Fragen über Fragen

Am Freitag – warum auch immer – ging es mir viel besser. Vielleicht, weil das Wochenende nahte und ich mich trotz allem auf die Hochzeit meiner Cousine freute. Außerdem schien die Sonne.

Nach dem Frühstück absolvierte ich einen kleinen Marathon: Zwischen 8.30 und 9.00 Uhr musste ich mich endlich beim Sport melden und mich wie mit der Ärztin besprochen eintragen lassen. Ich meldete mich für die Wassergymnastik nächste Woche wegen meiner Erkältung auch gleich wieder ab, und für Pilates, das wurde zusätzlich zum Pflichtprogramm angeboten, an. Dann ging es zwei Stockwerke höher, zur Station. Auf der Tür stand deutlich, dass man nur während der Sprechzeiten – also zwischen Viertel und fünf vor neun – klopfen durfte. Sonst, auch bei Notfällen, hätte man sich immer an die MZ zu wenden. Das machte in meinen Augen so gar keinen Sinn. Wo sollte ich mich denn bei Notfällen hinwenden, wenn nicht an die Station? In der MZ waren ja normalerweise keine Ärzte. Und schon gar keine Psychologen. Und überhaupt war mir immer noch schleierhaft, wer eigentlich mein erster Ansprechpartner war. Die Klinik hier war so komplett anders organisiert als die Psychiatrie. Dort war man immer zu mir gekommen. Ich musste mich um nichts kümmern. Hier war es offensichtlich genau andersrum. So ganz stieg ich da noch nicht durch.

Mit mir standen mittlerweile etwa fünf andere Patienten vor dem Zimmer herum und ich wurde immer wieder gefragt, auf wen ich denn warten würde. Meine Psychologin war wohl noch gar nicht da, obwohl es schon fünf vor neun war. Dafür sprach mich die Ärztin an, die mich am Mittwoch untersucht hatte. Meine Leberwerte wären nicht in Ordnung. Ob ich das wüsste? Nein, das war mir neu. Das hätte den Kollegen in der Psychiatrie schon auffallen sollen. Da würde ich wohl meine Medikamente nicht vertragen. Jedenfalls musste das geklärt werden. Und damit ließ sie mich stehen. Meine Leberwerte waren nicht in Ordnung. Sie glichen mehr denen eines starken Alkoholikers, hatte sie gesagt. Das war nicht gut. Aber was bedeutete das nun? Ich wollte meine Medikamente nicht absetzen müssen! Hatte ich doch bei genug anderen gesehen, was das dann hieß. Da konnte man mich ja gleich in ein Loch stoßen. Ich hatte keine Zeit, darüber weiter nach zu denken, weil endlich meine Psychologin kam. Sie unterschrieb den Urlaubsschein, und erwähnte, dass ich keinesfalls Alkohol trinken sollte, da meine Leberwerte so schlecht waren. Ja, und, was heißt das, konnte ich zumindest sie fragen. Das müsse sie auch erst mit der Ärztin besprechen, und weg war sie. Ich stand wieder da.

Ich war einigermaßen genervt von diesen Mini-Sprechstunden auf dem Gang und halben Informationen. Ich hatte immer noch nicht umrissen, wohin ich mich mit meinen Fragen wenden sollte, und fühlte mich alleingelassen. Als ich meine Zimmerkollegin fragte, ging die in einer jammerigen Schimpftirade über die „unmögliche“ Organisation auf, die aber auch alles andere als hilfreich war. Johanna war da eine bessere Hilfe. Sie erklärte mir beim Mittagessen, dass mein erster Ansprechpartner immer die Therapeutin war, nicht, wie in der Psychiatrie, die Ärztin. Und dass ich alle Themen eben dann in den Therapiestunden mit ihr besprechen sollte, oder in der täglichen zehnminütigen Sprechstunde einen Termin mit der Ärztin, den Therapeuten oder meinem Co-Therapeutin ausmachen sollte. Und mit allem, was dringend war, sollte ich mich an die MZ wenden. Sprich: Wenn ich etwas brauchte, musste ich mich darum kümmern. Ich wurde nicht mehr bemuttert und überwacht wie in der Psychiatrie. Das war gut – ein weiterer, großer Schritt Richtung Selbstständigkeit. Eigentlich ganz normal, wie eben „draußen“ auch. Keine große Sache, sollte man meinen. Meine alte Flexibilität war jedoch irgendwie dahin. Das war eine riesige Umstellung, die mich im Moment an die Grenze meiner nervlichen Belastbarkeit trieb.

