer, wie wir es wohl alle erwartet hatten. Sondern den Kritiker. Auf diesem Stuhl fühlte sie sich am sichersten, am wohlsten. Sie erklärte uns warum. Die Therapeutin forderte sie nun auf, sich auf den nächsten Stuhl zu setzten und damit in den nächsten Modus zu wechseln. Sie sollte den auswählen, der bei ihr am nächststärksten ausgeprägt war.  Sie erklärte uns wieder warum. Und wie sich das anfühlte. Wie bereits meine allererste Stunde in der Angstgruppe war auch diese sehr intensiv. In erster Linie natürlich für Tina, aber auch für uns andere. Wir alle kannte ihre Situation, sie hatte uns die Geschichte vorher erzählt, so dass wir ihr entsprechend Feedback geben konnten. Und es war teils schmerzhaft zu erkennen, wie weit weg die sonst so taffe und sicher wirkende Tina sich vom gesunden Erwachsenen bewegte. Wie weit weg sie sich auch vom naheliegendsten aller Modi, dem wütenden Kind bewegte. Und zu sehen, wie extrem Tinas heutige Reaktion von Erfahrungen ihrer Grundschulzeit abhing. Die Muster, nach denen wir reagieren, nach denen wir automatisch bei bestimmten Situationen in bestimmte Modi rutschen, bilden sich in der Kindheit. Dort in der Regel als Schutzmechanismen, als Überlebensautomatismus. Diese Schutzmechanismen können aber über die Jahre hinweg eine geradezu gegenteilige Wirkung einnehmen. Sie hemmen uns oder bringen uns sogar schwerwiegende Probleme. Meistens erkennen wir sie nicht einmal, denn wir reagieren automatisch und unterbewusst, daher ist das für uns ganz einfach „normal“ und „richtig“. Diese Automatismen zu erkennen und einzuordnen ist einer der Hauptbestandteile der Therapie. Sehr anstrengend. Und oft sehr schmerzhaft. Die Schachtel Taschentücher war nach der Stunde leer. Tina hatte beinahe alle gebraucht.

Wutminton

Und dann bin ich wieder zurück. Plötzlich war es ganz logisch, dass ich mich doch nicht vor den Zug werfe. Zack. Der Federball schoss zu mir zurück.

Dienstagabend, eigentlich hatte ich gehofft, dass heute wieder ein paar Leute Volleyball spielen würden. Aber es war niemand da, es war Champions League Abend. Auf dem Gang vor der Turnhalle traf ich eine Mitpatientin, ich wusste nicht einmal mehr ihren Namen, ich kannte sie nur von einem Volleyballspiel. Ich hatte keine Lust, mit ihr zu spielen. Dachte, ich würde lieber dann mit Tina und Johanna ratschen, immerhin war es Tinas letzter Abend. Aber ich wollte nicht unhöflich sein und schließlich war die Frau schneller als ich, holte ihre Federballschläger und ich spielte also plötzlich mit.

Warum bist du eigentlich da? Burnout. Depression. Panikattacken, meine alte Leier. Auch Burnout, kam mit dem nächsten Schlag zurück. Sie war sehr, sehr dünn. Hatte irgendwann aufgehört zu essen. Weil es einfach keinen Sinn mehr machte. Es schmeckte ja nicht mehr. Die haben gedacht, die könnten alles mit mir machen. Bam, knallte ich ihr den Federball mit aller Kraft quer durch die ganze Halle zurück. Krieg an allen Fronten. Bam, schleuderte ich ihr den Ball entgegen. Mein Hund ist gestorben, da ging‘s mit dem Frauli bergab. Bam, knallte sie den Ball zurück zu mir. Ich habe nicht mehr gewusst, wo anfangen, wo aufhören. Ich bin völlig durchgedreht, hatte Angst, ich werde verrückt. Bam. Alle Wut, alle Angst schoss durch die Turnhalle. Ich stand am Bahngleis. Dann bin ich wieder umgedreht. Weil es auf einmal wieder logisch war. Zasch, schoss der Ball durch die Halle.

Ich kannte die Frau nicht. Vorher einmal gesehen. Sie war am Bahngleis gestanden. Und hatte wieder umgedreht, weil es plötzlich logischer war. Logischer, als sich umzubringen. Im letzten Moment war es wieder logischer gewesen. Meine Angst vor mir selbst war mehr als begründet gewesen. Auch Johanna hatte mir von einer Bekannten mit Depression erzählt. Sie war spazieren gewesen. Und dann einfach in eine Schlucht gesprungen. Einfach so. Weil es sie plötzlich dorthin zog. Nicht, weil es von langer Hand geplant war. Weil es einfach plötzlich so viel Sinn machte.

Wutminton. Wir beide standen da, schlugen uns den Federball mit aller Kraft, mit aller Wut, Angst, Zorn, Verwirrtheit und Hoffnungslosigkeit um die Ohren. Mit jedem Schlag kotzten wir uns aus. Ohne Zusammenhang.

Wir waren beide nur noch ein Schatten unserer selbst. Und warum? Stress. Einfach nur Stress, Überforderung und niemand, der auf uns geschaut hätte. Nicht einmal wir selbst. Und dann stehst du plötzlich am Bahngleis.

Gottseidank gibt es bei mir zu Hause keines.

