Beerenzeit

Meine Schwester holte mich um Punkt acht ab. Wir fuhren nach Hause; diesmal spürte ich keine Angstzustände. Vielleicht war ich einfach zu erledigt dafür. Daheim frühstückten wir auf der Terrasse in der Sonne. Es war bereits Ende August, und es war immer noch unglaublich warm und schön. Es tat unendlich gut, zu Hause zu sein, in der Sonne zu sitzen, gemütlich zu frühstücken – mit gutem Essen, richtigen Brezen, selbstgemachter Marmelade und frischen Himbeeren aus dem Garten. Und vor allem tat es richtig gut, endlich Ruhe und Zeit zu haben, um mit meiner Schwester zu reden. Wir hatten uns seit meiner Krankschreibung nur einige einzelne Tage gesehen, davon nur einen nicht in der Psychiatrie. Klar wusste sie, dass ich krankgeschrieben war, es mir nicht gut ging, dass ich in der Psychiatrie war. Aber ich hatte ja nicht mehr telefoniert, kaum noch Nachrichten geschrieben und meine Eltern hatten ihr wohl auch die Details vorenthalten. Vielleicht, weil sie dachten, dass wir sowieso in Kontakt stünden. Vielleicht, weil sie meiner Schwester die Reise nach Sri Lanka nicht verderben wollten. Vielleicht aber auch einfach, weil sie selber gar nicht wussten, wie sie es hätten ausdrücken sollen. Jedenfalls, glaube ich, dass meine Schwester erst so richtig begriff, wie schlimm es um mich stand, als meine Mutter ihr sagte, sie solle nicht mehr zurück nach London fliegen, sondern ihre Masterarbeit zu Hause fertig schreiben, da sie mich unmöglich allein lassen konnten. Dass überhaupt meine Mutter sie nicht darum bat oder es ihr vorsichtig nahelegte, sondern -wie ich mittlerweile meine mitbekommen zu haben – ihr klipp und klar eröffnete, dass sie hier gebraucht wurde. Punkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das, seit wir beide ausgezogen waren, überhaupt jemals vorgekommen war.

Wir unterhielten uns  sehr lange. Sie wollte wissen, was passiert war, und warum. Mehrmals in diesen drei Stunden, die wir draußen am Frühstückstisch saßen, standen ihr die Tränen in den Augen und mir versagte die Sprache. Und mir stehen auch jetzt beim Schreiben, ein ganzes halbes Jahr später, wieder die Tränen in den Augen. Es tat mir gut zu sehen wie sie sich bemühte, zu verstehen. Zu sehen, dass sie besorgt war. Zu sehen, dass ich alles andere als egal war. (Natürlich wusste ich das – aber die letzten Tage war ich wieder das kleine Häufchen Depression und Angst gewesen. Da war das nun umso wichtiger.) Sie sagte sogar tatsächlich das Fest ab und verabredete sich stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Schwimmen. Dann bin ich wenigstens abends wieder da, wenn Helene weg ist, meinte sie. Das fand ich gut. Sehr gut sogar. Sie fuhr dann also, und ich widmete mich meiner neuen bevorzugten Sommertätigkeit zu Hause: Beeren pflücken. Ich war ja bereits im vergangenen Jahr über zwei Wochen rätselhaft (dieses Rätsel war mittlerweile immerhin gelöst…) krank gewesen. Nach einer kurzen Kehlkopfentzündung war ich zwei Wochen lang viel zu erschöpft gewesen, um überhaupt auch nur eine Stunde spazieren zu gehen. Auch da hatte ich meine Tage damit verbracht, abwechselnd einfach nur im Garten meiner Eltern zu sitzen und die Eichhörnchen, meine Katze und die vielen Vögel zu beobachten und Beeren zu pflücken. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Walderdbeeren – da gab es einiges zu tun. Ich schnappte mir also ein kleines Schüsselchen und ging auf Beerenjagd.

Den Nachmittag verbrachte ich ganz entspannt mit Helene – es gab unter anderem Vanilleeis mit frischen Himbeeren. Wir aßen sogar noch zusammen zu Abend. Meine Schwester war inzwischen wieder gekommen, dann wieder gegangen und war ein paar Häuser weiter immer noch bei ihrer Freundin. Ich war zu Hause und sah fern. Es wurde langsam dunkel. Ich war alleine zu Hause. Und die Angst kam wieder. Ich schrieb meiner Schwester eine Whatsapp-Nachricht, wie lange sie wohl noch bei ihrer Freundin wäre. Die Nachricht kam nicht an. Dann schrieb ich ihrer Freundin. Kam auch nicht an. Natürlich hätte ich auch einfach auf dem Festnetz anrufen können. Ich bin mir sicher, die beiden wären sofort dagewesen. Aber ich wollte nicht diejenige sein, die heulend wie ein kleines Kind nicht alleine sein konnte. Also nahm ich die Mirtazapin und  legte mich – ausnahmsweise mit Katze – ins Bett. Das Schnurren tat gut. Die Angst wurde trotzdem nicht weniger. Dennoch schlief ich relativ schnell ein.

Der Sonntag verlief ähnlich ruhig. Mir ging es gut, solange ich nicht viel machen musste. Am Nachmittag waren wir sogar noch zu zweit beim Baden am See. Die Sonne und das Wasser waren wohltuend.

Abends fuhr mich meine Schwester wieder zurück in die Klinik. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Ich war erschöpft. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass ich mich auf die Klinik freute. Aber ich sehnte mich nach meinem Schutzort. Und ich freute mich auf Steffi und Johanna. Bis Mittwoch hatte ich sie ja noch.

Besuchszeit

Außer Katrin und meiner Familie war in der ersten Woche noch eine andere gute Freundin, Maria, bei mir zu Besuch gewesen. Am Donnerstag, gestern, war ich mit Helene am Wörthsee schwimmen gewesen und für heute Abend hatten sich Hanni und Marlene angekündigt. Sie würden nach dem Abendessen – also gegen sechs – vorbeikommen. Auch wenn ich die Besuche einigermaßen dosieren musste, da es doch recht anstrengend war, freute ich mich über jeden sehr. Und wenn es auch nur eine halbe Stunde war.

Johanna wohnte mehr als drei Stunden entfernt, bei ihr war ein Besuch einfach beinahe unmöglich, aber Steffi war wie ich aus München. Sie war neidisch, als sie hörte, dass ich schon wieder Besuch bekäme. Aber von mir weiß auch fast niemand, dass ich hier bin, merkte sie dann noch etwas nachdenklich an.

Jeden Tag ab 12.30 Uhr bis 20.00 Uhr durfte Besuch kommen und gehen. Eine andere Burnoutpatientin bekam beispielsweise beinahe jeden Abend von ihrem Mann Besuch, der frische Wäsche brachte und manchmal auch Essen. Andere, die sehr nahe wohnten, fuhren hin und wieder einfach nach Hause. Oft kamen auch Kinder zu Besuch und sehr hoch im Kurs standen auch Hunde. Wieder andere aber waren eher genervt, wenn die Junkie-Tochter mal wieder Geld brauchte und nur aus diesem Grund zum ersten Mal in vier Wochen völlig ungewaschen und fertig in der Klapse antanzte, um bei der Mama, die mit Depressionen hier fest hing, Geld zu schnorren. Manche bekamen gar nie Besuch. Und andere blieben sogar freiwillig am Wochenende in der Psychiatrie. Nicht, weil sie psychisch nicht in der Lage waren, wie meine Zimmernachbarin Ruth, die wegen einer Angststörung nicht mehr Bahn fahren konnte, aber auf die S-Bahn angewiesen war. Sondern weil sie wirklich vollkommen freiwillig blieben. Sie waren lieber hier. Ich will mir nicht vorstellen, wie trostlos diese Zuhause aussehen. Wenn ihnen sogar die Psychiatrie als bessere Alternative erscheint.

