Der Wecker klingelt, Snooze-Taste, Snooze-Taste, ein letztes Mal Snooze-Taste, während der letzten abgetrotzten fünf Minuten läuft im Kopf schon die To-Do-Liste des kommenden Tages. Was mache ich zuerst? Was kann ich schieben? Brauche ich wirklich 15 Minuten für das Frühstück? Weiterlesen
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#goodpeoplearound
Und ich scheitere in der ersten Wochen beinahe schon an meinem Vorsatz… Aber ich finde, der hier hat es definitiv auf die Liste der #goodpeoplearound geschafft. Tirol, sibirischer Wintereinbruch, vier Mädels und ein Diesel… der über Nacht sulzig wurde und sämtlich Alarm-Kontroll-Lämpchen anwarf.
Die Versicherung mit dem Auslandsservice gab unseren Auftrag an einen Kfz-Mechaniker in Innsbruck weiter. Wir waren definitiv kein Härtefall, wir saßen in der warmen Wohnung, ein zweites Auto (Benziner…) stand fahrbereit draußen – aber für die Heimfahrt am nächsten Tag war der Diesel eben doch zwingend nötig. Wir vereinbarten am Samstagmorgen – es standen noch etliche andere Aufträge und echte Notfälle auf der To-Do-Liste des Mechanikers – dass wir uns nach unserem Skitag um fünf wieder melden wollten. Dann würde er vorbeikommen. Um fünf hatte er schließlich noch neun Aufträge offen. Um halb neun meldete er sich – er war schon auf dem Weg zu uns gewesen, aber ein Unfall am Zirler Berg hatte ihn wieder weggerufen. Er käme danach sofort. Um Mitternacht erreichten wir ihn endlich. Der arme Mann hatte von morgens um acht bis Mitternacht durchgearbeitet, war bei -12°C den ganzen Tag draußen gewesen, am Wochenende – und war immer noch unglaublich freundlich und hilfsbereit!
Am nächsten Tag um zwölf war er dann bei uns. Rechtzeitig für die Rückfahrt, perfektes Timing – und immer noch gut gelaunt, freundlich und fröhlich. Hut ab. Unseren Tag hat er gerettet, das Auto lief wieder wie eine Eins und trotz der kurzen Nacht und der vielen Arbeit war er immer noch gut gelaunt. Sehr beeindruckend. Mein persönlicher Held der letzten Woche. There are a lot of #goodpeoplearound.
Wir sind auf der guten Seite!
Immer wieder hat 2016 Anlass gegeben, an der Menschheit zu verzweifeln. Dafür muss ich keine Schlagworte nennen, denke ich. Und immer wieder gab es auch in den letzten Monaten noch Tage, da war ich einfach depressiv. Das ist dann halt so. Und wenn meine ganz private Verzweiflung an der Menschheit mit einer universellen, politisch-historischen Verzweiflung einhergeht – nicht gut. Dann bleibt einfach nur noch: die Welt ist schlecht. Aber sowas von. Was will ich hier eigentlich noch?
Aber, als es mal wieder soweit war, fiel mein Blick zufällig auf das kleine Holz-Herz auf meinem Schreibtisch. Vor Jahren hat es mir ein alter Mann in einem Bus geschenkt, einfach so. Er hatte es selbst geschnitzt, ein alter Chilene. Und dann fällt mir ein, dass mein Schicki-Handgepäckskoffer vor ein paar Monaten eineinhalb Stunden mutterseelenallein unbeschadet am Harburger S-Bahnhof überlebt hat. Mit meinem Laptop drin. Und meiner Kamera. Und nur zwei Stunden später, ich war ziemlich neben der Spur und fertig mit der Welt, rette ein Hamburger Falafelladenbesitzer erneut meinen Tag. Zehn Minuten, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob ich bei ihm auch mit Karte zahlen konnte, stellte ich mich, nachdem ich in seinem Kiosk gegessen und getrunken hatte, an seine Kasse und wollte mit Karte zahlen. Dass er mir vorhin erklärt hatte, dass das nicht ginge – habe ich nicht registriert. Und er? Er schaute mich kurz ungläubig an. Statt in die Luft zu gehen und zu toben nahm er mich einfach an der Hand, ging mit mir in den Kiosk nebenan, rief seinem Kiosk-Nachbarn irgendetwas zu – und als wäre es das normalste der Welt zahlte ich meinen Falafel in der Postfiliale. Er nahm nicht mal ein Trinkgeld an. Passiert eben mal.
