Buchtipp: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Und einmal mehr Tote. Aber immerhin erst in der Mitte des Buches. Auch wenn es das eigentlich ganz zentrale Thema des Romans von Joachim Meyerhoff ist, tritt es nicht stark hervor. Man liest fast ein bisschen drüber – genauso wie die Hauptfigur weiterlebt, und nicht genau hinsehen will.

Die Hauptfigur, ein Ich-Erzähler, 17 Jahre alt, aufgewachsen auf einem Psychiatriegelände als Sohn des Direktors der Klinik, bricht auf, er lässt die norddeutsche Provinz hinter sich und tauscht sie für ein Austauschjahr gegen die amerikanische ein. Sachlich, reflektiert manchmal ironisch, trocken, sehr oft sehr witzig und trotzdem zwischen den Zeilen sehr behutsam berichtet er über dieses Jahr.

Das Buch ist das erste in einem mehrteiligen Zyklus von Meyerhoff. Es ist auf seine nüchterne Art sehr fesselnd und nimmt einen mit in die Weiten Wyomings und die enge der norddeutschen Kleinstadt, in „The German“s Leben und lässt gleichzeitig die eigene Jugend, den eigenen Aufbruch, wieder aufleben. War das nicht die aufregendste Zeit?

Ein unterhaltsames Buch, das sich leicht und abwechslungsreich liest ohne dabei auch nur im Mindesten seicht zu werden: Unbedingt Lesen!

 

 

Geburtstagsbesuch

Auch am Tag nach meinem Geburtstag war meine Stimmung ausgesprochen gut. Der kleine Schock, den mir das Aufeinandertreffen mit Jeanette am Vortag bereitet hatte, war der Erleichterung gewichen, dass sie also nicht in meinem Zimmer war. Und die Klinik hier war definitiv groß genug, um ihr aus dem Weg gehen zu können.

Das morgendliche Laufen war schön, die Angstgruppe war wie immer angenehm (meine Therapeutin war im Urlaub, da ersparte ich mir sogar den vorwurfsvollen Blick, wenn ich behauptete, kein Thema zu haben). Beim Mittagessen dann erzählte Julia am Tisch, dass sie nun auch ihren Entlasstermin genannt bekommen hatte. Sie war eine gute Woche nach mir gekommen, also Mitte September, und würde Anfang November die Klinik wieder verlassen. Die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich angekommen war, wusste bereits seit einiger Zeit, dass sie exakt sechs Wochen in der Klinik bleiben würde. Das war die Standardzeit, die offenbar von den Krankenkassen jedem Patienten zugestanden wurde. Ich war nun schon in der vierten Woche hier und hatte immer noch kein Datum genannt bekommen. Das war unüblich. Sicher, ich war aus der Psychiatrie überwiesen worden, vielleicht wurde da generell der Aufenthalt länger genehmigt, dennoch ging diese Thematik nicht ganz spurlos an mir vorüber. Alle, wirklich alle, hatten bereits ein Entlassdatum genannt bekommen. Auch Johanna. In der Regel waren es eben die sechs Wochen, bei schwereren Fällen auch mal etwas länger. Die Patienten, die wegen posttraumatischen Belastungsstörungen da waren, bildeten die große Ausnahme – sie verbrachten teils ein halbes Jahr am Stück in der Klinik. Aber selbst die wussten, wie lange sie hier waren. Nur ich nicht. Ich versuchte, den Gedanken, dass ich ein derart schwerer Fall sei, dass man bei mir noch gar keine Dauer absehen konnte, zu verscheuchen. Ich war genaugenommen auch sehr froh darum, dass ich noch keinen Entlasstermin hatte. Mir ging es zwar seit ich hier war stimmungsmäßig ziemlich gut, was Erschöpfung und Energie aber betraf, hatte ich kaum Fortschritte gemacht. Egal. Vergiss es, konzentriere dich auf dich, das passt schon alles so.