 

Rosenkranz

Ich fühlte mich unwohl. Irgendwie eingeengt. Gestern hatten wir die Slackline aufgebaut. Diesmal vor dem Klinikeingang, zwischen der Raucherecke und der Schaukel. Da war der Boden eben. Und außerdem dachte ich, dass vielleicht noch ein paar andere Bock hätten, es auszuprobieren. Hatten sie. Aus welchem Grund auch immer, ich weiß es nach wie vor nicht, wurde mir das diesmal rasch zu viel. Ich fühlte mich ein wenig gegen meinen Willen eingespannt und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich lieber zurückgezogen hätte. Ich hatte es dann zwar schließlich, zu spät eigentlich, geschafft, mich abzuseilen, aber das maue Gefühl, dass man mich mal wieder dazu gebracht hatte, etwas zu tun, was ich eigentlich nicht tun wollte, und die Tatsache, dass mich das bisschen Slacklinen und Übungsleiterspielen so sehr überfordert hatten, behagten mir nicht. Ganz und gar nicht. Die Wassergymnastik war wie immer, das Wasser zu kalt, die Gymnastik ein wenig anstrengend, aber ich war einfach gern im Wasser. Danach war es wie immer stressig, innerhalb von einer Stunde raus aus dem Becken, über den Umweg Mittagessen um eins bereits fertig und aufnahmebereit in der Burnout-Gruppe zu sitzen. Und mittlerweile war die Teilnehmer-Anzahl in der Burnout-Gruppe ziemlich geschrumpft. Die waren zwar immer noch alle nett. Keiner tat mir da etwas zu leide. Aber es war eben auch keiner dabei, mit dem ich mit halbwegs identifizieren konnte. Ich war mit deutlichem Abstand die Jüngste. Punkt eins. Ich arbeitete in einer völlig anderen Welt wie sie. Punkt zwei. Ich war, was meine Energieressourcen betraf, physisch und psychisch in einem deutlich schlechteren Zustand als sie. Punkt drei. Und war aber, was die Analyse der Ursachen betrag, vielleicht auch aufgrund des Aufenthalts in der Psychiatrie zuvor, viel weiter als der Rest der Gruppe. Punkt vier. Ich fühlte mich unwohl. Mein Kopf rumorte. Ich brauchte eine Pause von allem hier. Dringend. Abstand. Ich wollte einen Chai-Latte. Und mich zumindest für zwei Stunden mal wieder „normal“ fühlen. Nicht in irgendeiner Klinik sein und mir den ganzen Tag anhören müssen, wie schlecht es anderen Leuten gerade ging, oder analysieren müssen, wie schlecht es mir gerade ging. Ich wollte eine Pause. Und einen Chai-Latte. Das einzige, was die hauseigene Cafeteria nicht im Angebot hatte.

Ich packte meine Tasche und fuhr in die Stadt. Ich fragte nicht einmal Johanna. Sie hatte sowieso gerade noch Therapie und mein Kopf wollte wirklich, wirklich, wirklich gerade überhaupt keinen Input von außen haben und nichts von Therapien, Burnout oder Kliniken hören. Ich schlenderte durch das Städtchen. Ließ die Kleidergeschäfte gleich links liegen, heute hatte ich kein Energie für ein Expositionstraining. Ich ging in den schönen Buchladen und stöberte dort umher. Las ein paar Bücher an. Besorgte mir endlich einen Ordner für die Zettelwirtschaft. Einen blauen, auch wenn er daheim dann farblich nicht ins Regal passen würde. Das war mir gerade egal. Kaufte eine kleine Leinwand. Ich wollte demnächst gerne mal den Freizeitbereich der Kunsttherapie nutzen, wenn man in der Kunsttherapie selbst nur dumme Gärten malen durfte. Kaufte zwei Zeitschriften, die burda easy und die flow, die kannte ich beide noch gar nicht und waren meilenweit von meinem alten Arbeits-Zeitschriftenspektrum entfernt. Und fand schließlich ein kleines Café, setzte mich dort allein an einen kleinen Tisch, bestellte einen Chai-Latte und genoss es, in der richtigen Welt zu sein. Allein. Einfach mal zumindest so tun zu können, als wäre alles so wie immer. Es war ruhig in dem Café und ich wurde langsam entspannter. Ich atmete die Normalität ein und blätterte in den beiden neuen Zeitschriften. Eine Näh-Zeitschrift. Ich könnte ja, wenn ich jemals irgendwann wieder aus diesen Kliniken raus wäre, mal wieder etwas nähen. Und die flow. Eine dieser Glücks- und Achtsamkeitszeitschriften, die unter den Klinikpatienten der Renner waren. Mit sowas esoterischem hätte ich mich früher nie beschäftigt. Für so etwas hätte ich gar keine Zeit gehabt. Auch diesmal hatte ich sie nur gekauft, weil auf dem Titel ein Gespräch mit dem „Erfinder“ der Achtsamkeit, Jon Kabat-Zinn angepriesen wurde. Das interessierte mich. Und außerdem war die flow einfach schön.

 

Schließlich war der Chai leer. Ich hatte alle Schnittmodelle mehrfach begutachtet und mich für mein erstes Projekt entschieden. Ich zahlte, seufzte, stand auf und ging, in Richtung Auto. Ich kam an der Kirche vorbei. Eine dieser riesigen Stadtpfarrkirchen. Ich besuche gerne Kirchen. Ich mag die Ruhe, die sie ausstrahlen. Sie sind ein Zufluchtsort – weit, weit weg und raus aus dem Alltag.

