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Ich musste raus. Allein. Ich musste an den See. Ich brauchte Weite, um meinen Gedanken Raum geben zu können. Ich ließ Johanna da, nicht einmal sie konnte ich gerade um mich herum haben, und fuhr nach Stegen.


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Ich musste raus. Allein. Ich musste an den See. Ich brauchte Weite, um meinen Gedanken Raum geben zu können. Ich ließ Johanna da, nicht einmal sie konnte ich gerade um mich herum haben, und fuhr nach Stegen.
Heute war der erste Dienstag ohne Burnout-Gruppe. Ein bisschen Ablenkung durch den Hengst hätte ich gerade heute allerdings gut gebrauchen können. Wenigstens war mein Einzelgespräch heute schon um 13.00 Uhr. Zuvor war Wassergymnastik, das war gut, sonst wäre ich wohl den ganzen Vormittag nervös im Kreis gelaufen.
Ich wusste, mich würde heute die endgültige Diskussion in Sachen Eingliederung erwarten. Beziehungsweise, ich hoffte es. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen würde, wenn sie mich weiter zwingen wollten.
Wie es mir gehe? Naja. Nervös, zittrig. So schlecht wie seit Wochen nicht mehr. Ich sagte auch direkt, dass ich am Wochenende zum ersten Mal seit Monaten Suizidgedanken gehabt hatte. Meine Liste an Argumenten brach regelrecht aus mir heraus. Und auch, dass ich langsam das Gefühl hatte, dass Ihnen die Krankenhausstatistik wichtiger war als ich.
Sie reagierte professionell, gefasst. Aber ich merkte, dass ich sie damit ziemlich getroffen hatte. Das tat mir fast schon leid.
Das wäre natürlich nicht der Fall, entgegnete sie. Vielmehr schilderte sie mir nun Ihre Sicht der Dinge. Ich war eben erst aus einer schweren Depression heraus. Das, was ich am dringendsten bräuchte, wäre ein geregelter Alltag. Und das hieße in meinem Fall eben auch, wieder zur Arbeit zu gehen. Außerdem wäre die Belastung bei einer Eingliederung sowieso erstmal recht gering.
Und außerdem hätte sie den Eindruck, dass ich einfach eine riesige Angst hatte vor allem, was mit meinem Job zu tun hatte. Und da wäre Weglaufen – so wie ich es nun vorhatte – die allerschlechteste Lösung. Selbst wenn ich nicht dauerhaft bei dem Unternehmen oder gar in der Branche bleiben würde, das würde sie mir ja gar nicht verwehren, hätte ich während einer Eingliederung die Möglichkeit, mit allem Frieden zu schließen und quasi im Guten zu gehen. Und vor allem könnte ich meine Belastungsresistenz Schritt für Schritt prüfen. Bei einem neuen Job müsste ich sofort auf 100% sein.
Meine erste Reaktion war natürlich, nein, nein, will ich nicht, kann ich nicht, was für ein Blödsinn. Ich könne einfach nicht. Ich kann ja noch nicht einmal mit einer Freundin kochen, ohne dass ich mich dann hinterher zwei Stunden hinlegen muss. Wie soll ich da auch nur eine Eingliederung überstehen?
Den zweiten Termin bei der Sozialtherapeutin sollte ich trotzdem wahrnehmen, ordnete sie an. Whatever.
Die Therapiestunde war wohl die hitzigste, die ich je hatte. Eine der wenigen, in der ich nicht heulte. Diesmal nämlich tat ich das, was ich in diversen Situationen, die allesamt miteinander zu meiner heutigen Lage geführt haben, nicht getan hatte: Ich stand für mich ein.
Trotzdem blieb die eine Aussage in meinem Kopf hängen: Lief ich davon?
Eigentlich wollte ich mich heute Abend mit dem Kollegen treffen, mit dem ich am engsten zusammenarbeitete. Aber das konnte ich knicken. Ich würde heute sicher nicht nach München fahren. Es tat mir leid, ich hätte ihn gerne gesehen. Aber es half nichts.
Warum wir uns treffen wollten? Zum einen verstanden wir uns einfach gut, zum anderen, wenn ich schon über eine Wiedereingliederung nachdenken musste, dann musste ich mir ja auch einen Bild vom aktuellen Stand der Dinge machen. Ich hatte in der Zwischenzeit einen neuen Chef bekommen, den ich nicht kannte, zum Beispiel.
