Die Hochzeit

Am Samstag stand ich früh auf. Ich war in guter Stimmung, voller Vorfreude auf die Hochzeit. Ich frühstückte, holte meine Wochenendration Tabletten in der MZ und fuhr nach Hause. Es war wenig Verkehr, ich war sogar etwas früher als geplant zu Hause.

Meine Eltern und meine Schwester waren bereits mitten in den Vorbereitungen, das Bad voll belegt. Ab zehn Uhr waren wir beim Brautpaar, ein paar Ortschaften weiter, zum Weißwurstfrühstück eingeladen, die Trauung war für den Mittag angesetzt. Wir würden mit zwei Autos fahren, so dass ich jederzeit nach Hause konnte.

Die Versuche, mir ein neues Kleid zu kaufen, waren ja kläglich gescheitert. Aber ich habe einen eleganten Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen: Online-Shopping. Ich hatte bereits einen hellrosafarbenen, knielangen Plissée-Rock und dazu passende Sandalen zu Hause, beides wunderbar auch für eine Hochzeit geeignet. Dazu hatte ich mir eine weiße Spitzenbluse bestellt. Und, seien wir mal ehrlich, um „offline“ eine Bluse zu finden, die so gut zu dem Rock passte, hätte ich mir vermutlich wochenlang die Füße wund gelaufen.

Meine Schwester glättete mir meine Haare, da ich das auch nach vier Wochen mit kurzen Haaren immer noch nicht so richtig drauf hatte, und schließlich waren auch wir fertig. Meine Eltern waren schon vor etwa einer halben Stunde losgefahren.

Das Brautpaar hatte an der Garage ein Zelt angebaut, was aber eigentlich, denn es war ein strahlend schöner Herbsttag, gar nicht notwendig war. Sie hatten sogar eine ganze Blaskappelle engagiert, die während des Weißwurstfrühstücks spielte. Das würde eine richtig urige bayrische Bauernhochzeit geben.

Die Blaskapelle war allerdings verdammt laut. Viiieeeeel zu laut. Ich schnappte mir also zwei Weißwürste, mit süßem Senf und Breze versteht sich, setzte mich zu meiner Verwandtschaft an einen etwas abgelegenen Tisch und bemühte mich, die Musik zu ignorieren. Glücklicherweise musste die Kapelle auch hin und wieder eine Pause einlegen, ein Wohlgenuss für meine armen Ohren. Beim nächsten Einsatz der Musik war ich wieder weg. Langsam wurde es außerdem voll. Ich beschloss, erstmal auf die Toilette zu gehen. Die war im Haus, das war wunderbar weit weg von der Blasmusik. Auf dem Weg dahin konnte man wunderbar mit den verschiedensten Menschen ratschen. Unterwegs erfuhr ich, dass einer meiner Cousins seinen neuen Hund dabei hätte, einen Boarder-Collie-Welpen.

Der Welpe musste natürlich Gassi geführt werden. Ideal! Also suchte ich den Hof nach dem Hund ab, fand ihn (und meine Cousin am anderen Ende der Leine) schon halb auf dem Feldweg, ignorierte mein absolut Feldweg-untaugliches Schuhwerk und beschäftigte mich in der nächsten halben Stunde mit dem Hund, fernab von dem ganzen Trubel.

So in der Art ging der Tag weiter: Die Hochzeit war wunderschön, die Stimmung war toll, das Wetter perfekt und ich schaffte es, in einer Mischung aus Dabeisein und Mich-doch-immer-wieder-ausreichend-abseits-zu-halten, relativ lange relativ gut durchzuhalten. Ich tanzte sogar und dann, als es zum Brautverziehen in den sonnigen Biergarten unter alten, knorrigen Kastanien- und Obstbäumen ging, war mir alles egal. Die Band war verdammt laut, aber dagegen hatte ich Ohropax. Ich konnte trotzdem noch mitsingen, ich hörte nach wie vor alles, ich stand, wie alle anderen, auf den Stühlen, feuerte den Bräutigam an, bis er seine Braut endlich wieder ausgelost hatte, ich genoss es. Und es tat so gut! Ich fühlte mich, inmitten meiner ganzen Verwandtschaft, so sicher und so geborgen, dass ich zwischendrin, als mir dieser Gedanken durch den Kopf schoss, beinahe vor Glück angefangen hätte zu weinen. Ich war nicht allein. Nein. Ich hatte sie alle. Ich konnte auf jede Einzelne meiner Tanten, jeden Onkel, jede Cousine und jeden Cousin zählen. Und vor allen Dingen auf meine Schwester und meine Eltern. Ich war zum ersten Mal seit sehr langer Zeit glücklich, und zwar aus ganzem Herzen, ich hätte die Welt umarmen mögen.

Zum Schluss sattelte die Band auf AC/DC um, das war dann leider samt Ohropax zu laut. Das Brautstehlen hatte schon über eine Stunde gedauert, ich war erschöpft, verdrückte mich einmal mehr auf die Toilette und dann in einen eher abseits gelegenen Teil des Biergartens, wo sich die kleinen Kinder mit ihren Omas aufhielten.

Ich hatte meine Belastungsgrenze mehr als ausgereizt. Ich war auch schon wesentlich länger dabei gewesen, als ich mir je erhofft hatte. Es gab Abendessen. Danach würde ich fahren. Es ging nicht mehr. Als die Band draußen aufhörte, zog ich mir die Ohropax aus den Ohren. Und wenige  Sekunden später stopfte ich sie wieder rein. Es war viel, viel, viel zu laut. Es war nicht mehr auszuhalten. Insbesondere, da nach dem Brautverziehen und vor dem Abendessen der allgemeine Alkoholpegel auf Hochzeiten generell am höchsten war. Und ich stocknüchtern und völlig erschöpft. Das Abendessen war dennoch sehr, sehr lecker. Die Nachspeise konnte ich zu meiner Enttäuschung leider nicht mehr abwarten, ich verabschiedete mich. Meine Verwandten hatten sich sehr gefreut, mich zu sehen, zu sehen, dass ich dabei war und wieder lachen konnte. Und ich musste mit niemandem diskutieren, warum ich denn nun schon ginge. Meine Schwester kam mit mir mit, sie wollte mich offensichtlich nicht alleine gehen lassen.