Ich ging also in die Kirche hinein. Auf der Suche nach Ruhe. Ich wollte beten, allein sein. Bei mir sein. Eine Ruhe, wie ich sie nur in Kirchen finde. Ich war beinahe enttäuscht, als ich feststellte, dass ich nicht alleine hier war. Dass weiter vorne eine Gruppe älterer Damen saß und Rosenkranz betete. Ich wollte beinahe schon gehen, dann entschied ich mich anders. Setzte mich in eine Bank, mit Abstand zu den Damen, aber doch in guter Hörweite und ließ mich, statt selbst zu beten, von dem angenehmen Wechselrhythmus des Rosenkranzes wiegen. Es war ein bisschen schade, dass keine Männer da waren, und der Wechsel daher nur zwischen den Damengruppen stattfand. Schließlich begann ich beinahe automatisch mitzubeten. Die Worte kenne ich in und auswendig. Vater Unser, der du bist im Himmel. Gegrüßet seist du, Maria. Ich wiegte im Rhythmus mit. Ich wurde ruhiger, und ruhiger, und ruhiger. Ich versank richtig im meditativen Wechselrhythmus. Ich betete etwa zwanzig Minuten leise mit. Bis ich mich entschloss, zu gehen. Ich war getragen von dieser Ruhe, von diesem gleichmütigen Singsang. Mein Kopf war ruhig, mein Geist, die restliche Anspannung, die selbst nach dem Chai-Latte noch da gewesen war, war dahin. Ich war so ruhig wie seit Tagen nicht mehr.

Ich versuchte, diesen Zustand festzuhalten, und es gelang mir erstaunlich gut. Ich genoss das Abendessen mit den Frauen am Tisch, das Nashornbaby im Tierpark Hellabrunn war mal wieder Thema und verrückte Reisegeschichten der alten Dame. Außerdem die Wiesn, die seit Samstag lief. Und Johanna und ich trugen uns für den nächsten Tag in die Infrarot-Kabine ein.

Alles ganz gut im Griff.

Sonntagmorgen gab es sogar Croissants und süßes Gebäck zum Frühstück! Ich war wirklich im Himmel hier – was das Essen betrifft zumindest. Außer mir war nur die alte Dame am Tisch, sie war gestern mit der „Isarcard“ durch München getingelt und erzählte mir von ihren Erlebnissen. Es war eigentlich ganz unterhaltsam, was sie so erzählte, ich erzählte ein bisschen von einem Ausflug gestern. Schließlich fragte sie mich über halb München aus – ich war eine der wenigen Münchnerinnen hier in der Klinik und so wurde ich manchmal regelrecht zum Reiseführer. Was muss man gesehen haben? Wie kommt man da hin? Was kostet das? Lohnt sich das? Insbesondere die alte Dame, die keinen Internetzugang hatte, machte mich manchmal beinahe wahnsinnig. So hatte ich ihr extra die Eintrittspreise der Erdinger Therme rausgesucht, nur um mir dann eine Viertelstunde lang anhören zu müssen, wie unverschämt teuer die wären. Da diskutierte ich lieber mit ihr über das Baby-Nashorn, das sie im Tierpark Hellabrunn zu besuchen gedachte.

Nach dem Frühstück setzten Tina und ich uns ins Atrium. Ich las, sie surfte im Internet, bis es Zeit für das Mittagessen war. Meine Eltern kamen gegen zwei Uhr vorbei. Nachdem ich ihnen die Klinik gezeigt hatte und sie alles für schön und viel angenehmer als in der Psychiatrie befunden hatten, fuhren wir in das Städtchen. Wie beim ersten Mal war es wunderschön, ein sehr sonniger Tag, und nachdem wir ein wenig herumspaziert waren, gab es noch ein großes Stück Kuchen in einem kleinen Café am Fluss. Es war wirklich schön, dass sie extra hergekommen waren, um mich zu besuchen, als sie abends dann wieder fuhren, war ich allerdings auch wieder sehr froh um meine Ruhe. Ich malte noch ein wenig in meinem Malbuch, die beste Beschäftigung, um meinen Kopf wieder zur Ruhe zu bringen und etwas zu sortieren, damit war der Tag auch beendet.