Aber eigentlich konnte mir das egal sein, denn ich wollte und konnte keine Eingliederung in den nächsten vier Wochen machen. Es ging nicht. Ich begann, mir die Gründe aufzuschreiben. Eine Argumentation für die nächste Einzeltherapie aufzubauen. Strategisch.
Langsam begann ich den Verdacht zu hegen, dass es ihr mehr auf die Klinikstatistik ankam als auf mich.
Johanna ging es momentan auch wieder richtig beschissen. Und trotzdem fuhr sie jedes Wochenende beinahe drei Stunden nach Hause und wieder zurück in die Klinik. Es war mir ein Rätsel, wie sie das machte. Wenn es mir schlecht ging, konnte ich kaum Autofahren. Zum einen, weil ich mich einfach nicht auf das Autofahren konzentrieren konnte – ich war dann oft auch einfach kaum da und schaffte es einfach nicht, länger als eine Minute tatsächlich bewusst Auto zu fahren – zum anderen, weil ich – again – Angst vor mir hatte. Es wäre so leicht, einfach das Lenkrad herumzureißen. In den Baum zu fahren. Da gab es keine Hürde und damit auch keine Zeit, um sich selbst wieder einzufangen.
Mein Wochenende war beschissen. Ich war nervös und unglaublich angespannt. Träumte wieder Albträume. Der Tornado tobte meistens. Ich konnte nichts anfangen. Und am Sonntagabend dann, vor der Rückfahrt, hatte ich tatsächlich zum ersten Mal seit dem Sommer wieder Suizidgedanken. Was wäre wenn.
Ich schob sie beiseite. Ich bildete mir das nur ein. Ich kann das. Und ich kann auch mit dem Auto selbst in die Klinik zurückfahren. Es blieb mir außerdem ja gar nichts über. Meinen Eltern wollte ich auf keinen Fall von meinen Gedanken erzählen. Ich kann das!
Und natürlich ging es.
Tatsächlich aber meinte Johanna am nächsten Morgen zu mir. Franzi, weißt du, als ich gestern hier her zurückgefahren bin, habe ich das erste Mal verstanden, was du meinst. Es wäre so leicht, gerade auf der Autobahn. Es ist furchtbar, dass wir so etwas überhaupt denken. Aber es wäre so leicht.
Wir beiden wollten aber nicht. Nur unser Kopf ab und zu. Aber gottseidank sind wir nicht nur unser Kopf.
Klar, ging es mir besser als noch vor wenigen Wochen. Und ich hatte sowohl dank der Einzel- als auch der Gruppentherapien riesige Fortschritte gemacht. Ich hatte aber auch beinahe zwei Monaten lang jeden Gedanken an meinen alten Arbeitgeber verweigert. Wochen vor meiner Krankschreibung hatte ich bereits innerlich gekündigt gehabt und diese Entscheidung noch einmal zu überdenken hatte ich in den vergangenen zwei Monaten auch nie in Betracht gezogen. Was ich stattdessen machen wollte, wusste ich nicht so recht. Verschiedene Ideen sponnen in meinem Kopf herum. Physiotherapie bzw. Ostheopathie waren plötzlich da und schienen Sinn machen. Warum aber nicht versuchen, tatsächlich den eigenen Traum zu verwirklichen und Schriftstellerin zu werden? Oder zumindest eben Texterin oder Journalistin? Oder sollte ich vielleicht doch versuchen, eine lehrende Tätigkeit für mich zu finden? Deutsch für Ausländer zum Beispiel?
Diese Gedanken flogen immer wieder hin und her in meinem Kopf, aber so richtig nachgegangen bin ich ihnen nicht. Mein oberstes Ziel war es, erst einmal gesund zu werden. Und dann würde ich mich mit dem Thema Zukunft beschäftigen, war mein Plan. Eine Auszeit bis nächsten Sommer wollte ich mir sowieso genehmigen. Vielleicht die langersehnte Weltreise, ab Januar, ein halbes Jahr. Hin und wieder ging ich gedanklich verschiedene Reiserouten durch. Alternative Ideen. Jedenfalls, ich wollte mich partout nicht mit dem Thema Arbeit beschäftigen. Und dass mich meine Therapeutin nun dazu zwang, behagte mir nicht. Ich war noch nicht so weit. Aber diese Botschaft kam offensichtlich nicht bei ihr an.