Die Kunsttherapie machte mir mittlerweile richtig Spaß. Die Zusammensetzung der Gruppe hatte sich ein wenig verändert und damit waren auch die Damen, die so schön malten, mittlerweile in der Unterzahl. Die Themen waren zwar nicht besonders viel besser geworden, aber ich fand immer wieder neue Malfarben oder Bastelutensilien im Therapieraum. Ich tobte mich aus.

Am Nachmittag bauten wir endlich mal wieder die Slackline auf, um das sonnige Wetter noch zu genießen und abends, nach dem Abendessen, bekam ich Geburtstagsbesuch. Marlene und Hanni kamen extra den weiten Weg aus München und hatten sogar einen selbstgebackenen Kuchen dabei. Wir setzten uns in die Cafeteria – heute war es entweder weniger laut als sonst oder ich war ein bisschen stabiler als sonst – und ratschten. Sie brachten ein bisschen Normalität mit in meine Klinik-Käseglocke. Ließen mich am Leben draußen teilhaben und vor allem hatten mir die beiden schon über die ganzen Monate hinweg nie auch nur einen kurzen Moment das Gefühl gegeben, dass ich mich irgendwie verändert hätte oder irgendetwas anders sei. Nicht einmal, als sie mich in der Psychiatrie besuchten. Dann war die Franzi eben jetzt in der Psychiatrie. Na und?

Auch der Tag nach meinem Geburtstag war ein sehr schöner Tag gewesen. Mir ging es richtig gut. Ich hoffte inständig, dass die gute Stimmung weiter anhalten würde.

Was ist Stress eigentlich?

Nachdem wir in der Burnout-Gruppe beim letzten Mal die Warnsignale und das Stressniveau durchgegangen waren, beschäftigten wir uns diesmal mit der Frage, was Stress eigentlich ist.

Da gibt es auch eine Reihe von schwerverständlichen Definitionen, die Teil unseres Skripts waren. Die Kernaussagen: Stress entsteht, wenn wir das Gefühl haben, eine unangenehme Situation nicht bewältigen zu können. Wir bewerten Stress ausgehend von unseren bisherigen Lebenserfahrungen individuell. Daher kann einen Menschen etwas stressen, was für andere geradezu entspannend ist. Die folgende körperliche Reaktion ist komplex und wirkt sich auf den ganzen Körper aus. Stress ist dabei nicht per se schlecht: Wenn wir Stress haben, sind wir in Alarmbereitschaft, wir mobilisieren alle Kräfte und können so Höchstleistungen erreichen. Was bei der Flucht vor dem Säbelzahntiger ja auch mehr als notwendig war.

Die Stress- oder Angstkurve nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz

Gefährlich wird es nur, wenn Stress chronisch wird, wenn das vegetative Nervensystem gar nicht mehr oder nicht lange genug in den Entspannungsmodus wechselt. Der Neandertaler war bis dahin vermutlich einfach schon tot. Dem Säbelzahntiger zum Opfer gefallen. Bei uns heute führt die dauernde Belastung zu schwerwiegenden Folgeschäden und unter Umständen bis zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall oder eben psychischen Erkrankungen – also alle die Symptome, die man auch gerne gesammelt „Burnout“ nennt: depressive Episoden, Angststörungen, Somatisierungstörungen, ein chronisches Müdigkeits-/Erschöpfungssyndrom, Schmerzstörungen und Suchten/Abhängigkeiten (nach Zaudig, 2009).

 

It’s your birthday!

Meinen 28. Geburtstag hatte ich mir definitiv anders vorgestellt. Als Kind dachte ich, mit 28 bin ich alt, habe eine Familie und ein Haus. Später, als Teenager, dachte ich immer noch, dass 28 ein gutes Alter wäre, um zu heiraten. Alles knapp daneben.

Ich wollte meinen Geburtstag ignorieren. Das hatte ich noch nie gemacht. Aber in diesem Jahr hatte ich wirklich keinen Grund, zu feiern. Ich hatte also keinen Besuch eingeladen, meine Schwester zog an dem Tag nach Berlin um, damit war meine Familie sowieso vollauf beschäftigt. Und in der Klinik wusste außer Johanna niemand, dass ich Geburtstag hatte. Ideale Voraussetzungen eigentlich.