Montag war unspektakulär, die Kunsttherapie begann recht schnell, mir auf die Nerven zu gehen. Heute sollte ich meinen „Seelengarten“ malen. Zum einen fand ich das Thema dämlich, ich wollte mich lieber einfach mit den Farben austoben, zum anderen waren in der Gruppe hauptsächlich ältere Damen, die nur bemüht waren, mit feinen Kreiden und Stiften schön zu malen. Ich hatte im Skikurs in der ersten Klasse schon diejenigen nicht leiden können, die immer schön, aber eben auch schön langsam gefahren waren, anstatt mal etwas schneller und dafür eventuell einen Sturz in Kauf zu nehmen. Ich fühlte mich in dieser Gruppe völlig fehl am Platz. Ich kleckste mit einem großen Pinsel und plakativen Acrylfarben auf meinem großen Blatt umher, während der Rest der Gruppe fein säuberlich mit verwischbaren Kreiden kleinste Details ausarbeitete. Am Abend bekam ich Besuch von zu Hause 🙂 und gönnte mir gutes Schnitzel in einem putzigen, kleinen Biergarten im Nachbardorf. Die Gegend hier war wirklich wunderschön. Alles in allem hatte ich mich wahnsinnig schnell eingelebt. Ich war mit meinen Therapien ziemlich beschäftigt, meine Freizeit verbrachte ich hauptsächlich mit Johanna und Tina, aber die beiden reichten mir völlig, es wäre mir nach wie vor viel zu anstrengend gewesen, weitere Bekanntschaften zu vertiefen oder mich gar abends in der Cafeteria zu einer Gruppe zu gesellen. Außerdem war ich meistens froh um die Ruhe auf meinem Zimmer. Teils saß ich sogar mit Ohropax auf meinem Balkon, weil es von der Cafeteria-Terrasse zu laut nach oben schallte. Davon abgesehen ging es mir sehr gut. Die Depression war wie verflogen. Hin und wieder kam die Angst. Nervig zwar, aber nicht mehr der Rede wert. Ich hatte das alles ganz gut im Griff, fand ich.

Kopf gegen Berg II

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Am Freitagabend war ich quasi direkt nach dem Abendessen total erledigt ins Bett gefallen. Nun war Samstagmorgen, ich freute mich auf den Ausflug in die Berge – ich sah sie zwar auch von unserem Balkon aus, aber das war nicht das Gleiche – und fühlte mich wieder den Umständen entsprechend fit, für die Herausforderung gewappnet.

Ich war auch beinahe pünktlich bei Hanni angekommen. Wir waren zu dritt im Auto, das war gut. Ich saß hinten und konnte ein bisschen entspannen, was nach der beinahe einstündigen Autofahrt auch bereits sehr dringend notwendig war. Dummerweise hatte ich meine Ohropax vergessen. Am Berg selbst hielt ich mich ziemlich zurück. Ich kannte nicht alle, die dabei waren, ich war nicht scharf darauf, zu reden, ich wollte einfach in den Bergen sein und wandern. Das Geburtstagskind blieb die meiste Zeit in meiner Nähe, dafür war ich ziemlich dankbar. Der erste Teil des Weges war ein Forstweg, nach einiger Zeit aber  verwandelte er sich in einen schmalen Pfad. Das war anstrengend für mich, und ich fiel ans Ende der Gruppe zurück. Hanni und eine andere Freundin passten sich meinem Tempo an. Schließlich gab es eine Pause, die Wandergruppe musste schließlich fotografisch festgehalten werden, was mir die Gelegenheit gab, durch zu schnaufen. Man konnte den Gipfel bereits sehen, es lag vielleicht noch eine Stunde Weg vor uns. Bis zur Hütte war es nur noch eine halbe Stunde. Aber ich wollte ganz hoch, und bisher war ich zwar körperlich etwas angestrengt, aber meine Konzentration war noch gut, und der Weg wurde wieder breiter und ebener. Wir wanderten also gemütlich über einen breiten Weg auf das Plateau, auf dem sich die Hütte befand, ratschten, es war angenehm. Nach einer kurzen Pause nahmen wir dann das letzte Stück in Angriff. Der Pfad wurde immer schmaler, bis sich nur mehr ein Steig durch die Felsen wand. Ich fiel immer weiter zurück. Es wurde steiler und anstrengender, aber vor allem wurde der Weg immer unebener und ich musste immer besser aufpassen, wo und wie ich meine Schritte setzte. Ich brauchte immer wieder kurze Pausen. Schließlich waren wir an den Kraxelstellen, die teils auch etwas ausgesetzt waren, angekommen. Eine wunderschön Route, genau wie ich es eigentlich mag – nicht nur langweiliges Wandern, sondern ein bisschen Action. Ein paar Bergfexe aus der Gruppe waren regelrecht wie Gemsen über die Felsen gehüpft und schon lange oben. Ich brauchte länger. Ich musste vor jedem Schritt, den ich setzte, zweimal den Untergrund checken, ob er stabil genug war, oder ein Stein nicht doch wackelte. Sonst sah ich das auf den ersten Blick. Mit jedem Schritt nahm meine Konzentration rapide ab. Hanni und Sophie waren immer noch bei mir, eine ging vor mir, eine hinterher. Sie schafften es, das ganz zufällig aussehen zu lassen und ich war gottfroh drum, dass sie bei mir blieben. Normalerweise, das wusste ich aus Erfahrung, wären die beiden schon lange oben gewesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren auch wir, die Nachhut, oben angekommen. Ich war völlig k.o., meine Beine zitterten, mein Kopf brauchte eine Pause. Aber ich war glücklich. Ich war oben, ich hatte es geschafft und es die Kraxelei hatte mir trotz allem Spaß gemacht.