Ganz im Gegenteil: Sie tat alles, um mich davon zu überzeugen, dass eine Eingliederung der einzige, richtige Weg für mich sei und dass ich diese sobald als möglich nach meinem Verlassen der Klinik beginnen sollte. Es war, als würde ich gegen eine Wand reden. Ich schaffte es zwar, das Thema zwischen den Einzelgesprächen so gut es ging auszublenden, aber diese 50 Minuten trieben mich zur Verzweiflung. Wie konnte ich ihr klar machen, dass ich einfach nicht so weit war? Dass ich das Thema PR für mich schon vor Monaten abgeschlossen hatte? Oder hatte sie vielleicht doch recht? Und ich lief davon?
Ich schlief wieder schlecht ein. Abends konnte ich die Gedanken nämlich nicht verdrängen. Der Tornado in meinem Kopf machte mich teilweise regelrecht wahnsinnig. Ich wollte einfach nur noch, dass der Kopf endlich aufhörte. Ich marschierte im Schlafanzug zur Medizinischen Zentrale und wollte einfach irgendwas, das meinen Kopf ruhig stellt. Ich hätte sogar Tavor genommen. Es war mir egal, Hauptsache, der Kopf hörte auf. Bekam ich nicht, ich hatte keine Bedarfsmedikation verordnet. Ich bekam nur Baldrian-Pastillen oder Schlaftee, was aber gottseidank auch half. Meine Augenringe – und ich hatte in meinem Leben noch nicht solch tiefe Augenringe gehabt – gingen gar nicht mehr weg, obwohl ich nachts lange schlief. Ich hatte richtige Rückenschmerzen wegen der gefühlten Dauerverspannung, die überhaupt nicht mehr wegging, und schließlich, stellt ich Freitag früh vor dem Spiegel fest, hatte ich mir ein Stück eines Schneidezahns abgebissen. Vermutlich nachts, sonst hätte ich es wohl bemerkt. Ich hatte nie geknirscht oder gebissen – bis dato jedenfalls.
Also fuhr ich am Freitagnachmittag nach München zu meinem Zahnarzt, um eine Beißschiene anpassen zu lassen. Wunderbar. Was ich am Wochenende machte? Ich bin heimgefahren. Und dann habe ich gar nichts gemacht. Bin mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch herumgelegen.
Am Mittwochnachmittag war der Termin bei der Sozialberatung. Eigentlich wollte ich da gar nicht hin. Ich wusste doch, was ich wollte. Aber meine Therapeutin bestand darauf, und da man die Termine bei der Sozialberaterin nicht immer sofort bekam, sondern ein, zwei Wochen darauf warten musste, ging ich hin.
Die Sozialberater in den Kliniken kümmern sich um alles Mögliche:Wiedereingliederungen -wie in meinem Fall -Gerichtstermine, Weiterbildungen, Hilfestellung bei familiären Schwierigkeiten oder bei Ärger mit der Krankenkasse zum Beispiel. Ich war ein einfacher Fall für die Dame: Ein junge, Studienabsolventin mit laufendem Vertrag und mehreren Jahren Berufserfahrung. Also entweder würde sie die Eingliederung gemeinsam mit mir, meinem Arbeitgeber und der Kasse planen oder mich bei neuen Bewerbungen unterstützen, so die Blaupause. Sie würde mich über meine rechtlichen Möglichkeiten und Pflichten aufklären – zum Beispiel, in welchem Fall ich Anrecht auf Arbeitslosengeld hätte oder was ich bei neuen Bewerbungen zu berücksichtigen hätte.
Ich war vorsichtig geworden – ich hatte in den letzten Monaten schnell gelernt, dass ich auf jedes Wort, dass ich gegenüber der Kasse, dem Arbeitgeber, aber auch gegenüber Therapeuten (da wurde ja jeder Unterton analysiert) und eben solchen Diensten äußerte, Acht geben musste.
Ich hatte mir also eine Taktik zurecht gelegt: Ich wollte mich erstmal über alle meine Möglichkeiten informieren – über einen Jobwechsel genauso wie über eine Wiedereingliederung, Selbstständigkeit, Auszeit, oder eine völlig neue Ausbildung.