Mein Vorsatz für 2017: Diese kleinen Geschichten aufschreiben und sammeln. Falls 2017 wieder so zum verzweifeln wird. Macht ihr mit? #goodpeoplearound
Du und ich, und sonst noch ein paar Leute – wir sind auf der guten Seite!
Sportfreunde Stiller
Heute
Ein gutes Jahr ist das nun her.
Heute, im Dezember 2016, arbeite ich nicht mehr in München. Wohne nicht mehr in München. Habe keine eigene Wohnung mehr. Ich habe nicht einmal mehr die gleiche Handynummer – das allerdings zufällig.
Mein ganzes Leben hat sich verändert, ich habe die Gelegenheit genutzt, noch einmal von vorn anzufangen. Ich habe meine Spielfigur tatsächlich wieder auf Los gesetzt.
Buchtipp: So was von da
von Tino Hanekamp.
„So was von da“ komprimiert den ganzen Wahnsinn des Lebens auf 24 Stunden.
Es ist Silvester, die letzte Nacht des Clubs, es soll eine rauschende Party werden. Und es wird eine rauschende Party. Man folgt Oskar Wrobel, der allen Umständen trotzend seine To-Do-Listen abarbeitet, hinein in ein überschäumendes, atemloses Leben: beängstigend, begeisternd, überfordernd, unmittelbar. In vierundzwanzig Stunden nimmt Wrobel die Welt auseinander, während seine Welt auseinander genommen wird. Er analysiert große Themen wie Familie und Freundschaft, beschreibt, wie jeder für sich allein und trotzdem doch gemeinsam kämpft. Er beschreibt ein Leben ohne doppelten Boden, ohne Versicherungen und Sicherheit – mit dem Effekt, dass ich mir beim Lesen nichts sehnlicheres Wünsche, als ganz genau so unmittelbar im Leben zu stehen, so was von da eben, – und gleichzeitig mehr als heilfroh bin, einen dicken, doppelten Boden zu haben.
Diese unmittelbare, fordernde Erzählung führt Hanekamp auch sprachlich weiter. Er bringt Marc Aurel, Baudelaire, Songtexte und To-Do-Listen zusammen und spielt die visuellen Möglichkeiten der Schrift aus. Absoluter Lesetipp!
Abschied.
Heute geht es endlich nach Hause. Die Anspannung und Nervosität der letzten Tage ist verschwunden. Ich freue mich nur noch. Den Großteil meiner Sachen habe ich bereits im Auto, der letzte Computertest, das letzte Blutdruckmessen und Wiegen liegen schon seit gestern hinter mir.
Die Sonne scheint wieder, sehe ich, als ich aufwache, der Himmel ist strahlend blau, der Nebel hat sich bereits verzogen. Meine beiden Mitbewohnerinnen sind bereits unterwegs. Ich stehe auf, ziehe mich an und beginne, die letzten Dinge zusammenzupacken. Die Kleidung von gestern und den Schlafanzug. Bademantel und Badeanzug. Meinen Laptop, meine Bücher, meinen Fotoapparat. Meine Schuhe und Jacken, die Yogamatte. Ich schnappe mir so viel ich tragen kann und bringe es zum Auto. Es hat über Nacht gefroren. Ich bin mir nicht sicher, ob es das erste Mal ist – jedenfalls ist es das erste Mal, dass es mir in diesem Jahr aufgefallen ist. Als ich in die Klinik kam, hatte es dreißig Grad, ich hatte Jeansshorts, ein dünnes T-Shirt und Flip-Flops an. Heute habe ich meine Winterschuhe, Jeans, einen Pulli, eine Daunenweste und einen Schal an. Es hat vier Grad.
Danach gehe ich ein letztes Mal frühstücken. Obwohl die Auswahl wirklich groß ist, habe ich schon lange keine große Lust mehr auf das Bircher-Müsli, eine der drei verschiedenen Semmel-Arten, die es jeden Tag gibt, oder den frischaufgetauten Obstsalat. Zum Abschied gibt es Joghurt mit Müsli und ein Glas Multivitaminsaft. An meinem Tisch sitzen schon oder noch Monika und Sabine. Und ein kleines Geschenk liegt auf meinem Platz, ein kleiner Engel-Anhänger, eine Praline und ein kleines Kärtchen, auf das „Zeig dem Leben, was in dir steckt“ geschrieben wurde. Es ist von Monika. Wir hatten wirklich wenig miteinander zu tun, abseits der Mahlzeiten haben wir uns nur hin und wieder im Kunst-Freizeitbereich getroffen. Ich freue mich sehr. Das hatte ich nicht erwartet.