Die anderen hatten bereits den ganzen Gipfel beschlagnahmt, wir machten eine lange Pause mit Brotzeit und Gipfelgeburtstagskuchen, bevor wir den Rückweg antraten. Es ging über die gleiche Strecke zurück, und ich war heilfroh, dass die gefährlichen Stellen gleich am Anfang zu überwinden waren. Die Pause oben hatte nicht ausgereicht, um meine Konzentration wieder halbwegs herzustellen. Ich brauchte ewig bis zu der Hütte – mit Sicherheit doppelt so lange wie angegeben, und brauchte dort auch ziemlich lange, bis ich zumindest wieder soweit war, den Gesprächen der anderen zuzuhören. Nach etwa zwei Stunden brachen die anderen auf zum Abstieg und ich marschierte ein kurzes Stück auf einem breiten Forstweg zur Gondel und fuhr ab. Unten angekommen war ich froh, erstmal alleine zu sein und Ruhe zu haben. Ich saß beinahe zwei Stunden einfach auf einer Bank in der Sonne und beobachtete die Umgebung um mich herum, und tat nichts, bis Hanni endlich mit dem Auto kam, um mich aufzusammeln. In München aßen wir noch gemeinsam zu Abend, für das Klinikabendessen wäre ich bereits zu spät, und dann machte ich mich auf den Heimweg. Nach etwa einer Viertelstunde Fahrt bekam ich leichte Angstzustände. Stechen in der Brust. Mein Atem verkrampfte. Ich hatte diese Symptome mittlerweile wirklich satt, ich war nur noch genervt davon. Ich fuhr einfach nur Auto, nicht einmal schnell, es kaum Verkehr, es gab mal wieder überhaupt keinen Grund dafür. Jetzt erst recht, dachte ich mir, und begann aus Protest lauthals im Radio mitzusingen. Und siehe da: Solange ich sang, waren die Angstsymptome verschwunden. In dem Buch, das ich gerade las, „Anti-Stress-Yoga“ von Anna Trökes, hatte die Autorin erklärt, dass man mit Singen – da ging es allerdings eher um die yogischen Mantras – sein Unterbewusstsein austricksen könne. Wenn jemand singt, kann keine Gefahr bestehen. Also kann er auch keine Angst haben. Funktioniert bei mir wunderbar! Ich habe meine Angst einfach ausgetrickst. 2:0 für mich!

Hilfe, ich bin in der U-Bahn!

Die nächsten beiden Tage waren nicht mehr ganz so anstrengend. Zwischen meinen Therapien las und schrieb ich viel, saß viel Zeit im Atrium (der Raum mit den Puzzles) und machte lange Spaziergänge mit Johanna. Abends um neun war ich in der Regel bereits eingeschlafen. An diesem Wochenende würde ich nicht nach Hause fahren. Die Ruhe hier tat mir gut und am Samstag wollte ich außerdem in die Berge. Hanni, eine gute Freundin, feierte Geburtstag – auf der Kampenwand. Nach langem Hin und Her hatte ich mich entschieden, mitzukommen. Ich würde selbst nach München fahren, ab dort würde ich dann bei Hanni mitfahren. Die Wanderung nach oben würde ich mitnehmen, das wären ca. 600 Höhenmeter, mit etwas Kraxelei zum Schluss. Abfahren würde ich jedoch mit der Gondel. Notfalls könnte ich bereits vor dem Gipfel aussetzen, da sich auf Höhe der Gondelbahn die Hütte befand, zu der die Gruppe dann später auch wieder absteigen würde. Plan A, B und C standen also, ich war flexibel.

Das hieß allerdings auch, dass ich meine Bergschuhe vorher aus meiner Wohnung holen müsste. Aus München. Also schloss ich mich Johanna und ihren beiden Zimmergenossinnen an, die am Freitagnachmittag mit dem Zug nach München zum Einkaufen fahren wollten. Ich würde dann eben mit der U-Bahn weiter in meine Wohnung fahren, die Schuhe holen, um dann die anderen wieder am Bahnhof zu treffen. Erst im Zug fiel mir auf, was ich da tat. Ich fuhr Zug. Und ich war seit Monaten nicht mehr U-Bahn gefahren. Das mochte ich noch nie besonders gern, ich fuhr lieber oberirdisch, da sah man wenigstens etwas von der Stadt. Aber ich hatte es ja zuletzt noch nicht einmal mehr mit dem Radl in der Stadt ausgehalten. Geschweige denn in der S-Bahn. Und jetzt musste ich U-Bahn fahren…

