Zitat

„Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst, wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremde, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“

Joachim Meyerhoff, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, S. 348

Das wütende Kind

Same procedure wie üblich: Nach einem kurzen Frühstück trabten Johanna und ich los. Abwechselnd walkend und joggend setzten wir uns an die Spitze der langen Schlange Morgensportler, die sich aus der Klinik über die umliegende Feldwege ergoss. In gleichmäßigem Tempo brachten wir uns auf den aktuellen Stand, wie wir die Nacht so verbracht hatten – das konnte in der Tat ein langes Thema werden, dank Zimmernachbarn, Albträumen oder nicht wirkenden Tabletten – , teilten unsere Sorgen und Freude und besprachen den anstehenden Tag. Tina würde heute gehen, und Johanna damit zwei neue Zimmernachbarinnen erhalten. Zu spät waren wir auf den Gedanken kommen, dass eine von uns zur anderen ins Zimmer ziehen könnte. Die Verwaltung hatte gestern Vormittag dem Bestreben dann entsprechend ein Ende gesetzt. In meinem Zimmer war nach wie vor ein Bett frei. Mit meiner Zimmergenossin hatte ich zwar Kontakt, aber immerhin kamen wir uns weder tagsüber noch nachts gegenseitig in die Quere. Johannas Freund würde nun definitiv mit auf die Wiesn kommen. Das war seit der vergangenen Woche unser Topthema, natürlich auf meinem Mist gewachsen. Ich konnte nicht ohne Wiesn. Schweren Herzens hatte ich, Ende August erst, alles abgesagt. Noch in der Psychiatrie hatte ich eine Zeitlang gehofft, zumindest an einer Sonntag-Mittags-Wiesn dabei sein zu können. Irgendwann hatte ich mich schließlich geschlagen gegeben. Ein Wiesnzelt würde heuer (=in diesem Jahr) eine Tortur für mich sein. Und wenn ich das sonst noch so liebte. Aber ein Wiesnspaziergang bei schönem Wetter, einer Fahrt auf der alten Münchner Rutsche, der Toboggan, und ein Früchtespieß mussten, mussten, mussten einfach drin sein! Ich plante den Ausflug mit meiner Schwester nun schon seit drei Wochen, und auch Johanna und ihr Freund würden nun mitkommen. Am Freitag nach dem Mittagessen wollten wir los. Vorsichtshalber verschwieg ich diesen Ausflug vor meiner Therapeutin. Was sie nicht wusste, konnte sie nicht absagen. Dass das ein bisschen wahnsinnig war, wusste ich selbst genau genug. Aber ich musste einfach auf die Wiesn. Und wenn es nur eine halbe Stunde war.

