Buchtipp: Schwimmen mit Elefanten

Die Japanerin Yoko Ogawa verfasst den Roman im Jahr 2009, ins Deutsche übersetzt wurde er 2014.

Eine Elefantendame auf dem Kaufhausdach, ein Schachgenie, das in einem ausrangierten Bus wohnt, ein Mädchen, das in einer schmalen Mauerritze aufwächst und schließlich im geheimnisvollen Schachklub unter dem Meer wieder auftaucht und nicht zuletzt der kleine Aljechin, der Kater Pawn und die Läufer: Ein Roman, verrückt, manchmal grotesk, hin und wieder absurd, ohne deutlichen Spannungsbogen und dennoch lesenswert: Die Autorin bedient sich einer hinreißenden Sprache und gefühlvoller Poesie, sie erweckt ihre fantastischen, sehr eigenwilligen Figuren zart, aber dennoch kraftvoll zum Leben und überwindet mit ihnen die Grenzen des Verstands, sie verdreht unsere Wahrnehmung und Weltanschauung manchmal regelrecht. Wenn dieses Buch ein Film wäre, käme es dem etwas mystischen „Grand Budapest Hotel“ wohl am nächsten.

Der Roman ist nicht unbedingt eine einfache Lektüre – wunderschön und aufregend aber für alle, die sich an hin und wieder faszinierend absurden Geschichten und vor allen Dingen an der fantasievollen Sprache Ogawas erfreuen und natürlich Schachfans. Schachgrundkenntnisse sind wohl hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig.

Danke, Anke

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Vielleicht hat der ein oder andere von euch die Reportage von Anke Engelke im Ersten am Montag gesehen. Ich habe zufällig reingezappt – und bin hängengeblieben. Warum müssen wir alle funktionieren? Warum wollen wir alle perfekt sein? Warum der Stress?

Anke Engelke stellt viele Fragen und sucht, auf den verschiedensten Wegen, Antworten. Bei uns, den normalen Menschen, bei Psychologen und Neurologen und Zukunftsforschern. Absolut sehenswert.

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Buchtipp: Couchsurfing im Iran

Kein Roman, keine Liebesgeschichte, kein Thriller, trotzdem hochinteressant und anregend (was die eigenen Urlaubspläne betrifft):

Spiegel-Journalist Stephan Orth nimmt uns in seinem Buch mit auf seine Reise durch den Iran. Beim Couchsurfing – dabei organisiert man sich private Übernachtungsmöglichkeiten via Internet – erlebt er das Land und seine Menschen sehr intensiv. In einem angenehmen, oft witzigen Schreibstil erklärt er uns in Nebensätzen die Kultur des Iran, zeigt Paradoxe auf oder bringt uns Dinge über die iranischen Geschichte bei.

Für mich war das im Sommer ideal: Nichts gefühlsduseliges, aber eine gute und interessante Ablenkung von meinem eigenen Kopfkino. Diesmal auch garantiert ohne Selbstmord 😉 Der Autor lebt noch.

Wer also noch bisschen was vom Weihnachtsgeld überhat und gerne reist oder sich einfach für andere Kulturen interessiert: Gutes Investment!

 

Buchtipp: The thoughtful dresser

Kein Roman, kein Krimi, eher eine Sammlung einzelner Essays ist dieses Buch der englischen Autorin Linda Grant. Perfekt, wenn man gerade depressiv ist und Ablenkung braucht, jedoch tunlichst nicht in Kontakt mit zusätzlich tragischen, schlimmen Geschichten oder einer unrealistischen Liebesgeschichten kommen möchte.

Die Autorin philosophiert in diesem Buch umfassend über einen der wohl wichtigsten Aspekte unseres Lebens, nämlich Kleidung – von Secondhand bis Dior, von den maßgeschneiderten Gewändern in vorigen Jahrhunderten bis zu den konfektionierten Modellen, die wir heute in Kaufhäusern erstehen. Sie schreibt über Biographisches, erzählt von ihrer Mutter, einer ukrainischen Einwandererin – „nur reiche Leute können sich billige Kleidung leisten“-, berichtet von Interviews mit Persönlichkeiten aus der Modebranchen oder zieht Bücher wie „Ein Kleid von Dior“ zur Untersuchung des Gegenstands heran. Ihre Kernaussage: Es gibt niemanden, der sich nicht für Kleidung interessiert. Wenn es nicht die eigenen Kleidung ist, dann interessiert er sich für die Kleidung anderer.