Die Zugfahrt ging erstaunlich gut, ich war von den anderen Mädels abgelenkt. Aber die stiegen in Pasing aus. Und von dort aus musste ich allein und dann noch dazu mit der U-Bahn bis zu meiner Wohnung gelangen. Meine neuen Angststörungen waren mir noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie von vornherein vermied; sie überraschten mich immer wieder. Ich überlegte kurz, ob ich irgendwie anders, mit dem Taxi oder mit dem Bus fahren könnte. Aber nein. Ich sollte nicht vermeiden und außerdem, schalt ich mich selbst, mich nicht so anstellen. Was sollte denn schon passieren? Die paar Stationen würde ich wohl aushalten. Und dann hatte ich sowieso einen schönen, beinahe einstündigen Spaziergang durch den Englischen Garten vor mir. Bis zum Hauptbahnhof war dann auch alles in Ordnung. Die Fahrt mit der U-Bahn zum Sendlinger Tor und das Umsteigen waren auch noch okay. Aber ich spürte schon, wie ich zusehends angespannter wurde. Als sich am Marienplatz meine U-Bahn dann füllte, war die Panik da. Mein Magen und mein Kreislauf spielten verrückt, ich zitterte innerlich, als ob ich starken Schüttelfrost hätte, mir wurde kalt und heiß gleichzeitig. Aber ich ließ die Stange nicht los. Ich starrte auf den Boden der U-Bahn, versuchte zu ignorieren, dass die U-Bahn immer noch voller wurde und bemühte mich, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und den Boden aufmerksam, oder besser achtsam, zu betrachten. Dieser grau-schwarze Boden in den U-Bahnen ist allerdings wirklich keine Schönheit. Es klappte so halbwegs. Ich riss mich zusammen und widerstand dem Fluchtimpuls, stieg nicht vorher aus, sondern hielt bis zu meiner geplanten Endstation durch. Aber dann rannte ich beinahe aus dem U-Bahnhof. Suchte die nächste Toilette, trank meine halbe Flasche leer, aß beinahe meine komplette „Notfallschokolade“ und versuchte, mich wieder zu sammeln und verließ den U-Bahnhof. Oben, mitten an der Münchner Freiheit, einem Verkehrsknotenpunkt der Münchener Innenstadt, war es nie leise. Aber jetzt war der Lärm geradezu ohrenbetäubend für mich. Ich stopfte mir meine Ohropax in die Ohren. Das war etwas besser, aber noch lange nicht gut. Ich musste hier weg. Das war alles zu viel, zu laut. So schnell ich konnte bewegte ich mich in Richtung Englischer Garten. Doch selbst hier, am Kleinhesseloher See, war es noch so laut, dass ich es kaum aushielt. Ich wäre meinem dröhnenden Kopf am liebsten davon gelaufen. Dass das nicht funktionierte, wusste ich aber mittlerweile. Daher bemühte ich mich, den Lärm zu ignorieren und ging, beinahe laufend, weiter. Erst als ich im grundsätzlich deutlich ruhigeren Nordteil des Gartens angekommen war, wurde es langsam besser. Ich ging bewusst langsamer, die Ohropax blieben drin. Schließlich wurde es esser, die Bewegung tat gut (irgendwie musste ich diesen Fluchtinstinkt ja beruhigen) und ich fand einen schönen, ruhigen Platz an der Isar in der Sonne und blieb dort eine halbe Stunde sitzen. Ich beobachtete – mal wieder – die Enten. Wie die Sonne im Fluss glitzerte. Die Möwen umherflogen und die Bäume sich leicht im Wind bewegten. Schließlich nahm ich auch die Ohropax raus. Es passte wieder alles, ich hatte mich beruhigt. In meiner Wohnung packte ich meine Bergschuhe ein, goss meine Orchidee, die meine Abwesenheit bislang ganz gut überlebt hatte, hörte Musik (nirgends in der Klinik gab es Musik und auch kein W-Lan auf dem Zimmer, das fehlte mir sehr) und genoss es ganz einfach, in meiner Wohnung zu sein. Schließlich musste ich wieder los. Erst mit dem Bus, dann mit der U-Bahn, dann am Hauptbahnhof in den Zug steigen, in den die anderen dann in Pasing zusteigen würden. Ich ging also zum Bus, stieg in die U-Bahn um. Nach mehreren Stationen in der U-Bahn fiel mir plötzlich auf, dass ich U-Bahn fuhr. Irgendwie hatte ich das total vergessen, war ganz automatisch wie immer aus dem Bus aus- und in die U-Bahn eingestiegen, ohne mir einen Kopf zu machen. Und es blieb auch so. Keine Angst. Keine Panik, nicht einmal eine leichte Anspannung verspürte ich. Das war doch verrückt! Aber ich war froh drum.

 

Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Der Mittwoch würde mein erster „voller“ Tag sein: Walken bzw. Laufen, Angstgruppe, Kunsttherapie.

Die Frühstückszeiten kollidierten leider ungünstig mit der Walkingzeit: Frühstück gab es nur bis viertel vor neun, das hieß also, man sollte vorher frühstücken, wenn man nicht riskieren wollte, nichts mehr zu erwischen.

Um acht sammelten sich dann alle Patienten, die am Walking teilnehmen mussten/wollten in dem Nebenraum des Foyers, wo sich die schwarzen Bretter und der Wasserspender befanden. Es waren um die zwanzig. Eine Physiotherapeutin hakte unsere Namen auf einer Liste ab, ich folgte Johanna nach draußen und sie lief direkt los. Müssen wir denn nicht auf die Therapeutin warten?, fragte ich einigermaßen verwirrt. In der Psychiatrie war sehr stark darauf geachtet worden, dass kein Patient außer Sichtweite war. Nein, antwortete mir Johanna. Manche würden uns auf der Runde entgegen gehen, andere hakten sogar einfach nur ab.

Es war schön, wieder mit Johanna zu laufen, ich hatte das wirklich vermisst. Danach dehnten wir uns noch ein wenig, wie wir das in der Psychiatrie unter Anleitung der Therapeutin immer gemacht hatten und trennten uns. Ich holte meine Morgenration Tabletten an der MZ und ging in mein Zimmer, um mich fertig zu machen. Um 9.20 Uhr begann die Angstgruppe. Ich wollte nicht gleich bei der ersten Stunde zu spät kommen.