Ein weiterer, großer Vorteil der wiedergewonnen Freiheit und Selbstständigkeit war aber, dass ich zu jeder Tageszeit ein- und ausgehen konnte, wie ich wollte. Einfach so. Ohne, dass die Pförtnerin erst meinen Patientenausweis überprüfte. Oder mir gar die Tür öffnen musste. Ich konnte einfach am Empfang vorbeispazieren und rausgehen. Ins Dorf. Oder einfach spazieren. Oder sogar mit meinem Auto irgendwohin fahren. Ich war wieder frei.

Tag Nr. 2

Die Nacht war angenehm – keine der beiden anderen schnarchte. Ich hörte weder die Nachtschwester, noch sonst irgendetwas. Morgens um kurz nach sechs klingelte mein Wecker. Ich blieb liegen. Ich konnte einfach nicht aufstehen. Ich war einfach total krank. Bis mich um zwanzig nach Sieben die Ältere etwas unsanft wachrüttelte. Die würden stinksauer werden, wenn ich nicht spätestens um halb sieben zum Blutabnehmen unten stünde, meinte sie. Also wälzte ich mich widerstrebend aus dem Bett, putzte die Zähne im Schnelldurchgang, fuhr mir einmal kurz mit der Bürste durch die Haare, zog eine Jogginghose und einen Pulli an und trottete nach unten zur medizinischen Zentrale. Dort wartete schon eine ganze Schlange. Nach der Erfahrung von gestern fragte ich diesmal gleich, wohin sie wollten. Zwei waren noch vor mir in der Blutentnahme-Schlange. Schließlich war ich dran. Mittlerweile war das reine Routine für mich geworden.  Rechten Arm hinhalten, Faust ballen, in die andere Richtung schauen, auf den Piecks warten, Faust öffnen. Und dann Pflaster aufdrücken. Sie drückte mir noch ein Becherchen für die Urinprobe in die Hand. Das hätte ich bis neun Uhr an der „MZ“ abzugeben und ich war entlassen. Ich ging hoch. Bevor ich mich wieder ins Bett fallen ließ, nahm ich noch die Thyroxintablette, die letzte der Tagesration, die man mir in der Psychiatrie noch mitgegeben hatte. Nach dem Frühstück würde ich mir in der medizinischen Zentrale, die hier kurz MZ genannt wurde, welche holen müssen. Ich schlief wieder bis acht. Dann stand ich auf, zog mich um, widmete meinen Haaren und meinem Gesicht etwas mehr Hingabe als noch eine Stunde zuvor und ging zum Frühstück. Die ältere Frau hatte das Zimmer bereits verlassen, das Mädchen schlief noch. Das Frühstück war richtig gut. Mal abgesehen von der Oma, die mich, noch bevor ich saß, bereits mit der ersten Frage bombardierte. Uuuuund, Sophie, wie hast du denn die erste Nacht geschlafen? Es gab Semmeln, Brezen, verschiedene Sorten Brot, Bircher-Müsli, normales Müsli, Kellogs und Smacks, es gab Obstsalat, Wurst, Käse, Marmelade, Eier… die Auswahl war bedeutend besser, als ich es von diversen Dienstreisen gewohnt war. Lecker. Nach dem Fraß der letzten drei Wochen war das hier der Himmel.

