Jakobsweg.

„Falls ich jemals wieder in der Lage bin, den Jakobsweg zu gehen – dann gehe ich.“

Das habe ich mir im Sommer vor drei Jahren geschworen – oder Gott gelobt, ich bin mir selbst nicht so ganz sicher, was von beidem nun genau.

In den Wochen vor meiner Krankschreibung wollte ich einfach nur weg. Ich wollte davon laufen, auf und davon. Ich wollte nicht zurückblicken müssen, ich wollte nicht mehr denken, ich wollte einfach nur laufen. Nachdem sich dann mein Freund von mir getrennt hatte und damit auch der gemeinsame Kroatien-Urlaub ins Wasser fiel, fasste ich einen Plan: In meinen – nun unverplanten – zwei Wochen Urlaub würde ich Jakobsweg gehen. Aber soweit kam ich schließlich nicht mehr.

Aber eben jetzt, endlich, Kopf und Knie (das dann letztes Jahr nicht wollte) sind fit und ich nutzte meine zwei Wochen Pfingstferien: 300 Kilometer, bergauf und bergab lief ich Oviedo bis eben nach Santiago de Compostela. Diese 300 Kilometer waren toll, anstrengend, entschleunigend, scheiße, wunderbar, lustig, deprimierend – alles, aber vor allem: besonders.

Ich bin gerade dabei, meine Fotos zu sortieren und in ein Fotobuch zu packen, deshalb habe ich hier erstmal eine kleine Fotogalerie für euch. Mehr Gedanken zum Jakobsweg, zum Gehen, zum Alleinsein – gibt’s demnächst 🙂

 

Ent-Stigmatisierung psychischer Krankheiten via Strafvollzug?!

Kurzmitteilung

Stigmatisierung (Nomen): Ächtung, Diskriminierung 

Ent- (Präfix): drückt in Bildungen mit Substantiven aus, dass etwas entfernt wird

(Duden)

Entstigmatisierung bedeutet also, dass das Stigma, das etwas anhaftet, entfernt werden soll. Im Eingangstext des neuen Gesetzesentwurfs „Bayerisches Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz“, erklärt die Bayerische Staatsregierung, dass mit Hilfe dieser neuen Regelungen psychische Krankheiten und damit psychisch Kranke entstigmatisieren will.

Entsprechend liest sich auch der erste Teil des Gesetzes ganz gut: Die Staatsregierung will den Ausbau des psychiatrischen Auffangnetzes in Bayern vorantreiben, unter anderem plant sie auch den Aufbau eines jederzeit erreichbaren Notdienstes. Soweit so gut. Soweit vielleicht sogar sehr gut.

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„Glücklich?“

Letzten Sommer, auf dem Heimweg von Rio, irgendwo über dem Pazifik zwischen „Chicken or Pasta“ und Tomatensaft, rannen mir plötzlich Tränen über mein Gesicht. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Ich hatte es geschafft. Ich war nicht nur wieder da, sondern ich hatte sogar das, was noch vor wenigen Monaten beinahe unmöglich erschien, möglich gemacht.

„Alles in Ordnung?“, fragte mein Nachbar etwas besorgt. „Ja, doch“, antwortete ich, und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Du kannst dir nicht vorstellen, was diese zwei Wochen in Rio für mich bedeuten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein.“

„So richtig glücklich?“, flüsterte mein Nachbar fast. „Diese Hoffnung habe ich eigentlich schon aufgegeben.“

 

Dieser Satz brauchte sehr lange, um bei mir wirklich anzukommen. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut. Erwachsensein bedeutet meistens, vor lauter Pflichten, Erwartungen und Rechnungen gar keine Zeit mehr zu haben, glücklich zu sein.

Aber was, wenn ich mir die Zeit einfach nehme?

Wenn ich ganz dreist mein Handy eine halbe Stunde lang ausschalte und stattdessen das Blau des Himmels über mir bewundere? Wenn ich ganz dreist eine von den vielen sozialen Verabredungen sausen lasse und stattdessen ins Yoga gehe? Oder in die Kirche? Oder einfach alleine im Wald spazieren? Wenn ich ganz dreist einfach mal kurz, inmitten des ganzen alltäglichen Trubels, die Augen schließe und dreimal tief durchatme?

Glück ist kein Ziel, das wir am Ende unserer bucket list oder mit einer bezahlten Rechnung erreichen. Glück ist der Weg.