Beim Frühstück war ich noch etwas muffelig, draußen strahlte aber schon die Herbstsonne vom strahlend blauen Himmel und der Wind fegte kräftig durch die Bäume. Der perfekte Herbsttag. Mein Lieblingswetter (außer Schnee vielleicht).

Johanna erwischte mich noch am Frühstückstisch und gratulierte mir, was aber – gottseidank – keiner mitbekam. Sie zog mich in ihr Zimmer, um mir ein Geschenk zu geben. Einer dieser runden neuen „In“-Labellos, exakt der, den ich mir ein paar Tage zuvor selbst nicht gönnen wollte. Meine Laune war dann schon etwas besser. Ich hatte erst um elf Wassergymnastik, also noch fast zwei Stunden frei. Ich beschloss also, zur Pferdekoppel ein paar hundert Meter weiter zu gehen. Ich war noch nicht mal da, als mein Handy klingelte. Meine Oma war dran. Sie hatte extra für mich wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Handynummer gewählt. So lang! Dreimal hab ich absetzen müssen, so lang ist deine Nummer, sagte sie. Ich beobachtete eine Zeit lang die Pferde und genoss Sonne und Wind, als plötzlich etwas Türkisfarbenes an mir vorbeiflog. Ein Eisvogel! Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Eisvogel gesehen! Wie sie aussahen, wusste ich nur von einem Puzzle, dass ich als Kind hatte. Bei der Wassergymnastik, die meist eher mäßig spaßig und vor allem kalt war, entbrannte dann gegen Ende – und ich war nicht unschuldig daran – ein wildes Toben im Wasser. Wie kleine Kinder bolzten wir einen Wasserball mit den Nudeln kreuz und quer durch das Becken. Wir hatten eine Riesengaudi. Lachend und wirklich gut gelaunt erfuhr ich dann in meinem Zimmer, dass die Rezeption angerufen hatte. Ich solle bitte dringend das riesige Paket abholen, das für mich gekommen sei. Ich war etwas verwundert ob des „riesigen“ Paketes. Ich hatte nichts bestellt und meine Eltern waren bislang eher für kleine, dafür bis zum letzten Winkel gefüllte Pakete bekannt.

Als ich dann unten stand, traute ich meinen Augen nicht. Die Rezeptionistin drückte mir ein kleines Paket in die Hand – Blumen und ein kleiner Geburtstagskuchen. Das zweite Paket aber war wirklich riesig. Es nahm die Hälfte der Rezeption ein. Höher als der Schreibtisch, an dem die Empfangsdame saß, bestimmt je einen Meter breit und tief. Ich fragte dreimal nach, ob sie sich sicher sei, ob das für mich wäre? Ja, war es. Ich wollte ihr tragen helfen, fragte mich schon, wie ich das Paket nun in den dritten Stock brächte, aber zu meiner Verwirrung nahm sie das immense Paket an einem der schwarzen Paketbänder und hob es mit einer Hand hoch. Was zum Teufel war denn da bitte drin?? Wer hatte mir das geschickt?

Immerhin letzteres Rätsel war durch den Auftraggeber rasch gelöst. Meine Kollegen. Ich bugsierte also das Paket nach oben in den dritten Stock. Auf halbem Weg begann es eine Rockversion von „Happy Birthday“ zu singen. Ich war noch verwirrter. Vorsichtig stelle ich das Paket auf den Boden. Überall waren Aufkleber angebracht, die davor warnten, dass Paket mit einem Teppichmesser zu öffnen. Vorsichtig öffnete ich es. Und ein riesiger „Happy Birthday“-Gasluftballon, wie man sie von Jahrmärkten kennt, stieg auf. Tap to play – und los ging es wieder mit einem mitreißend-rockigem „It’s your birthday!“. Ich freute mich riesig. Wie Schnitzel. Ein mega Gute-Laune-Geschenk! Ganz, ganz genau perfekt das Richtige für mich und heute!

