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„Silver Linings“ bedeutet übersetzt Silberstreif, also der goldfarbene oder silbrige Rand, den Wolken haben, wenn die Sonne hinter ihnen steht. Im Englischen existiert zudem das Sprichwort „every cloud has its silver lining“, was frei übersetzt in etwa „es ist nie alles schlecht“ bedeutet.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen („Silver Linings Playbook“), verzeiht mir daher bitte, wenn sich der ein oder andere englische Ausdruck hier einschleicht.

Pat ist nach Jahren in der Nervenheilanstalt wieder zu Hause. Seine Mutter hat ihn endlich heimgeholt und er ist glücklich: Sein Bruder hat ihm eine Saisonkarte für sein Footballteam geschenkt und „apart time“, die Trennungszeit von seiner Ehefrau Nikki, scheint nun auch bald vorbei zu sein. Nur bekommt er sie nicht zu Gesicht. Keiner weiß, wo sie ist, auf Fragen weichen ihm alle aus. Außer seiner neuen Bekannten Tiffany.Sie ist die Schwägerin seines besten Freundes, verwitwet, nymphoman, depressiv. Sie verspricht ihm, Briefe zwischen ihm und Nikki zu vermitteln – aber nur, wenn Pat dafür mit ihr gemeinsam für den Tanzwettbewerb „Dance against Depression“ trainiert. Dafür muss er aber einige Heimspiele sausen lassen…

Matthew Quicks Hauptpersonen, im Film gespielt von Bradley Cooper und Jennifer Lawrence, freunden sich an. Aus den beiden Außenseitern wird ein starkes Team, gegenseitig helfen sie sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Eine bewegende, traurige, auf jeden Fall beeindruckende Geschichte über uns alle, Football, Tanzen, Liebe und Leidenschaft.

In diesem (seltenen) Fall sind sowohl Buch als auch Film sehr, sehr empfehlenswert. Das Buch, das gänzlich aus Pats Perspektive heraus erzählt wird, erlaubt uns tiefgründigere Einblicke in seine Gedankenwelt: Wie er die Welt nach Jahren in der Anstalt sieht. Was die „apart time“ für ihn bedeutet. Der Film dafür bietet zahlreiche Football- und Tanzszenen, deren Ausdruckskraft wir im Buch nur erahnen können sowie, nicht zu vergessen, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence und Robert de Niro.

Ein Buch und Film für alle: Für die Jungs gibt es Football (Philadelphia Eagles!), für die Mädels tolle Tanzszenen und die Liebesgeschichte, für alle gemeinsam gibt das ein rundes Gesamtbild ab. Unbedingt lesens- bzw. sehenswert!

Das Buch gibt’s nicht nur am Amazonas, sondern u.a. auch hier: Hugendubel.de

Vom anderen Stern

Als wir nach etwa einer Stunde Fahrt zu Hause ankamen, waren Anspannung und Nervosität – schnipp – weg. Die Katze stand zur Begrüßung vor der Haustür bereit und ich freute mich sehr, einfach zu Hause zu sein. Meine Schwester war auch da, die Sonne schien, es war schön.

Ich wusch Wäsche, packte meine Tasche gleich neu, radelte eine große Runde mit meiner Schwester, backte einen Kuchen. Und dann nahm ich mir viel Zeit, um mich für die Feier am Abend fertigzumachen. Wahrscheinlich doppelt so viel Zeit, als ich mir unter normalen Umständen genommen hätte. Ich freute mich sehr, aber ich war mindestens genauso nervös. Ich hatte nicht unbedingt Angst, eine Panikattacken oder einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Aber ich war trotzdem nicht so wie immer. Vermutlich wusste außer den beiden Gastgebern und dem einen Kumpel niemand von der Tatsache, dass es mir nicht besonders gut ging, geschweige denn, dass ich eigentlich gerade in der Psychiatrie war. Eine Irre auf Heimaturlaub quasi. Ich kannte wohl alle, die eingeladen waren, aber die meisten nicht besonders gut. Ich nahm mir wir, direkt zu sagen, was mit mir los war, wenn das Thema im Gespräch irgendwie darauf käme. Dass ich gerade in einer Psychiatrie war. Irgendwie dachte ich wohl, dass es ganz gut für mich wäre, mich zu zwingen, diesen Tatsachen ins Auge zu blicken, es laut auszusprechen. Es gab nichts, wofür ich mich schämen musste. Also konnte ich auch ohne Probleme jedem sagen, was Sache war. Und wenn ich wirklich kippen sollte – also sich mein Zustand verschlechtern sollte – konnte ich einfach nach Hause fahren. Mittlerweile erkannte ich auch die frühen Anzeichen, so dass mir genügend Zeit bleiben würde. Und notfalls hatte ich Helene, meine beste Freundin, auf die ich zählen konnte. Ich sah gut aus, ich war immer noch sehr freudig gestimmt und fühlte mich sicher, und ich hatte einen guten Notfallplan. Trotzdem war ich nervös.

Ich war, wie vereinbart, eine Stunde vor den anderen Gästen da, so dass wir noch etwas Zeit hatten zu ratschen – immerhin hatten wir uns über ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Die Feier fand im Elternhaus von Helenes Mann statt. Dort gab es einen schönen Garten mit angeschlossenem Wintergarten, der ideal für warme Sommernächte war und in dem schon so manche Party stattgefunden hatte – das erste Mal war ich vor ungefähr zehn Jahren hier gewesen.