Die Runde war etwas kleiner als tags zuvor die der Burnout-Gruppe, die Atmosphäre war nicht nur angenehm, sondern richtig herzlich. Auch hier stellten sich wieder alle vor und sagten, wie es ihnen jeweils ging. Anstatt zu sagen, was sie sich heute Gutes tun würden, fügten sie an, ob sie ein Thema für die Gruppe hätten. Da waren Gabi, eine rundliche Fünfzigerin, mit einem unglaublich herzigen Lachen. Chris, 27, Typ Gangsta, wegen Agoraphobie hier. Tabea, eine sehr taff wirkende 23-Jährige, die definitiv nicht auf den Mund gefallen war. Ebenso Agoraphobie. Martín, Burnout und Angststörungen. Ich. Tina, die Zimmernachbarin von Johanna, Agoraphobie und Julia, eine junge Frau Anfang dreißig, hier wegen posttraumatischer Belastungsstörungen. Sie hatte für heute ein Thema. Geleitet wurde die Gruppe von meiner Therapeutin und einer zweiten Therapeutin der Station II. Wie meine Therapeutin war sie Anfang 30, hübsch und hatte eine sehr angenehme, lebenslustige, manchmal auch selbstironische Art, auch sie stellte sich vor. Anschließend wurden die Gruppenregeln erläutert. Die Wichtigste: Alles bleibt in diesem Raum. What happens in Angstgruppe, stays in Angstgruppe.

Ich stellte sehr schnell fest, dass diese Gruppe sehr viel anders als die Burnoutgruppe war. Es fehlte der Beamer, der Stuhlkreis war geschlossen. Es ging nicht um irgendein Skript, sondern um uns. Jeder konnte jedes Thema einbringen, erfuhr ich. Ich habe kein Thema, sagte ich, und erntete dafür einen leicht kritischen Blick meiner Therapeutin. Ich habe so etwas noch nie gemacht, ich würde es mir gerne erst einmal ansehen, verteidigte ich mich. Außerdem hatte schließlich Julia ein Thema. Es war eine Familienskulptur. Die Therapeutin erklärte Martín und mir kurz, dass Julia uns nun entsprechend einer Schlüsselsituation in ihrer Kindheit „aufstellen“ würde: Jeder von uns würde eine Rolle übernehmen, wie Vater, Mutter oder Geschwister. Dann würde uns Julia entsprechend dem damaligen Beziehungsverhältnis im Raum aufstellen – zum Beispiel einen übermächtigen Vater auf den Stuhl, oder eine Person, die Desinteresse zeigte, mit dem Rücken zur anderen gewandt. Dann würde zusätzlich jeder einen Satz zugeteilt bekommen, der spezifisch für diesen Menschen und diesen Zeitpunkt in Julias Leben war. Wir würden diesen Satz dann, in der Skulptur stehend, laut in einer bestimmten Reihenfolge sagen und dies dreimal wiederholen. Danach würde Julia selbst Teil der Skulptur werden, um tief in die ausgewählte Szene einzutauchen. Dann hatte sie die Möglichkeit, sich selbst, also ihre Figur innerhalb der Skulptur neu auszurichten und sich einen neuen Satz für sich selbst zu suchen, so dass sie in der Situation gestärkt wurde. Dann würden wir wieder alle unsere Sätze aufsagen, und Julia könnte so erfahren, dass sie diese Situation selbst verändern und für sich leichter machen konnte. Und ihr damit das Schlimmste nehmen.

Aja. Ich konnte mir nicht so wirklich vorstellen, was nun passieren würde und wie denn bitte schön durch das Aufstellen von anderen Leuten sich eine Situation verändern sollte, die Jahre her war. Aber gut. Ich musste mich darauf einlassen, deshalb war ich hier.

Julia war sichtlich nervös und hatte Angst, es schien sie arge Überwindung zu kosten. Nach und nach stellte sie uns auf. Es war eine Trennungsszene. Ich war die kleine Schwester, stand neben der großen Schwester und blickte auf den abweisenden Rücken der Mutter. Nur Julia und die Therapeutin sprachen, wir anderen standen still und stumm auf unseren Positionen. Schließlich hatte jeder einen Satz zugewiesen bekommen. Wir würden nun, jeder nacheinander, dreimal diesen Satz sagen, genau so betont wie von Julia vorgegeben. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, was mein Satz war, ich weiß aber noch sehr genau, dass ich mich dabei auf einmal sehr verloren fühlte. Die Emotionen, die sich durch das laute Aufsagen der Sätze, durch die Wiederholungen und ganz einfach auch durch die Positionen, die wir im Raum einnahmen entwickelten, waren enorm. Das Ganze hatte überhaupt nichts mit mir und meinem Leben zu tun, ich bin noch nicht einmal ein Trennungskind. Trotzdem fühlte ich plötzlich wirklich wie die kleine Schwester in dieser Skulptur. Julia stand mittlerweile selbst in der Skulptur, war völlig aufgelöst und weinte. Sie konnte kaum noch ihren Satz sagen.

Sie tat mir so unendlich leid, es war so schwer, sie so zu sehen; dabei kannte ich sie erst seit einer halben Stunde. Ich war auch eine große Schwester. Ich konnte ihr so gut nachfühlen. Aber ich durfte mich aber nicht aus meiner Position herausbewegen. Die Therapeutin reichte ihr schließlich die Box mit den Taschentüchern und ich bemerkte, dass auch die anderen zu kämpfen begannen. Alle aber bemühten sich sehr, ihre Rolle beizubehalten. Es war wirklich unwahrscheinlich, welch intensive Emotionen plötzlich in dem kleinen Konferenzraum herrschten, in dem vor nur zwanzig Minuten noch fast jeder gesagt hatte, dass es ihm gut ging und dass er ruhig war.