Ich rief Johanna an, sie müsse sofort hochkommen, konnte es dann aber nicht erwarten und lief ihr mit dem singenden Ballon an der Hand durch die Klinik entgegen und schließlich schleppte ich ihn auch direkt mit in die nächste Gruppe. Die anderen sollten schließlich auch ihren Spaß damit haben! Der Tag war sowas von gerettet. War ich trotz Geburtstag vorher auch schon gut drauf und gelöst gewesen, war ich jetzt in Hochstimmung. Nicht einmal die Tatsache, dass mir vor dem Abendessen Jeanette, meine furchtbare Zimmernachbarin aus der Psychiatrie, über den Weg lief, konnte mir etwas anhaben. Und diesmal hielt sie – auch dank der vielen, vielen Anrufe und SMS – zwei Tage an. Das Leben war wunderschön!

Chile

Vergangene Woche war ein Erdbeben in Chile, nachts. Es war relativ heftig, es gab sogar Tote. „Y la gente se levanta y va a trabajar si nada hubiera sido“, sagte ein Chilene einer chilenischen Tageszeitung. Und am nächsten Tag stehen die Leute auf und gehen arbeiten, als wenn nichts gewesen wäre.

Die meiste Zeit während meiner Weltenbummelei habe ich in Südamerika verbracht, in Chile habe ich ein halbes Jahr gewohnt. Und war manchmal entgeistert, wie wenig vorausschauend dort gearbeitet, gedacht und gelernt wird. Das mag jahrhundertealte Ursprünge haben, vielleicht, weil es in den weitesten Teilen Südamerikas keinen Winter gibt, wie wir ihn kennen, und die Südamerikaner entsprechend nie vorausplanen mussten. Vielleicht ist es der deutlich intensivere Glaube, der die Menschen dort trägt, oder vielleicht schlichtweg eine Art Fatalismus – das nächste Erdbeben kommt so oder so, also lass uns jetzt keinen Kopf drüber machen. Ich weiß es nicht. Davon mögen wir alle hier entgeistert sein. Und dennoch:

Südamerika sprüht vor Lebensfreude. Ich glaube: Nicht trotz, sondern gerade deshalb.

Die meisten Menschen dort haben sich die Gabe bewahrt, im Hier und Jetzt zu leben. Nach ökonomischen Maßstäben zu urteilen, geht es den meisten Menschen dort schlechter als uns Europäern. Sie haben von allem weniger. Aber: Sie leben viel mehr im Hier und Jetzt als wir. Denken nicht andauernd Morgen. Morgen könnte das nächste Erdbeben sein und alles zerstören. Oder aber: morgen ist genauso gut oder sogar noch besser als heute. Aber selbst das wäre kein Grund, heute nicht zu genießen, zu geben, zu feiern.

Zitat

„Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst, wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremde, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“

Joachim Meyerhoff, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, S. 348

Gut ist kein Gefühl!

Heute war Wiesn-Tag! Aber davor war noch Laufen und die Angstgruppe.

Freitags hatten wir immer eine kurze Angstgruppe, nur eine gute Stunde. Heute war auch nur eine Therapeutin da, die andere war krank. (Jaja, die Wiesn!) Für große Themen oder Aufstellungen war die Stunde meistens zu kurz, insbesondere, wenn wir, wie heute, jemand Neues dazubekamen und deshalb eine lange Vorstellungsrunde hatten und die Gruppenregeln erklärt wurden, oder jemand aus der Gruppe verabschiedet wurde.

Pünktlich zum Schulanfang stieß eine Lehrerin zu uns. Wir stellten uns also ausführlich vor. Niemand hatte ein Thema vorzubringen, den meisten ging es „gut“ – was die Therapeutin zu einem Thema veranlassteDenn: gut und schlecht sind keine Gefühle! Also durften wir alle nochmal ran. Puh, gar nicht so einfach! Wie spezifiziert man „gut“ denn? Aus einem grauen Leitz-Ordner fischte sie Arbeitsblätter heraus, die sie an uns verteilte. Darauf war ein großer Kreisel zu sehen, auf den von Freude über Trauer, Angst und Wut das komplette Spektrum der Gefühle aufgelistet war. Wir sollten uns den Kreisel ein wenig ansehen, dann durften wir nochmal. Jeder sollte also nun genau in sich hineinhorchen. Welche Gefühle trafen gerade auf uns zu?