Als ich ankam, war bereits alles in hektischer Aufruhr, und ich half Helenes Schwestern noch mit den letzten Vorbereitungen. Schließlich war alles fertig, die Gastgeber fertig geduscht und schön gemacht, und Helene zog mich zur Bar. Nächstes „Problem“: Ich durfte ja nichts trinken. Daran hatte ich nicht gedacht. Bestimmt würde jeder fragen, warum ich nichts trinke. Wahrscheinlich würden alle denken, ich wäre schwanger. Wobei das eigentlich auch egal war. Sollten sie doch. Kein Ding, meinte Helene und mischte mir einen alkoholfreien Cocktail, es merkt sowieso keiner, dass da kein Alkohol drin ist. Dankbar probierte ich ihre Mischung. Schmeckte sehr gut.

Außer mir waren bisher nur ihre Geschwister da, die ich ebenfalls schon mehrere Monate nicht mehr gesehen hatte. Wir begannen uns, zu unterhalten, und schließlich war ich auch an der Reihe. Ich erzählte von meinem Burn-Out. Ich merkte ihren Gesichtern an, dass sie einigermaßen schockiert waren. Sie stellten Fragen, aus denen echtes Interesse sprach, und ich hörte keine dumme Bemerkung. Und, wo bist du jetzt gerade? Bist du zu Hause? In einer Psychiatrie. Sag in einer Psychiatrie! Komm schon!, wollte ich mich selbst dazu zwingen. Wenn es ausgesprochen wäre, würde  es bestimmt nur noch halb so schlimm sein. Aber es ging nicht. In einer Klinik, sagte ich nur. Ich war erleichtert, dass das Thema gleich zu Anfang vom Tisch war. Aber die entspannte Stimmung, die zumindest bei den anderen geherrscht hatte, war hinweg. Und ich fühlte mich nach wie vor unsicher und zerbrechlich, irgendwie fehl am Platz.

Nach und nach kamen die anderen Gäste, auf Fragen, wie es mir ginge, antwortete ich dann einfach mit „gut“. Ich wollte nicht lügen. Aber ich hatte das Gefühl, dass es nicht angebracht war, die Wahrheit zu sagen. Es fühlte sich nicht richtig an, sie war – wie ich – fehl am Platz. Ich wollte unbedingt gerne dabei sein, vor allen Dingen endlich einmal die kleine Tochter von Hannes sehen, aber genießen konnte ich die Party nicht. Zwischendrin flüchtete ich immer mal wieder in die Küche, weg von der Gesellschaft, und die Beschäftigung mit den Ofenkartoffeln lenkte mich von allem anderen ab. Nach drei Stunden ging ich dann – ich konnte nichts mehr aufnehmen, mein Kopf war kurz vor dem Platzen, und ich spürte, wie ich mich langsam wieder von mir selbst verabschiedete.

Ich verabschiedete mich also von Helene und ihrem Mann und verdrückte mich durch den Hintereingang.

Einerseits freute ich mich – ich hatte sie endlich wieder gesehen und war länger da gewesen, als ich gedacht hatte. Andererseits war ich mir die meiste Zeit vorgekommen, als wäre ich von einem anderen Stern. Ich gehörte nicht dazu. Das machte mich traurig. Erst recht, wenn ich an frühere Partys dort dachte. Würde es je wieder so werden, wie es mal gewesen war?

Ich nahm meine Mirtazapin und legte mich ins Bett. Ich war sehr erschöpf und schlief trotz meines vollen Kopfes bald ein.

Wie immer eben

Als ich am Freitag aufwachte, war der Tag schlecht. Ich war depressiv, hatte überhaupt keinen Antrieb. Am liebsten wäre ich im Bett liegengeblieben. Ich musste allerdings frühstücken, sonst würde ich bis zum Mittagessen verhungern, soviel Obst hatte ich dann doch noch nicht gebunkert. Also quälte ich mich aus dem Bett. Ich bin auch ohne Depression ein kleiner Morgenmuffel, aber an diesem Morgen sprach man mich besser gar nicht erst an. Und machte schon gar keine Witze. Alles ödete mich an und ich war genervt von diesem Rückfall. Trotzdem – ich musste ja mindestens zwei Therapien am Tag belegen – ging ich, wie geplant, zum autogenen Training. Anfangs nervte mich auch das. Aber die vollkommene Konzentration auf meinen Körper entspannte mich. Während der halben Stunde, in der ich abwechselnd in meinen rechten Arm und mein linkes Bein hineinspürte, oder die Lehne des Stuhls an meinem Rücken bewusst annahm, wurde mein Kopf ruhig und die depressiven Gedanken verschwanden. Im Anschluss mischte ich noch die Damen und Herren der allgemeinen Gymnastik auf. Auf einen neuen Muskelkater!, dachte ich mir, aber der blieb glücklicherweise aus. Hinterher ging es mir wieder richtig gut – keine Spur mehr von Depression oder Antriebslosigkeit.