Schließlich ging ich nach oben, um meine Tabletten zu nehmen – eine Ration für die folgenden zwei Tage hatten mir die Pfleger aus der Psychiatrie mitgegeben – und packte alle meine Medikamente, das mittlerweile gelbe Becherchen sowie den Zettel, auf dem Termin bei der Ärztin vermerkt war und ging wieder nach unten, zur medizinischen Zentrale. Nun saß ich also schon zum zweiten Mal heute vor der gleichen Tür in der Warteschlange. Diesmal wurde ich namentlich von einer Ärztin aufgerufen. Nachdem sie zu allererst eine Erkältung diagnostizierte und Halsschmerztabletten und Nasentropfen auf der Liste meiner Bedarfsmedikation (diese Medikamente konnte ich mir jederzeit, eben wenn ich Bedarf hatte, an der MZ holen) ergänzt hatte, führte sie die gleichen Reaktions- und Reflextests bei mir durch wie die Psychiaterin in der Psychiatrie.  Ich wurde gewogen – ich hatte trotz des miserablen Essens in den letzten Woche nur geringfügig abgenommen – der Blutdruck wurde mal wieder gemessen – alles wie immer. Dann ging ich gemeinsam mit der Ärztin die Medikamente durch, die ich aktuell einnahm, zusammen mit der Dosierung. Sie notierte alles in einer Akte, so dass ich ab morgen meine Medikation jeweils morgens in der MZ abholen konnte. Sie würden die Blutwerte überprüfen, und dann gegebenenfalls die Medikation anpassen. In der Regel würde sie sonst nur abgeändert, wenn es denn therapeutisch Sinn machte. Gut zu wissen. Sie drückte mir noch ein Aufklärungsblatt zum Thema Psychopharmaka in die Hand, das ich unterschrieben in der Station II abgeben sollte. Langsam sollte ich mir für diese Zettelwirtschaft einen Ordner anlegen, die kleine Pinnwand über meinem Bett reichte nach einem Tag schon nicht mehr aus. Schließlich musste ich mich noch für Sportaktivitäten entscheiden – jeden Tag eine. Ich hatte die Auswahl zwischen morgendlichem Kreislauftraining um halb sieben, Walken um Acht, individuellem Gerätetraining, Rückengymnastik und Wassergymnastik. Im Gegensatz zum Frühstück fand ich diese Angebot ein wenig dünn. Ich entschied mich für dreimal Walken – Montag, Mittwoch, Freitag – und zweimal Wassergymnastik. Genau wie Johanna. So konnte ich weiter Intervalltraining machen, das hatte ja zuletzt in der Psychiatrie sehr gut getan und auch immer besser geklappt, und  Wassergymnastik wäre wenigstens mal etwas Abwechslung. Das war nun aber noch nicht die Anmeldung gewesen, erfuhr ich gleich: Das musste ich selbst machen, und zwar zwischen 8.00 Uhr und 9.00 Uhr an einem kleinen Schalter im Bereich der physikalischen Therapie. Okay.

Danach setzte ich mich in die Schlange für die EKGs. Mittlerweile war auch das reine Routine für mich. Die Saugnäpfe kitzelten angenehm und nach zehn Minuten war alles vorbei. Damit war mein offizielles Tagesprogramm um halb elf beendet, nur die diversen Bögen und Formulare warteten auf ihre Bearbeitung. Aber das hatte Zeit.

Erstmal holte ich mir Halsschmerztabletten in der MZ, einen Tee und legte mich wieder ins Bett, bis zur Führung mit meiner Patin. Die war wie erwartet super anstrengend. Sie zeigte mir zwar alles, das Schwimmbad, die große und die kleine Turnhalle, den Computer für die Essensbestellung, sogar die Lehrküche, verschiedenste Büros etc. Aber plapperte in einem fort durch und hatte eine ziemlich anstrengende Art, ständig Bestätigung von mir zu erwarten. Ich war heilfroh, als ich sie wieder los war. Und ich könnte mich natürlich jederzeit bei ihr melden, sie wäre ja nur zwei Zimmer weiter! Halleluja. Lasst mich doch einfach alle in Frieden. Irgendwie schaffte ich es, sie sogar noch vor dem Mittagessen abzuschütteln. Das war wie am Tag davor bereits auch sehr lecker, aber im Gegensatz zu gestern plätscherte das Tischgespräch angenehm vor sich hin, und ich musste kaum ein Wort sagen, sondern konnte einfach zuhören. Vielleicht war der Knallertisch doch nicht so übel wie ich anfangs dachte.

Den Rest des Tages verbrachte ich, mit Ausnahme eines langen Spaziergangs mit Johanna, diesmal bei Sonnenschein, im Bett. Endlich durfte ich krank sein.

 

Eine neue Therapeutin

Hinter der orangen Tür wartete ein schmaler Gang, von dem zahlreichen Türen abgingen. Eine davon führte in das Büro meiner neuen Therapeutin. Es war mit einem Schreibtisch, einem Schrank und zwei bequemen Sesseln sowie einem Magnetboard eingerichtet. Außerdem hatte es ein Fenster, das die  ganze Breite des Raumes einnahm, durch das man auf die weiten Wiesen hinter dem Haus blicken konnte. Sie bat mich, auf einem Sessel Platz zu nehmen und setzte sich selbst, mir gegenüber, auf den anderen.