Nach dem Joggen – Johanna und ich wurden immer fitter und liefen mittlerweile beinahe die ganze Strecke durch – saß ich um 9.20 Uhr wieder in der Angstgruppe. Tina hatte heute ein Thema, an ihrem letzten Tag, in ihrer letzten Therapiestunde. Nach der Begrüßungsrunde, ich war heute ruhig und entspannt, Tina ganz im Gegensatz zu ihrer sonst sehr coolen Art sehr aufgeregt und nervös, verteilte meine Therapeutin vier Stühle, offensichtlich nach einem System, im Raum. Da ich, mal wieder als Einzige, keinen blassen Schimmer hatte, was vor sich ging, erklärte sie, dass Tina nun eine bestimmte, in diesem Fall ihre aktuelle, Lebenssituation anhand einem Schematherapeutischen Modell (wir waren hier ja in der Schematherapie Angst) selbst analysieren solle. Sie stellte insgesamt fünf Stühle auf. Einer war der „Gesunde Erwachsene“, einer der „Kritiker“, einer die „Schutzmauer“, einer das „wütende Kind“ und der letzte schließlich das „verletzte Kind“. Die beiden letzteren Stühle standen nebeneinander hinter der Schutzmauer, der Kritiker seitlich neben der Schutzmauer und der gesunde Erwachsene über bzw. vor allem. Jeder dieser Stühle sollte also einen der Verhaltensmodi darstellen, in die man, wie dieses Schema eben besagte, je nach Situation, meistens unbewusst, rutschte. Der gesunde Erwachsene ist die Instanz, in der man im besten Fall immer sein sollte, der Idealzustand. Auf dessen Stärkung zielen die meisten Therapien ab. Er ist die Instanz, in der wir bewusst und vernunftgesteuert handeln, unsere Emotionen auf Angemessenheit oder auch Verhältnismäßigkeit prüfen und überlegt reagieren. Ich bin wahrlich keine Psychologie-Koryphäe, aber ich würde sagen, dass dieser gesunde Erwachsene dem Freudschen „Ich“ sehr nahe kommt. Die Schutzmauer war eben eine emotionale Schutzmauer, der Kritiker eben der Kritiker – das „Über-Ich“ oder die ganze Ansammlung an Glaubenssätzen und Grundsätzen, die wir im Laufe der Zeit angesammelt haben und die nun die Anforderungen darstellen, an denen wir uns automatisch und unterbewusst selbst messen. Die beiden Kinder sind im wahrsten Sinne des Wortes Kinder: Das wütende Kind reagiert wütend. Wie ein kleines Kind. Oder eben verletzt, wie ein kleines Kind. Mit Vernunft kommt man ihnen beiden nur schwer bei, wenn sie einmal losgelassen sind. Unserer individuellen Biografie und aktuellen Lebenssituation entsprechend sind die Modi, die ich eben aufgezählt habe, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Tina stand nun also vor diesen Stühlen und sollte selbst entscheiden, welcher Modus in ihr gerade am stärksten ausgeprägt war. Es ging um eine unschöne Trennungssituation. Ich kannte die Geschichte, ich fand ganz eindeutig, dass er der Arsch war. Tina wählte – nicht eines der Kinder. Auch nicht die Schutzmauer, wie wir es wohl alle erwartet hatten. Sondern den Kritiker. Auf diesem Stuhl fühlte sie sich am sichersten, am wohlsten. Sie erklärte uns warum. Die Therapeutin forderte sie nun auf, sich auf den nächsten Stuhl zu setzten und damit in den nächsten Modus zu wechseln. Sie sollte den auswählen, der bei ihr am nächststärksten ausgeprägt war.  Sie erklärte uns wieder warum. Und wie sich das anfühlte. Wie bereits meine allererste Stunde in der Angstgruppe war auch diese sehr intensiv. In erster Linie natürlich für Tina, aber auch für uns andere. Wir alle kannte ihre Situation, sie hatte uns die Geschichte vorher erzählt, so dass wir ihr entsprechend Feedback geben konnten. Und es war teils schmerzhaft zu erkennen, wie weit weg die sonst so taffe und sicher wirkende Tina sich vom gesunden Erwachsenen bewegte. Wie weit weg sie sich auch vom naheliegendsten aller Modi, dem wütenden Kind bewegte. Und zu sehen, wie extrem Tinas heutige Reaktion von Erfahrungen ihrer Grundschulzeit abhing. Die Muster, nach denen wir reagieren, nach denen wir automatisch bei bestimmten Situationen in bestimmte Modi rutschen, bilden sich in der Kindheit. Dort in der Regel als Schutzmechanismen, als Überlebensautomatismus. Diese Schutzmechanismen können aber über die Jahre hinweg eine geradezu gegenteilige Wirkung einnehmen. Sie hemmen uns oder bringen uns sogar schwerwiegende Probleme. Meistens erkennen wir sie nicht einmal, denn wir reagieren automatisch und unterbewusst, daher ist das für uns ganz einfach „normal“ und „richtig“. Diese Automatismen zu erkennen und einzuordnen ist einer der Hauptbestandteile der Therapie. Sehr anstrengend. Und oft sehr schmerzhaft. Die Schachtel Taschentücher war nach der Stunde leer. Tina hatte beinahe alle gebraucht.

In der Psychiatrie

Meine Eltern wollten mich unbedingt gemeinsam in die Klinik bringen. Es zählte nicht mehr, dass ich das nicht wollte, ich wurde überhaupt nicht beachtet. Es wurmte mich, schließlich war ich vielleicht psychisch krank, aber nicht unzurechnungsfähig. Ich hatte die Sachen eingepackt, von denen ich dachte, dass ich sie brauchen würde: Sportklamotten, einige Bücher, iPad, Laptop, Kamera, Bikini, Decke.

Die Fahrt verbrachte ich schweigend. Ich hatte Angst. Ich war nervös. Ich war zittrig. Ich war unsicher.