Am Wochenende würde ich außerdem heimfahren und endlich meine beste Freundin wiedersehen, die aus Kalifornien zurück war. Sie und ihr Mann hatten zu einer Wiedersehensparty eingeladen. Im Juli hatte ich noch sofort zugesagt – in einem Monat würde ich ja wohl wieder fit sein; zwei Wochen vor der Party hatte ich komplett abgesagt; jetzt war ich voller Elan, und beschloss auf jeden Fall hinzugehen, auch wenn ich vielleicht nur zwei Stunden dort sein könnte. Ich telefonierte mit einem Kumpel, der auch eingeladen war, um herauszufinden, ob es vielleicht ein Geschenk gäbe. Er klopfte dumme Sprüche, witzelte über die Tatsache, dass ich in einer Psychiatrie war, erzählte von seiner kleinen Tochter – und alles war wie immer. Es fühlte sich in mir drin auch an wie immer. Ich war da. Und ich begann, mich aus ganzem Herzen auf die Party zu freuen. Mich erfasste eine solche Freude, wie ich sie seit Monaten nicht mehr verspürt hatte. Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht, das für den restlichen Tag nicht mehr zu verjagen war. Mir ging es so unglaublich gut. Wie immer eben!

Neues aus der Anstalt

Mir ging es besser, und ich begann wieder, mehr zu sprechen. Nicht wie früher, über alles und mit jedem, aber zum Beispiel mit meinen Zimmergenossinnen Johanna und Ruth und mit einer weiteren neuen Patientin namens Stefanie. Mit Johanna und Steffi verbrachte ich die meiste Zeit. Die beiden waren wegen Depressionen hier – so wie wohl beinahe die Hälfte der Patienten. Die andere Hälfte war wegen Suchtproblemen da, in erster Linie AlkoholikerInnen (mit der „Jahrestagung der anonymen Alkoholiker“ hatte ich an meinem ersten Tag also gar nicht so unrecht gehabt). Vereinzelt gab es Patienten, die z.B. unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder dem Borderline-Syndrom litten.

Johanna war ein durch und durch fröhlicher und offener Mensch und durch sie kam ich mit mehr Mitpatienten in Kontakt, als mir genaugenommen lieb war. Grob gesagt ließen sich die Patienten in zweierlei Arten aufteilen: Die, die ihre Krankheit bis ins Detail analysiert hatten und über nichts anderes sprachen und auch andere über nichts anderes befragten: „Und, in welcher Dosierung bekommst du Mirtazapin?“ oder „Welcher Schweregrad wurde bei deiner Depression diagnostiziert?“, der andere Teil – so wie ich – wollte einfach möglichst wenig davon hören und so viel Normalität als nur irgend möglich wahren. Vermeintlich harmlose Frage wie „Wie geht’s?“ oder auch das schon etwas konkretere „Und, warum bist du hier?“ waren gänzlich verpönt – und das über alle „Kreise“ hinweg. Ich selbst habe mich erst nach etwas mehr als zwei Wochen getraut, Johanna zu fragen, warum sie eigentlich genau da war und ob ihr kleiner Tick, eine Art Schluckauf, auch ein Symptom war, und das, obwohl ich beinahe den ganzen Tag mit ihr verbrachte.

Es wäre bestimmt wahnsinnig spannend gewesen in der Psychiatrie, in dieser Station, eine kleine Milieu-Studie zu betreiben. Von Schülern und Studenten über Bankangestellte, Friseurinnen, Landschaftsgärtner, Hausfrauen, Bäuerinnen, Kindergärtnerinnen, Immobilienmakler, Vermögensberater, Hartz-4-Empfänger, Berufssoldaten: Alle waren da. Es war völlig faszinierend, wie sich, selbst in der tiefsten Depression oder den fiesesten Entzugserscheinungen, trotzdem, ungeachtet der Diagnose, die gleichen Gruppen zusammenfanden wie überall in der deutschen Gesellschaft,

Welcome back, Panik!

Am Montagnachmittag war ich noch im Entspannungsyoga gewesen, das tat mir sehr, sehr gut. Am Dienstagnachmittag dann probierte ich Qi Gong aus. Auf einer Rasenfläche vor dem Klinikeingang versammelten sich circa zehn Patienten jeden Alters in einem Kreis. Die Qi Gong Lehrerin war gleichzeitig auch eine unserer Empfangsdamen, eine Frau mit beeindruckendem Charisma. Wir standen also alle im Kreis, die Beine hüftbreit, die Augen geschlossen. Als Einstieg, da offensichtlich außer mir weitere Neulinge dabei waren, wollte sie die unterschiedlichen Atemtechniken mit uns erarbeiten. Wir übten die tiefe, ruhige Bauchatmung, sollten spüren, wie viel Raum und wieviel Weite und Gelassenheit diese uns gab. Und dann sollten wir uns auf die Brustatmung konzentrieren. Mir schwante schon, keine gute Idee. Trotzdem machte ich mit.

Spüren Sie die Enge in der Brust. Spüren Sie die Enge, die die Brustatmung verursacht.

Und ich erstickte beinahe. Oder besser, ich hatte das Gefühl, zu ersticken. In meinem Kopf spielte sich eine Panikattacke ab, losgetreten ganz allein von dem Engegefühl, das die Brustatmung ausgelöst hatte, dem körperlichen Empfinden der Enge. Vom dem gleichen Gefühl und Empfinden, das ich während der Panikattacke verspürte.