Ich fand in dem Buch einige sehr interessante Ansätze (zugegeben, andere waren eher banal). Einer davon brachte mich zum Nachdenken. Keinem von uns ist es völlig egal, was er anhat – mit der Ausnahme klinisch-depressiver Personen. Da kann ich einen Haken dahinter setzen. Es war mir wirklich, so wie alles andere eben auch, ganz egal, was ich anhatte. Ob die graue weite Jogginghose mit dem grauen weiten Pullover gut aussah, geschweige den farblich zusammenpasste? Ganz egal. Ich denke, auch deshalb achtete ich auch, wenn ich dann doch mal unterwegs war erst recht darauf was ich anhatte. Denn ich spürte es nicht mehr. Ihr kennt das bestimmt: Es geht euch gut, heute ist eine Party, auf die ihr euch freut, ihr seid gut drauf, die Jeans sitzt und das Top passt, und, ja, vielleicht sitzt die Frisur nicht perfekt, aber das ist ganz egal, weil du fühlst dich gut, du spürst es regelrecht und das strahlst du dann auch aus. Ich spürte davon gar nichts mehr. Also musste ich mich im Spiegel davon überzeugen, dass mein Erscheinungsbild in Ordnung war. Und im Gegensatz zu sonst musste es, um ein bisschen Selbstsicherheit zu haben, perfekt sein. Früher war das eher andersrum gewesen. In denselben Zusammenhang stellt Grant auch das Trauerjahr, in dem früher nur schwarz getragen wurde. Eine Witwe wurde so davon erlöst, sich auch noch in ihrer Trauer um die gängigen Konventionen in Sachen Mode kümmern zu müssen. Man sah von weitem, dass sie trauerte und räumte ihr alleine schon dadurch eine gewisse Sonderbehandlung ein. Sicherlich verschwand das Trauerjahr nicht grundlos aus unserer Gesellschaft. Generell aber haben wir uns damit doch Stück für Stück von der Freiheit befreit, öffentlich ungestraft, sogar respektiert, Trauern zu dürfen.

Zurück zum Buch: Grant schreibt sehr gut, nimmt einen mit durch diese alles andere als oberflächliche Reise durch die Geschichte der Kleidung und der Mode. Eine etwas andere, aber durchaus interessante Lektüre auch für die, die sich nicht unbedingt als Fashionistas bezeichnen. Leider gibt es das Buch nur auf Englisch…sorry dafür. Dennoch viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

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„Silver Linings“ bedeutet übersetzt Silberstreif, also der goldfarbene oder silbrige Rand, den Wolken haben, wenn die Sonne hinter ihnen steht. Im Englischen existiert zudem das Sprichwort „every cloud has its silver lining“, was frei übersetzt in etwa „es ist nie alles schlecht“ bedeutet.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen („Silver Linings Playbook“), verzeiht mir daher bitte, wenn sich der ein oder andere englische Ausdruck hier einschleicht.

Pat ist nach Jahren in der Nervenheilanstalt wieder zu Hause. Seine Mutter hat ihn endlich heimgeholt und er ist glücklich: Sein Bruder hat ihm eine Saisonkarte für sein Footballteam geschenkt und „apart time“, die Trennungszeit von seiner Ehefrau Nikki, scheint nun auch bald vorbei zu sein. Nur bekommt er sie nicht zu Gesicht. Keiner weiß, wo sie ist, auf Fragen weichen ihm alle aus. Außer seiner neuen Bekannten Tiffany.Sie ist die Schwägerin seines besten Freundes, verwitwet, nymphoman, depressiv. Sie verspricht ihm, Briefe zwischen ihm und Nikki zu vermitteln – aber nur, wenn Pat dafür mit ihr gemeinsam für den Tanzwettbewerb „Dance against Depression“ trainiert. Dafür muss er aber einige Heimspiele sausen lassen…

Matthew Quicks Hauptpersonen, im Film gespielt von Bradley Cooper und Jennifer Lawrence, freunden sich an. Aus den beiden Außenseitern wird ein starkes Team, gegenseitig helfen sie sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Eine bewegende, traurige, auf jeden Fall beeindruckende Geschichte über uns alle, Football, Tanzen, Liebe und Leidenschaft.

In diesem (seltenen) Fall sind sowohl Buch als auch Film sehr, sehr empfehlenswert. Das Buch, das gänzlich aus Pats Perspektive heraus erzählt wird, erlaubt uns tiefgründigere Einblicke in seine Gedankenwelt: Wie er die Welt nach Jahren in der Anstalt sieht. Was die „apart time“ für ihn bedeutet. Der Film dafür bietet zahlreiche Football- und Tanzszenen, deren Ausdruckskraft wir im Buch nur erahnen können sowie, nicht zu vergessen, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence und Robert de Niro.