Die Sozialberaterin war freundlich und nicht unsympathisch, aber auch nicht unbedingt auf meiner Wellenlänge. Sie wollte mich offensichtlich, ganz egal in welche Richtung ich fragte, wieder zurück in meine alte Firma lotsen. Sie gab mir zwar auch die Antworten auf meine diversen Fragen und forschte auch weiter nach – warum ich denn zum Beispiel eine neue Ausbildung wagen wollen würde, wie ich mir genau eine Selbstständigkeit als Texterin vorstellen würde, ob es denn, wenn ich vielleicht nicht zurück in den alten Job wollte, andere Positionen in der Firma gab, die in Frage kämen? Im Endeffekt lief alles auf eine Eingliederung hinaus.
Das hatte ich zwar erwartet, aber nicht in so vehementer Weise. Was mich jedoch viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass sie der absoluten Überzeugung war – und durch kein Argument meinerseits davonabzubringen war – dass ich spätestens zwei Wochen nach Ende meines Klinikaufenthalts, also in nicht einmal acht Wochen (!) mit der Eingliederung oder eben einer neuen Tätigkeit beginnen sollte.
Der Termin war schließlich vorbei, ich war froh darum. Ich wusste, dass sie mich ohne meine Einwilligung hier zu nichts zwingen konnten. Aber ich wurde dennoch unruhig. Was würde passieren, wenn ich mich dem Rat aller Menschen hier in der Klinik verweigerte? Was, wenn ich sie nicht überzeugen konnte, dass ihre Pläne nicht gut für mich waren, dass ich a) nicht zurück wollte und b) auch ganz unabhängig davon noch weit davon entfernt war, so fit zu sein, um wieder arbeiten zu können?. Auch wenn es für sie hier alle vielleicht ganz anders aussah. Das war nicht Nnue – selbst der Chefarzt der Psychiatrie, der in der ersten Woche Visite bei mir machte, meinte, ich sähe ganz und gar nicht nach einer Patientin mit schwerer Depression und Angstzuständen aus. Schön für sie. Half mir aber nichts. Machte alles eher noch komplizierter.
Ich war schon die letzten Wochen super verspannt gewesen, unter dem linken Schulterblatt hatte sich ein fester Knoten gebildet, den ich bei jeder Armbewegung spürte, und ich hatte das ungute Gefühl, es würde in den nächsten Tagen nicht besser werden – angesichts der Auseinandersetzungen, die ich wohl vor mir hatte. Aber heute konnte ich dieses Problem noch ignorieren. Ich ging also mit Johanna noch eine große Runde spazieren. Wir beide freuten uns schon auf unsere vorreservierten dreißig Minuten in der Infrarotkabine. Es war das einzige, was den dicken Knoten zwischen den Schultern löste und außerdem auch die vielen Knoten und Knötchen in meinen Gedanken lockerte. Beides würde zwar wieder kommen, die Infrarotkabine war keine Dauerlösung – aber für heute Abend war Ruhe.
Die letzte Therapiestunde in der Burnoutgruppe hatte für Gesprächsstoff in unserem doch eher eintönigen Klinikleben gesorgt. Wir hatten außerdem eine neue Zimmernachbarin bekommen, nachdem die griesgrämige Dame Ende letzter Woche entlassen worden war (immer noch ähnlich griesgrämig, aber vielleicht -so genau wussten wir das nicht, frisch verliebt). Der Neuzugang am Donnerstag war eine liebenswerte Spanierin mit Lockenkopf aus Niedersachsen und Jeanette war nach einer nervenaufreibenden Woche im Zimmer meiner Tischnachbarin wieder zurück in die Psychiatrie gewechselt. Es war wieder was los hier, die Ablenkung konnte ich gebrauchen.
Wassergymnastik war wie immer kalt, das Mittagessen wie immer gut (leider waren unsere Tischneuzugänge nicht halb so unterhaltsam wie ihre Vorgängerinnen), und dann traf sich die Burnout-Gruppe wieder. Wir waren gespannt, wie es weitergehen würde. Meine Nachbarin hatte sich den Ausraster des Hengstes ziemlich zu Herzen genommen. Diese Totschlagargumente von Männern habe sie so satt, sagte sie. Sie hatte sich vorgenommen, genau das heute anzusprechen.