Sie war vermutlich Anfang dreißig, hübsch und hatte eine unglaublich positive Ausstrahlung. Sie begrüßte mich sehr herzlich und bat mich, ihr zu erzählen, warum ich hier war. Ich begann also zu erzählen, dass ich aus der Psychiatrie überwiesen worden war. Dorthin war ich wegen Burnout, Depressionen und Panikattacken eingewiesen worden. Und begann dann genauer (aber sowieso schon knapper als noch die ersten Male) zu erzählen, was sich vor einer Einweisung in die Psychiatrie alles ereignet hatte. Ich weinte. Die Erinnerungen an manchen Situationen steckten nach wie vor unglaublich tief und weckten riesige Angst und Verzweiflung. Sie schob mir die Taschentücher hin, die auf einem kleinen Tischchen schon bereit standen, und sprach mir kurz tröstend zu. Dann unterbrach sie mich. Ich sehe schon, das ist eine lange Geschichte. Wir haben aber heute nur 50 Minuten Zeit. Daher schlug sie vor, dass sie mir nun erstmal erklären würde, wie die Therapie hier vor sich gehen würde, damit dies zu Anfang geklärt war und wir uns anschließend ganz mir widmen konnten. Ok. Ich war es nicht gewohnt, von einer Therapeutin unterbrochen zu werden. Aber gut. Sie erklärte also, dass ich, solange ich in der Klinik war, wöchentlich zwei Termine bei ihr hätte, à 50 Minuten. Wir würden zwar auch an der aktuellen Verfassung arbeiten, aber vor allen Dingen mit psychotherapeutischen Schemata, die ich noch kennen lernen würde. Außerdem erklärte sie mir, dass ich auf der Station war, die sich speziell mit Angststörungen befasste. Das verwirrte mich. Zum einen, war ich doch schließlich in der Psychiatrie in der Depressionsgruppe gewesen. Zum anderen gab es, das wusste ich aus der Beschreibung, eine eigene Burnout-Station in der Klinik. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, ihr zugeteilt zu werden. Nun gut. Ich sagte das der Therapeutin. Sie antwortete, dass die Zuteilungen gemäß des Anmeldebogens gemacht wurden. Wenn es wirklich nicht passen sollte, dann könne man mich natürlich jederzeit einer anderen Station zuteilen. Aber ich hätte doch sehr starke Angstsymptome? Ja schon, antwortete ich ihr. Aber nur wegen des Burnouts. Ich erklärte ihr, dass ich bisher davon ausgegangen war, dass diese nervigen Angstzustände von alleine wieder weggehen würden, wenn ich wieder fitter war. Das kann schon so sein, antwortete sie mir. Ich hatte selbst auch einen Patienten, bei dem das in der Tat so war. Generell aber ist es immer besser, direkt an der Angst zu arbeiten. Die entwickelt man in der Regel auch aus einem bestimmten Grund. Ich gab mich geschlagen. Im Anschluss gab sie mir ein mehrseitiges Schriftstück, den Behandlungsvertrag. Den sollte ich mir bis nächste Woche durchlesen, unterzeichnen und wieder mitbringen. Wenn ich dazu Fragen hätten, dann würde sie die gerne in der nächsten Stunde mit mir klären. Außerdem übergab sie mir einen sehr langen Anamnesebogen. Er hatte wohl an die zehn Seiten. Den sollte ich bitte auch bis zur vierten Stunde ausgefüllt mitbringen. Und, zum Abschluss der Stunde, möchte ich gerne von Ihnen wissen: Warum sind Sie hier? Was ist Ihr Ziel? Ich blickte sie wohl etwas verwirrt an, denn sie fuhr fort, weiter zu erläutern. Naja, was möchten Sie denn hier lernen? Was versprechen Sie sich denn von dem Aufenthalt hier? Naja ich möchte wieder ich selbst sein, sagte ich ihr. Glücklich. Keine Depression, keine Ängste, wieder Energie haben. Und ich möchte vor allem verstehen, warum mir das alles passiert ist. Nach einer kurzen Pause, setzte ich nach. Und wie ich es hinkriege, dass mir so etwas nie wieder passiert. Wir vereinbarten die nächsten Termine und damit war meine erste Therapiestunde in der Psychosomatik vorbei.