Ich war definitiv gerade im Bereich Freude angesiedelt. Also erstmal Freude. Aber dazu eher Heiterkeit? Oder Übermut? Oder Glück, Begeisterung, Zufriedenheit, Stolz, Lust, Selbstvertrauen, Freundlichkeit, Engagiertheit, Verliebtheit, Leidenschaft, Gelassenheit, Dankbarkeit, Vertrauen, Zuneigung, Rührung, Erleichterung, Zärtlichkeit, Nähe oder doch Vertrautheit?

„Mir es geht gut“ war doch viel zu einfach für diese Gruppe, gut und schlecht wurden mit diesem Vortrag in diesem Gruppenraum zu verbotenen Worten. Wir sollten schließlich auch lernen, unsere Gefühle genauer auszudifferenzieren.

Volle Punktzahl

Heute war Donnerstag: Wassergymnastik um elf. Burnout-Gruppe um eins. Endlich das erste Mal Pilates.  Danach noch Einzeltherapie. Aber die Sonne schien und heute war ein guter Tag.

Pünktlich um eins fanden wir uns wieder im Gruppenraum der Station V ein. In der letzten Stunde hatten wir das Skript beendet, heute würden wir mit iner neuen Therapeutin von vorne anfangen. Es gab also erneut eine ausführliche Vorstellungsrunde. Ich würde heute noch ins Pilates gehen, das war meine gute Tat für mich an diesem Tag. Kuchen und Essen allgemein standen bei den anderen Teilnehmern nach wie vor sehr hoch im Kurs.

Wir begannen im Skript mit dem „Bericht einer Betroffenen“. Den erspare ich euch, ihr lest ja gerade einen. Und so immens wich der Text auch gar nicht von meiner Geschichte und der der anderen in der Runde ab. Und ja: Burnout ist ein Prozess, der bei allen Betroffenen in Phasen verläuft: Enthusiasmus – Überforderung – Frustration – Apathie – Verzweiflung und Erschöpfung. Bei genauerer Betrachtung der letzten beiden Jahre kann ich diese Phasen sehr exakt auseinander dividieren. Teilweise auf den Tag genau.

Die nächste Folie bestand aus genau einem Satz: „In dem Prozess, der dem Burn-Out vorausgeht, gibt es individuelle Warnsignale, die aber meist so lange ignoriert werden, bis es zum Zusammenbruch kommt!“

Das wusste ich. Das war mir schon seit einiger Zeit sehr klar. Ich hatte viele dieser Anzeichen übersehen. Vor allem einfach aus Unwissenheit. Ich merkte schon, dass irgendetwas anders war, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber ich wusste einfach nicht was. Und genau das triggerte die Spirale noch weiter. Hatte ich vielleicht eine Herzmuskelentzündung? Was stimmte mit meiner Hüfte nicht, wann würde ich endlich wieder vernünftig gehen können? Selbst nach meinem Kreislaufzusammenbruch im Büro kam ich selbst keine Sekunde auf die Idee, ich könnte ein Burnout haben. Nach einem sehr ruhigen, langen Wochenende hatte ich keine Anzeichen von Unwohlsein mehr gespürt, also war ich ja wohl wieder fit! Also konnte ich in die Arbeit gehen. Ich war schließlich nicht krank!

Im Skript befand sich eine lange Checkliste mit Warnsignalen. Drei DIN A4-Seiten. 39 einzelne Warnsignale, unterteilt in körperliche (18), kognitive (5), emotionale (5), motivationale (4) und Warnsignale im Verhalten (7). Unter anderem: Herzstiche, Atembeklemmungen, Zittern, Zähneknirschen, Schlafstörungen und Albträume, Schwindel, Verdauungsbeschwerden, Vermehrte Infekte, Konzentrationsstörungen, Leere im Kopf, Tagträume, Nervosität, Versagensängste, Wut bei kleinen Anlässen, Resignation, sexuelle Inappetenz, Zynismus, Aggressivität, nicht zuhören können, Veränderungen im Essverhalten, Konsum von Alkohol/Medikamenten, Vernachlässigung privater Kontakte.