Ich fuhr selbst, die Feier war etwa zwanzig Minuten von zu Hause entfernt gewesen. Es war eine altbekannte Strecke, die ich schon hundertmal in meinem Leben gefahren war. Trotzdem war ich heilfroh, als ich endlich, endlich sicher zu Hause war. Meine Konzentration war so rapide gesunken, dass ich nach zehn Minuten Fahrt das Gefühl hatte, mich nicht länger als 100m auf die Fahrbahn und das Fahren konzentrieren zu können. Auf meine Schwester konnte ich auch nicht zählen. Sie saß zwar neben mir, aber ganz abgesehen davon, dass sie nicht nüchtern war, hatte sie ihre Brille nicht auf. Ich würde den Baum nicht mal sehen, wenn ich schon dagegen gefahren wäre, meinte sie nur. Hilfreich.

Ich fuhr also langsamer, stehen bleiben wollte ich zwei Kilometer von zu Hause entfernt allerdings auch nicht mehr. Wir kamen sicher zu Hause an. Ich fiel tot ins Bett.

Am nächsten Tag wusste ich nicht einmal mehr, dass meine Schwester mit mir nach Hause gefahren war.

 

Ausflug

Ach, wie schön das Leben doch sein konnte! Draußen schien die Sonne, das Mittagessen war sehr gut gewesen und der Knallertisch entwickelte sich richtig positiv. Wir hatten eine Neue dazubekommen. Auch so ganz und gar nicht der Typ Mensch, mit dem ich normalerweise zu tun hätte – aber es war mittlerweile genau diese total verrückte Mischung, die den Tisch ausmachte. Jede von uns führte draußen ein völlig anderes Leben, allein schon, weil wir alle unterschiedlich alt waren. Und deshalb hatte jede von uns so unglaublich unterschiedliche Dinge zu erzählen. Ein wenig fühlte ich mich wie auf Reisen. Unterwegs trifft man immer auf Menschen, mit denen man zu Hause vermutlich kein Wort wechseln würde. Einfach, weil es sich nie ergäbe. Und mit jedem Menschen, mit jeder neuen Ansicht, lernt man dazu; begreift Neues oder rückt die eigenen Ansichten wieder zurecht. Es war meistens hochinteressant, was die anderen zu erzählen hatten. Wenn es mir gut ging, freute ich mich auf jedes Essen. Wenn es mir schlecht ging, war es aber auch völlig okay, dass ich sofort, nachdem ich gegessen hatte, wieder den Tisch verließ.

Heute ging es mir gut. Ich hatte ja noch keine Therapien und Johanna und Tina hatten Freitagnachmittag immer frei. Die Sonne schien, ein Tapetenwechsel würde sicherlich nicht schaden und so beschlossen wir drei, einen Ausflug in die nächste Stadt zu machen. Ein bisschen bummeln und Eis essen. Die anderen beiden waren schon hier gewesen und kannten sich aus. Ich war noch nie dort gewesen, obwohl ich die einzige Münchnerin war und somit sehr in der Nähe wohnte. Und das Städtchen war wunderbar malerisch, ein wenig mittelalterlich geprägt, mit vielen kleinen Gässchen, wunderbaren Häusern und einem Flussufer in der Altstadt. Und vielen schönen Geschäften! Direkt am Hauptplatz, wo Johanna das Auto abstellte, begann die kleine Einkaufsstraße. H&M, Thalia, Street One oder S.Oliver waren da, aber auch sehr viele kleine Geschäfte, die keiner Kette angehörten. Johanna hatte, seit es ihr wieder gut ging, das Einkaufsfieber gepackt. Sie hatte zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wieder überhaupt wirklich Freude an etwas und das machte sich auch beim Shoppen bemerkbar. Zielstrebig steuerten die beiden also das erste Geschäft an, das sich von einer Glasfront aus, die so breit war wie der Laden selbst, tief in das Gebäude hineinwand. Ein schöner Laden. Ich brauchte zwar nichts, aber ein bisschen stöbern konnte ja nicht schaden. Ich folgte also Johanna und Tina. Die beiden liefen zielstrebig auf die ersten Ständer zu. Ich blieb wie angewurzelt vor der Türschwelle stehen. Als wäre eine Wand vor mir heruntergefahren. Ich konnte dieses Geschäft nicht betreten. Ich konnte keinen Schritt weiter gehen.

Ich stand da und wollte eigentlich rein. Aber  es ging nicht. Ich konnte nicht durch diese Mauer gehen, die sich da plötzlich vor mir aufgetan hatte. Ich gab mich geschlagen. Fünfzig Meter weiter war offensichtlich eine Buchhandlung, eine ganze Reihe Buchregale und Ständer mit Postkarten standen davor. Ich rief Johanna und Tina zu, dass ich dort auf sie warten würde. Johanna wusste ja, dass ich mit dem Einkaufen Schwierigkeiten hatte. Tina schaute mich fragend an. Ich sagte ihr nur, ich kann nicht, das geht gerade einfach nicht. Sie stellte keine Fragen, die beiden meinten nur, sie würden dann sowieso gleich zur Buchhandlung kommen.

Ich stöberte also ein wenig in den Bücherkisten und bis Johanna und Tina kamen hatte ich mich wieder beruhigt. Die Gefahr war schließlich gebannt. Ich betrat kein Kleidergeschäft mehr. Andere Geschäfte aber waren kein Problem. Ich entdeckte ein paar hundert Meter weiter sogar mein neues Lieblingsgeschäft: Eine liebevoll eingerichtete, großzügige Buchhandlung (es gibt in diesem Städtchen offensichtlich sehr viele Leser) mit spannend ausgewähltem Sortiment, die zudem einige Dekoartikel, Schreibwaren und Künstlerbedarf führte. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Weiter hinten im Laden entdeckte ich, wonach ich insgeheim gesucht hatte: Ein Malbuch.

Ruth, meine Zimmergenossin in der Psychiatrie, hatte sich an einem meiner letzten Tage ein Mandala-Malbuch gekauft. Mandala kannte ich bis dahin nur aus der Freiarbeit in der Grundschule. Ich hatte die damals geliebt. Und auch Johanna hatte vor kurzem eines geschenkt bekommen. Johanna hatte in der Psychiatrie auch in der Ergotherapie, in der ich nie war, zuletzt hauptsächlich Zentangel gemalt. Für mich war das einfach systematisches Gekritzel, wie früher in der Schule am Heftrand. Aber sie machte das gerne, es tat ihr gut. Buntstifte hatte ich mir im Juli bereits gekauft, da eine gute Freundin mir vorgeschlagen hatte, ich könnte doch ein wenig malen? An mir war aber keine große Künstlerin verloren gegangen, deshalb hatte ich die dann doch kaum benutzt. Aber diese Malbücher waren wirklich schön. Ich suchte mir also eines aus, eines mit Tieren natürlich, und entdeckte hinterher bei Tchibo sogar noch ein 10er-Pack bunte Gelstifte, die ich auch mitnahm.