Wir waren alle wieder im Raum versammelt. Das heißt: fast alle. Der Beamte war nicht da. Wir eröffneten, wie immer in einem Blitzlicht, taten uns alle etwas Gutes. Und Sophie, meine Nachbarin, fügte hinzu, dass sie gerne die Stunde von letzter Woche noch einmal rekapitulieren würde. Die Therapeutin nahm den Vorschlag an, sie hatte selbst vorgehabt, mit uns noch einmal darüber zu sprechen – die Wogen schienen geglättet. Sie fügte an, dass der Beamte auf eigenen Wunsch die Klinik verlassen hatte, denn der Aufenthalt würde ihm nichts bringen und niemand verstünde ihn und sein Problem hier. Dann ergriff der Hengst das Wort. Er entschuldigte sich bei uns, und auch direkt bei Sophie. Er hätte lange mit seiner Therapeutin über seinen Ausraster gesprochen, es war zwar bedauerlich, aber doch auch gleichzeitig sehr hilfreich für seine Therapie gewesen. Und er versuchte zu erklären, warum er so ausgerastet war. Dafür hatte ja nach wie vor niemand von uns eine schlüssige Erklärung gehabt, so schnell war er auf und davon gewesen. Und, siehe da – es handelte sich um ein wirklich minimales Missverständnis, das mit zwei Sätzen aus der Welt gewesen wäre. Wie doch so oft: Kommunikation ist alles. Da wir schon alle so offen sprachen, erbaten wir uns auch gleich weniger aggressive Wortmeldungen, so dass wir auch wieder zu Wort kommen würden. Und siehe da – in dieser Stunde funktionierte es tatsächlich.
Nach der Pause – es war meine letzte Stunde – blieb vor meiner Verabschiedung noch Zeit für eine letzte Übung zum Thema „Grenzen setzen“ (ganz passend zu Sophies‘ erster Wortmeldung). Wir sollten uns einen Partner suchen und uns im Raum, einige Meter gegenüber voneinander aufstellen. Daraufhin sollte ein Partner auf den anderen zu gehen, bis dieser ihm wortlos „Stopp“ signalisierte.
In den letzten Wochen hatte sich mein „Raumbedarf“ wieder in annähernd normal verringert. Man konnte mir wieder etwas näher kommen, ich hielt es wieder aus. Trotzdem war die Übung für mich enorm schwierig. Ich war die, die als erste auf meine Partnerin zugehen sollte. Es war meine Zimmernachbarin, die ich ja gut kannte und mochte. Dennoch spürte ich deutlich, als ich meine eigene Grenze überschritt. Aber sie hatte noch nicht „Stopp“ signalisiert, ich musste weiter auf sie zu gehen. Ich fühlte mich unwohl und wich, sobald ich das Gefühl hatte, ich durfte, nun wieder einen großen Schritt zurück in Richtung Raummitte. Schließlich kehrten wir das Experiment um. Ich war erleichtert, nun durfte ich die Grenze setzen. Es war verdammt schwierig. War es okay, die Grenze so weit vorn zu setzen? Oder würde ich Sophie mit dieser Entscheidung verletzen? Schließlich ließ ich sie einige Zentimeter weiter gehen als mir lieb war.
Es war verdammt schwierig, meine eigene Grenze zu setzen. Deutlich einfacher war es für mich gewesen, Sophies Grenze anzunehmen – auch wenn ich mich damit unwohl fühlte.
Eigentlich wollte ich einen ganz anderen Film ansehen, aber den gab’s weder auf Sky Go noch auf Amazon Prime. Da habe ich zufällig „To Write Love On Her Arms“ entdeckt.
Der Film erzählt die wahre Geschichte von Renee Yohe. Einmal aus der Bahn geworfen stürzt die Teenagerin ab – sie ritzt, sie kokst, kurz, am Ende ist sie mit ihren 19 Jahren eine alte Crackhure. An einem „verschneiten“ Abend, an dem sie, völlig dicht, vergewaltigt wird, setzt sie einen Hilferuf ab. Ihre alten besten Freunde sind für sie da und sie entschließt sich, dem ganzen ein Ende zu setzen. Sie beginnt eine Entziehungskur. Der Film erzählt die 5 Tage der Ausnüchterung, blendet kurz in die Therapie ein, und erzählt dann vom schwierigen Neuanfang sowie der Entstehung der Organisation „To Write Love On Her Arms“.