Wir sollten diese Checkliste durchgehen und festhalten, wie stark wir die einzelnen Warnsignale bei ihrer jeweils stärksten Ausprägung verspürt hatten und zwei, einen oder eben auch null Punkte verteilen. Ab elf Punkten war die Ampel „gelb“:man war bereits dabei, in ein Burnout-Syndrom abzurutschen und sollte den Teufelskreis unterbrechen. Ab 21 Punkten war man „schwer belastet durch seelischen Stress und seine gesundheitlichen Folgen“, mittendrin in der Abwärtsspirale, von der bereits bei der Depression die Rede war: „Holen Sie sich professionelle Hilfe“.

Ich hatte über 60 Punkte.

Über 60.

Beim zweiten Durchsehen fiel mir auf, dass ich bei „Muskelverspannungen“ 0 angegeben hatte. Dabei waren meine Hüftschmerzen eine einzige Muskelverspannung gewesen. Keinen Schritt mehr weiter. Ich notierte also die 2.

Ich war schockiert. Mir war schon klar gewesen, dass ich einige Warnsignale ignoriert hatte. Aber so viele?! Sie nun so aufgelistet zu sehen, schwarz auf weiß vor Augen zu haben, war heftig. Was ich alles hingenommen hatte, bevor ich mich endlich um mich selbst kümmerte. Wie konnte man sich selbst so etwas antun?

Alle in der Runde waren recht deutlich über den 21 Punkten. Ich hatte den zweifelhaften ersten Platz gewonnen, gefolgt von dem 35-Jährigen. Die Punktezahl schien mit dem Alter abzunehmen. Mein haushoher Sieg bestätigte nun auch ein wenig meine These, die sich mehr und mehr verfestigte: Ich hatte mich viel, viel tiefer in das ganze Schlamassel hineinmanövriert, als die meisten hier in der Gruppe.

Ich hatte mir eingeredet, dass ich „stärker“ war als die anderen und es daher einfach mehr gebraucht hatte, um mich umzuhauen. Das war natürlich die einfachere Art, damit umzugehen. Da war ich zwar immer noch ein Opfer, aber irgendwie ein starkes. Aber ich wusste schon, genaugenommen war ich die Dumme. Ganz egal wie viel Energie und Kraft  – wer sich selbst nicht helfen kann, kann auch keinem anderen helfen. Ich sollte also mal ganz, ganz leise sein und mir von den anderen etwas abschauen. Wie man seine Grenzen erkennt und verteidigt zum Beispiel.

Pilates im Anschluss war übrigens sehr gut 🙂

 

Wiesn

Wiesn! Und die Sonne schien heute! Ich war aufgeregt. Und freute mich wie ein kleines Kind. Wie damals, wenn unsere Eltern mit meiner Schwester und mir an einem Sonntagvormittag auf die Wiesn gegangen waren.  Damals trug man kaum Tracht. Wir sowieso nicht, die hätte bei den wilden Fahrten mit der Wildwasserbahn, “Rund um den Tegernsee“ und später der Olympia-Achterbahn ja nur gestört.

Ich hatte mein Dirndl bereits am Wochenende mitgebracht. Ich hatte mich für das Schwarz-rote entschieden. Nicht für die farbenfrohen blauen, grünen und lilafarbenen Dirndl, die noch in meinem Schrank hingen Und zwar ohne auch nur kurz zu überlegen. So ganz konnten sämtliche Psychopharmaka meine Stimmung also doch nicht übertünchen. Ich war aufgeregt. Ich flocht meine Haare am Kopf entlang. Schminkte mich mit großer Sorgfalt. Überlegte hin und her, ob ich schon zum Mittagessen im Dirndl kommen sollte – ich hatte  etwas Angst, dass mich meine Therapeutin so sehen würde, ich hatte ihr vorsichtshalber mal lieber nichts von diesem Ausflug erzählt (was sie nicht wusste, konnte sie mir schließlich nicht verbieten). Und entschied mich dann dafür. Sonst würde es hinterher knapp werden. Ich war mittlerweile so aufgeregt wie verdammt lange nicht mehr – zum einen, weil ich mich freute, zum anderen weil ich Angst hatte, dass die ganze Aktion doch nach hinten losgehen könnte. Es würde laut werden. Es würden sehr viele Leute sein. Ich musste mit dem Zug hinfahren. Aber ich hätte meine Schwester dabei. Und Johanna. Und ich musste einfach auf die Wiesn. Zumindest einmal drüberlaufen.