Damit war unsere Shoppingtour beendet und wir setzten uns in ein kleines Eiscafé am Flussufer und gönnten uns etwas Gutes. Es war einfach schön mit den beiden. Wir verstanden uns gut, ohne jeden Druck, es gab keine komischen Nachfragen, wir unterhielten uns über völlig normale Dinge, über die Klinik und Mitpatienten und ließen uns von dem glitzernden Wasserspiel zwischen Sonne und Stauwehr faszinieren. Es war ein wunderschöner Nachmittag. Dass ich nicht in das Geschäft gehen konnte und meine Ängste offenbar doch noch intensiver waren, als ich mir selbst gegenüber und auch der Psychologin gegenüber zugeben wollte, war schon lange wieder vergessen.

 

Klinik II

Die Türen schlossen sich hinter mir automatisch wieder. Ich ging zum Parkplatz, legte meine Reisetasche in den Kofferraum, verstaute meine Handtasche auf dem Beifahrersitz, setzte mich ins Auto und gab in mein Handy-Navi die Adresse der Psychosomatischen Klinik ein. Ich positionierte es in der Mittelkonsole, so dass ich den Pfeilen folgen konnte, startete den Motor, rangierte aus meiner Parklücke und ließ die Psychiatrie hinter mir. Das gelbe Kasernengelände verschwand schnell aus meinem Rückspiegel. Ich verließ das Waldstück, bog auf die Bundesstraße ein und fuhr in Richtung Autobahnauffahrt. Ich verspürte keine Freude. Aber Erleichterung. Ich war erleichtert, die Psychiatrie hinter mir lassen zu können. Das bedeutete, einen Schritt nach vorne zu gehen. Auch wenn ich gerade total erkältet und völlig k.o. war und eigentlich nur Schlafen wollte. Ich fuhr selbst mit meinem Auto. Ich hatte mein Leben wieder selbst in der Hand. Noch nicht ganz zwar. Aber ich war wieder für mich verantwortlich.

Nach etwa einer halbe Stunde Fahrt verließ ich die Autobahn, querte sie noch einmal in Richtung der Hinweisschilder „Autobahnkirche“ und „Klinik“ und ließ das gelbe Ortsschild hinter mir. Eine kurvige Straße mit Einfamilienhäusern lag vor mir, einige neu, aber die meisten sahen aus, als stünden sie hier schon seit Jahrzehnten. An der ersten Kreuzung wies ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Klinik“ den Weg. Ich folgte einer langen, geraden Straße, die ebenfalls mit schönen Ein- und auch Mehrfamilienhäusern gesäumt war, bis sie schließlich in einer Art Allee endete, an deren Ende man, etwa 200 m außerhalb des Ortes, die Klinik sehen konnte. Ich parkte auf dem riesigen Patientenparkplatz vor dem Gebäude, überlegte, ob ich gleich mein ganzes Gepäck zum Eingang schleppen sollte oder nicht, entschied mich für die beiden wichtigsten Stücke – die Handtasche und meine Reisetasche mit ein wenig Kleidung, meinem Waschbeutel und meinem kleinen Kissen  – verschloss meinen Golf und ging Richtung Klinik. Es war ein großer, aber kompakter, etwa vierstöckiger Bau, dessen Fassade mit roten Schindeln verkleidet war. Die Klinik war auf der einen Seite von Feldern und Wiesen umgeben, auf der andere Seite durch große Lärmschutzwälle und einen Feldweg von der Autobahn getrennt. Trotzdem war es nicht sonderlich laut. Ich betrat die Klinik durch den Haupteingang und fand mich unversehens in einer Art Hotelempfang wieder. Links die Rezeption, in die, nach der umfangreichen Zeitschriftenauslage zu urteilen, ein kleiner Kiosk integriert war, rechts ein Gang, links ein Gang, und nach vorne hin öffnete sich ein offener Bereich, der mit ca. zehn Sitzgruppen ausgestattet war, an den, durch Glastüren und -fenster getrennt, eine helle Cafeteria anschloss. Ich war überrascht, so viele junge Erwachsene und sogar Jugendliche zu sehen. Die im Übrigen alle total normal aussahen. Nicht Psychiatrie-normal. Sondern normal normal. Alles Menschen wie ich oder meine Eltern oder sogar meine Turnmädels.

Ich hatte meine Tasche an die Wand gestellt, hier standen schon zwei, drei andere, und meldete mich an der Rezeption. Die Dame begrüßte mich, nahm meine Daten auf, klärte ein paar organisatorische Dinge, wie zum Beispiel ob sie Anrufer direkt zu mir durchstellen dürfe, und bat mich, den Gang links nach vorne zu gehen und mich bei der Klinikanmeldung zu melden. Mein Gepäck könne ich hier lassen. Also ging ich links den Gang entlang. Nach dem Aufenthaltsbereich folgte eine weitere kleine Halle, in der allerlei schwarze Bretter und Infokästen an der Wand hingen, dann folgte ich weiter dem Gang, von dem links und rechts Türen abgingen; an den Wänden standen Stühle, etwa in der Mitte des Gangs befand sich linker Hand ein großes Glasfenster mit der Aufschrift „Medizinische Zentrale“. Ich suchte die Tür, auf der „Anmeldung“ stand, und klopfte. Keine Reaktion. Na gut. Vielleicht klopfte man hier nicht. In der Psychiatrie mochten die das auch nicht unbedingt. Da wurde einfach zum vereinbarten Zeitpunkt die Tür geöffnet, und wenn man da war, war man da. Wenn nicht, ging die Tür wieder zu und wurde ein paar Minuten später wieder geöffnet. Da über den Gang verteilt auch schon mehrere Personen auf den Stühlen saßen, setzte ich mich auch. Endlich sitzen. Ich wollte eigentlich einfach nur in ein Bett und schlafen. Vielleicht einen heißen Tee. Ich war so richtig Erkältungs-k.o. Da sah ich Johanna – zumindest meinte ich, dass es Johanna wäre – am anderen Ende des Ganges. Sie sah sich um, ich winkte, für alles andere fehlte mir gerade die Energie, aber dann war sie aber schon wieder weg. Sie hatte gut ausgesehen, fröhlich, sofern man das denn auf die Entfernung erkennen konnte. Nach etwa fünf Minuten hatte sich die Tür zur Anmeldung immer noch nicht geöffnet. Und ich fragte eine Frau, etwa in meinem Alter, ob sie auch auf die Anmeldung warte. Nein, nein, sie habe einen Termin bei einer Ärztin. Bei der Anmeldung müsste man einfach hineingehen. Ach so. Na gut. Also stand ich wieder auf, klopfte und ging in das Büro hinein. Die Dame nahm meine Daten auf. Ich korrigierte mein Geburtsdatum. Ich war nicht Jahrgang 1982. Aber vermutlich lag das an meiner nicht besonders leserlichen Schrift auf dem Anmeldebogen. Dann schickte sie mich wieder hinaus, ich sollte vorne im Eingangsbereich warten, dort würde mich eine Dame vom Empfangsservice abholen. Also setzte ich mich vorne in einen der Sessel. Braun, nicht sonderlich bequem. Aber kaum dass ich mich gesetzt hatte, erschien schon eine ältere, freundlich blickende Dame, die meinen Namen fragend in die Halle sagte. Das bin ich, sagte ich, und stand auf.