Ich riss die Augen auf, bewegte meine Hände und Füße, und weitete aktiv meine Brust. Ich dehnte leicht, atmete in den Bauch und ignorierte für den Rest der Stunde die Atmungsanweisungen der Lehrerin. Diese innerliche Panikattacke hatte nur wenige Sekunden gedauert, vom Rest der Gruppe hatte niemand etwas mitbekommen. Ich aber war aber die nächsten Tage wieder ziemlich durch den Wind. Zwei der Patienten, die mit im Qi Gong Kreis standen, erinnerten mich an meinem Vater und an eine liebe Tante. Allein der Gedanke, dass eben mein Vater und meine Tante statt den beiden Patienten so jämmerlich und hilflos hier stehen könnten, trieb mich beinahe in den Wahnsinn. Den ganzen restlichen Abend versuchte ich, die Patientin – der Vater-Patient war auf einer anderen Station – aufzuheitern. Was bei einer schweren Depression meistens leider vergeblich ist. Ich merkte schnell, dass ich mich damit noch dazu wieder über meine eigene Grenze bewegte und mein Kopf begann, zu rebellieren, aber ich tat mich sehr schwer, gegen diesen Impuls anzukommen. Erst als die Patientin, nur noch ein Häufchen Elend, sich verabschiedete, schaffte ich es auch, mich aus diesen Gedankengängen zu lösen. Die Vorstellung, meinem Vater und meiner Tante würde es so schlecht oder noch schlechter wie mir gehen, war jedoch nach wie vor total real. Ich schaffte es nicht, diese Vorstellung vollständig von mir wegzuschieben. Die beiden kamen immer wieder vorbei. Weder der Bulle von Tölz noch Johanna konnten sie vollständig vertreiben. Erst das Mirtazapin schaffte es.

Es geht mir gut

Ab dem Montag ging es mir gut.

Ich bin mir nicht sicher, warum, ich habe jedoch einige Theorien:

Zum Ersten: Ich war nun in einem Krankenhaus. Ich durfte (in meinem Kopf! Nicht, dass jemand zuvor von mir etwas anderes erwartet hätte) jetzt auch wirklich krank sein.

Zum Zweiten: Ich war in einer Psychiatrie, verdammt! Soweit hatte ich es mit meinen bisherigen Bewältigungsmechanismen und „Ich-will-abers“ gebracht. Ich erkannte, dass ich – einmal mehr in dieser Geschichte – gar keine andere Alternative hatte, als mich auf das alles einzulassen.

Zum Dritten: Ich konnte in der Klinik gar nichts tun, also störte es mich auch nicht mehr, nichts zu tun. Bäume anzustarren wurde zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Aber deshalb war ich ja hier.

Zum Vierten: Ich hatte wieder einen geregelten Tagesablauf.

Zum Fünften: Hier waren alle ein bisschen gestört. Also durfte ich das auch sein, ohne dass daran jemand Anstoß genommen hätte. Es war okay so.

Zum Sechsten: Wahrscheinlich begannen die Escitalopram (endlich) zu wirken.

Vermutlich half mir die Mischung aus all diesen Gründen. So unheimlich mir die Psychiatrie und vor allen Dingen die anderen Patienten anfangs gewesen waren – ich gewöhnte mich sehr schnell an all das. Das soll jetzt nicht heißen, dass alles wunderbar war. Aber es war zu diesem Zeitpunkt der einzige richtige Ort für mich. Ich hatte endlich einen Schutzraum gefunden – und endlich auch begriffen, was die Therapeutin eigentlich damit gemeint hatte. Ich konnte mich hier zurückziehen, ohne gleichzeitig alleine zu sein.

Kitz auf der Lichtung

Bild

Am Montag ging es erst richtig los:

  • 7:00 Uhr: Blut abnehmen und Urin-Probe abgeben
  • 7:30 Uhr: Thyroxin-Tablette nehmen
  • 8:00 Uhr: Blutdruckmessen, Wiegen
  • 8:10 Uhr: Frühstück
  • 8:30 Uhr: Morgenration Tabletten einnehmen
  • 9:00 Uhr: EKG

Puh. Was für ein Stress. So viele verschiedene Dinge hatte ich schon lange nicht mehr an einem Tag erledigt. Es fühlte sich richtig gut an! Um 9:30 Uhr hörte ich mir dann sogar noch die Einführungsveranstaltung für die verschiedenen Entspannungstechniken, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation – was auch immer das war – an, die ein, und das fiel mir dann doch auf, ziemlich gut aussehender Psychologe hielt. Damit hatte ich mein Soll für diesen Tag dann erledigt. Das fühlte sich richtig gut an. Ich hatte alles geschafft, was ich tun sollte! Und zwar ohne Schwierigkeiten.

Im Anschluss stand die Visite an. Ich bekam Freigängerstatus und durfte während der Besuchszeiten, also wochentags von 13.00 Uhr bis 20.00 Uhr und am Wochenenden  von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr die Klinik auch alleine verlassen.

Johanna nahm mich nachmittags auf einen ausgiebigen Spaziergang mit. Erst ging es durch einen Schleichweg durch das Unterholz vom Kasernengelände auf einen Waldweg, und von dort dann eine lange, große Runde über Felder und Wälder um die Klinik herum. Unterwegs entdeckten wir plötzlich, keine zehn Meter von uns weg, ein Reh mit zwei kleinen Kitzen. Sie standen mitten auf einer Wegkreuzung, die Bäume ringsum schlossen sich über ihnen zu einem Bogen und trotzdem brach ein einziger großer Sonnenstrahl durch, so dass das Reh und die beiden kleinen Kitze wie im Scheinwerferlicht standen. Wie gemalt. Wunderschön. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch kein Rehkitz in freier Wildbahn gesehen, und dann gleich zwei! Und dann noch so schön! Und sie blieben tatsächlich einige Sekunden stehen und fixierten uns, bevor sie zurück ins Unterholz sprangen.

Im Gefängnis 2

Am Sonntag kamen dann meine Eltern und meine Schwester zu Besuch, um mich „armes Hascherl“ aufzuheitern. Außerdem hatte ich natürlich einige Sachen, die ich hier brauchen würde, zu Hause vergessen. Wie Hausschuhe.