Schließlich war ich fertig, schluckte vorsichtshalber noch ein paar der homöopathischen, beruhigenden Kügelchen meiner Mutter, die ich für Notfälle immer noch bei mir hatte und ging zum Mittagessen. Ich war so nervös und aufgeregt, dass ich überhaupt nichts hinunter hinunter  brachte. Ich zwang mich, zumindest eine halbe Portion zu essen. Ein paar nicht-bayrische Patienten waren ganz begeistert von Johannas und meinem Dirndl, aber ich hörte ihnen gar nicht zu. Ich war so aufgeregt, ich musste endlich auf den Weg kommen. Es war ein wenig wie Lampenfieber. Ich wusste, es würde sich legen, wenn ich erstmal im Auto sitzen würde. Allerspätestens, wenn wir endlich an der Theresienwiese wären.

Johanna fuhr uns zum nahen S-Bahnhof, dort stiegen wir in den Zug und ich wurde langsam ruhiger. Mein Magen beruhigte sich halbwegs und die hektische Fahrigkeit meiner Bewegungen nahm langsam ab. Wir waren auf dem Weg zur Wiesn! Im Dirndl! Ich hatte ein wenig Angst gehabt, dass das enge Mieder mir so sehr die Luft abschnüren würde, dass ich Panik bekäme. Aber das war überhaupt kein Problem. Am Hauptbahnhof trafen wir uns mit meiner Schwester, liefen in Richtung Theresienwiese, wo  vor dem Haupteingang Johannas Freund, Tobias, wartete. Alle vier waren wir richtig fesch aufgemaschelt für unseren nachmittäglichen Wiesnspaziergang -die Sonne schien, noch war es ruhig, alles war perfekt. Ich sog die Luft ein, und konnte gar nicht genug sehen von dem prächtigen Brauereigespann, den großen Zelten, den bunten Fahrgeschäften, die über unseren Köpfen kreisten und schließlich die Bavaria am anderen Ende. Wir leisteten uns im Biergarten der Fischer Vroni einen Fisch und eine Maß Bier bzw. Spezi, ich konnte gar nicht glauben, dass ich wirklich da war. Dass ich es genießen konnte, hier zu sitzen, mit netten Leuten, in der Sonne, im Biergarten der Fischer Vroni auf dem Oktoberfest. Nach dem wir auch den letzten Bissen des sündteuren Fischs von den Gräten abgefieselt hatten und die Massen leer waren, gingen wir los. Ich wollte Johanna unbedingt die alte Münchener Rutsche zeigen und damit fahren. Bei den Wiesn-Ausflügen mit unseren Eltern früher war die Toboggan immer fester Bestandteil gewesen. Wir spazierten also einmal bis zum Ende der Zelt-Straße, und bogen dann vor dem Weinzelt nach links ab, bis ganz zum Ende. Wie immer standen davor viele Menschen, jedes Fahrgeschäft spielte eine andere Musik. Die Musik fand ich sehr anstrengend, aber mit der Menschenmenge hatte ich überhaupt kein Problem. Ich war einfach glücklich, dabei zu sein. Wir kauften also jeder ein Ticket, fuhren nacheinander mit dem rasanten Förderband auf die erste Plattform und stiegen dann die immer enger werdende Holzwendeltreppe nach oben. Dort oben liegt einem die Wiesn zu Füßen. Auf dem ältesten Fahrgeschäft, auf dem alten, bunt angemalten Holzturm stehend, steht man beinahe Aug‘ in Aug‘ mit der Bavaria und thront über allem. Sicher, es gibt höhere Fahrgeschäfte. Aber hier hat man den schönsten Ausblick. Ich sog alles in mich ein, als wäre ich nicht zum zwanzigsten, sondern zum allerersten Mal dort oben. Ich fühlte mich wie das kleine Mädchen, das ich war, als ich zum ersten Mal hier oben stand. Ich war in diesem Moment das kleine Mädchen. Ich erlebte diesen ganzen Wiesnbesuch so intensiv, so unmittelbar wie keinen zuvor. Es war ein eigenartiges Gefühl, ich wusste es nicht so recht zu deuten. Aber es war schön.