Abschied von der Psychiatrie

Meine letzten beiden Tage in der Psychiatrie waren angebrochen. Ich hatte heute noch ein letztes Gespräch mit der Psychologin, musste, wie bei meiner Aufnahme, eine Blut- und eine Urinprobe abgeben und zum EKG. An allen Therapien nahm ich – abgesehen vom kognitiven Training – bis zum Schluss teil. Morgen, Dienstag würde ich dann nach dem Entlassungsgespräch mit meiner Ärztin gegen halb zehn Uhr selbst mit dem Auto in die psychosomatische Klinik fahren. Diese lag circa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, war einfach zu finden, und ich war froh, mir mit der Tatsache wieder selbst mit meinem Auto mobil zu sein, wieder ein Stückchen Freiheit erkämpft zu haben. Offiziell durfte ich natürlich immer noch nicht fahren – daher wich ich der Ärztin dezent aus, als sie mich bei der letzten Visite fragte, ob ich bereits wüsste, wie ich in die neue Klinik kommen würde.

Ich war einerseits heilfroh, endlich die Klinik verlassen zu können. Andererseits hatte ich aber auch ein bisschen Angst: Die Psychiatrie hier war mein Schutzraum gewesen. Hier hatte ich mich endlich wieder gefangen. Hatte die erste Stufe auf der Treppe genommen. Ich hoffte inständig, in der neuen Klinik bessere Zimmergenossen als zuletzt zu haben. Jetzt zum Schluss erst habe ich realisiert, wie verdammt wichtig das war. Wohl mit das wichtigste überhaupt. Johanna würde in der neuen Klinik da sein, sie freute sich schon sehr auf mich hatte sie zuletzt geschrieben, das war gut. Und dann waren da noch die Therapien. Einige Mitpatienten hier in der Psychiatrie sprachen nur davon, wie unglaublich stressig und anstrengend so eine psychosomatische Klinik wäre, da würde man nur von einer Therapie zur nächsten rennen. Das musste man auch erst einmal schaffen. Ich spürte im Moment wieder sehr deutlich, deutlicher als noch vor zwei Wochen, dass ich mir meine Energie sehr genau einteilen musste. Zudem war das Kratzen im Hals schlimmer geworden. Ich fühlte die Erkältung regelrecht in mir hochsteigen. Das ist immer noch ein Krankenhaus, beruhigt mich meine Ärztin. Der Fokus liegt dort genauso wie hier auf Ihrer Genesung, die in Ihrem eigenen Tempo vor sich gehen wird. Natürlich ist es eine große Umstellung, das wird ein, zwei Wochen dauern, bis Sie dort angekommen sind. Aber Sie werden das schon schaffen, da bin ich mir sicher.

Jeanette schnarchte nun auch tagsüber im Zimmer. Draußen war es regnerisch und ziemlich kühl, also war ich hauptsächlich damit beschäftigt, ein ruhiges und trotzdem halbwegs gemütliches Plätzchen für mich zu finden. Ich zählte die Stunden. Ohne Steffi und Johanna war es hier wirklich nicht besonders gut auszuhalten. Wir schrieben hin und wieder auf Whatsapp – den beiden ging es ganz gut in ihren neuen Kliniken – aber das war natürlich nicht das gleiche. Ich wollte endlich hier raus. An einen angenehmeren Ort. Der die neue Klinik zu sein schien.

So jedenfalls absolvierte ich die beiden letzten Tage. Viele der Patienten, die länger hier waren, bestellten an ihrem letzten Abend Pizza für die große Runde – ein kulinarischer Hochgenuss, verglichen zu dem „normalen“ Essen. Ich begnügte mich mit meinem letzten Butter-Zwieback und einer Tafel Schokolade – für mich allein. Ich war froh, meine Ruhe zu haben. Ich hatte viel im Kopf, da brauchte nicht noch mehr hinzukommen und schon gar kein überflüssiger Schwachsinn.

Der letzte Morgen war unspektakulär. Frühstück wie immer. Viele Patienten, die ich noch gut kannte, waren nicht mehr da, eine ging ebenfalls heute. Eigentlich blieb beinahe nur noch Ruth über. Wir verabschiedeten uns – vermutlich auf Nimmerwiedersehen – und wünschten uns inständig alles Gute. Sie war mir in den letzten Wochen wirklich ans Herz gewachsen.

Nach dem Frühstück fand das Abschlussgespräch statt. Schließlich packte ich meine letzten Habseligkeiten zusammen, verabschiedete mich am Stützpunkt von den Schwestern und Pflegern und verließ die Station. Im Erdgeschoss warf ich einen letzten Blick in den nach wie vor trostlosen, aber mittlerweile etwas grüneren Innenhof und gab meine Patientenkarte an der Rezeption ab. Die Empfangsdame kannte mich mittlerweile beim Namen. Auch sie wünschte mir alles, alles Gute. Und ich sollte doch Johanna bitte schöne Grüße ausrichten. Schließlich drückte sie den Türöffner, die Glasschiebetür öffnete sich und ich verließ die Psychiatrie.

Ich nahm die nächste Stufe auf meiner Treppe.