Das Dorffest war wohl doch nicht ganz so schlecht gewesen, ich konnte sie nicht dazu bewegen, so früh zu kommen, dass wir gemeinsam Mittagessen gehen konnten. Was nicht nur hieß, dass ich das Mittagessen hier essen musste, sondern auch, dass ich mich den ganzen Vormittag quasi nicht bewegen konnte. Wie ein eingesperrtes Tier tigerte ich mehrmals im Innenhof auf und ab. In die eine Richtung. In die andere Richtung. Irgendwann bemerkte ich, dass mich die Gruppe um den Aschenbecher langsam beobachtete. Also hörte ich auf, im Kreis zu laufen und machte ein paar Dehnübungen auf der Stelle. Dann ging ich wieder nach oben in die Station. Ich föhnte und glättete mir ausführlichst die Haare, um Zeit zu schinden. Dann tigerte ich wieder raus aus meinem Zimmer. Den Gang entlang. Am Ende entdeckte ich ein Fitnessrad. Wunderbar. Solche Dinger mag ich eigentlich gar nicht gern – aber meine Ansprüche waren auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Hauptsache Bewegung. Also radelte ich ein Weilchen. Dann legte ich mich ins Bett. Beobachtete einmal mehr die Bäume – vielleicht war ja in der Nacht einer umgefallen? Nein, war er nicht, ich kann euch beruhigen. Bis es endlich Mittagessen gab. Ein grausames Schnitzel, gegen das jenes, das es früher in der Schule in der Schnitzelsemmel vom Hausmeister gab, ein wahrer Gourmet-Bissen war. Immerhin waren die Nudeln essbar. Zumindest der Teil, der nicht beim Erhitzen am Teller festgebrannt war.

Dann irgendwann kam endlich meine Familie.

Meine Schwester war richtig begeistert vom freundlichen Ambiente der Klinik. Ich jedenfalls bugsierte sie alle beinahe im selben Moment, in dem sie zur Tür hereingekommen waren, wieder hinaus. Ich wollte endlich raus! Auslauf!

Das Wetter war nicht annähernd so schön wie am Tag davor, trotzdem schlug ich wieder den kleinen See vor. Er war wunderschön malerisch, meinen Eltern würde das bestimmt gefallen und außerdem gab es dort ein kleines süßes Café mit eigener Konditorei (=Essen!).

Wir gingen eine gemütliche Runde um den See, danach schlemmten wir alle Kuchen. Das Café war recht laut, ungünstigerweise sehr schlauchförmig und dunkel angelegt und die Bedienung arg langsam… es ging, ich hielt es aus, aber ich war auch mit Abstand die Erste, die wieder draußen war. Die eine Runde um den See war mir einfach noch nicht genug gewesen und ich musste diesen Ausflug unbedingt noch verlängern, ich wollte noch nicht wieder zurück ins Gefängnis, also ging ich noch eine Runde. Meine Mutter ging mit – ich wäre lieber alleine gegangen, um nicht reden zu müssen, aber gut – und meine Schwester und mein Vater warteten auf einer Bank am See. Danach konnte ich sogar noch ein Abendessen herausschlagen. Etwas Besseres würde ich in den nächsten fünf Tagen nicht mehr bekommen.

Spätestens um acht musste ich wieder zurück in der Klinik sein. Und das war auch gut so. Der Tag war dann doch sehr anstrengend gewesen und ich war heilfroh, meine Familie dann wieder „heimschicken“ zu können. Hier bestimmte endlich ich, wer mich wann und wie lange sah.

Abends um neun reihte ich mich in die lange Schlange vor dem Stützpunkt an. Ab Punkt 21.00 Uhr wurde die Nachtmedikation ausgegeben. Bereits um fünf vor neun standen oft schon mehr als fünf Leute (insgesamt waren wir in der Station nur vierzig Patienten) an. Wir Junkies.

Im Gefängnis – 1

Johanna – der einzige Mensch in der Psychiatrie, mit dem ich bisher mehr als zwei Worte gewechselt hatte – war am Samstag in aller Frühe Richtung Heimat aufgebrochen. Meine zweite Zimmergenossin war schon nicht mehr im Zimmer, als die Schwester mich um halb acht weckte und mir meine Thyroxintablette (wegen der Schilddrüsenentzündung) gab.

Ich blieb noch ein bisschen im Bett liegen, ich durfte sowieso erst in einer halben Stunde etwas essen. Heute würde mich Kathrin besuchen kommen. Einerseits war mir überhaupt nicht nach Reden, andererseits freute ich mich sehr, sie endlich wiederzusehen. Außerdem würde ich sonst den ganzen Tag in diesem Gefängnis festsitzen. Und wir würden mindestens einmal essen gehen. So viel hatte ich an dem einen halben Tag, an dem ich erst hier war, nämlich schon kapiert: Das Mittagessen war nur in Ausnahmefällen genießbar.

Frühstück gab es zwischen acht und neun Uhr morgens, keine Minute länger, vorher mussten alle Patienten zum Blutdruckmessen antreten. Gewogen wurde alle zwei Tage im Wechsel. Und manche Pfleger fragten auch nach der Beschaffenheit des Stuhlgangs.