Ich war wieder müde ohne Ende, und ging direkt, mit kurzem Umweg über die Teestation in der Cafeteria, in mein Zimmer, legte mich ins Bett. Ich war zu k.o., um auch noch das Gepäck zu holen. Nachher würde ich sowieso mit Johanna rausgehen. Ich lag also wieder in meinem Bett, bis zum Abendessen, völlig erschöpft und fast schon überfordert von den vielen neuen Eindrücken. Und von der Tatsache, dass ich irgendwie allein auf mich gestellt war. Das war ungewohnt.

Das Abendessen, es gab ein großes, kaltes Buffet, war sehr lecker. Dass es keinen Zwieback gab, machte gar nichts aus – schließlich hatte ich die Auswahl zwischen Semmeln, in etwa vier verschiedenen Brotsorten und diversen Knäckebrot-Arten. Das Tischgespräch bei uns wurde vor allen Dingen von der Kur-Oma und der Aerobic-Trainerin geführt. Letztere machte einen wirklich netten Eindruck. Sonst war sowieso nur noch ich am Tisch, und ich war zu k.o. um groß etwas zur Unterhaltung beizutragen. Überhaupt war es in dem Speisesaal sehr laut. Daher verabschiedete ich mich rasch wieder und wartete draußen im Eingangsbereich auf Johanna. Wir gingen eine kleine Runde spazieren, die kleine Walkingrunde entlang. Das Wetter war nicht besonders, aber wir hatten beide die frische Luft dringend nötig. Johanna erzählte mir viel von der Klinik, ich konnte  zuhören und musste kaum reden. Der Weg, den wir entlanggingen, folgte einem Bach, der ganz ungezwungen durch ein kleines Wäldchen mäanderte, wir kamen an einer kleinen Schafherde vorbei und zahlreichen Maisfeldern. Wunderschön ruhig war es hier. Auf dem Rückweg holten wir den Rest meines Gepäcks aus dem Auto, verabschiedeten uns, und ich fiel keine Stunde später tot ins Bett. Es war gerade mal halb neun, als ich mein Buch zu klappte. Ich war hundemüde. Und morgen musste ich spätestens um halb sieben zur Blutabnahme in der medizinischen Zentrale erscheinen.

 

Eine Patin & Wiedersehen mit Johanna

Als ich vom Mittagessen wieder hoch kam ins Zimmer, lagen vier Zettel hinter der Tür auf dem Boden, alle für mich. Das bedeutete also „unter der Tür durchschieben“.

Ein Termin für Blutentnahme und EKG morgen. Eine Einladung für den Termin bei der Ärztin, am nächsten Tag um neun. Ein Termin bei meiner Therapeutin, heute Nachmittag um halb vier. Und ein Termin bei der Basisdokumentation, zur Aufnahmeerfassung, die die Dame vom Empfangsservice bereits angekündigt hatte, um drei.

Das war ja wirklich fast schon Stress. Ich wollte doch einfach nur endlich meine Ruhe. Immerhin hatte ich noch im Kopf, wo sich die Räume jeweils befanden und es überschnitt sich nichts.

Das Mädchen, das bei mir noch auf dem Zimmer war, war nicht da. Die andere zog sich gerade um, die Sportkleidung an. Ich war zu erledigt, um irgendwelche Höflichkeitsgespräche zu führen. Auch sie wirkte nicht besonders redselig. Ich fiel in mein Bett, kuschelte mich unter meiner Wolldecke in die Koje, die wirklich ganz gemütlich war, und schnappte mir mein Handy. Ich hatte eigentlich gehofft, Johanna beim Mittagessen zu sehen. Aber ich hatte sie in dem vollen Speisesaal nicht entdeckt. Ich saß mit dem Rücken zum Großteil der Tische, und da das Mittagessen (drei Gänge!) serviert wurde, hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich ausführlicher umzusehen. Jedenfalls fragte ich sie nun, ob sie am Nachmittag kurz Zeit hätte, einen Tee zu trinken. Zu mehr war ich gerade nicht fähig. Sie schrieb gleich zurück, um halb drei wäre gut. Passte perfekt. Dann hatte ich jetzt eineinhalb Stunden, um zu schlafen. Ich legte das Handy weg, schloss die Augen, da klopfte es an der Tür. Meine andere Zimmernachbarin war mittlerweile auch gegangen. Also stand ich auf und öffnete. Vor der Tür stand eine junge Frau Anfang zwanzig, wirkte etwas plump, und sprach auch so. Sie sei meine Patin, stellte sie sich ganz aufgeregt vor. Sie freue sich, endlich ein Patenkind zu haben! Sie war ja schon so lange da, und alle anderen hatten schon Paten bekommen, nur sie nicht. Ob ich jetzt Zeit hätte für Führung durch die Klinik? Eh ja. Zeit schon, aber mir geht es nicht gut, ich bin total erkältet, antwortete ich ihr, ich möchte mich gerne etwas hinlegen, zum Schlafen. Vielleicht morgen? Ja klar, auch kein Problem, vor dem Mittagessen? Dann hole ich dich um halb zwölf hier ab! Und wenn du Fragen hast, mein Zimmer ist gleich das übernächste, immer einfach klopfen! Dann bis morgen!