Die Klinik lag außerhalb des Stadtgebiets, auf einem Gelände, das nach alter Kaserne aussah, mitten im Wald. Das Gebäude selbst sah immer noch sehr nach Truppenunterkunft aus – wenig einladend, aber immerhin gelb gestrichen. Die Umgebung war trostlos. Direkt hinter der Klinik, an den Parkplatz angeschlossen, befand sich eine Festhalle oder vielmehr die Ruine einer ehemaligen Festhalle. Sämtliche Grünflächen und Wiesen waren aufgrund des regenlosen Sommers gelblich verdorrt, die Bäume hatten kaum noch Blätter, es sah aus wie im Herbst. Und trotzdem brannte die Sonne herunter.

Meine Eltern und ich waren schließlich vor dem Eingang angelangt und wollten die Klinik betreten, aber die automatische Tür ging nicht auf. Wir standen einigermaßen verwirrt davor. Drinnen war doch der Empfang besetzt, es herrschte Bewegung? Plötzlich ging die Tür auf. Wir traten ein, eine unspektakuläre, eher kühle, kleine Empfangshalle umfing uns. Der Blick gerade aus führte durch eine verglaste Wand und Terrassentüren in einen trostlosen, halb grau-gelb verdorrten, halb betonierten Innenhof. Die welken Blätter bedeckten auch dort den Boden. Ein paar blaue und rote Eisenstühle standen verloren herum und um einen halbhohen, metallenen Aschenbecher versammelten sich (gefühlt) die anonymen Alkoholiker zur Jahrestagung: ungepflegte Haare und Kleidung, fahle Haut, Menschen, die einen unglaublich fertigen Eindruck machten. Neben dem Empfang ein Schreiben an alle Patienten: Baden in den umliegenden Seen war untersagt. Das einzige, was mir also in den vergangenen Wochen Spaß gemacht hatte, war mir nun verboten. In kleinen Vitrinen waren Flechtkörbe und Seidenmalerei-Werke zum Verkauf ausgestellt. Sie waren von Patienten in der Ergotherapie hergestellt worden, erklärte ein kleines Schild.

In mir zog sich alles zusammen. Ich wäre am liebsten auf und davon. Aber die Tür war ja schon wieder zu. Und die Dame am Empfang ganz nett. Sie benachrichtigen die Station und bat mich, einige Formulare auszufüllen und dann Platz zu nehmen.

Schwester Tanja machte einen bodenständigen, fröhlichen Eindruck. Sie führte uns zum Aufzug. Ich drückte auf den Knopf, nichts passierte. Die Schwester konnte sich ein Lachen nicht verkneifen: „Sie waren noch nie in einer Psychiatrie, oder? Der geht nur mit Schlüssel.“ Ich schluckte. Bis dato war mir eigentlich noch gar nicht so ganz klar gewesen, dass ich nun wirklich in einer Psychiatrie gelandet war. Ich hatte gedacht, dass es vielleicht unterschiedliche Stationen gab, und ich würde auf einer anderen, eben der für Psychotherapie zum Beispiel, untergebracht werden.

Der Aufzug öffnete sich in einen hellen Aufenthaltsraum mit Tischreihen und den dazugehörigen Stühlen. Das ist der Speisesaal, erklärte mir die Schwester. Es gibt keine festen Sitzplätze, jeder setzt sich einfach dahin, wo er mag. Wir gingen einen Gang entlang, der sehr nach Krankenhaus aussah, abgesehen vom Teppichboden vielleicht.

Sie brachte mich in mein Zimmer. Ein Dreibettzimmer, direkt rechts neben der Tür drei kleine, abschließbare Schränke, ein Holzbett geradeaus, mit dem Kopfteil zur Tür, mit dem Fußende an einem der drei Fenster. Das würde meines sein. Vor dem mittleren Fenster stand ein kleiner Tisch mit drei Stühlen, vor dem rechten Fenster war ein weiteres Bett, das genau wie meines an der gegenüberliegenden Wand ausgerichtet war und auf der anderen Seite des Kopfteils war ein drittes Bett. Neben dem dritten Bett ging es in ein kleines, neu wirkendes Bad. Der Duschkopf hing hinter dem Plastikvorhang nur hüfthoch.  Auf der Höhe meines Kopfendes war ein kleiner Fernseher angebracht. Der Boden war im Zimmer war aus dunklem Lynoleum, die Wände weiß, mit je einem bunten Bild über jedem Bett. Auf dem Fensterbrett stand eine lilafarbene Orchidee. Die Schwester verabschiedete sich mit den Worten, jetzt packen Sie kurz aus, ich komme dann in einer Viertelstunde wieder zurück.