Es ist wirklich komisch, nun zu gehen. All die vielen, so verschiedenen Menschen nun zu verabschieden, wissend, den Großteil davon nie mehr wiederzusehen. Ich habe vieles, sehr vieles auch von ihnen mitgenommen. Jeder trägt seine eigene Lebensgeschichte, die hier leider oft sehr traurig sind. Aber, und das ist das Faszinierende, gerade die, die, wie ich finde, es am schlimmsten getroffen hat, zeigen die größte Stärke im Umgang. Ich verabschiedete mich von den beiden und ging vor zur Medizinischen Zentrale. Dort bekam ich eine doppelte Tagesration Tabletten für den Entlass- und den darauffolgenden Tag sowie die Medikamente wieder, die ich mitgebracht hatte.
Oben hieß es dann, die letzten Reste zu packen. Der Abschied von meinen beiden Zimmerkolleginnen war traurig. Ich hatte die beiden wirklich lieb gewonnen. Ich hoffe, sie irgendwann einmal wiederzusehen – um hoffentlich zu hören, dass es ihnen gut ergangen ist. Manche Patienten basteln zu ihrem Abschied, ich habe auch schon hin und wieder ein, zwei Pralinchen mit guten Wünschen erhalten. Ich hatte mich dagegen entschieden. Richtig eng war ich nur mit Johanna gewesen und viele der Menschen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, habe ich „überlebt“. Für die zwei aus meinem Zimmer hatte ich „Lindt Goldstückchen“ besorgt. Das passte einfach. Ebenso für unsere Putzfee, die immer gut gelaunt, fröhlich schwatzend ihre Arbeit verrichtete und die so manchen Tag damit aufgehellt hatte. Sie war es auch, die mich noch daran erinnerte, meine Orchidee einzupacken. Ich hatte nicht daran gedacht, dass sie bei den kalten Temperaturen sonst erfrieren würde. Ich hatte so unglaubliche viele Sachen. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, wie zum Teufel die Bahnfahrer unter den Patienten ihre Habseligkeiten wieder nach Hause brachten. Allein schon meine gesammelten Werke aus der Kunsttherapie, die getöpferten und gemalten, würden mich im Zug überfordern. Es war dann doch noch mehr in meinem Zimmer als gedacht und ich geriet schon beinahe in Stress – um 9.15 Uhr hatte ich das Abschlussgespräch, ich wollte mich noch von einigen verabschieden, meine Schlüsselkarte musste ich abgeben, die Empfangsdame erinnerte mich noch daran, die ausgeliehene Isarcard wieder abzugeben (Gottseidank!). Ich war seit dem Frühstück bestimmt zehnmal in den dritten Stock und wieder runter gelaufen, bis ich schließlich alles dort hatte, wo es hinsollte und ich mich endlich auf einen der Stühle im Wartebereich niederlassen und einen Schluck trinken konnte.
Abschlussgespräch. Wie die Zeit dahinrennt. Meine Therapeutin freute sich sehr über ihre Goldstücke – auch hier passte das. Sie überreichte mir noch den letzten Auszahlungsschein und den ersten, kurzen Arztbrief. In der letzten Sitzung hatte sie mich gebeten, mir zu überlegen, was ich aus der Therapie denn mitnehmen werde. Das war eine lange Liste. Ich hatte in den vergangenen Monaten sehr, sehr viel gelernt. Über Psychologie im Allgemeinen, aber ganz besonders über mich. Warum ich so bin, wie ich bin; wie ich dysfunktionale Strukturen und Motive umstrukturieren kann; die BEATE wird mein neues Lieblingsspielzeug; die Bekanntschaft mit der Amygdala war höchst erfreulich. Offenbar war meine Liste im Verhältnis zu anderen Patienten recht lang. Die Gegenüberstellung der Computertests und der Verlauf der DASS-Kurve waren sehr positiv – ich wies kaum noch Merkmale einer Depression oder Angststörung auf – und ich merkte der Therapeutin an, wie sie sich darüber wirklich freute und auch wie stolz sie darüber war. Wir gingen gemeinsam den zweiten, langen und ausführlichen Arztbrief durch, den die weiterbehandelnden Ärzte und Therapeuten erhalten würden. Dann war es vorbei. Nach beinahe zehn Wochen intensiver Zusammenarbeit – neben den zwei Einzelstunden sahen wir uns weitere zweimal pro Woche in der Angstgruppe – trennten sich die Wege. Sie bat mich, mich einmal bei ihr zu melden. Sie würde gerne wissen, wohin mich meine Wege weiterführen würden.