Ein Buch und Film für alle: Für die Jungs gibt es Football (Philadelphia Eagles!), für die Mädels tolle Tanzszenen und die Liebesgeschichte, für alle gemeinsam gibt das ein rundes Gesamtbild ab. Unbedingt lesens- bzw. sehenswert!

Das Buch gibt’s nicht nur am Amazonas, sondern u.a. auch hier: Hugendubel.de

Buchtipp: Das Haus der vergessenen Bücher

Zitat

Wir tauchen ein in das Jahr 1919, mitten in Brooklyn. In einem kleinen, aber sehr feinen Antiquariat namens „Parnassus“ spukt es. Eigentlich nur der Geist und das Wissen alter Bücher – neuerdings geben sich dort aber auch so allerlei schwarze Gestalten aus der Welt der Geheimdienste die Ehre.

Christopher Morleys Roman „Das Haus der vergessenen Bücher“ erschien im amerikanischen Original erstmals 1919. 1890 geboren war er ein regelrechter „Vielschreiber“: Er ist Autor von mehr als 50 Romanen, Sachbüchern und Essays und schrieb für die New York Evening Post.

Ich fand es sehr spannend, während der Lektüre einen authentischen Einblick in das (Liebes- und Arbeits-) Leben in Brooklyn kurz nach dem ersten Weltkrieg zu bekommen. Vorneweg: den Deutschen ist man dort gar nicht wohlgesonnen!

Außerdem war es wirklich ein ungewohntes, erfreuliches Lesevergnügen, sich mal wieder von einem klassischen Erzähler durch den Roman führen zu lassen. In der moderneren, heute erhältlichen Literatur begegnen wir schließlich diesem althergebrachtem  Erzählstil kaum noch. Morleys Erzähler, der gefühlt an einem kalten Winterabend in der gemütlichen Stube im Lehnstuhl sitzend spricht, führt den Leser galant durch das Werk. Er spricht ihn direkt an, liefert Hintergrundwissen und weist auch schon mal im Sternchentext darauf hin, dass *Leser, die keine Buchhändler sind, sich die zweite Hälfte des Kapitels Maiskolbenklub schenken können.

„Das Haus der vergessenen Bücher“ ist ein kluges, dennoch unterhaltsames Werk, dessen heute selten gewordener Erzählstil eine erfrischende Abwechslung bietet. Absolut lesenswert – insbesondere für kleine und große Literaturfans!

 

„Meiner Meinung nach ist jeder ein Verräter an der Menschheit, der nicht seine ganze Kraft dem Versuch widmet, weitere Kriege zu verhindern.“

Roger Mifflin, Inhaber des „Parnassus“

Buchtipp: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

„Sophia“ stand schon länger auf meiner Liste der Bücher, die ich euch gerne ans Herz legen würde. Aus gegebenem Anlass schreibe ich heute darüber.

Rafik Schami, der 1946 in Syrien geboren wurde und seit 1971 in Deutschland lebt, erzählt in seinem neuesten Werk nicht nur eine bewegende Geschichte, sondern er berichtet – in Nebensätzen und persönlichen Schicksalen – vom Wandel Syriens in den vergangenen 50 Jahren von einem freiheitlichen Land, in dem Christen und Muslime Haustür an Haustür wohnen – vielleicht nicht frei von Konflikten, aber doch im Großen und Ganzen friedlich, hin zu einer Diktatur. Was wissen wir denn schon groß von dem Land, das unsere Nachrichten momentan beinahe beherrscht?

Schami erzählt in einem Buch die ineinander verwobenen Lebensgeschichten seiner vier Hauptcharaktere – zwei Männer und zwei Frauen – die vor allen Dingen eines auszeichnet: Eine Liebe, die Grenzen überwindet und Leben rettet.

„In den arabischen Ländern wird es keine Veränderung geben, solange nicht die Struktur der Sippe zerschlagen wird, die uns körperlich und geistig versklavt. Die Sippe baut auf Gehorsam und Loyalität auf und pfeift auf Demokratie, Freiheit oder die Würde der Menschen. Sie durchdringt und zersetzt alles wie ein Pilz.“  („Sophia“, R. Schami, S. 45)

Buchtipp: Der Architekt des Sultans

Diesmal geht es in das spätmittelalterliche Istanbul, in die Zeit der Sultane, ihrer Haremsdamen, der großen Baumeister und Elefantentreiber.