Ich jedenfalls verbrachte mit meinem Besuch nicht viel Zeit innerhalb der Klinikmauern. Die meisten waren neugierig, und wollten einfach sehen, wie es denn in einem echten Irrenhaus so aussieht – und wirkten manchmal beinahe enttäuscht, weil es so unspektakulär war. Manche Mitpatienten hielten es aber auch so, den Besuch gar nicht erst herein zu beten, um ihm den Anblick der doch manch trostlosen Gestalten zu ersparen. Ich war immer wieder froh, mal etwas anderes als die Klinik zu sehen. Oft fuhren wir nach der kurzen Stippvisite an einen der vielen Seen in der Umgebung – was sich bei dem heißen Wetter ja auch Ende August immer noch anbot – oder gingen zumindest eine lange Runde spazieren. So auch mit Hanni und Marlene. Erst gingen wir hoch ins Zimmer, dann eine kleine Runde durch den Wald und schließlich veranstalteten wir noch eine Art Picknick auf dem Parkplatz. Fast wie Urlaub. Wenn ich nicht um Punkt acht wieder in der Psychiatrie hätte sein müssen. Und mein Kopf nicht mal wieder kurz vor Anschlag gewesen wäre.

 

Jetset im Kopf

Bild

Es war wieder Freitag. Der dritte, den ich in der Psychiatrie verbachte. Es ging mir besser wie am ersten, dem Tag meiner Einlieferung. Aber es ging mir auch sehr viel schlechter als vergangenen Freitag. Da war ich ja in richtiger Hochstimmung gewesen, voller Vorfreude auf das Wochenende. Diesen Freitag ging es mir nicht gut. Die Episode am Dienstag hatte mich unwahrscheinlich viel Kraft gekostet. Und gestern hatte ich wieder Herzstechen und die alten Stress-Symptome gehabt. Helene und ihr Mann waren zu Besuch gewesen, wir waren Schwimmen und standen auf der Heimfahrt im Stau – ich drohte zu spät zurück in die Klinik zu kommen. Ich war mit der Bewältigung des Klinikalltags hier wieder beinahe überfordert. Zudem würden Johanna und Steffi nächste Woche die Klinik verlassen. Ich wäre dann allein in diesem Irrenhaus. Und Johanna saß mir beinahe schon seit zwei Tagen mehrere Stunden täglich heulend oder eben gerade nicht mehr heulend, aber hundeelend im Bett gegenüber. Ich fühlte mich wieder schwach, sehr schwach. Ich fühlte mich allein. Und ich hatte Angst vor dem Wochenende. Meine Eltern waren eine Woche in Urlaub gefahren, meine Schwester war daheim. Eigentlich hatte sie wieder zurück nach London fliegen wollen, um ihre Masterarbeit abzugeben. Aber sie blieb hier. Sie würde sie per Post einschicken. Auch wenn es mir niemand so gesagt hatte, vermutete ich, dass meine Mutter sie wohl dazu verdonnert hatte. Damit ich eine Anlaufstelle hatte während ihres Urlaubs. Ich war dankbar dafür. Auch wenn ich es natürlich selbst nie gewagt hätte, sie selbst darum zu bitten.

Am Montag hatte sie mich gefragt, ob es für mich okay wäre, wenn sie am Samstag mit ihren Freundinnen auf ein Volksfest – den Barthelmarkt – fahren würde. Sie wäre dann von mittags bis nach Mitternacht unterwegs, also den ganzen Samstag. Klar, das passt schon, sagte ich am Montag. Da ging es mir noch gut. Mittlerweile hatte sich die Situation allerdings wieder arg gedreht. Und ich lag nach dem Morgensport wieder in meinem Bett und kämpfte mit der Angst, die im Laufe des Tages wieder von mir Besitz ergriff. Die mir die Brust eindrückte, mich klein machte, die mir die Kehle zuschnürte. Ich wollte nicht, dass meine Schwester wegen mir nicht feiern gehen konnte. Ich fühlte mich schlecht dabei. Aber ich wusste irgendwie auch keine andere Alternative. Ich hatte solche Angst davor, allein zu sein, Angst davor, dass ich dann wieder komplett kippen würde, und Angst davor, dass ich dann schließlich vielleicht nicht, wie am Dienstag, die Kontrolle behalten würde. Ich hatte Angst davor, dass ich mir selbst etwas antun könnte.

Schließlich schrieb ich Helene. Sie war eigentlich mit ihrem Umzug Anfang nächster Woche mehr als beschäftigt. Sonst würde ich meine Schwester bitten müssen, abzusagen. Es ging einfach nicht anderes. Helene hatte Zeit. Sie würde am Nachmittag vorbeikommen, und dann, wenn ich wirklich nicht alleine sein konnte, könnte ich ja einfach mit zu ihr mitkommen und ihr beim Packen zusehen oder sogar helfen.

Ich telefonierte dann mit meiner Schwester, sagte ihr, dass es mir nicht besonders gut ginge, dass aber Helene morgen vorbeikommen würde, und notfalls, sagte ich, würde ich eben zu meiner Tante gehen – die auch im selben Ort wohnt. Sie klang etwas besorgt und meinte dann auch, so besonders viel Lust hätte sie sowieso gerade nicht auf das Fest, sie sei noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit. Vielleicht würde sie auch gar nicht fahren. Jedenfalls machten wir aus, dass sie mich morgen früh um Punkt acht abholen würde und wir danach gemeinsam frühstücken würden. So richtig gesehen und lange miteinander gesprochen hatten wir das letzte Mal in London, einen Tag vor meiner Krankschreibung, auf meiner bisher letzten Dienstreise. Also vor beinahe zwei Monaten.

Nachdem ich das geklärt hatte, wurde ich etwas ruhiger. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf lief heute aber wieder recht munter und turbulent. Ich war traurig, fühlte mich von der Welt verlassen. Mir ging es einfach schlecht. Nach dem Mittagessen lag ich schon wieder in meinem Bett, mit dem Gesicht zur Wand, aber diesmal hörte ich zumindest Musik. Jojo hatte Therapie, Ruth saß in ihrem Bett und strickte an Herzchen-Socken. Das Lied, das auf egoFM gespielt wurde, war traurig. Und ich begann zu weinen. Ich hatte keinen expliziten Grund. Ich war einfach traurig. Die Welt war grau, der Schleier war wieder da. Draußen herrschte strahlender Sonnenschein. Aber meine Welt war grau. Freudlos. Traurig. Ich lag einfach in meinem Bett und schluchzte. Zum ersten Mal, seit ich hier war. Die Apathie war der Trauer gewichen.

Da spürte ich sanft eine Hand auf meiner Schulter, so unerwartet jedoch, dass ich richtig erschrak. Aber es war nur Ruth. Sie beugte sich besorgt, beinahe schon mütterlich, über mich. Sophie, flüsterte sie, was ist denn los? Ich weiß nicht, schluchzte ich. Nichts eigentlich. Das Lied ist so traurig. Ruth streichelte noch ein paar Mal über meinen Arm. Kann ich etwas für dich tun?, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Nein, es geht schon. Das Lied ist einfach so traurig gerade.

Später am Tag versuchte ich es dann noch mit Musik und Entspannung. Das war in etwa das einzige der über zwanzig Therapieprogramme, das unserem anspruchsvollen Dänen, Marc, zusagte. In der Schule hatten Fantasiereisen bei mir immer gut funktioniert, ich mochte sie gerne. Aber diesmal nicht. Ich konnte mich nicht darauf einlassen. Ich konnte mich nicht entscheiden, an welchem Strand ich gerade war. Ich war die ganze Zeit nur am Überlegen, welcher der Strände, die ich kannte, für den Zweck am besten passte. Mein Kopf jettete von Italien (Bibione) an die Ostsee (Heiligendamm), von Neuseeland (Hahei) nach Panama (San Blas Inseln). Von Entspannung keine Spur. An all diesen Orten war ich entspannt gewesen und glücklich gewesen – aber jetzt nicht. Das Karussell drehte mit Strandbildern, aber immer noch auf Hochtouren.