Manchmal ist der Film für meinen Geschmack ein bisschen arg Hollywood, dennoch bleibt er realistisch und ehrlich. Er erzählt die Geschichte eines Entzugs – aber vor allem eine Geschichte der Hoffnung: Es ist alles möglich, und nichts ist vorbei.
#AndSoIKeptLiving
Heute ist der Welttag der Suizid-Prävention. Ihr seid nicht allein. Es gibt immer einen Grund zu bleiben. Und alles wird irgendwann besser. #AndSoIKeptLiving
Dienstag, 20. Oktober. Verabschiedung der Tanzlehrerin (die alte Oma war schon lange weg), ich hatte meinen Tisch mittlerweile, bis auf Tina, komplett überlebt. Letzte Woche in der Burnout-Gruppe. Mit dem Skript war ich wirklich so gut wie durch und ich war froh, dass ich bald raus war.
Heute waren der Hengst und der Beamte da. Es war also wieder eine Monologstunde. Die uns allen ziemlich auf die Nerven fiel. Von uns anderen kam kaum jemand zu Wort. Die dürre Frau mit der Hakennase versucht es ab und an, versucht den jeweils Monologisierenden zu beschwichtigen und eigenen Ideen anzubringen, aber meistens wurde auch sie abgewürgt. Beim Beamten, weil er einfach in seinem Gedankenkonzept dermaßen unflexibel war, dass er es nicht schaffte, eine Idee, die einem anderen als dem seinen Gehirn entsprungen war, auch nur zu betrachten, und beim Hengst, weil er einfach alles besser wusste.
Kurz vor der Pause arbeiteten wir in einer Gruppenarbeit an unseren „Zielen und Werten“. Ich hatte eine gute Gruppe erwischt, mit meiner Zimmernachbarin und einer älteren Frau, die zehn Jahre vor dem Ruhestand nun vor der Aufgabe stand, ihr Leben umzukrempeln. Neben uns hatte die Apothekerin ein schweres Los. Sie war in einer Gruppe mit dem Hengst und dem Beamten. Sie war ein herzensguter Mensch, eher ruhig und zurückhaltend veranlagt und kam in dieser Runde natürlich überhaupt nicht zu Wort. Die Diskussion – oder vielmehr das abwechselnde Anbringen gegenteiliger Meinung – zwischen Hengst und Beamten konnten wir alle verfolgen. Die beiden waren so laut, dass ich es kaum noch aushielt. Ich war immer noch sehr lautstärkenempfindlich, aber auch die anderen waren sichtlich genervt, so dass irgendwann die resolute ältere Dame in meiner Gruppe unvermittelt eine Ansage machte. Dann war Ruhe. Schließlich forderte uns die Therapeutin auf, unsere Ergebnisse auf die Fragen vorzustellen. Es ging um den „roten Faden“ in unserem bisherigen Leben und wie der Burn-out unser Lebenskonzept verändert hat. Wie immer beherrschte der Hengst die Diskussion. Und in diesem Fall war es nicht einfach nur nervig, weil es um seine eigene Geschichte ging, die wir nun alle schon zur Genüge kannten, sondern schlichtweg, wie ich zumindest fand, falsch. Außerdem war ich mittlerweile ein wenig streitlustig. Es ging nun darum, was uns das Gefühl gab, wertvoll zu sein. Denkt doch mal einen kurzen Moment darüber nach – was gibt euch eigentlich das Gefühl, wertvoll zu sein?
In unserer Gruppe waren wir uns recht einig gewesen. Liebe, Familie, Freundschaft und, für mich zumindest, Glaube. Natürlich gab es da den einen oder anderen kleinen Unterschied. Wir waren aber jedoch alle der Meinung, dass wir uns gerade dann am wertvollsten fühlten, wenn wir so akzeptiert wurden, wie wir waren, ohne dafür eine Leistung bringen zu müssen.