Der Anschieber riss mich aus meinem kurzen Tagtraum. Los, auf geht’s! Sonst kommt keiner mehr hoch! Er richtete mir den alten Teppich hin, half mir, mich richtig darauf zu platzieren und schob. Gar nicht beschaulich, sondern ziemlich rasant führt einen die alte Münchener Rutsch spiralförmig zurück auf den Boden der Tatsachen, in den Trubel. Es war so schön! Johanna genoss den Tag ebenso. Meine Schwester und Tobias, so war zumindest mein Eindruck, hatten ebenso Spaß an diesem entspannten Ausflug. Wir schlenderten weiter, ich kaufte gebrannte Mandeln, für die Rückfahrt, wir fuhren Kettenkarussell. Die Sonne stand nach wie vor hoch am strahlend blauen Himmel, es war Freitagnachmittag. Wie erwartet füllte sich die Festwiese mehr und mehr, bis es schließlich ziemlich voll war. Die ständig wechselnde Musik der Fahrgeschäfte war nicht mehr nur nervig, sondern nervtötend. Ich wollte gehen. Bis hierher war es schön gewesen, aber nun konnte ich nicht mehr. Johanna reichte es auch, also machten wir uns auf den Rückweg. Aber um zurück zur S-Bahn zu kommen, mussten wir noch einmal über die komplette Theresienwiese gehen. Mein Zustand verschlechterte sich rapide. Schließlich hakte ich mich bei meiner Schwester unter, hielt mich regelrecht an ihr fest. Sie bemerkte meinen festen Griff und legte den Arm um mich. Langsam stieg Angst in mir hoch. Ich war so froh, dass sie da war. Ich wusste, sie würde mich halten. Ich ging schneller, meine Schritte wurden zittriger, die Knie schwächer. Ich bemühte mich, im Hier zu bleiben. Nicht abzudriften. Kein Grund zur Panik, redete ich mir selbst zu. Wir sind auf dem Heimweg, ich bin nicht allein, es wird nichts passieren. Schließlich waren wir endlich raus. Es wurde ruhiger, wenn auch nicht gerade ruhig. Schließlich waren wir an der Hackerbrücke. Der S-Bahnhof war voll, aber im Vergleich zur Theresienwiese gerade zu entspannt. Es war eine Wohltat. Auch ich wurde wieder ruhiger. Wir verabschiedeten uns von meiner Schwester und Tobias, unsere S-Bahn fuhr ein, wir stiegen ein. Oh, war das schön, meinte Johanna. Ja, war es. Aber ich bin jetzt auch total k.o. Aber das war es wert, setzte ich nach.

Wir waren zum Abendessen wieder zurück. Nach   exakt fünf Minuten war ich fertig. Ich schmierte mir zwei Brote, aß sie schweigend und verzog mich auf mein Zimmer. Es war mir gerade viel, viel, viel zu laut im Speisesaal. Auch für Volleyball war ich heute nicht zu haben. Ich saß im halbdunklen Zimmer, nur die kleine Leuchte an unserem Tisch war an, ich hatte immer noch die Ohropax im Ohr und malte in meinem Malbuch. In meinem Kopf drehte sich kein Tornado, keine Gedanken wühlten mich auf. Ich war glücklich und zufrieden, ich war auf der Wiesn gewesen und es war alles gut gegangen. Aber mein Kopf war übervoll. Eineinhalb Stunden auf der Wiesen boten mehr als genug Reize, um ihn für eine Woche an den Rand seines derzeitigen Fassungsvermögens zu bringen. Aber das war es definitiv wert gewesen!