Milkaherzen von den Zeugen Jehovas

Johanna, Steffi und ich hatten gerade die Slackline abgebaut und uns in Richtung der jeweiligen Zimmer verabschiedet – es war bereits halb acht, der Tag in der Psychiatrie so gut wie vorbei. Steffi würde noch mit ihrem Mann telefonieren, Johanna und ich debattierten gerade über das abendliche Fernsehprogramm, als es an der Tür klopfte. Draußen stand Frederik, der seit zwei Tagen eigentlich wieder zu Hause war. Er wohnte nicht weit entfernt und war extra noch einmal gekommen, meinte er, um sich bei uns drei Mädels zu bedanken, da wir ihn so freundlich aufgenommen hatten.

Frederik war noch jung, vermutlich um die zwanzig, Borderliner, und hatte sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen. Er machte einen total normalen und netten Eindruck mit der blonde Surfer-Mähne und seinen ausgelatschte Adidas-Sneakers, saß beim Essen immer mit an unserem Tisch und war mit uns gemeinsam immer beim Walken gewesen. Aber von „besonders gekümmert“ konnte eigentlich nicht die Rede sein. Wie auch immer war er nun da und hatte für jede von uns Milkaherzen als Dankeschön dabei. Schokolade konnten wir sehr gut brauchen. Er war sichtlich nervös – Ich habe das noch nicht so oft gemacht, sagte er – bedankte sich artig bei uns und drückte uns nach einem kurzen Smalltalk eben die Pralinen sowie noch ein paar Zeitschriften in die Hand. Ich war immer noch etwas verwirrt über den plötzlichen Besuch. Er fragte noch, ob wir wüssten, wo Steffi wäre, er hätte für sie auch noch etwas dabei. Johanna ging mit ihm den Gang entlang, wo Steffi auf einer der Bänke saß und wie beinahe jeden Abend mit ihrem Mann telefonierte. Nach kaum zehn Minuten hatte sich Frederik wieder verabschiedet. Da schaute ich zum ersten Mal auf die Zeitschriften in meiner Hand. Ein „Wachturm“ und ein „Erwachet“. Die einschlägige Lektüre der Zeugen Jehovas. Ich war überrascht. Wir hatten nie über Religion gesprochen, aber Frederik hatte definitiv nicht wie einer der klassischen Vertreter der Zeugen gewirkt, die an der Haustüre oder an der Straße versuchten, zu missionieren. Der arme Kerl, dachte ich. So jung. Und hatte es sowieso schon nicht leicht. Und war er wohl auf der Suche nach Halt auch noch – meine Sicht – an die Falschen geraten.

Warum der Burnout nicht vom Job kommt.

 

 

Ein Buch mit diesem Titel stand im Regal in dem Raum des BOZM, in dem ich immer mit meiner Psychologin sprach. Was. Für. Ein. Schwachsinn.

Dachte ich. Knapp zwei Monate später denke ich: Vielleicht hat der oder die Autorin doch gar nicht so unrecht?

In den letzten Wochen habe ich sehr viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Die Frustration war im Juli dem Zorn gewichen, der Zorn Mitte August langsam einer Art Akzeptanz und schließlich hatte ich mittlerweile die Kraft und auch die Zeit, mich auf die Suche nach den einzelnen Puzzle-Teilen zu machen. Nach wie vor ist mir immer noch schleierhaft, was genau dazu geführt hatte, dass ich nun eben hier saß. In einer Psychiatrie.

Ich habe den Job ja auch zuvor bereits drei Jahre lang gemacht, mit den exakt gleichen Kollegen und Chefs. Es war auch in diesen drei ersten Jahren stressig und viel gewesen. Und trotzdem hat es mir in diesen drei Jahren so gut wie immer Spaß gemacht, ich hatte sogar oft den Eindruck, dass ich diesen Stress regelrecht brauchte. Was war also passiert?

Es war beruflich in den letzten eineinhalb Jahren nicht optimal gelaufen. Das war nicht immer unbedingt wenig gewesen. Summa summarum hatte mich das auch einige Kraft und vor allem Nerven kostet. Aber das gehörte in gewissem Maße ja auch dazu. Aber doch nicht ausreichend um mich dermaßen umzuhauen?

Was also dann?

Langsam wird mir klar. Die allerersten Anzeichen – meine Hüftschmerzen – fallen mit einer plötzlichen Erkrankung meines Vaters zusammen. Einer vollkommen Unerwarteten. Die dann zwar viel unerheblicher war als im ersten Moment befürchtet, zwei Stents und sechs Wochen Reha später war beinahe alles wieder so wie vorher. Dennoch hatte sie mich aus dem Nichts heraus überrumpelt. Meine kleine Schwester steckte noch mitten im Studium. Ich war die Große, ich war verantwortlich. Wenn meinem Vater etwas zustoßen sollte: Ich hatte mich um alles zu kümmern.

Ich kippte von einem „ich will“ – damals unbemerkt – in ein „ich muss“. Ich musste Geld verdienen; am besten mehr; ich wollte gleichzeitig mehr Zeit für meine Familie haben; ich musste ab sofort auf einen Ernstfall vorbereitet sein; ich musste. Ich musste. Ich musste! Dazu kamen die unerklärlichen Hüftschmerzen, die mich beinahe ein Jahr lang teilweise beinahe vollständig am Gehen und damit auch am Sporttreiben hinderten, kam Stress in der WG, anschließend vier Umzüge in einem halben Jahr, eine Fernbeziehung. Und gleichzeitig ständig: Ich muss mich um alles kümmern. Ich muss das alles hinkriegen. Es hängt alles an mir – in meinem Kopf zumindest. Sonst hatte das niemand von mir erwartet. Nur ich.

Jetzt, noch einmal einige Monate später, stelle ich fest: Ich bin innerhalb weniger Monate in allen Lebensbereichen unmerklich von einem „Ich-will-und-ich-kann“ in ein „Ich-muss“ gekippt. Ich hatte Krieg an allen Fronten. Nicht die Arbeit allein hatte sich verändert. Meine Denkweise hatte sich verändert.

 

Ich kann, weil ich will, was ich muss.

Kant

Leben und Überleben in der Psychiatrie

Ohne Johanna und Steffi wäre ich in der Psychiatrie eingegangen. Die „Anstalts-Gang“ nannten wir uns im Scherz. Wir verbrachten beinahe den ganzen Tag zusammen – insbesondere Johanna und ich, da wir auch noch das Zimmer teilten. Sie waren meine beiden Anker zur Normalität in diesem Irrenhaus. An manchen, wenigen Tagen war es das nämlich leider wirklich.

Ich erinnere mich an die Schreie, die hin und wieder aus der „Wachstation“, also der geschlossenen Abteilung, zu hören waren. Das kam Gottseidank nicht oft vor, aber da wurde einem immer ganz anders. Oder wenn man hin und wieder von einer Therapie in die Station zurückkam und dann im Aufenthaltsraum jemand saß und hemmungslos heulte, rechts am Boden neben der Tür zum Stationszimmer eine zweite saß, die nicht mehr heulte, aber am ganzen Körper zitterte und beängstigend starr gerade ausblickte. Wenn in der Kunsttherapie die Damen und Herren neben mir beinahe völlig schwarze Bilder malten. Wenn man den jungen Mann, der immer Kopfhörer auf den Ohren hatte, und der eigentlich sympathisch aussah, beim Essen fragte, ob neben ihm noch Platz war, und er sichtlich zähneknirschend und Fäuste ballend, kämpfen musste, um nicht in die Luft zu gehen. Wenn man, wenn es doch zwischendurch tatsächlich mal etwas zu lachen gab, gleich von der Schwester Anschiss bekam. Wenn man sah, welche Unmengen an Tabletten manche Mitpatienten täglich schluckten. Wie Smarties.