Weisheiten eines Weisen

Das SZ-Magazin veröffentlichte im Heft 20/17 ein posthumes, aus alten Interviews zusammengebasteltes Gespräch mit Joachim Kaiser. Er gehörte zu den bedeutendsten Musik- und Literaturkritikern des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Ich bin nicht so sehr in den Feuilletons dieser Welt unterwegs, als dass ich mit Sicherheit sagen könnte, jemals zuvor einen seiner Texte gelesen zu haben. Aber dieses posthume Gespräch war spannend. Zwei der Weisheiten dieses klugen Mannes musste ich mir eben notieren:

Viele junge Leute wagen sich ohne Kopfhörer kaum mehr ins Freie. Mit nach innen gestülptem Blick stapfen sie beziehungslos durch die Natur. Allgegenwärtiger Lärm hat ihnen Angst vor der Stille beigebracht. 

[…]

Alles Misslingen hat seine Gründe – und alles Gelingen sein Geheimnis.

#goodpeoplearound

Samstagvormittag, ich habe gerade am V-Markt (sowas wie Kaufland) getankt und tippe jetzt die Adresse einer Freundin, die ich besuchen will, in Googlemaps ein. Plötzlich klopft es an mein Autofenster, ein älterer Herr mit Fahrrad steht davor. Was will der denn, denke ich. Motzen, weil ich die Zapfsäule nicht sofort freigemacht habe?

„Entschuldigung, haben Sie gerade getankt?“

„Ja, warum?“

„Sie haben Ihren Voucher nicht mitgenommen. Für jedes Tanken hier bekommt man eine Gutschrift für den nächsten Einkauf bei einem V-Markt. Wollen Sie den nicht mitnehmen?“

#goodpeoplearound #nichtgleichimmerschlechtesbefürchten

4711 – eine kleine, effektive Atemübung für zwischendurch

Der einzige Weg, über den wir willkürlich unser vegetatives, also das unbewusste, Nervensystem beeinflussen können, ist die Atmung. Genauer die Ausatmung. Eine lange Ausatmung bewirkt eine Aktivierung der parasympathischen Nervenstränge, die für den Entspannungsmodus – Rest & Digest – verantwortlich sind.

Die 4711 Regel ist gut zu merken und leicht, auch zwischendurch im Büro, umsetzbar:

4 mal hintereinander

7 Sekunden ein- und

11 Sekunden ausatmen

Ich atme also sieben Sekunden ein und atme anschließend elf Sekunden lang aus. Das wiederhole ich viermal.

An die „4“ sollte man sich halten, da sich bei mehreren Wiederholungen die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn verschlechtern kann und folglich Schwindelgefühle auftreten können. Wer die Übung öfter machen will, muss nach jedem vierten 711-Atemzug mehrere Atemzüge Pause einlegen. Wer es nicht schafft, so lange auszuatmen, zählt einfach schneller, bleibt aber bei den sieben bzw. elf Zeiteinheiten; das Verhältnis von Ein- zu Ausatmung ist wichtig.

Weitere Atemübungen, die mir geholfen haben und wie ich sie während Angstzuständen anwenden konnte, findet ihr entweder in den älteren Blogtexten oder ganz einfach in meinem Buch zum Nachlesen.

#goodpeoplearound

Wieder die gleiche Treppe, hundert Stufen vom Parkplatz bis zur Wohnungstür. Vor der Haustür war, dank der Baustelle im Turm nebenan, nicht einmal mehr Platz, um kurz zu halten. Ich: Verdacht auf Kreuzband- und Meniskusriss, Krücken.

Bepackt mit einem schweren Rucksack und einer leichten, aber nervigen Tasche mache ich mich also auf den langen Weg nach oben. Ohne die Tasche, die dauernd gegen meine rechte Krücke deppert, dauert es gute fünf Minuten, ich bin recht schnell unterwegs. Mit Tasche? Ich will es eigentlich gar nicht wissen.

Da steht auf einmal meine Nachbarin vor mir. Sie hatte eben ihre Balkonblumen gegossen und gesehen, wie ich voll bepackt, mit Krücken, die Treppe in Angriff genommen hatte. Das kann ja nicht sein, also kam sie mir die komplette Treppe entgegen, nimmt mir Tasche UND Rucksack ab und begleitet mich nach oben.

#somanygoodpeoplearound!