Jahan landet mit seinem weißen Elefanten im Palast des osmanischen Sultans. Da der Junge große Begabung zeigt, wird er zum Lehrling des berühmten Baumeisters Sinan, einer reellen historischen Persönlichkeit („Michaelangelo der Osmanen“). Die türkische Starautorin Elif Shafak begleitet Jahan sein ganzes Leben durch die Irrungen und Wirrungen am Hof, durch Kriege hindurch, durch Intrigen und Liebesgeschichten. Dabei erschafft sie ein phantastisches Märchen, das zwischen historisch verbrieften Ereignissen und Persönlichkeiten sowie ihrer großartigen Fabulierkunst einen faszinierenden Bogen spannt. Sie entführt ihre Leser regelrecht in das Istanbul des 16. Jahrhunderts – bis man selbst nachts die Tiere des Palastzoos oder den Lärm der Baustellen hört. Gleichzeitig ist das Buch ein unterhaltsames Lehrstück über den größten osmanischen Baumeister. Am besten hält man bei der Lektüre einen Stift bereit: Neben interessanten Fakten offenbart Shafak in dem 600-seitigen Werk zahlreiche Gedanken, die es wert sind, niedergeschrieben und an die Wand gepinnt zu werden.

Lasst euch von den 600 Seiten nicht abschrecken: Das Buch ist keine schwere Lektüre und der Schreibstil von Shafak, wie die Bauwerke Sinans sehr schmuckreich und ornamentenhaft, schenkt einem immer wieder von neuem eine im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Auszeit vom Alltag. Und außerdem ist die Hardcover-Version auch ein wunderschönes, dekoratives Buch, das sich im Regal gut macht.

Buchtipp: Momo

Ich kann es selbst nicht ganz glauben, dass ich es geschafft habe, 27 Jahre alt zu werden ohne je auch nur ein Buch von Michael Ende gelesen zu haben. An Ostern las ich erstmals „Die Unendliche Geschichte“ und vor einigen Wochen nun, auf einen Tipp hin, „Momo“. Ich kannte auch die Filme nicht. Einzig ein Theaterstück über den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpusch hatte ich in der zweiten Klasse gesehen.

Unglaublich, dass Ende das Märchen von der Zeit und seiner Retterin, Momo, bereits vor vierzig Jahren verfasst hat. Es ist nach wie vor aktuell, vielleicht sogar aktueller denn je. Ende entwirft eine Phantasiewelt, die in unserem eigenen Universum angedockt ist, mit Figuren, die man einfach ins Herz schließen muss, angefangen vom Straßenkehrer Beppo, dem Mädchen, das immer auf die kleine Schwester aufpassen muss, hin zur Schildkröte Kassiopeia und natürlich Momo selbst.

Ich möchte das Buch euch allen ans Herz legen – ganz besonders den Talenten, die es (so wie ich bisher auch) sehr gut schaffen, sich Tag für Tag und Woche für Woche so voll zu packen, dass für die einfachen und schönen Dinge unversehens irgendwie keine Zeit mehr bleibt.

Zeit ist nicht Geld – Zeit ist Leben. Wer an der Zeit spart, spart am Leben.

Filmtipp: Vielleicht lieber morgen („The Perks Of Being A Wallflower“)

Vorneweg: Der Film basiert auf einem Buch von Stephen Chbosky, das ich jedoch nicht gelesen habe.

Charlies bester – und einziger – Freund hat sich umgebracht. Und Charlie selbst ist auch nicht gerade das, was man generell als psychisch stabil bezeichnen würde. Er ist ein Mauerblümchen (Englisch: „Wallflower“), ein Außenseiter. Zufällig lernt er nach einigen Wochen an der High School ein älteres Geschwisterpaar kennen und freundet sich mit den beiden an. Durch sie entdeckt er eine völlig neue Welt. Er wird in ihren Freundeskreis integriert, und lernt das kennen, was, wie ich finde, im englischen Titel sehr schön mit „Das Gute daran, ein Mauerblümchen zu sein“ umschrieben wird. Er lernt sein Leben und sich zu lieben, so wie es ist – dank seiner neuen Freunde. Natürlich ist damit nicht alles in Ordnung – aber ich möchte nicht zu viel vorweg greifen.

Der ganze Film ist düster gehalten, und doch von durchdringender Freude am Leben und an der Wirklichkeit geprägt. Er bewegt, und regt gleichzeitig zum Nachdenken an. Ein großartiges Werk, mit einer tollen Emma Watson, fernab vom gewöhnlichen Hollywood.