Johanna und Steffi waren mein Lichtblick. Während ich diesen Text schreibe, fällt mir erst auf, was wir alles zusammen in diesen zweieinhalb Wochen durchgestanden haben. Das reicht bei manch anderen Freundschaften für ein ganzes Leben.

Am Dienstag erfuhren schließlich alle beide, dass sie in einer Woche, nächsten Mittwoch, die Klinik wechseln würden. Wie ich würden sie in die Psychosomatik gehen, allerdings in zwei verschiedene Kliniken. Ich war seit gestern für das gleiche Haus wie Johanna angemeldet, hatte aber noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. Die Wartezeiten für die Kliniken lagen, wenn man denn von der Psychiatrie aus angemeldet wurde, bei zwei bis drei Wochen; wenn man sich „einfach so“ dort bewarb, bei mehr als drei Monaten.

Ich freute mich sehr für die beiden – insbesondere für Steffi, die mehr als Johanna und ich an der Tatsache zu knabbern schien, dass sie in einer Psychiatrie war. Psychosomatik hört sich doch gleich anders an! Gleichzeitig versuchte ich den Gedanken zu verdrängen, dass ich dann alleine hier wäre. Das war das gefährlich daran: Alleine würde ich den Aufenthalt in der Psychiatrie nie durchstehen. Aber ich durfte mich andererseits auf keinen Fall zu sehr von den anderen abhängig machen.

Johanna ging es immer schlechter. Die Nebenwirkungen ihrer neuen Medikamente wurden immer stärker, das Zittern war mittlerweile so stark, dass sie nicht einmal mehr eine volle Tasse Tee in der Hand halten konnte, ohne etwas zu verschütten. Zudem verringerte sich ihre Sehkraft merklich. An manchen Tagen, vor allem nach den selten einfachen Gesprächen mit der Psychotherapeutin, saß sie einfach nur heulend auf ihrem Bett. Und ich konnte nichts tun, außer ihr vielleicht ein bisschen Schokolade aufzudrängen. Das ging mir so nahe. Ich hätte ihr so gerne geholfen. Johanna ist eigentlich einer der Menschen, die normalerweise die Stimmung schon heben, wenn sie den Raum nur betreten. Offen, fröhlich, strahlend. Und nun war sie nicht viel mehr als ein Häufchen Elend. Diese Hilflosigkeit machte mir zu schaffen. Wenn es Johanna und Steffi schlecht ging, ging es mir auch schlechter. Ich konnte nicht ohne meine Anstaltsgang – aber ich merkte, dass ich sehr, sehr stark aufpassen musste, wen ich wie nahe an mich heranließ. Ich hatte momentan nicht die Kraft, mich emotional abzugrenzen. Johanna und Steffi gaben mir so viel, dass es das wert war. Alle anderen mussten mir egal sein.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell und mein Ex-Ex-Freund

Seit drei Tagen träume ich nun schon vom meinem Ex-Ex-Freund. Zweieinhalb Jahre ist das her, und plötzlich wache ich morgens wieder mit ihm auf. Den Wachtraum, an dem man morgens im Halbschlaf festhalten möchte, solange es nur irgendwie geht, genau den hat er okkupiert. Ich träume nicht schlecht – es sind eigentlich schöne Träume. Aber sie verwirren mich. Ich habe absolut keine Ahnung, warum er plötzlich wieder in meinem Kopf herumspukt. Das ist nun zweieinhalb Jahre her. Und dass ich am Wochenende zufällig erfahren habe, dass er nun mit seiner Freundin zusammenwohnt, war wenig überraschend und hatte mich nicht weiter beschäftigt.

Trotzdem war er nun wieder da. Herzlichen Dank. Beim Frühstück erzählte ich Steffi davon. Nur kurz. Dass es mich wundern würde. Dann später auf dem Zimmer erzählte ich Johanna die ganze Geschichte. Markus ließ mich – warum auch immer – einfach nicht mehr los. Wir waren ein Vierteljahr zusammen, ich war der glücklichste Mensch auf Erden. Dann ließ er mich auf einem Faschingsball stehen und verschwand mit der Begleitung seines besten Freundes. Die Bar wurde geschlossen. Keine Spur von den beiden. Im Saal waren sie nicht, nicht in der Galerie und nicht auf den Toiletten – dorthin hatten sie sich in kurzem Abstand verabschiedet. Die Beziehung war drei Wochen später Geschichte und er war, wie ich erst später erfuhr, nur minimal kurze Zeit danach mit ebenjener Begleitung zusammen. Ich war so verletzt und wütend wie selten in meinem Leben. Diese Person war es nicht wert, mir auch nur einen weiteren Tag zu vermiesen. Mit Gewalt schob ich ihn aus meinem Kopf. Und da blieb er auch. Bis eben vor ein paar Tagen.

Burnout – bzw. in diesem Fall eher die Depression – ist eine hinterhältige Schlange. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell (das wir gestern in der Depressions-Gruppe besprochen hatten) stellt sich die Entstehung einer Depression wie folgt vor: Der Wasserspiegel, der Vulnerabilitätsspiegel, ist bei jedem Menschen auf einem bestimmten, individuellen Niveau. Das Leben lässt nach Belieben immer wieder kleine Tröpfchen Stress – und Stress ist eben auch für jeden individuell anders – hineinregnen. Das macht auch nichts, solange Zeit genug ist, dass das Wasser dann wieder versickern oder verdunsten kann. Dann bleibt der Spiegel gleich. Manchmal aber, wenn das Leben gerade zu viel in diese Schlucht regnen lässt, schwappt sie über.

Meine vereinfachte Darstellung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells

Ich habe den Eindruck, dass sich Dinge, die man verdrängt hat – und in der Regel sind das ja eher die schlimmeren Erlebnisse – sich in der Regel ganz gut in dieser Schlucht verstecken. Im Moment aber schwappen sie wahllos heraus. Szenen aus meiner Kindheit, von denen ich dachte, dass ich sie schon lange vergessen hätte, Erlebnisse, von denen ich dachte, dass ich sie schon lange erfolgreich über Bord geworfen hätte. Eines nach dem anderen tauchte, beim geringsten Anlass, mit ungewohnter Heftigkeit wieder auf.

Den ganzen Vormittag heute ließ mich Markus nicht mehr los. Zum Glück hatte ich heute Nachmittag einen Termin bei der Psychotherapeutin. In der Psychiatrie arbeiteten die Psychologen bei Patienten, die wie ich nicht langfristig blieben, vor allen Dingen mit tagesaktuellen Themen. Und in diesem Fall hatte ich definitiv ein aktuelles Thema. Ich verstand einfach nicht, wieso Markus wieder da war. Und ich wollte ihn wieder loswerden. Das Gespräch tat mir gut und anschließend setzte ich mich hin und begann, das ganze nochmal aufzuschreiben. (Edit: Und hier war noch etwas mehr Text, den ich aber lieber für mich behalte….). Und wenn ich nun diesen Satz beende, ist Markus hoffentlich für immer aus meinem Hirn verschwunden.

 

Edit: War er wirklich! (1.12.2015)

Edit 2: Wenn jemand bemerkt, dass ich etwas fachlich falsch beschrieben oder erklärt hatte, bitte kommentiert und berichtigt mich! Ich bemühe mich, alles möglichst einleuchtend, verständlich und vor allem richtig zu schreiben – aber ich bin eben keine Psychologin oder Psychiaterin oder Neurologin oder …

 

 

Wieder unter Kontrolle

Ich war froh, dass es mir am Mittwoch wieder besser ging. Aber meine gute Stimmung, ja fast schon eine Überdrehtheit, die mich durch die letzte Woche und das Wochenende getragen hatte, war dahin. Ich war niedergeschlagen und erschöpft, war wieder sehr vorsichtig geworden und auch die Angst nahm wieder zu. Ebenso verspürte ich wieder leichte Hüftschmerzen.