10 Regeln für das Überwinden einer Depression

Da ich die letzte Stunde der Depressionsgruppe verpassen würde, besprach ich deren Inhalte im letzten Einzelgespräch mit meiner Psychologin. Nach dem wir Auslöser und  Symptome besprochen hatten, fehlte nun noch der wichtigste Teil: Das Überwinden der Depression. Dafür gibt es zehn Regeln, an die man sich tunlichst halten sollte, um eine Genesung einzuleiten und/oder damit eine Therapie auf einer stabilen Grundlage aufbauen kann. Die meisten dieser Regeln liegen eigentlich alle auf der Hand und lesen sich verdammt einfach. Aber Dinge, wie tagsüber nicht im Bett liegen zu bleiben – wenn es doch auf der ganzen Welt keinen einzigen, nicht einmal einen schlechten Grund gibt, aufzustehen – sind verdammt, verdammt schwer. Hier ist also die Liste:

10 Regeln für das Überwinden einer Depression:

  1. Setzen Sie sich kleine, überschaubare (und konkrete!) Ziele.
  2. Seien Sie auch auf kleine Fortschritte stolz! (z.B. Einhaltung des Tagesablaufs)
  3. Bleiben Sie tagsüber nicht im Bett liegen (der Schlaf-Wach-Rhythmus muss unbedingt erhalten bleiben)
  4. Bewegen Sie sich täglich.
  5. Bekämpfen Sie Ihre Neigung, sich zurückzuziehen und sorgen Sie dafür, dass Sie Kontakt zu anderen Menschen haben.
  6. Finden Sie heraus, wie Sie sich am besten entspannen können und integrieren Sie das in Ihren Alltag.
  7. Ernähren Sie sich regelmäßig und gesund.
  8. Planen Sie Ihre Tage im Voraus – achten Sie dabei auf einen ausgewogenen Mix aus angenehmen und unangenehmen Aufgaben.
  9. Nehmen Sie depressive Gedanken nicht für bare Münze!
  10. Nehmen Sie Ihre Medikamente genau nach ärztlicher Verordnung.

 

Morgendliches Mantra

Im Stillen dankte ich meiner Mutter, die mir bei meiner Ankunft Oropax in meinen Waschbeutel geschoben hatte. Nach dem Jeanette den ersten Teil der Nacht im Dreißig-Minuten-Takt abwechselnd ins Bad und zum Stützpunkt gelaufen war, sich die neunundzwanzig Minuten dazwischen geräuschvoll in ihrem Bett – mir gegenüber -hin- und herwälzte, war sie nun endlich eingeschlafen. Und schnarchte nun wie ein Walross. Man hörte sie vermutlich auch noch drei Zimmer weiter. Ich schob die Oropax tiefer, drückte mir mein zweites, eigenes Kissen aufs Ohr, zur Wand gedreht war ich schon die ganze Nacht, und versuchte einmal mehr zu schlafen. Zwischendrin hörte ich auch Ruth rascheln – sie machte wohl auch kein Auge zu. Irgendwann schlief ich ein: sei Dank. Bis irgendjemand in aller Herrgottsfrühe ein „Guten Morgen!“ durchs Zimmer schmetterte -und ein Gespräch begann. Es dämmere gerade erst, ich war hundemüde. Gereizt zeterte ich, dass sie gefälligst leise sein sollten! Ich hörte die Tür öffnen und schließen, das war wohl Ruth, die zum Rauchen ging. Also war es wohl noch nicht einmal sechs. Jeanette war offensichtlich im Bad verschwunden, da dort der Wasserhahn aufgedreht wurde. Ich drehte mich wieder um, schnaufte verzweifelt tief ein und aus, und versuchte, wieder einzuschlafen. Nach ein paar Minuten hörte ich jemanden laut reden. In einem gleichbleibenden Rhythmus. Hin und wieder konnte ich verstehen, was gesagt wurde. Jeanette, du bist schön! Jeanette, du bist reizend! Jeanette, du bist fröhlich! Oh. Mein. Gott. Ich weiß, ich sollte wirklich Mitleid haben, da ging es jemanden nicht nur gerade scheiße, so wie mir, sondern wohl schon immer. Aber es ging nicht. Es war momentan kein Fünkchen Emotion für irgendjemanden außer mir vorhanden, und schon gar kein Mitleid für eine vollkommen Fremde, die noch dazu in meinen Schutzraum eingebrochen war wie ein Elefant. Ich musste mich wirklich sehr zusammenreißen, um weder vor Wut noch vor einem leicht verzweifelten Lachen zu explodieren. Ich stellte mich schlafend, bis endlich auch sie das Zimmer verlassen hatte, dann schlief ich sogar wieder ein. Bis mich eben die Schwester um halb acht weckte. Im Bad entdeckte ich dann den Ursprung des morgendlichen Mantras: Eine bunte Postkarte neben dem Spiegel, auf der stand: Du bist… gefolgt von ca. zwanzig positiven Adjektiven. Ich starrte sie etwa ungläubig an. Das würde ich nun wohl jeden Morgen hören. An der Badezimmertür hingen außerdem noch einige selbstgemalte Bilder, auf denen Dinge wie „Jesus liebt dich!“ standen. Daran war eigentlich nichts auszusetzen. Besser als der Wachturm der Zeugen Jehovas jedenfalls. Aber das alles zusammen! Das war zu viel. Ich seufzte, putzte mir die Zähne, wusch mein Gesicht, zog mich an, schnappte mir die Wasserflasche und ging zum Stützpunkt, um das morgendliche Messen, Wiegen und Medikamente nehmen hinter mich zu bringen. Um halb neun begann bereits die Yoga-Stunde, ich musste mich beeilen. Mittlerweile gehörte ich zu den „alten Hasen“ und gesellte mich zu der Damenrunde. Elvira war darunter, die Dame, die mich an meine Tante erinnerte, dann eine neue, die meistens heulte, sonst aber nett war und eine sehr nette Burnoutpatientin, die mit mir in der AGT-Gruppe war. Obwohl ich die vergangenen zwei Wochen hauptsächlich mit Johanna und Steffi verbracht hatte, gehörte ich irgendwie dazu. Man kannte sich eben. Wusste sich irgendwie zu schätzen.

 

Abschied von der Gang

Heute war so viel passiert, so dass ich gar nicht wirklich dazu kam, traurig zu sein, da Steffi und Johanna morgen gehen würden. Die beiden aber waren ganz schön aufgeregt. Johanna vor allem, weil es ihr momentan nicht gut ging – ihre Medikamente hatten immer stärkere Nebenwirkungen gezeigt, aber keine Wirkung, und waren erst wieder ausgeschlichen (so nennt man das schrittweise Absetzen von Psychopharmaka) worden. Das neue Medikament wirkte noch nicht – die Dosis war noch zu gering – und dann auch noch ein Klinikwechsel. Das waren zwei Fragezeichen auf einmal. Ruth aber machte ihr Mut. Ruth litt seit Jahrzehnten an posttraumatischen Belastungsstörungen und kannte sich in diesem mir völlig fremden System gut aus. Sie war selbst – wenn auch bereits vor zwanzig Jahren – in der gleichen Klinik gewesen und sprach durchweg positiv von ihr. Ruth hatte die Klinik dort gut getan, sie war mehrere Jahre, so lang wie nie zuvor in ihrem Leben, symptomfrei gewesen. Außerdem gab es dort ein Hallenbad. Und eine Sauna. Und das Essen war angeblich gut. Nicht nur im Vergleich zu dem Fraß hier in der Psychiatrie, sondern wirklich gut.