In dem Bett mir gegenüber war jemand, in Sportkleidung, etwas älter als ich. Lange braune Haare, sehr sympathisches Gesicht. „Och, mei, schön, dass jemand Junges ins Zimmer kommt“, sagte sie, „ich bin die Johanna.“ Ich grüßte nur kurz zurück. Lugte vorsichtig aus meinem Schneckenhaus heraus. Meine Eltern begannen über meinen Kopf hinweg eifrig eine Konversation mit ihr. Das nervte mich gehörig. Meine Mutter nestelte an meinen Taschen und Sachen herum, die ich auszupacken begann. Lass mich in Ruhe, zischte ich, ich mache das schon. Mein Vater hatte das Gespräch auf die „Anwendungen“ gebracht. Sie erzählte etwas vom Walken, wo sie jetzt hingehen wollte, und vom Qi Gong. Ich fragte sie kurz, ob das Essen gut war. Nein, war es nicht. Ich war wieder still. Sie erzählte weiter, was man hier sonst noch so machen konnte. Tischtennisspielen, und eigentlich auch Billard. Aber das geht gerade nicht, weil ein paar Tage zuvor jemand seine Wut an den Queues ausgelassen hatte. Die waren jetzt kaputt. Ich stoppte kurz in meinen Gedanken. Wo war ich denn hier gelandet? Queues vor Wut zerbrochen. Ich würde mich nur so viel wie nötig aus dem Zimmer herausbewegen und mit anderen Patienten sprechen.

Schließlich kam die Schwester wieder und nahm mich mit in den Stützpunkt, das Stationszimmer. Sie maß meinen Blutdruck, ich musste mich wiegen, und ganz kurz erzählen, warum ich da war. Ja, da sind sie hier schon richtig, sie werden sehen, meinte sie. Ich musste alle meine Medikamente abgeben. Auch die, die mit der aktuellen Erkrankung gar nichts zu tun hatten. Sie sprach weiter, meine Eltern müssten jetzt gehen, da jetzt gerade keine Besuchszeit sei, und die Ärztin würde am frühen Nachmittag zu mir kommen für das Aufnahmegespräch. Bis dahin dürfte ich das Klinikgebäude nicht verlassen.

Meine Eltern gingen also. Ich war froh, als ich sie endlich los war. Ich packte meine restlichen Sachen aus. Dann war es bereits Zeit für das Mittagessen. Der Speisesaal war unglaublich laut. Viel zu laut für mich. Ich setzte mich alleine an einen Tisch und holte mir das Tablett mit dem „A“ für „Aufnahme“. Das Besteck und eine Serviette lagen auf dem Tablett, ein abgepackter Joghurt als Nachspeise stand darauf und ein großer Teller mit verschiedene Fächern, der mit einem Plastikdeckel bedeckt war. Das Essen, Tortellini mit Fleischsoße und Gemüse, war wirklich nur halbwegs essbar. Johanna hatte Recht behalten. Nach dem Essen legte ich mich ins Zimmer. Außer mit Johanna und Schwester Tanja hatte ich mit niemandem ein Wort gewechselt. Als ich zurück ins Zimmer kam, war meine andere Zimmerkollegin da. Eine ältere Frau, graue, schulterlange Haare, nicht unbedingt dick, aber doch kräftig gebaut, in einem weiten, einfarbigen roten T-Shirt und lockeren Hosen. Sie hatte wache Augen und eigentlich sympathische Gesichtszüge, aber fahle Haut und wirkte insgesamt eher traurig und sehr zurückhaltend. Wir grüßten uns nur kurz. Sie hieß Ruth. Ich legte mich ins Bett und starrte den Wald vor meinem Fenster an.