Mittwochs war wie immer Visite, ich war diesmal dankbar darüber. Meine Ärztin merkte auf den ersten Blick, dass die Hochstimmung vom Montag passé war. Ich erzählte ihr, was passiert war, und wie es mir nun ging. Meine Allgemeinärztin in München hatte mich nach der schlimmen Episode Ende Juli  gewarnt: Sie müssen aufpassen, dass Sie sich nicht wieder in eine Art kleinen Burnout hineinmanövrieren. Das hatte ich, sagte ich der Ärztin, wohl wieder geschafft. Genauso hatte es sich angefühlt. Sie sah mich nachdenklich an. Sie müssen lernen, Pausen zu machen.

Wir besprachen, welche Gruppen und Therapien ich diese Woche noch besuchen sollte, so dass ich nicht zu viel machte. Außerdem trug sie mir auf, einen detaillierten Zeitplan für das Wochenende zu schreiben – mit ausreichend Pausen. Dann blickte sie mich lächelnd an: Und vergessen Sie nicht – Sie haben einen Weg gefunden, sich wieder einzufangen. Seien Sie darauf stolz! Das ist ein riesiger Schritt. Damit verabschiedete sie sich, bat mich, das Zimmer zu verlassen und Ruth, meine Zimmerkollegin, hineinzurufen, die auch bei ihr in Behandlung war. Dann saß ich draußen auf einem der an die Wand montierten Stühle und wartete, bis das das rote Licht an unserem Zimmer wieder auf grün schaltete und die Ärztin es wieder verließ.

Sie hatte absolut Recht. Es hatte mich zwar unglaublich viel Kraft, Energie und Zeit gekostet. Aber ich hatte zum ersten Mal wieder die Kontrolle über meinen Kopf behalten!

Was wünscht du dir für diesen Sommer?

Heute begann neutral. Ich hatte für meine Verhältnisse gut geschlafen und saß morgens auch halbwegs wach beim Frühstück. Mein Magen hatte sich langsam daran gewöhnt, dass das Frühstück hier mangels gutem Mittagessen größer ausfällt als früher. Eine Vollkornsemmel mit Honig, die esse ich immer zuerst. Dann noch eine Scheibe Vollkornbrot, ebenfalls mit Honig. Dann, wenn ich noch Zeit habe, gibt es ein kleines Schälchen Müsli, das ich mit der Marmelade und dem Naturjoghurt mische. Das kleine Päckchen Milch bleibt täglich über, das kommt leider automatisch mit dem Müsli und kann nicht abbestellt werden. Das Obst, heute war es eine grüne Birne, hebe ich mir meistens auf. Als Notration für zwischendurch oder um das Mittagessen zu strecken. Ich saß an meinem gewohnten Platz, gemeinsam mit meiner Zimmernachbarin Johanna und Steffi, wir sprachen kurz, wer heute welche Therapien hatte.

Nach dem Frühstück ging ich zum Sport – Funktionsgymnastik war es heute. Die Trainerin, die bislang im Urlaub gewesen war, leitete die Stunde, die heute erstmals schön ausgewogen war. Kniebeuge, Liegestütze, Unterarmstütz, Bauchmuskeltraining wurden heute Stück für Stück abgearbeitet und dann wurde sogar noch etwas gedehnt. Die Sportgruppen am Morgen dauern jeweils eine halbe Stunde – und zum ersten Mal seit ich hier bin, war ich nach dieser kurzen halben Stunde nicht völlig nassgeschwitzt und verausgabt. Ich fühlte mich fit genug nach einer Woche Seniorensport demnächst in der anspruchsvolleren Gymnastikgruppe zu starten.

Nach einer kurzen Pause hatte ich um elf Uhr zum ersten Mal Kunsttherapie. In der „Kreativthemengruppe“ kam eine kleine, bunte Runde zusammen. Johanna war mit mir in der Gruppe, außerdem sechs weitere Patienten, beinahe alle aus unserer Station. Darunter Elvira. Elvira war mir bisher vor allem als laut und aufdringlich aufgefallen. Mittleres Alter, gute Figur und betont jugendliches, gepflegtes Aussehen und vor allen Dingen: laute Stimme und der Hang zu blöden Sprüchen. Na gut. Man konnte sich seine Gruppen eben nicht aussuchen.

Nach einer kurzen Eingangsrunde sollten wir uns aus einem Haufen Überschriften, die aus Zeitungen ausgeschnitten worden waren, eine aussuchen, die uns ansprach. Unsere Gedanken dazu sollten wir dann zu Papier bringen. „Wo ist der Ausgang“. „Stunde Null“. „Reise in die dunkle Seite der Seele“. So und ähnlich lauteten die verschiedenen Headlines. Ich entschied mich für „Was wünscht du dir für diesen Sommer?“. So, wie die Zeile aussah, stammte sie aus der Neon, die Ausgabe kannte ich aber nicht. Für diesen Sommer hatte ich mir alles Mögliche gewünscht, aber sicher nicht, in der Psychiatrie zu landen. Ein Urlaub war geplant, wir wollten ans Meer, nach Kroatien. Aus dem Urlaub wurde jedoch nichts mehr. Zeit am Meer hätte ich mir, obwohl ich sonst eher ein Bergfex bin und Aktivurlaube jeder Art einem reinen Badeurlaub vorziehen würde, bereits lange vor der Krankschreibung gewünscht. Ich hatte eine regelrechte Sehnsucht entwickelt. Die Sehnsucht nach dem Meer blieb, bis heute. Das Meer riecht nach Freiheit. Nach Faul-Sein-Dürfen. Danach, nur das zu tun, worauf man Lust hat. Sich ins Wasser stürzen, die Kühle am ganzen Körper zu genießen. Wie das Wasser durch die Haare strömt, sie mitnimmt. Die eigene Kraft und die Kraft des Meeres spüren, während man durch die Wellen krault. Selbst das Brennen des Salzwassers in den Augen würde ich gerne spüren. Sich treiben und tragen lassen, die Sonne auf dem Bauch spüren. Und am Strand schließlich den Sand genießen, der leicht unter den Füßen nachgibt, der die Beine und den Bauch kitzelt, wenn man ihn darauf rieseln lässt. Den Wind in den Haaren, die einem mitunter ins Gesicht fliegen, und, natürlich, die Sonne im Gesicht. Und vor allem: Während all dem keinen einzigen Gedanken verschwenden. Einfach frei sein. Im Hier und Jetzt sein. Genau das wünsche ich mir. Mein Meer.