Der Aufenthaltsraum hallte unglaublich. Ich setzte mich wieder an den Platz, den ich gestern schon eingenommen hatte. Allein, abseits, an der Wand. Mir gegenüber, am nächsten Tisch, saß ein großer, schlaksiger, eigentlich hübscher junger Mann – in etwa so alt wie ich. Er hatte die dunklen Augen auf den Tisch gerichtet, er hob sie während des ganzen Essens nicht einmal. Hinter mir war eine Runde Frauen, alle zwischen vierzig und sechzig, auf der anderen Seite, an der zweiten Tischreihe, saßen vor allen Dingen Männer. Die meisten wohl um die vierzig. Einige stark tätowiert, einige ziemlich unförmig. Insgesamt war es eine sehr heterogene Mischung im Speisesaal. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft.

Zum Frühstück hatte ich mir Müsli mit Joghurt, eine Vollkornsemmel mit Honig und Obst bestellt. Saft gab es nicht, also trank ich Wasser. Nach dem Frühstück nahm ich meine Morgenration Tabletten am Stützpunkt ein – und wehe ich schluckte nicht offensichtlich genug – und ging wieder ins Zimmer.

Kathrin würde etwa um halb elf hier sein. Ich zog mich an, richtete die Haare halbwegs und beschloss, mich mit einem Buch in den Innenhof zu setzen. Vor meinem Fenster war zwar eine Art Balkon, die Schwester hatte mich gelinde gesagt jedoch einfach ausgelacht, als ich am Vortag fragte, ob man dahin auch rausgehen könnte. Nicht einmal die Fenster waren zu öffnen, immerhin konnte man sie kippen. Einige der metallenen Gitterstühle waren noch nicht belegt, ich schnappte mir einen roten und rückte ihn, durch das dürre Gras und welke Laub, unter dem Baum heraus in die Sonne. Eigentlich war an diesem Tag – am Tag des Dorffests – immer schönes Wetter. Das war unsere eigene Regel. In diesem Jahr wohl nicht. Es war kalt, obwohl die Sonne schien, und es war Regen vorhergesagt. Immerhin etwas. Ich würde nicht das beste Fest aller Zeiten verpassen.

Ich las also in der Sonne, unbehelligt von den Mitpatienten, als plötzlich Kathrin vor mir stand. Da bist du, sagte sie. Ich sah ihr an, dass sie sichtlich froh war, mich gefunden zu haben. Ich war schon oben in deinem Zimmer, die Frau dort sagte, dass du im Innenhof bist. Und ich habe mich vorhin beinahe nicht die Treppe in deine Station hochgehen trauen. Da kam mir einer entgegen, der sah ziemlich furchteinflößend aus. Ich musste grinsen. Ich wusste, wen sie meinte. Der sah in der Tat ziemlich furchteinflößend aus. Beinahe am ganzen Körper tätowiert, zahlreiche Piercings, lange, nicht gerade gepflegte Haare, meistens weite, schwarze Kleidung. Er sah eher nach „hinterm Bahnhof rechts“ oder „unter der Brücke, dritter Karton von vorn“ aus, als nach allem, was ich so gewohnt war. Aber so viel hatte ich in den 24 Stunden, die ich auf der Station war, schon mitbekommen: Er war einer der Nettesten hier. Ich sagte ihr das, das beruhigte sie ein wenig.

Dann fuhren wir los – in Begleitung durfte ich ja Gottseidank raus – und drehten einige Runden um einen kleinen, unglaublich süß gelegenen See im nächsten Dorf. Wir hatten uns seit Monaten nicht gesehen, zwar oft telefoniert in der letzten Zeit, aber das war nicht das Gleiche. Es tat unglaublich gut, endlich auch mal viele der Dinge loswerden zu können, die sich am Telefon einfach nicht sagen lassen. Ich fühlte mich gut aufgehoben und sicher bei ihr. Und ich musste auch nicht die ganze Zeit reden. Eine ganze Weile waren wir beinahe schweigend gelaufen. Eine ganz neue Erfahrung für mich. Anschließend aßen wir noch in einem Biergarten zu Mittag. Gegen drei war ich wieder zurück in der Klinik. Den restlichen Tag verbrachte ich mit Lesen, Die-Bäume-vor-meinem-Fenster-Anstarren (schon faszinierend, welche kleinen Details man entdecken kann!) und So-zu-Tun-als-ob-ich-schliefe.

In der Psychiatrie

Meine Eltern wollten mich unbedingt gemeinsam in die Klinik bringen. Es zählte nicht mehr, dass ich das nicht wollte, ich wurde überhaupt nicht beachtet. Es wurmte mich, schließlich war ich vielleicht psychisch krank, aber nicht unzurechnungsfähig. Ich hatte die Sachen eingepackt, von denen ich dachte, dass ich sie brauchen würde: Sportklamotten, einige Bücher, iPad, Laptop, Kamera, Bikini, Decke.

Die Fahrt verbrachte ich schweigend. Ich hatte Angst. Ich war nervös. Ich war zittrig. Ich war unsicher.

Die Klinik lag außerhalb des Stadtgebiets, auf einem Gelände, das nach alter Kaserne aussah, mitten im Wald. Das Gebäude selbst sah immer noch sehr nach Truppenunterkunft aus – wenig einladend, aber immerhin gelb gestrichen. Die Umgebung war trostlos. Direkt hinter der Klinik, an den Parkplatz angeschlossen, befand sich eine Festhalle oder vielmehr die Ruine einer ehemaligen Festhalle. Sämtliche Grünflächen und Wiesen waren aufgrund des regenlosen Sommers gelblich verdorrt, die Bäume hatten kaum noch Blätter, es sah aus wie im Herbst. Und trotzdem brannte die Sonne herunter.