Steffi war zwar auch aufgeregt, aber noch viel mehr heilfroh darüber, endlich aus der Psychiatrie herauszukommen. Ich war nach wie vor für die gleiche Klinik wie Johanna gemeldet, aber hatte immer noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. In der Regel erfuhr man den Aufnahmetermin etwa eine Woche im Voraus. Damit hatte sich unsere ursprüngliche Hoffnung zerschlagen, zeitgleich aufgenommen zu werden. Johanna wäre zwar sowieso in einer anderen Station, aber dann wären wir immerhin nicht ganz allein. Also versuchte ich in den letzten Tagen vor allen Dingen nicht daran zu denken, was ich ohne meine beiden Mädels hier tun würde. Für Donnerstag hatte ich einen kleinen Ausflug mit meiner Schwester geplant, das Wochenende würde ich natürlich wieder zu Hause verbringen. Aber sonst?

Passend zur Stimmung drehte das Wetter während des Tages. Es wurde immer kälter, bis am Nachmittag sogar Regenwolken aufzogen. Wir hatten eigentlich einen gemütlichen letzten Abend im Park, mit der Slackline, unseren Decken und vor allen Dingen mit Pizza verbringen wollen. Jetzt saßen wir mit der Pizza, die uns direkt vor die Haustür geliefert wurde, im sterilen und ungemütlichen Eingangsbereich. Wir ratschten ein wenig, aber hauptsächlich aßen wir. In den letzten Tagen hatten wir die beiden Kliniken bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, die beiden hatten ihre Packlisten verglichen, wir hatten gegenseitige Besuchspläne gemacht – so dass jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen war. Ich blieb über. Ich würde hier bleiben. Allein, bislang auf noch nicht absehbare Zeit. Mindestens eine Woche noch. Eine Woche konnte lang sein. Besonders hier in der Psychiatrie. Ohne jemanden, mit dem man ganz entspannt und normal quatschen konnte. Oder mit dem man gern zwei Stunden lang durch den Wald spazierte.

Plötzlich stand Ruth hinter mir. Da bist du ja, Sophie. Ich habe dich schon überall gesucht! Du sollst zum Stationszimmer kommen, die Schwester will dich sprechen. Dann schmunzelte sie uns an: Bestimmt ist das eine Nachricht von der Klinik! Ich wollte es nicht glauben. Steffi und Johanna stimmten ein. Oh bestimmt! Du kommst mit mit uns!

Ich klappte also den Deckel meiner Pizzaschachtel zu, damit sie nicht kalt würde (so etwas Gutes hatte ich in diesen vier Wänden noch nie gegessen!) und ging über die Treppe in den 1. Stock, in unsere Station. Dort klopfte ich an die Tür zum Stützpunkt. Schwester Elke hatte heute Dienst und als sie mich durch das Glasfenster vor der Tür stehen sah, lächelte sie bereits. Sie öffnete die Tür. Es war tatsächlich endlich die heißersehnte Nachricht aus der Klinik. Ich würde am 8. September, also nächsten Dienstag erwartet. Endlich! Ich war erleichtert. Eine Woche. Der Zeitraum war also jetzt absehbar. Eine Woche hielt ich hier alleine aus.

Der Abschied von Johanna und Steffi am nächsten Tag war recht unspektakulär. Wir frühstückten noch gemeinsam und, zwischen zwei Therapien und ihren Abschlussbesprechungen mit den behandelnden Ärzten, umarmten wir uns. Viele Worte gab es nicht mehr zu sagen. Passt auf euch auf, meldet euch – und bis bald.

Kognitives Training

Dienstagfrüh war ich schon deutlich wacher als Montagfrüh. Diesmal war kein Morgensport möglich. Um neun Uhr war ich zum ersten Mal für „kognitives Training“ angemeldet.

Unser Däne, ein sehr gebildeter, aber auch anspruchsvoller Mitpatient, hatte diese Therapie ziemlich belächelt – da muss man zehn Obstsorten mit A aufzählen! (Kriegt ihr das aus dem Stegreif hin? Ich nicht). Er hatte umgehend die Therapie verlassen, sogar während der Stunde. Ich war eigentlich ganz froh um die Beschäftigung, Johanna war auch dabei, und außerdem war ich neugierig, was denn nun tatsächlich hinter dieser Therapie steckte. Ich hatte ein paar Arbeitsblätter im Stationszimmer gesehen, die ein bisschen wie die Freiarbeit oder Zusatzarbeit aus der Grundschule wirkten, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass das wirklich Teil einer Therapie sein sollte.

Um neun also fanden Johanna und ich uns in dem kleinen Therapieraum ein. Die Psychologin, die den Kurs betreute, war schon da, außerdem noch sechs andere Patienten: die ältere Dame auf meiner Station, die mich so sehr an meine Tante erinnerte, der Inder, der den ganzen Tag kein Wort sagte, der junge Mann mit der Glatze, der eigentlich sympathisch aussah, sich an den Armen ritzte und sichtlich aggressiv war, eine weitere junge Frau, die sehr dünn und blass war, und noch eine andere ältere Dame, die ich nicht kannte, sowie ein weitere junger Mann. Ein bunt gewürfelte Truppe, wie immer hier.

Dann teilte die Psychologin doch tatsächlich ein Arbeitsblatt aus. Wir hätten zehn Minuten Zeit, dieses zu bearbeiten. Auf dem Blatt befand sich ein Quadrat, in dem Qs, Ös und Os scheinbar beliebig angeordnet waren. Man musste herausfinden, wie oft sich eine bestimmte Anordnung dieser drei Buchstaben in dem Quadrat befand, sie einkreisen und zählen. Na gut. Ich war nun einmal in dieser Therapie eingeteilt, also würde ich nicht gleich bei der ersten Aufgabe meckern. Die Buchstaben-Kombinationen waren schnell gefunden, das Zählen fiel mir nicht ganz so leicht wie sonst (Buchstaben waren schon immer meine besseren Freunde), trotzdem war ich als Este fertig. Nach etwa fünf Minuten hatten auch die Letzten in der Gruppe das Blatt fertig bearbeitet. Die Ergebnisse wurden überprüft. Es gab leider keine roten oder grünen Stempel dafür wie in der Grundschule, das hätte gepasst. Bis auf zwei hatten alle die richtige Anzahl.