Also, entschied ich, würde ich ein Meer malen. Ich griff mir das größte Blatt Papier. Mein Meer war groß. Die Wasserfarben mussten es sein und ein großer, weicher Pinsel. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben mit so einem großen, schönen Pinsel gemalt. Ich tunkte ihn in das Wasserglas, und drehte ihn dann in dem kleinen Töpfchen mit der dunkelblauen Farbe. Wie lange hatte ich schon keine Wasserfarben mehr benutzt! Ich setzte den Pinsel auf und malte eine lange Wellenlinie über das Blatt. Das Blau war schön wässrig und der Pinsel glitt leicht über das Papier. Ich wiederholte die Bewegung, wechselte zwischen Blau und Dunkelblau ab und ließ den Pinsel gleiten. Von links nach rechts. Von oben nach unten. Und dachte dabei an nichts anderes als an das Meer. Blau. So ruhig. So still. Ich wurde ruhiger, das Malen wirkte wie eine Meditation auf mich. Ein Pinselstrich nach dem anderen, die Wellen durchzogen das Blatt. Dann nahm ich etwas Wasser und etwas Farbe und malte die Zwischenräume, die zwischen den einzelnen Linien noch weiß geblieben waren, weiter aus. Stück um Stück. Schließlich war mein Blatt ein einziges großes Meer. Ich beschloss, dass ein Glitzern der Sonne drauf müsste. Ich bin keine begnadete Künstlerin und war nicht ganz schlüssig, wie ich das Glitzern am besten auf meine Wellen brachte. Ganz vertieft tauchte ich den Pinsel wieder in das Wasser, strich die letzten Reste Blau heraus, tauchte ihn wieder ein und rührte im gelben Farbtöpfchen. Dann zeichnete ich, immer noch mit dem dicken Pinseln, kleine, kurzen Linien im mittleren Drittel des oberen Bildrands jeweils auf die Wellenspitze und ließ die gelben Punkte etwa in der Mitte des Blattes in einer Spitze zusammenlaufen. Ich war nicht ganz zufrieden mit dem Aussehen. Also setzte ich den Pinsel, so wie er war, nochmal an, um die einzelnen Glitzer-Linien zu verbinden und die Farben etwas zu verwischen. „Mei, das ist so beruhigend, dir zuzuschauen!“ Elvira riss mich aus meinem Gedanken. Dahin war die Ruhe und das „Völlig-vertieft-in-etwas-Sein“, das ich so selten überhaupt noch schaffte. Verstimmt antwortete ich: „Es beruhigt mich irgendwie.“ Aber die Ruhe war erstmal dahin, ich war ziemlich sauer. Außer Elvira war jeder still und konzentrierte sich auf sein Blatt. Elvira malte nichts, sie konnte heute nicht. Es ging ihr auch wirklich sichtlich schlecht. Aber dann sollte sie doch bitte schön schwarze Kreise oder sonst was auf ihr Blatt malen, aber nicht mich nerven, dachte ich bei mir. Ich unternahm einen neuen Anlauf. Schließlich entstanden ein halbwegs ansehnlicher Sonnenglitzer und  vier kleine Delfine aus Wachsmalkreiden in meinem Meer. Außerdem ein paar Palmenblätter am Rand, weil ich gerade Lust auf Grün hatte. Das schöne meditative Malen war zwar dahin, aber immerhin blieb ich weiterhin ruhig und konnte mich an meinem Meer erfreuen.

Mein Mittagessen heute war ein Germknödel. Dachte ich zumindest. Auf meinem Teller waren unter der Haube schließlich drei kleine Hefeknödel versteckt, die Vanillesoße war von einer schönen dicken Haut belegt. Kein Mohn, kein Zucker. Von der Größe her erinnerten sie mich kurz an die eher mäßig gelungen Rohrnudeln, an denen ich mich im Auslandssemester einmal versucht hatte. Ich teilte eine der drei kleinen Nudeln. Kein Zwetschgenmus zu finden. Ich probierte den ersten Bissen. Schmeckte nicht nach Germknödeln. Auch eher wenig nach Dampfnudeln. Aber wenn man sich dran gewöhnt hatte, dass es eben nicht nach dem schmeckt, was man erwartet hatte, war es erstaunlich gut. Ich hatte die „Germknödel“ gegessen, dann noch die Birne vom Frühstück und schließlich den Rest meines „Proviants“ vom Wochenende, sechs kleine Cocktailtomaten. Johanna, Steffi und ich ratschten, erzählten uns von den verschiedenen Therapien vom Vormittag. Die Ruhe vom Malen war weg. Und mein Kopf fühlte sich voll an. Wie immer, wenn ich in einer guten Phase zu viel gemacht hatte. Ich hatte mittlerweile gelernt, die „neuen“ Signale, die mir mein Kopf sendete, zu deuten. Also verabschiedete ich mich, ich wollte mich vor der nächsten neuen Gruppe um halb zwei noch ein Weilchen dem Nichtstun widmen und so meinen Kopf wieder beruhigen. Nun ist das mit dem Nichtstun so eine Sache: Ich konnte es noch nie und auf Befehl nichts zu tun ist in etwa so schwer wie nicht an den grünen Elefanten zu denken, wenn einem jemand sagt, dass man nicht an den grünen Elefanten denken soll. Also hörte ich Musik, was meiner Meinung nach dem Nichtstun in diesem Moment am nächsten kam. Bei „Bussi Baby“ musste ich spontan an einen guten Kollegen denken. Ich hatte lang nichts mehr von ihm gehört. Spontan schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht. Dann hatte ich das Handy ja schon in der Hand. Eine Freundin hatte mir ein Foto von einem Dirndl geschickt, dass sie möglicherweise kaufen wollte. Das Dirndl war viel zu groß und passte überhaupt nicht zu ihr. Ich fragte mich, welche wahnsinnige Verkäuferin ihr das wohl eingeredet hatte. Ich bin keine große Einkäuferin – aber ich liebe Dirndl. Und so konnte ich meine Freundin ja auf keinen Fall auf die Hochzeit gehen lassen. Also begann ich, im Internet Dirndl zu googeln, von denen ich dachte, dass sie zu ihr passen würden. So lange, dass ich beinahe zu spät zur nächsten Therapie gekommen wäre.

Die Depressionsgruppe war eine psychoedukative Veranstaltung. In drei Stunden lernte man in einer Gruppe die Theorie zur Krankheit. Die Auslöser, die Symptome, die Behandlungsmöglichkeiten. Ich bin ein großer Fan von Ärzten, die mir nicht nur sagen, was ich habe, sondern auch warum und mir  das ganze Krankheitsbild umfassend erklären. Also war ich hier genau richtig.

Eine Depression, das war mir neu, geht immer einher mit einer Veränderung des Hormonstoffwechsels im Gehirn. Bisher sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig, was davon die Henne ist und was das Ei, dass dabei aber ein direkter Zusammenhang besteht, erklären sie jedoch alle einstimmig*.

Einige von den Auslösern, die wir in der Gruppe zusammentrugen, waren mir bekannt. Einige überraschten mich. Ich hinterfragte mich, was waren meine Tröpfchen, die das Fass bis zum Überfließen getrieben hatten? Warum zum Teufel hatte meine Psyche derartige psychosomatische Hüftschmerzen ausgelöst, die mich a) vom Sporttreiben abhielten und mir damit meinen Ausgleich nahmen und b) mir nur zusätzliche unnötige Arztbesuche und Kopfzerbrechen und damit noch mehr Stress bereiteten. Das ist doch völlig unsinnig! Aber ja, die liebe Depression, unser Freund, ist hinterhältig. Und eine Spirale. Und zwar keine lustige, bunte, wie wir sie früher die Treppenstufen hinunterhüpfen ließen, sondern eine fiese, dunkle, steile Abwärtsspirale, der man kaum Einhalt gebieten kann.

Im Anschluss an die Stunde – Steffi war auch dabei gewesen – gingen wir hinaus, um gemeinsam, aber ohne zu reden, in der Sonne zu liegen. Wir schnappten uns jeder einen der metallenen Liegestühle und legten uns nebeneinander hin. Mein Kopf war voll. Bereits während des Mittagessens hatte ich das schon gemerkt. Als würde mein Hirn von innen Druck auf die Schädeldecke ausüben. Pochend, immer stärker. Als würden all die Gedanken, die ich in den letzten Tagen angesammelt hatten und die mein Gehirn noch nicht verarbeitet hatten, sich wie in einer Zentrifuge im Kreis drehen. Ich war in einer Zwickmühle: Tat ich nichts und versuchte, jeden neuen Reiz zu vermeiden, tobte der Tornado in meinem Kopf. Beschäftigte ich mich jedoch mit etwas anderem – so wie in der Burnout-Gruppe geschehen – bekam mein Kopf noch mehr Futter, das auch noch irgendwo in meinem zu vollen Schädel Platz finden musste. Nichtstun ging nicht, etwas tun auch nicht. Ich lag auf meinem Stuhl und versuchte, meinen Kopf in Zaum zu bekommen. Ruhig zu werden. Aber je mehr ich es versuchte, umso schlimmer wurde es. Ich wurde nervös und unruhig. Steffi neben mir schien zu schlafen. Ich hatte, wie so oft abends nach der Arbeit in den letzten zwei Juni-Wochen und in den schlimmsten Momenten im Juli das Gefühl, durchzudrehen. Das nicht zu bändigende Treiben in meinem Kopf machte mich wahnsinnig. Den Kopf gegen die Wand schlagen, alles herausschreien – de facto: durchdrehen -, danach war mir. Ich konnte nicht mehr still sitzen. Ich stand auf, brachte mein Buch nach oben, und beschloss, eine Runde im Wald zu drehen. Allein, um Ruhe zu haben. Ich ging los, rannte beinahe. Schnellen Schrittes, in der Hoffnung, die körperliche Bewegung würde auch meinem Kopf Ruhe verschaffen. Bereits nach etwa 500m befand ich mich in dem kleinen Pfad im Unterholz, mein Kopf tobte weiter. Als würde er explodieren wollen. Ich suchte nach einem Ausweg, ging schneller, mittlerweile war ich auf dem breiten Waldweg unterwegs, aber mein Kopf tobte weiter. Ich bekam Angst. Ich war allein im Wald und mein Kopf tobte. Noch hatte ich mich unter Kontrolle, der Verstand die Oberhand. Aber was, wenn der Kopf gewann?!