Meine Eltern und ich waren schließlich vor dem Eingang angelangt und wollten die Klinik betreten, aber die automatische Tür ging nicht auf. Wir standen einigermaßen verwirrt davor. Drinnen war doch der Empfang besetzt, es herrschte Bewegung? Plötzlich ging die Tür auf. Wir traten ein, eine unspektakuläre, eher kühle, kleine Empfangshalle umfing uns. Der Blick gerade aus führte durch eine verglaste Wand und Terrassentüren in einen trostlosen, halb grau-gelb verdorrten, halb betonierten Innenhof. Die welken Blätter bedeckten auch dort den Boden. Ein paar blaue und rote Eisenstühle standen verloren herum und um einen halbhohen, metallenen Aschenbecher versammelten sich (gefühlt) die anonymen Alkoholiker zur Jahrestagung: ungepflegte Haare und Kleidung, fahle Haut, Menschen, die einen unglaublich fertigen Eindruck machten. Neben dem Empfang ein Schreiben an alle Patienten: Baden in den umliegenden Seen war untersagt. Das einzige, was mir also in den vergangenen Wochen Spaß gemacht hatte, war mir nun verboten. In kleinen Vitrinen waren Flechtkörbe und Seidenmalerei-Werke zum Verkauf ausgestellt. Sie waren von Patienten in der Ergotherapie hergestellt worden, erklärte ein kleines Schild.

In mir zog sich alles zusammen. Ich wäre am liebsten auf und davon. Aber die Tür war ja schon wieder zu. Und die Dame am Empfang ganz nett. Sie benachrichtigen die Station und bat mich, einige Formulare auszufüllen und dann Platz zu nehmen.

Schwester Tanja machte einen bodenständigen, fröhlichen Eindruck. Sie führte uns zum Aufzug. Ich drückte auf den Knopf, nichts passierte. Die Schwester konnte sich ein Lachen nicht verkneifen: „Sie waren noch nie in einer Psychiatrie, oder? Der geht nur mit Schlüssel.“ Ich schluckte. Bis dato war mir eigentlich noch gar nicht so ganz klar gewesen, dass ich nun wirklich in einer Psychiatrie gelandet war. Ich hatte gedacht, dass es vielleicht unterschiedliche Stationen gab, und ich würde auf einer anderen, eben der für Psychotherapie zum Beispiel, untergebracht werden.

Der Aufzug öffnete sich in einen hellen Aufenthaltsraum mit Tischreihen und den dazugehörigen Stühlen. Das ist der Speisesaal, erklärte mir die Schwester. Es gibt keine festen Sitzplätze, jeder setzt sich einfach dahin, wo er mag. Wir gingen einen Gang entlang, der sehr nach Krankenhaus aussah, abgesehen vom Teppichboden vielleicht.

Sie brachte mich in mein Zimmer. Ein Dreibettzimmer, direkt rechts neben der Tür drei kleine, abschließbare Schränke, ein Holzbett geradeaus, mit dem Kopfteil zur Tür, mit dem Fußende an einem der drei Fenster. Das würde meines sein. Vor dem mittleren Fenster stand ein kleiner Tisch mit drei Stühlen, vor dem rechten Fenster war ein weiteres Bett, das genau wie meines an der gegenüberliegenden Wand ausgerichtet war und auf der anderen Seite des Kopfteils war ein drittes Bett. Neben dem dritten Bett ging es in ein kleines, neu wirkendes Bad. Der Duschkopf hing hinter dem Plastikvorhang nur hüfthoch.  Auf der Höhe meines Kopfendes war ein kleiner Fernseher angebracht. Der Boden war im Zimmer war aus dunklem Lynoleum, die Wände weiß, mit je einem bunten Bild über jedem Bett. Auf dem Fensterbrett stand eine lilafarbene Orchidee. Die Schwester verabschiedete sich mit den Worten, jetzt packen Sie kurz aus, ich komme dann in einer Viertelstunde wieder zurück.

In dem Bett mir gegenüber war jemand, in Sportkleidung, etwas älter als ich. Lange braune Haare, sehr sympathisches Gesicht. „Och, mei, schön, dass jemand Junges ins Zimmer kommt“, sagte sie, „ich bin die Johanna.“ Ich grüßte nur kurz zurück. Lugte vorsichtig aus meinem Schneckenhaus heraus. Meine Eltern begannen über meinen Kopf hinweg eifrig eine Konversation mit ihr. Das nervte mich gehörig. Meine Mutter nestelte an meinen Taschen und Sachen herum, die ich auszupacken begann. Lass mich in Ruhe, zischte ich, ich mache das schon. Mein Vater hatte das Gespräch auf die „Anwendungen“ gebracht. Sie erzählte etwas vom Walken, wo sie jetzt hingehen wollte, und vom Qi Gong. Ich fragte sie kurz, ob das Essen gut war. Nein, war es nicht. Ich war wieder still. Sie erzählte weiter, was man hier sonst noch so machen konnte. Tischtennisspielen, und eigentlich auch Billard. Aber das geht gerade nicht, weil ein paar Tage zuvor jemand seine Wut an den Queues ausgelassen hatte. Die waren jetzt kaputt. Ich stoppte kurz in meinen Gedanken. Wo war ich denn hier gelandet? Queues vor Wut zerbrochen. Ich würde mich nur so viel wie nötig aus dem Zimmer herausbewegen und mit anderen Patienten sprechen.