Der Hengst, mit schwieriger Kindheit – wir kannten mittlerweile auch seine ganze Lebensgeschichte – hat da natürlich eine etwas andere Ansicht. Das war ja auch gar nicht das Problem. Er definierte sich eben einzig und allein über seinen Verstand, seine Fähigkeiten. Das Problem war viel mehr, dass er uns unsere andere Ansicht nicht zugestehen wollte. Mittlerweile war ich tierisch genervt und sah es nicht mehr ein, einen auf lieb Kind zu machen und dem Hengst seine Weide so kampflos zu überlassen – auch wenn mir die Weide genaugenommen völlig egal war. Mit einer diebischen Freude hielt ich dagegen und ließ mich, nun erst recht nicht mehr, von Seneca und Platon, die er zu seiner Argumentation heranzog, beeindrucken. Da wir ungebildete Bande offensichtlich von diesen großen Gelehrten noch nie etwas gehört hatten oder, noch schlimmer, ihre Lehren ignorierten, schwang er sich zu einer regelrechten Lehrstunde über deren Philosophie auf. Keine Ahnung, wie intensiv sich die anderen in der Runde zuvor mit Platon und Seneca beschäftigt hatten, aber in der Runde saßen unter anderem: Eine Pharmazeutin, eine Lehrerin, ein Beamter, ein Arbeitgebervertreter, eine studierte Sozialpädagogin und, nicht zu vergessen, die Psychologin. Die ließ sich schließlich dazu hinreißen, ihn zu fragen, ob er denn Platon und Seneca auf Latein gelesen hatte? Ich konnte mir das Lachen kaum noch verbeißen. Er aber antwortete todernst, dass er es bis heute bereue, nicht besser Latein und Altgriechisch oder höhere Mathematik gelernt zu haben. Schließlich wäre er intelligent genug dazu. Gott. Es kostete mich alle Kraft, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Ich hatte Tränen in den Augen stehen. Die Therapeutin beendete die Diskussion – wir waren sowieso bei der letzten Frage gewesen – und schickte uns in die Pause.
Nach der Pause ging es dann schließlich fünf Minuten gut. Der Beamte monologisierte wieder – die Welt war schlecht und alle hier wollte ihm einreden, selbst so schlecht zu werden – so zumindest interpretierte er die Aussage der Therapeutin, sie könne nicht seine Kollegen therapieren, sie seien schließlich nicht hier und er müsse folglich an sich selbst arbeiten. Die dürre Dame wollte helfen, ihm erklären, wie die Therapeutin das wohl gemeint hatte, und berichtete aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz. Ich fand, es war ein hilfreicher Beitrag. Erzürnt griff der Hengst in das Geschehen ein, sagte, dass die Therapeutin dass ja sehr wohl genauso gesagt hatte, wie der Beamte uns das dann wiedergab. Daraufhin protestierten ich, meine Zimmerkollegin und die Dürre. Und der Hengst stieg auf seine Hinterbeine, wieherte, dass er sehr wohl wisse, was er gesagt habe, er lasse sich das hier nicht bieten, schließlich habe er einen IQ von 120 (oder auch 140, so genau weiß ich es nicht mehr) und verließ schnaubend den Therapieraum.
Stille. Wir waren perplex. Alle, samt der Therapeutin. Keiner konnte sich so recht erklären, was da gerade passiert war. Aber gut. Wir machten weiter. Keine zehn Minuten später, der Beamte lamentierte immer noch. Und machte den Fehler, in einem Raum mit 80% Frauenanteil, auf seine Kolleginnen zu schimpfen, die eine nach der anderen die Frechheit besaßen schwanger zu werden… wie der Satz weitergehen sollte, keine Ahnung. Nun war nicht nur mir der Kragen endgültig geplatzt. Zu fünft warfen wir ihm nun lautstark entgegen, dass es jetzt wirklich genug sei, er seinen Mund halten sollte und seine Kolleginnen verdammt noch mal das gute Recht hatten, schwanger zu werden, wann sie wollten – wo er denn seine Kinder sonst mal herbekommen wollen würde? Und zack, verließ der Nächste wutschnaubend den Raum.
Stille. Again. Nun waren wir nicht mehr perplex, sondern regelrecht schon fasziniert von der Wirkung, die unser Protest gehabt hatte. Dann kommt endlich mal wieder jemand anderes zu Wort, entfuhr es mir. Wir gingen zur Tagesordnung über. Der Rest der Stunde verlief in freundlicher Atmosphäre, ohne Zwischenfälle.