Das Panik-Notfall-Programm meiner Therapeutin!, fiel mir siedend heiß ein, das funktionierte bestimmt auch hier. Ich zwang mich, langsam zu gehen. Drosselte das Tempo wie für einen gemächlichen Spaziergang. Ich zwang mich, in meine Fußsohlen zu spüren, wie ich sie abrollte, zwang mich, auf das Knirschen meiner Schritte auf dem Kieselweg zu achten. Ich zwang mich auch, tief in den Bauch einzuatmen, und langsam, ganz langsam, auszuatmen. Immer wieder. Ich zählte dabei, wie bei der Atemmeditation aus der Yogastunde letzte Woche, beim Einatmen langsam bis vier und beim Ausatmen bis acht. Immer wieder entwischte mir mein Kopf, der Tornado brach wieder aus. Immer wieder kämpfte ich mit ihm. Achte auf die Schritte. Atme tief und langsam aus. Ich versuchte es auch mit der Achtsamkeit: Spüre die Sonne auf der Haut. Wie sie deine Haut wärmt. Spüre den Wind in deinen Haaren. Zack, war mein Kopf wieder weg. Geh langsam! Spür hin! Mein Kopf riss wieder aus. Schließlich ging ich dazu über, Dinge anzufassen – sie bewusst zu spüren. Ich hob einen Tannenzapfen auf und achte darauf, wie er sich in meiner Hand anfühlte. Tastete einen Baum ab. So im Kampf mit mir selbst marschierte ich etwa eine halbe Stunde durch den Wald, auf meine Atmung achtend, betont langsam, immer wieder einen Baum oder eine andere Pflanze am Wegrand berührend. Immer wieder riss mein Kopf aus, aber es wurde seltener. Schließlich, als ich beinahe schon zurück an der Klinik war, gelang es mir endlich, aus den vielen Gedanken eine Art Gedicht zu konstruieren. Ich hielt mich daran fest. Ich ging schneller. So schnell es ging wollte ich an meinen Laptop, um zu schreiben. In der Klinik angekommen, entschied ich mich um. Ich musste mich mit dem Schreiben beruhigen, dazu würde das Gedicht nicht taugen, das wäre viel zu kurz. Ich sperrte meinen schmalen Schrank auf, nahm den Laptop, immer noch komplett in einer anderen Welt, zu hundert Prozent damit beschäftigt, den Tornado im Zaum zu halten, setzte mich an das kleine Tischchen, und begann zu schreiben. Ich fing beim Aufstehen an, und schrieb den Tag im Detail herunter – genau den Text, denn ihr anfangs gelesen habt. Ich schrieb und schrieb und schrieb und schrieb. Ich schrieb mir den Tag von der Seele, ordnete meine Gedanken, holte mir mein Meer ein zweites Mal heran, und wurde nach und nach ruhiger. Bis schließlich plötzlich Johanna ins Zimmer kam. Es gab Abendessen, ob ich mitkäme? Es war bereits kurz nach fünf. Ich hatte beinahe zwei Stunden geschrieben, ohne dass mir aufgefallen war, wie die Zeit verrann. Etwas unwillig ging ich mit essen. Lieber hätte ich den Tag noch zu Ende geschrieben, ich hatte das Gefühl, dass ich das gerade brauchte. Aber ich brauchte auch ein Abendessen, das Mittagessen war mal wieder nicht besonders reichlich gewesen. Zu Tisch war ich immer noch sehr ruhig. Sprach kaum, folgte auch kaum den Gesprächen, die am Tisch hin und her flogen, immer auf der Hut, meinen Kopf sofort wieder einzufangen, wenn er sich selbstständig machen wollte. Aber er wollte gar nicht mehr, stellte ich fest. Ich entspannte mich langsam. Eigentlich hatte ich fest vorgehabt, nach dem Abendessen direkt weiterzuschreiben, um auch die Szenen im Wald zu sortieren. Aber gerade ging es mir wieder gut. Es wäre wohl vermutlich besser, den schlimmen Teil des Nachmittags erst einmal ruhen zu lassen. Mir ging es wieder gut, daran sollte ich festhalten. Ich ging also kurzentschlossen mit Johanna und Steffi spazieren, wieder durch den Wald, aber diesmal eine andere Runde. Im Gespräch mit den anderen beiden wurde ich zusehends entspannter, auch Steffi hatte keinen besonders guten Nachmittag gehabt. Ich hatte ja gedacht, sie würde schlafen, aber auch sie hatte wohl, anders als ich zwar, mit ihrem Kopf ein größeres Gefecht ausgefochten. Und Johanna machte sich Sorgen. Ihre neuen Tabletten begannen wohl zu wirken – aber leider erstmal nur deren Nebenwirkungen. Ihre Hände zitterten permanent. So spazierten wir durch den Wald. Drei völlig normale junge Erwachsene, die das Leben kurzerhand mal eben in die Psychiatrie verfrachtet hat. Und wir kämpften damit. Aber nicht mehr heute Abend. Wir sprachen, nach einer Weile des gegenseitigen Tröstens, lieber über schönere Dinge. Erzählten uns gegenseitig von unserem „alten“ Leben. Als es noch gut gewesen war.

* Womit auch geklärt wäre, warum Frauen öfter an einer Depression leiden. Unser Hormonstoffwechsel verändert sich ständig.

 

AGT

Johanna war auch für die AGT-Gruppe, also die Achtsamkeits- und Genusstherapiegruppe, angemeldet worden, so ließen wir Steffi um kurz vor drei allein und machten uns auf den Weg. Aus unserer Station war noch eine weitere Mitpatientin, die wie ich wegen Burnout hier war, mit dabei, außerdem zwei aus einer anderen Station sowie drei Patienten der Tagesklinik, die mir alle unbekannt waren.

In einer eintägigen Schulung zur „Stärkung persönlicher Ressourcen“ in der Arbeit vor einem Jahr (damals fand ich das völlig überflüssig, mit Stress hatte ich schließlich ja gar kein Problem…) hatte ich bereits von dieser Achtsamkeit und ihrem Guru, Jon Kabat-Zinn, gehört. Die Kernaussage war in etwa: Mit den Gedanken im Hier und Jetzt bleiben. Sprich: Nicht in der Dusche schon die To-Do-Liste schreiben. Sondern eben einfach nur Duschen und das Duschen bewusst wahrnehmen. Was aber nun der Genuss damit zu tun hatte und wofür man dafür nun fünf eineinhalbstündige Termine ansetzte, war mir ein Rätsel. Es würde sich aber bald lüften.

Die Gruppe wurde gleich von zwei Therapeutinnen geleitet, einer Psychologin und einer Kunsttherapeutin und fand zudem auch nicht in einem der sonst eher kahl eingerichteten Therapieräume, sondern im Aufenthaltsraum der Tagesklinik statt,  der mit gemütlichen Sitzgruppen und Esstischen samt Eckbänken und sogar mit einem Klavier eingerichtet war.