Eine Stunde später kam schließlich die Ärztin zum Aufnahmegespräch. Sie bat mich, ihr zu erzählen, warum ich hier war. Ich erzählte ihr meine ganze Geschichte, ausführlich, von Anfang an. Ich heulte, mitunter brauchte ich ein paar Minuten um mich zu fangen, so dass ich wieder weitersprechen konnte. Dabei schrieb sie auf einem Bogen mit und machte, insbesondere als ich von der Zeit seit meiner Krankschreibung erzählte, an etwas, das wie ein Fragebogen aussah, Häkchen. Danach fragte sie mich alle jene Fragen, die ich in meinem Erzählfluss nicht sowieso schon beantwortet hatte. „Hatten Sie je unbegründete Existenzängste?“, „Hatten Sie je Wahnvorstellungen?“ und auch „Haben Sie je  versucht, sich umzubringen oder hatten Sie es vor?“. Ich war einigermaßen schockiert. Antwortete nein, hatte ich nicht. Von der Episode hatte ich ihr ja bereits erzählt, sie meinte dann, also nur passive Suizidgedanken. Wieder eine neue Vokabel gelernt. Anschließend blickt sie mir in die Augen, fixierte mich, und fragte dann in einem beinahe schon feierlichen Ton: „Können Sie mir versprechen, dass Sie sich hier nichts antun werden und Sie sich sofort bei mir oder einem Kollegen melden, wenn Sie Selbstmordgedanken haben?“ Ich antwortete, immer noch leicht verwirrt, Ja, das kann ich versprechen.

Anschließende teste sie verschieden Reflexe, meine Koordination und Reaktion. Danach legte sie mir den Therapieplan vor, einen bunten Din A4 Bogen, auf der einen Seite mit einem Stundenplan der ganzen Therapieangeboten bedruckt, auf der anderen Seite mit einer Liste der einzelnen Angebote und etwas, das wie eine Anwesenheitsliste aussah. Sie gab mich für alle freiwilligen Angebote frei, und trug mich für Psychotherapie (einmal wöchentlich), die Depressionsgruppe, die Kunsttherapie, kognitives Training und Ergotherapie ein. Sie erklärte mir, dass es für diese Gruppen eine Warteliste gab und sie mich nun dort anmelden würde. Es könnte ein paar Tage, mitunter auch zwei Wochen dauern, bis ich einen Platz hätte. Insgesamt müsste ich jeden Tag mindestens zwei Therapien absolvieren, so dass ich mich nicht vollständig zurückziehen könnte. Außer am Ankunftstag. Sie bat mich dann noch, meine Patientenkarte im Laufe des Nachmittags am Stationsstützpunk – dem Schwesternzimmer – abzuholen.

Ich musste anschließend einmal unterschreiben, dass ich in die Behandlung einwillige. Ein weiteres Mal, dass ich nicht Autofahren oder Fahrradfahren würde, solange ich in der Klinik war. Und, da es Freitag war und jeder neue Patient erst einen Tag unter Beobachtung stand, durfte ich auch erst einmal nicht raus. Das hieß: Das ganze Wochenende konnte ich nur raus, wenn ich in Begleitung eines Mitpatienten oder einem Besucher war. Ich war eingesperrt. Ich durfte nicht Fahrradfahren. Nicht Autofahren. Nicht schwimmen. Ich war eingesperrt. In einer Psychiatrie.

Ein Tag, so wichtig wie Weihnachten

Kurzmitteilung

Am Mittwoch – mir ging es nach wie vor verhältnismäßig gut, was heißt, dass ich zumindest keine schwere depressive Episode mehr gehabt hatte – klingelte plötzlich mein Handy. Meine Allgemeinärztin war dran. Sie hatte mit ein paar Kliniken telefoniert und eine gefunden, die mich morgen bereits aufnehmen könnte.

Ich war völlig überfahren. Die Wartezeiten der Kliniken, die Burn-Out-Patienten behandeln, liegen in der Regel bei mehreren Wochen, wenn nicht Monaten. Ich hatte mich zwar gedanklich darauf eingestellt, dass ich demnächst in eine Klinik gehen würde, hatte aber nicht damit gerechnet, dass das vor September überhaupt möglich wäre. Außerdem war am Samstag ein großes Dorffest – das für uns alle in etwa den gleichen Stellenwert hat wie Weihnachten. Ich wollte unbedingt dabei sein, selbst wenn ich nur für einige wenige Stunden und bestimmt nicht bei der eigentlichen Party dabei sein könnte.

Von einer Minute auf die andere wurde ich wieder zum Nervenbündel, das still und stumm (viel geredet hatte ich in den letzten Wochen ja sowieso nicht) in der Ecke saß und vor sich hin starrte. Ich hatte Angst, wusste aber nicht so genau vor was. Der Gedanke an die Klinik lähmte mich. Ich googelte sie, sie machte einen ganz passablen Eindruck. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie war der offizielle Titel.