Die Psychologin teilte das nächste Arbeitsblatt aus. Ein Affe hatte die Länder der Teilnehmer an den Olympischen Spielen durcheinandergebracht. Man musste den Buchstabensalat in Ordnung bringen und ein Lösungswort herausfinden. Man musste also herausfinden, welches Land mit Anpama gemeint war. Na? Panama. Ich war in nicht einmal einer Minute fertig und beschloss, dass der Däne diesmal ausnahmsweise recht gehabt hatte. Ich würde mich wieder aus der Therapie abmelden lassen, das war für mich überflüssig. Die übrigen neun Minuten verbrachte ich mit der eingehenden Betrachtung des Therapieraums. In den letzten zwanzig Jahren seit der Grundschule hatte ich dann doch irgendwann gelernt, ruhig zu warten, ohne zu stören, bis alle fertig waren. Diese Aufgabe war für die anderen, insbesondere die älteren Damen, scheinbar noch trickreicher gewesen als die erste.

Das letzte Arbeitsblatt war über und über mit Zahlen bedeckt. Man musste bei 115 angefangen, die Quersumme errechnen, diese zur Ausgangszahl addieren, diese Ergebnis wiederum in dem Zahlensalat suchen, einkreisen, die beiden Zahlen verbinden, bis man wieder an der Ausgangszahl 115 angekommen war. Dadurch sollte auf dem Zahlensalat ein Bild entstehen. Zahlen. Mochte ich noch nie besonders und werde ich auch nie besonders mögen. Klar kann ich die Quersumme von 115 rechnen – 1+1+5 macht 7 – aber das war weit, weit anstrengender als die beiden kompletten ersten Blätter gemeinsam. Ich musste meinen Kopf richtig verbiegen. Und ich war vielleicht langsam dabei! Dann machte ich sogar noch einen Fehler, den ich nur durch Spicken bei Johanna korrigieren konnte. Nicht nur Johanna war vor mir fertig – und vor allen Dingen ohne Fehler – sondern auch die drei Jungs. Dem dünnen Mädchen war alles egal, die umkringelte nur lustlos immer wieder eine Zahl. Und mein Kopf fühlte sich schon wieder an, als wäre er kurz vor dem Platzen. Ganz so, als hätte er sich beim Frühsport ungehörig, ja fast zu viel, verbiegen müssen. Hui. Das war beängstigend. Ich hatte mich mit Buchstaben schon immer leichter getan als mit Zahlen, das war mir nichts Neues. Aber dass der Unterschied momentan so extrem war. Krass. Viel Denksport brauchte ich heute nicht mehr. Vielmehr eine Pause für mein geschundenes Hirn. Böse Zahlen! Würde das von alleine wieder weggehen, wenn es mir besser ging? Hoffentlich. Andererseits sprach die Tatsache, dass es dafür extra eine Therapie gab, eher dafür, dass man das ebenfalls alles wieder trainieren musste: Kognitives Training.

Das Zwieback-Ritual

Montagmorgen war ich wie immer hundemüde und völlig erschöpft aus einem sehr unruhigen Schlaf aufgewacht. Wiegen, Blutdruck messen, Tabletten holen, Therapieplan holen, frühstücken, beim Frühstück überlegen, welche Therapien ich heute mitmachen wollte bzw. musste. Wie meistens wurden es montags die Allgemeine Gymnastik – immer noch auf Seniorenniveau, dann das Walken / Intervalltraining nach der Visite um viertel nach elf. Nach dem wie immer bescheidenen Mittagessen stand montagnachmittags um 15.00 Uhr AGT, die Achtsamkeits- und Genusstherapie auf dem Plan. Das hatte sich, neben Yoga und Atemübungen am Donnerstagmorgen, sehr schnell zu meiner Lieblingstherapie gemausert. Die AGT-Stunden waren inhaltlich angenehm, die Gruppe war sehr angenehm und auch die Therapeutinnen verbreiteten eine angenehme, harmonische Atmosphäre. Nach der ersten Stunde, in der wir uns dem Geruchssinn und den Genussregeln widmeten, nahmen wir uns nach und nach die einzelnen Sinne vor. Dabei sollten wir unsere Genussfähigkeit wieder entdecken, Achtsamkeit üben und Selbstfürsorge lernen.

Heute war der Hörsinn an der Reihe. Auf dem kleinen Tisch, auf dem immer die Elemente unserer Sinnes-Entdeckungsreise aufgebaut waren, lagen diesmal Orff-Instrumente wie Klangstäbe, ein Regenmacher, Kastagnetten, aber auch Alltagsgegenstände wie Ketten, Besteck, und so weiter. Wie immer sollten wir uns intensiv, achtsam, also so, als ob wir dieses Geräusch zum allerersten Mal in unserem Leben hören würden, mit denDingen beschäftigen. Der Regenmacher, das leise, tiefe Rasseln der Kette oder das Klackern der Murmeln im Beutel waren angenehm für mich. Alles andere war Lärm. Unbewusst rückte ich immer weiter in den Hintergrund, bis ich kaum mehr Teil des Kreises war. Mir war das alles zu laut. Die Geräusche taten in den Ohren weh. Ich merkte das auch in der Feedbackrunde, in der wir unsere Erfahrungen mit den „neuen“ Sinneserlebnissen teilten, an. Ich bin momentan sowieso sehr, sehr geräuschempfindlich. Und das merke ich auch jetzt. Mir ist das beinahe alles zu laut und unangenehm. Dennoch entschloss ich mich, weiter in der Gruppe zu bleiben, die Stunde war sowieso beinahe vorbei. Es fehlten nur noch der Kreativteil und die Abschlussmeditation.

Wir setzten uns also alle an den Tisch, an dem wir immer bastelten. Diesmal erhielt jeder von uns fünf DinA6-Blätter und auf dem Tisch stellte die Kunsttherapeutin eine Menge Wachsmalkreiden bereit. Ich habe nun fünf verschiedene Geräusche vorbereitet, die ihr malen sollt. Malt einfach auf je eines der Blätter, was für euch zu diesem Geräusch passt. Eine Form. Ein Bild. Was ihr möchtet. Die Geräusche waren: Wellenrauschen. Vogelgezwitscher. Das Muhen von Kühen. Klassische Orchestermusik. Das Typische Freibad- und Spielplatz-Stimmen-Gewirr. Bei dem Stimmengewirr waren wir uns relativ einig, dass das unangenehm war. Bei allen anderen Geräuschen fiel ich sehr aus dem Rahmen. Das Rauschen war viel, viel zu laut, genauso wie das Muhen. Das Gezwitscher einfach nur grell, so dass ich es kaum aushielt und mir nach wenigen Sekunden die Ohren zuhielt. Auf mein Blatt malte ich orangenfarbene Blitze. Ebenso das Orchester. Au. Ich hielt es nicht aus. Mein Kopf explodierte beinahe. Das war das erste Mal, dass ich in der abschließende Feedbackrunde feststellen musste, dass es mir deutlich schlechter ging als zuvor. Allen anderen ging es wie immer besser oder zumindest nicht schlechter nach dieser eutyhmen (=was der Seele gut tut) Therapie. Zum Abschluss las uns die Therapeutin noch eine kurze Geschichte vor:

 

Der Weg des Weisen

Ein weiser, alter Mann, der eine ungeheure Ruhe ausstrahlte, wurde von einem anderen geplagten Menschen gefragt:

„Wie machst du das, immer so ruhig zu sein?“

„Ganz einfach“, antwortete der Weise, „wenn ich schlafe, schlafe ich, wenn ich aufstehe, stehe ich auf, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich esse, esse ich, wenn ich arbeite, arbeite ich, wenn ich höre, höre ich, wenn ich spreche, spreche ich.“

„Wie, das verstehe ich nicht! Das tue ich doch auch. Trotzdem bin ich so nervös!“, antwortete der andere.