Als wir den Raum betraten, stand bereits ein Stuhlkreis bereit. In dessen Mitte lag eine altmodische Schalenwaage auf dem Boden, sowie zwei Kästchen. In dem einen waren bunte Glassteine, in dem anderen waren ganz normale Kiesel. Die beiden Therapeutinnen wirkten beinahe aufgeregt – das schien wohl ihre Lieblingsgruppe zu sein. Sie erklärten uns kurz den Stundenablauf, der in jeder Stunde gleich sein würde: Nachdem Eröffnungsblitzlicht (jeder Patient sagt kurz, wie es ihm gerade geht) folgt eine kurze Meditation, die helfen sollte, geistig in der Gruppe anzukommen. Danach folgt ein kurzer Theorieteil, anschließend wird einer der fünf Sinne erarbeitet, bevor ein kreativer Teil (deshalb wohl die Kunsttherapeutin), eine kurze, abrundende Geschichte und das Abschlussblitzlicht die Stunde beschließen. Das hörte sich – für eineinhalb Stunden – nach ziemlich viel Programm an. War es dann aber nicht.

Meditation bedeutete in diesem Fall nicht, dass wir uns alle wie Yogis auf den Boden setzten, gemeinsam „Om“-ten und das Universum spürten. In der ersten Stunde begaben wir uns auf eine geführte Phantasiereise ans Meer.

Die Psychologin sammelte uns schließlich wieder an unseren Stränden ein und brachte uns zurück in den Aufenthaltsraum. Diese Therapie ist etwas anders als die, die sie bereits kennen, eröffnete sie. In den anderen Gruppen und Therapien beschäftigen sie sich hauptsächlich mit Ihrer Erkrankung. Wir hier verfolgen einen etwas anderen Ansatz. Sie nahm die Waage, die am Boden gelegen hatte, in die Hand. Sie alle haben ein Problem, dass sie schwer belastet, sonst wären sie nicht hier. Ihre Kollegin hob das Kästchen mit den Kieseln vom Boden auf. Die Therapeutin griff hinein, und streute die grauen Steine auf eine Waagschale. Sie fuhr fort: Diese Kiesel sind grau und belasten die Waage. Genau wie Ihre Probleme Ihre Seelenwaage. Um die Waage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, habe ich nun zwei Möglichkeiten. Ich kann die grauen Kiesel wieder herunternehmen – was sie in den ganzen anderen Therapien gerade versuchen – oder ich kann die zweite Waagschale belasten. Und sie ließ die bunten Glassteine aus dem zweiten Kistchen auf die andere Waagschale rollen, bis die Waage wieder ausgeglichen war. Genau das ist der Ansatz, den wir hier befolgen werden. Wir kümmern uns hier darum, es Ihnen wieder zu ermöglichen, die schönen Dinge wahrzunehmen, die um sie herum sind und die sie erleben.“

Wer weiß denn, was Achtsamkeit genau bedeutet?, fragte die Psychologin anschließend in die Runde. Sie leitete den theoretischen Teil. Außer mir hatte nur eine andere Dame, wohl in ihren Fünfzigern, von diesem Begriff gehört, konnte ihn aber nicht erklären. Ich steuerte meine „Definition“ bei. Ja, das war gar nicht so schlecht. Es geht darum, erklärte die Psychologin, im Hier und Jetzt zu sein. Den Moment anzunehmen, die Gegenwart wahrzunehmen. Und zwar mit allen unseren Sinnen, so wie es ist – ohne diese Wahrnehmungen sofort zu bewerten. Und hier kommen unsere Sinne und auch der Genuss ins Spiel. Wer in einer tiefen Depression steckt, und ganz besonders Burnout-Patienten, haben oft Schwierigkeiten, sich etwas Gutes zu tun. Wir wollen den Genuss hier in der Gruppe wieder ganz bewusst üben. Genuss passiert nicht von allein. Auch Genuss braucht Regeln.

In der Gruppe erarbeiteten wir nun die Genussregeln:

  1. Genuss braucht Zeit
  2. Genuss muss erlaubt sein
  3. Genuss geht nicht nebenbei
  4. Weniger ist mehr
  5. Wissen, was einem gut tut
  6. Ohne Erfahrung kein Genuss
  7. Genuss ist alltäglich

Wir diskutierten diese Regeln noch ein wenig. Besonders zum letzten Punkt – Genuss ist alltäglich – schieden sich die Geister. Wenn Genuss alltäglich war, war es doch kein Genuss mehr? Das schon – siehe den Punkt 4 „Weniger ist mehr! – wer aber immer auf besondere Gelegenheiten wartet um zu genießen, vielleicht sogar alles Genießen auf die eine Woche Jahresurlaub aufspart, der hat bis zu seinem Urlaub das Genießen wahrscheinlich gänzlich verlernt, oder aber er ist bereits so geschwächt, dass er keine Kraft mehr hat, zu genießen.

Wir schlossen die Genussregeln ab und die Kunsttherapeutin übernahm die Leitung der Gruppe. Mit echter Begeisterung in der Stimme führte sie uns zu dem kleinen Tischchen, das neben dem Stuhlkreis aufgebaut war. Bisher war es mit einer Decke abgedeckt gewesen. Jetzt üben wir das Genießen, sagte sie, wir beginnen mit dem Geruchsinn, und nahm die Decke vom Tisch.

Rosmarinzweige, verschiedene Duschgels und Deos, offener Tee, Spülmittel, Tannenzweige, Johannisbeerzweige, Kaffeebohnen, Erkältungsbalsam, und viel mehr verteilte sich an dem Tisch. Die Therapeutin forderte uns auf, an den Dingen bewusst zu riechen – ganz gleich, ob wir den Geruch kannten, oder mochten, oder nicht mochten. Ganz achtsam. Und in Ruhe. Die Gegenstände wanderten reihum. Hin und wieder war ein „Hmm“ oder ein „Iiih“ zu hören, aber sonst bemühten wir uns sehr, achtsam zu riechen. Mir hing besonders der offene Tee in der Nase. In dem Moment, in dem ich den Geruch wahrnahm, wurde es mir warm ums Herz, ein Gefühl der Geborgenheit machte sich breit. Ich bemerkte es und war völlig fasziniert davon. Es war Früchtetee. So wie ihr ihn früher immer zu Hause hatten. Im Winter hatte meine Mutter oft den Tee für uns gekocht. Er roch ganz genauso. Allein der Geruch weckte Erinnerungen und löste damit ein positives Gefühl in mir aus. Da fiel mir eine ganz ähnliche Szene aus dem Juli wieder ein. An einem eher schlechten Tag hatte ich ein altes Fotoalbum aufgeschlagen. Und alleine diese Bilder, diese Erinnerungen an glückliche Tage hinterließen in mir einen Optimismus und eine Zuversicht, die für Stunden anhielt. Das waren meine bunten Glassteine. Alleine das Riechen am Tee half meiner Seelenwaage, wieder etwas ins Gleichgewicht zu finden.

Im Anschluss an die Riech-Runde sollte sich jeder das Ding nehmen, das ihm am besten gefiel. Wir stritten uns überraschenderweise gar nicht, jeden berührte etwas anderes – den einen das Duschgel, weil es roch wie das seiner Frau, eine den Thymianzweig, weil sie so gerne kochte. Einzig das Erkältungsbalsam hatten gleich zwei Patienten für sich beansprucht: Das riecht wie damals, wenn mir Mama die Brust und den Rücken damit eingecremt hat, war jeweils die Begründung der beiden. Wie bei mir: Geborgenheit. Die stand offensichtlich hoch im Kurs.

Wir erhielten auch eine kleine Hausaufgabe: In den nächsten zwei Tagen alles zu notieren, was wir gerne riechen. Unter anderem waren es bei mir: frisch gemähtes Gras. Wald. Chai-Tee. Sonnencreme. Oder auch eine erhitzte Tartanbahn.

Was riecht ihr gerne? Wisst ihr das?