Dann ging ich. Ich verabschiedete mich noch von ein paar liebgewonnen Mitpatienten, die ich auf dem Weg nach draußen traf und füllte meine Wasserflasche ein letztes Mal an den Wasserspendern auf. Als ich die Orchidee holte, begegnete ich noch einmal unserer Putzfrau. Auf Wiedersehen, sagte ich zu ihr. Na hoffentlich nicht!, war ihre Antwort.
Nach beinahe exakt drei Monaten verließ ich die Klinik wieder. Ich setzte mich ins Auto. Startete den Motor, warf dem Klinikgebäude einen letzten Blick zu und verabschiedete mich innerlich von den Schafen, die immer noch auf ihrer Weide standen. Auf Wiedersehen.
Und wieder weinte ich. Ich saß im Auto und weinte. Vor Glück, vor Erleichterung. Vor Freude. Mir ging es wieder gut. Ich durfte nach Hause.
Ich war wieder ich.
Ich wusste wieder, wo ich hingehörte und wer ich war.
Ich war endlich wieder ich.
Abschiedsrunde
Gestern war wieder ein „Pause“-Tag. Ich habe den ganzen Tag, mit Ausnahme von einem kleinen Spaziergang und zwei Stunden Kunsttherapie, lesend im Bett verbracht. Das Buch war gut, meine Laune morgens nicht besonders gut – ich habe immer noch das Gefühl, dass ich diese Tage brauche.
Heute geht der Abschiedsturnus los. Erst zwanzig Minuten lang computergestützt in der Basisdokumentation Fragebögen zum Befinden und einen Feedbackbogen zur Klinik ausfüllen, dann geht es nach München, zum ersten Ersttermin mit einem Psychologen für die ambulante Psychotherapie. Sechs Wochen war ich beinahe auf dieser Warteliste, gefühlt die halbe Stadt habe ich abtelefoniert; jetzt habe ich drei Ersttermine. Einen bei einer Psychologin, die mich aber erst ab Februar betreuen könnte; einen bei einer, die jedoch nur einen Termin dienstags um halb zehn wöchentlich frei hat; und eben dem im MVZ heute, wo ich eigentlich noch gar nichts Genaues weiß. Ich bin gespannt. Ich bin gespannt, ob ich meine Geschichte mittlerweile erzählen kann, ohne dabei zu weinen. Das ist ja nun immerhin das vierte Mal, dass ich sie einem Psychologen / Psychiater / Arzt schildern werde. Mal sehen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wie schnell ich mich für diesen oder jenen Therapeuten entscheiden muss. Das Bauchgefühl ist wichtig, das habe ich gelernt – aber viel mehr kann man ja in einer Sitzung gar nicht feststellen. Mal sehen.
Immerhin, habe ich gerade festgestellt: Meine Augenringe haben wieder ein normales Maß angenommen. Und das, obwohl ich nach wie vor sehr unruhig schlafe – besonders, seit wir eine Schnarcherin im Zimmer haben, die noch dazu gerade erkältet ist. Zwei Tage noch. Ich freue mich so.
Nur Zaungast
Heute, an meinem letzten Kliniksonntag, traf ich mich mit zwei Freunden in München. Wir waren in einer beeindruckenden Fotoausstellung und schlenderten anschließend lange an der Isar entlang.
Ich kenne die beiden seit einigen Jahren. Eigentlich sind es Arbeitskollegen, aber wir haben mehr Zeit beim Sport oder auf Feiern zusammen verbracht als auf gemeinsamen Projekten. Ich hatte sie seit Juni nicht mehr gesehen. Ich freute mich und es war dann wirklich ein schöner Nachmittag – dennoch: Ich fühlte mich irgendwie fremd.
Ich kann gar nicht genau sagen, was es war. Als ob ich alles um mich herum anders wahrnehmen würde als die beiden. Ich brauchte mehr Zeit, um die Fotos, all die Sinneseindrücke zu verarbeiten, die auf mich einstürmten. Als ob ich lange, sehr viel länger als nur diese viereinhalb Monate nicht dagewesen wäre. Ein bisschen wie ein Kind, das von für Erwachsene selbstverständlichen Dinge fasziniert ist. Ich war vorsichtiger, etwas mehr auf der Hut als die anderen beiden. Für mich war das ganze einfach nicht so selbstverständlich. Es war ein vorsichtiges Herantasten an die Normalität. So ganz angekommen war ich da leider noch nicht und ich hatte das Gefühl, nur Zaungast zu sein. Zaungast der Normalität.
Oh wie schön ist langsam!
Video
Nun habe ich selbst in der Angstgruppe alle überlebt. Jetzt wird es wirklich Zeit, zu gehen.