Dann aber durfte Julia ihre eigene Position verändern und sich einen neuen Satz geben. Und plötzlich veränderte sich das ganze Gefüge. Julias Stimme wurde mit dem neuen Satz kräftiger, sie fing sich und hörte auf zu schluchzen. Noch dreimal wiederholten wir alle unseren Satz und mit jedem Mal schien Julia zu wachsen. Schließlich lösten wir uns aus der Skulptur und gaben Julia unmittelbar  Feedback: Wie es für uns auf unseren Positionen gewesen war und wie wir sie wahrgenommen hatten.

Am Ende der Stunde war ich komplett verwirrt. Auch die anderen hatten berichtet, dass es schwer für sie gewesen war. Aber keinen hatte diese Skulptur anscheinend so sehr mitgenommen wie mich. Ich hatte Julia so sehr nachfühlen können. Gut,  es war mein erstes Mal gewesen. Und gut, ich hatte in den letzten Monaten schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ich mich kaum noch von den Emotionen anderer abgrenzen konnte. Aber schließlich fiel mir ein weiterer, möglicher Zusammenhang auf, über den ich bisher keine Sekunde nachgedacht hatte. Nach der plötzlichen Erkrankung meines Vaters hatte ich mich ähnlich gefühlt wie Julia in der Skulptur, die sie eben aufgestellt hatte. In einem völlig anderen Ausmaß und in einer völlig anderen Situation. Aber im Grund genommen ganz genauso wie Julia damals.

Diese erste Angstgruppenstunde war extrem anstrengend für mich gewesen, ich hatte einen verdammt vollen Kopf mit vielen neuen Gedanken. Ich verzog mich auf mein Zimmer, setzte mich in einen der Liegestühle auf dem Balkon in die Sonne und hing meinen Gedanken nach, versuchte, sie zu sortieren, schrieb einiges auf. Nach dem Mittagessen, um 13 Uhr, war meine erste Kunsttherapie.

Auch hier stellten sich wieder alle vor, auch hier sagte jeder, wie es ihm gerade ging. Auf dem Tisch vor uns hatte die Kunsttherapeutin, die genauso war, wie man sich eine Kunsttherapeutin so vorstellt, zahlreiche Papierschnipsel ausgebreitet; es waren Zeitungsauschnitte mit Sprüchen drauf. Wir sollten uns einen aussuchen, der uns ansprach. Ich war wie immer fasziniert davon, wie jeder innerhalb von wenigen Augenblicken einen Spruch für sich fand, ohne groß Nachdenken zu müssen und ohne, dass es Streitigkeiten gab. Ich entschied mich für „Everyday Amazing“. Jeden Tag wunderbar. Heute aus Protest. Ich wollte wieder zurück zu meinem alten „Everyday Amazing“.

Die Therapeutin hievte mehrere Stapel Zeitschriften auf den Tisch. Wir sollten eine Collage anfertigen, die zu unserem Schnipsel passte. Ich blätterte in den Zeitschriften, fand einige gute Headlines, die ich ausschnitt. Fand einige Gesichter in Illustrierten, mit denen ich in der Vergangenheit zusammen gearbeitet hatte. Und spürte, wie mir immer, je länger ich herumblättert, mir mehr und mehr die Luft wegblieb, ich schließlich Herzstechen bekam, mein Kreislauf beinahe wegsackte. Verdammt. Ich war mittlerweile vor allen Dingen genervt von diesen Anfällen, wusste ich ja, dass mir keinerlei Gefahr drohte, lediglich meine Psyche wieder Spielchen spielte. Natürlich hätte ich einfach die Therapeutin informieren und die Therapie verlassen n. Aber der Gedanke kam mir gar nicht erst, das fiel mir tatsächlich erst jetzt ein, als ich nun diesen Text schreibe. Ich atmete stattdessen tief ein und aus, beendete, was ich gerade getan hatte – nämlich die Zeitungen durchzublättern – legte sie alle beiseite, so dass ich sie nicht mehr sah und stand auf, versuchte, etwas Abstand zum Auslöser zu gewinnen. Langsam und bedacht holte ich mir Papier und Kleber, setzte mich wieder und begann, meine Ausschnitte aufzukleben, die Collage zu erstellen. Es legte sich wieder. Als ich weitere Ausschnitte suchte, nahm ich bewusst nur Zeitschriften in die Hand, die mir in der Arbeit nie untergekommen waren. Die NEON zum Beispiel und das sz-magazin. Das ging viel besser. Und ich fand meine Collage am Ende richtig gut! Mit einem Elefanten in der Mitte. Hinterher mussten wir der Therapeutin noch unsere Bilder erklären, obschon sie sowieso alle ziemlich selbsterklärend waren. Damit war die Therapie nach zwei Stunden, um drei, endlich vorbei.

What a day. Ich war froh, endlich Zeit für mich zu haben. Mein Kopf war voll von neuen Gedanken und alten Überlegungen. Für den Abend hatte ich mich mit Johanna für die Infrarot-Kabine eingetragen. Das würde, abgesehen vom Essen, der einzige weitere Programmpunkt heute sein. Ich brauchte die Zeit und die Ruhe, um meinen Kopf wieder zu sortieren. Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Das ist nur Kunstfell!