Schließlich kam die Schwester wieder und nahm mich mit in den Stützpunkt, das Stationszimmer. Sie maß meinen Blutdruck, ich musste mich wiegen, und ganz kurz erzählen, warum ich da war. Ja, da sind sie hier schon richtig, sie werden sehen, meinte sie. Ich musste alle meine Medikamente abgeben. Auch die, die mit der aktuellen Erkrankung gar nichts zu tun hatten. Sie sprach weiter, meine Eltern müssten jetzt gehen, da jetzt gerade keine Besuchszeit sei, und die Ärztin würde am frühen Nachmittag zu mir kommen für das Aufnahmegespräch. Bis dahin dürfte ich das Klinikgebäude nicht verlassen.

Meine Eltern gingen also. Ich war froh, als ich sie endlich los war. Ich packte meine restlichen Sachen aus. Dann war es bereits Zeit für das Mittagessen. Der Speisesaal war unglaublich laut. Viel zu laut für mich. Ich setzte mich alleine an einen Tisch und holte mir das Tablett mit dem „A“ für „Aufnahme“. Das Besteck und eine Serviette lagen auf dem Tablett, ein abgepackter Joghurt als Nachspeise stand darauf und ein großer Teller mit verschiedene Fächern, der mit einem Plastikdeckel bedeckt war. Das Essen, Tortellini mit Fleischsoße und Gemüse, war wirklich nur halbwegs essbar. Johanna hatte Recht behalten. Nach dem Essen legte ich mich ins Zimmer. Außer mit Johanna und Schwester Tanja hatte ich mit niemandem ein Wort gewechselt. Als ich zurück ins Zimmer kam, war meine andere Zimmerkollegin da. Eine ältere Frau, graue, schulterlange Haare, nicht unbedingt dick, aber doch kräftig gebaut, in einem weiten, einfarbigen roten T-Shirt und lockeren Hosen. Sie hatte wache Augen und eigentlich sympathische Gesichtszüge, aber fahle Haut und wirkte insgesamt eher traurig und sehr zurückhaltend. Wir grüßten uns nur kurz. Sie hieß Ruth. Ich legte mich ins Bett und starrte den Wald vor meinem Fenster an.

Eine Stunde später kam schließlich die Ärztin zum Aufnahmegespräch. Sie bat mich, ihr zu erzählen, warum ich hier war. Ich erzählte ihr meine ganze Geschichte, ausführlich, von Anfang an. Ich heulte, mitunter brauchte ich ein paar Minuten um mich zu fangen, so dass ich wieder weitersprechen konnte. Dabei schrieb sie auf einem Bogen mit und machte, insbesondere als ich von der Zeit seit meiner Krankschreibung erzählte, an etwas, das wie ein Fragebogen aussah, Häkchen. Danach fragte sie mich alle jene Fragen, die ich in meinem Erzählfluss nicht sowieso schon beantwortet hatte. „Hatten Sie je unbegründete Existenzängste?“, „Hatten Sie je Wahnvorstellungen?“ und auch „Haben Sie je  versucht, sich umzubringen oder hatten Sie es vor?“. Ich war einigermaßen schockiert. Antwortete nein, hatte ich nicht. Von der Episode hatte ich ihr ja bereits erzählt, sie meinte dann, also nur passive Suizidgedanken. Wieder eine neue Vokabel gelernt. Anschließend blickt sie mir in die Augen, fixierte mich, und fragte dann in einem beinahe schon feierlichen Ton: „Können Sie mir versprechen, dass Sie sich hier nichts antun werden und Sie sich sofort bei mir oder einem Kollegen melden, wenn Sie Selbstmordgedanken haben?“ Ich antwortete, immer noch leicht verwirrt, Ja, das kann ich versprechen.

Anschließende teste sie verschieden Reflexe, meine Koordination und Reaktion. Danach legte sie mir den Therapieplan vor, einen bunten Din A4 Bogen, auf der einen Seite mit einem Stundenplan der ganzen Therapieangeboten bedruckt, auf der anderen Seite mit einer Liste der einzelnen Angebote und etwas, das wie eine Anwesenheitsliste aussah. Sie gab mich für alle freiwilligen Angebote frei, und trug mich für Psychotherapie (einmal wöchentlich), die Depressionsgruppe, die Kunsttherapie, kognitives Training und Ergotherapie ein. Sie erklärte mir, dass es für diese Gruppen eine Warteliste gab und sie mich nun dort anmelden würde. Es könnte ein paar Tage, mitunter auch zwei Wochen dauern, bis ich einen Platz hätte. Insgesamt müsste ich jeden Tag mindestens zwei Therapien absolvieren, so dass ich mich nicht vollständig zurückziehen könnte. Außer am Ankunftstag. Sie bat mich dann noch, meine Patientenkarte im Laufe des Nachmittags am Stationsstützpunk – dem Schwesternzimmer – abzuholen.

Ich musste anschließend einmal unterschreiben, dass ich in die Behandlung einwillige. Ein weiteres Mal, dass ich nicht Autofahren oder Fahrradfahren würde, solange ich in der Klinik war. Und, da es Freitag war und jeder neue Patient erst einen Tag unter Beobachtung stand, durfte ich auch erst einmal nicht raus. Das hieß: Das ganze Wochenende konnte ich nur raus, wenn ich in Begleitung eines Mitpatienten oder einem Besucher war. Ich war eingesperrt. Ich durfte nicht Fahrradfahren. Nicht Autofahren. Nicht schwimmen. Ich war eingesperrt. In einer Psychiatrie.