„Nein, du machst es anders: Wenn du schläfst, stehst du schon auf, wenn du aufstehst, gehst du schon, wenn du isst, arbeitest du schon, wenn du hörst, sprichst du schon!“

 

Nach der anstrengenden Stunde brauchte mein Kopf erst einmal Ruhe. Ich ging alleine im Wald spazieren, ganz darauf bedacht, nur zu gehen, und den Wald zu riechen, die Sonne, den Wind zu spüren. Es war zwar schon ein wenig kühler, aber immer noch ausreichend warm, um im T-Shirt und in der kurzen Hose draußen zu sein. Beim Abendessen genossen Johanna, Steffi und ich dann unser tägliches kulinarisches Highlight: Zwieback mit Butter. Man konnte zum Abendessen nicht nur Brot, Semmeln, oder Knäckebrot bestellen, sondern auch Zwieback. Und tatsächlich lieferte der Essenservice täglich ein paar Orginal-Brandt-Zwiebäcke an! Mmmmh. Wie früher daheim. Waren die gut!! Man merkt, unsere Ansprüche ans Essen waren nach zwei Wochen in dieser Klinik sehr weit gesunken… Morgen würden wir uns zur Abschiedsfeier Pizza bestellen!

Nachdem wir unser Zwiebackritual beendet hatten, schnappten wir uns meine Slackline und gingen noch einmal hinaus in den kleinen Park vor dem Klinikeingang. Um acht war wie immer Zapfenstreich, um neun standen wir in der Drogenschlange für die Schlaftabletten, um zehn die Schotten dicht. Morgen war der letzte Tag mit meiner „Gang“. Die vorletzte Nacht mit Johanna im Zimmer. Hoffentlich würde das Bett nicht gleich wieder belegt werden.

Die Macht der Gedanken

Montagmorgen war ich wie immer todmüde. Die erste Nacht in der Klinik schlief ich, trotz der Tabletten, sehr schlecht. Ich schlief spät ein, wachte oft auf. Ruth, die meistens schon um sechs das Zimmer verließ um zu Rauchen (in der Raucherecke im Innenhof, verbrachte sie auch beinahe den ganzen Tag), hörte ich nie. Sie war unglaublich leise und nahm große Rücksicht auf mich und Johanna, die wir beide immer noch schliefen. Uns weckte dann – wenig sanft – die Schwester bzw. der Pfleger, der mir um halb acht meine Thyroxintabletten ans Bett brachte. Ich bekam die Augen kaum auf. Aber es half nichts, um acht Uhr gab es Frühstück, bis viertel vor neun, und in dieser Zeit mussten wir außerdem zum Blutdruckmessen und Wiegen, sowie unsere Tabletten und Therapiepläne im Stationszimmer abholen. Das Frühstück auszulassen war keine Option, schließlich war das wenigstens essbar. Nachdem Frühstück – nun seit zwei Wochen das exakt gleiche – ging ich zum Morgensport, da wachte man zumindest halbwegs auf.

Um viertel nach elf stand  Walken auf dem Programm. Steffi, Johanna und ich machten in der Regel Intervalltraining. Eine der beiden Trainerinnen lief mit uns die Strecke, die die anderen gingen. Mittlerweile lief ich die Strecke im Intervall total locker. Meine Hüftschmerzen waren in der vergangenen Woche komplett zurückgegangen. Im letzten Teilstück das wir gingen, ging ich zufällig neben der Trainerin her. Wir unterhielten uns, und sie fragte mich, ob meine Hüftschmerzen hier denn nun besser geworden waren. Ich hatte ihr vergangene Woche bereits erzählt, dass das lediglich eine extrem Verspannung des Hüftbeugers war, die immer schlimmer wurde, je schlechter es mir ging beziehungsweise je mehr Stress ich hatte. Dann, plötzlich, fragte sie mich: Man soll das ja nicht alles überbewerten und zu sehr esoterisch sein – aber gab es denn etwas, im übertragenen Sinne, wo Sie keinen Schritt weiter gehen wollten?

Ich stockte. Daran hatte ich noch nie gedacht. Aber Ja. Den Punkt gab es. Zum etwa gleichen Zeitpunkt sowohl in der Arbeit als auch privat. Krass. Sollte es wirklich möglich sein? Da fiel mir meine Logopädin wieder ein. Ich hatte ihr Anfang Juli auch von meiner Krankschreibung erzählt. Sie meinte nur, dass sie das häufig erlebe. Diese Schwierigkeiten mit der Stimme, gerade Kehlkopfentzündungen, würden oft bei Burnout-Patienten auftreten. Wenn man das Gefühl hat, nicht mehr gehört zu werden, nichts mehr zu sagen zu haben, versage oft die Stimme tatsächlich.

Sollte es wirklich möglich sein?

In der ersten Yoga-Stunde hier in der Psychiatrie hatte die Yogalehrerin  eine beeindruckende, etwa 70-jährige Frau mit schulterlangen, grauen Haaren, die immer noch extrem fit war – einfache Einführungsübungen mit uns gemacht. Wir sollten uns hinlegen, oder hinsetzen – es waren drei, vier solcher Übungen – und uns mit aller Kraft auf den linken Fuß, den rechten Daumen, etc. konzentrieren. Und tatsächlich: Ich spürte eine Veränderung. Der Fuß wurde wärmer und schwerer, wenn ich mich darauf konzentrierte, wie schwer mein Fuß auf der Matte lag. Mein Finger fing an zu bitzeln, wenn ich meine ganze Energie dorthin schickte.

Kann es wirklich sein, dass wir die Macht der Gedanken gnadenlos unterschätzen? Vom Unterbewusstsein gar nicht erst zu reden?