Der Tag ging, der nächste kam. Ich hatte nicht mehr bei der Ärztin angerufen, ich hatte heute sowieso einen Termin bei ihr. Der Aufnahmetermin war verstrichen.

Meine Mutter musste zur Ärztin mitkommen, ich hatte ständig das Gefühl, dass ich meinen Körper mehr von außen steuerte als dass ich wirklich da war, ich war nicht in der Lage, Auto zu fahren. Die Fahrt war bereits anstrengend genug. Es war alles so schnell, obwohl meine Mutter sicher keinen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellte. Wir fuhren über die Ingolstädter und die Leopoldstraße zum Parkhaus an der Oper. Ich musste mich im Auto bereits an meinem Lapislazuli festklammern. Es war zu laut, zu schnell, zu viele Sinneseindrücke. In der Tiefgarage war es dunkel, die Decken tief, kein Ausgang in Sicht, die Luft schlecht. Ich musste mit mir kämpfen. Wollte nicht zusammenbrechen. Ich versuchte, ruhig die Tiefgarage zu verlassen, ganz gelang es mir nicht. Oben war es dann nicht viel besser. Für einen Donnerstagvormittag waren verhältnismäßig viele Passanten unterwegs, Obststände standen am Marienhof, Radfahrer fuhren durch die Fußgängerzone, es war laut. Es war Horror. Ich krallte mich immer mehr an meinem Stein fest und manövrierte mich hin zur Praxis – ich war schon wieder aus meinem Körper geflüchtet und hielt mich in einer diffusen Wolke irgendwo über mir auf. Meine Mutter konnte kaum mit mir Schritt halten. Und wenn ihr jetzt glaubt, dass man mir das angesehen hätte: Sicher nicht. Ich hatte mich – bewusster und mit sehr viel mehr Interesse daran als noch zwei Monate vorher –  für den Arzttermin schick gemacht. Langer Chiffon-Rock, passende grün-goldene Sandalen, eine weiße Bluse, die Haare extra gestylt, meine verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase – ich sah mehr nach Urlaub aus als nach Arzt.

Den Großteil des Gesprächs übernahmen meine Mutter und meine Ärztin. Ich war immer noch beinahe so stumm wie ein Fisch und apathisch. Ich wollte unbedingt an dem Fest dabei sein. Meine Ärztin war aber gut darin, mir bzw. meinem Verstand einzureden, dass das alles andere als eine gute Idee war und meine Mutter hatte sichtlich große Angst, dass ich durch den ganzen Trubel und vor allen Dingen das Alleinsein zu Hause wieder in eine schwere depressive Episode rutschen würde und sich – vielleicht sogar noch schlimmere – Szenen wie am vorletzten Wochenende abspielen würden. Also stimmte ich zu. Die Ärztin telefonierte mit der Klinik. Am nächsten Tag um 10.00 Uhr war meine Aufnahme vereinbart.

Ich sah zwar irgendwie ein, dass das vernünftig war. Aber ich wollte nicht. Ich wollte beim Fest dabei sein.

Am Abend sollte der Aufbau beginnen. Eigentlich war ich dabei Stammgast. Beim Aufbau, beim Verkauf, beim Abbau. Ich war beim Schwimmen gewesen und auf dem Heimweg sah ich ein paar Leute bereits arbeiten. Ich beschloss, runter zu gehen, und zumindest dabei noch ein wenig meinen Beitrag zu leisten, wenn ich sonst schon nicht dabei sein konnte. Ich zog mir alte Shorts und ein T-Shirt an, und machte mich fest entschlossen auf den Weg, um dabei zu helfen. Es ging nur darum, Tische aufzubauen, die Theke einzurichten, mit etwa zehn anderen, die ich alle gut kannte. Kein großer Menschenauflauf also, alles unter freiem Himmel. Das kriege ich hin.

An der letzten Ecke, kurz bevor sie mich gesehen hätten, drehte ich wieder um. Ich konnte einfach nicht.

Da gab irgendetwas in mir auf. Ich hatte nichts mehr zu wollen. Ich hatte endlich meinem Körper zu gehorchen. Er hatte gewonnen. Niedergeschlagen, fast schon gebrochen, ging ich wieder nach Hause. Weinen konnte ich nicht mehr. Ich saß auf der Terrasse und starrte geradeaus hinaus in den Garten.

Morgen war wohl ein guter Tag, um in die Klinik zu gehen.