Ich blickte ihr seufzend nach. Eigentlich hatten die hier alle einen meganormalen ersten Eindruck gemacht. Und dann erwischte ich den Knallertisch und eine verrückte, offensichtlich anstrengende Patin. Johanna. Nachher treffe ich Johanna.

Diesmal konnte ich wirklich ungestört vor mich hindösen und so tun, als ob ich schliefe. Nach wie vor, selbst trotz der Mega-Erkältung schlief ich einfach nicht ein. Ich vegetierte also vor mich hin, bis es fast halb drei war. Dann stand ich auf, zog mir eine Jeans an. Hier liefen, ganz anders als in der Psychiatrie, die wenigsten Patienten in Jogginghose herum. Schnappte mir meinen Autoschlüssel, schließlich musste ich noch mein restliches Gepäck holen, und die zwei Zettel mit den Terminen für heute Nachmittag. Und dachte sogar noch daran, die Schlüsselkarte für das Zimmer einzuschieben.

Es war so schön, Johanna wieder zu sehen! Und ich hatte mich am Vormittag nicht getäuscht, sie strahlte richtig. Die Umstellung auf die neue Klinik war ihr recht leicht gefallen, die neuen Medikamente schlugen an, und sie hatte tolle neue Mitbewohnerinnen auf dem Zimmer, die sie sehr nett aufgenommen hatten. Ich erzählte noch ein bisschen aus der Psychiatrie, richtete die vielen Grüße von den Schwestern und sogar der Empfangsdame aus, sie erzählte ein bisschen von hier. Die halbe Stunde verging schnell, und wir verabredeten uns zum Spazierengehen nach dem Abendessen. Eine kleine Runde an der frischen Luft würde mir sicher guttun.

Ich fand tatsächlich den Weg zur Basisdokumentation auf Anhieb. Dort füllte ich dann einen Computerfragebogen aus. Meistens musste man angeben, wie zutreffend Aussagen wie: „Ich fühle mich oft grundlos traurig“. Oder „Ich habe Existenzängste“. Oder „Ich fühle mich schlecht, wenn ich esse“. Oder „Panikattacken schränken mich in meinem Alltag ein“ waren. Manche Fragen waren etwas überraschend für mich. Insgesamt deckte es sich aber doch ziemlich mit dem Fragebogen, den die Ärztin beim Aufnahmegespräch in der Psychiatrie mit mir durchgegangen war. Immerhin litt ich nach wie vor nicht an Wahnvorstellungen, Zwängen oder Essstörungen, da konnte ich gut „trifft überhaupt nicht zu“ ankreuzen. Das war ja immerhin etwas.

Nach circa zwanzig Minuten war ich fertig, verließ den Kellerraum, ging am Atrium vorbei wieder in das Erdgeschoss, vom Neubau in den Altbau, erwischte beim zweiten Versuch die richtige Treppe und setzte mich auf einen der fünf orangenen Wartestühle, die im Eingangsbereich zur „physikalischen Therapie“ aufgestellt waren. Dem Schild nach befanden sich hier neben den Behandlungszimmern der Physios auch die Büros einiger Psychotherapeutinnen. Es saßen bereits zwei andere Patienten auf den Stühlen. Ich grüßte kurz, setzte mich auf den linken, und starrte, wie die anderen zwei auch, die orange Tür an. Ich war früh dran. Rechts an der Wand war eine Tafel, auf der man sich offensichtlich zur Nutzung der Sauna und der Infrarotkabinen eintragen konnte. Auf der anderen Seite war ein wesentlich größeres Board, auf dem u.a. ein Plan mit der Walkingstrecke angebracht war. Drei verschiedene Wege führte im Bogen um die Klinik herum, das sah alles ein wenig verwirrend aus. Hoffentlich musste ich nicht alleine laufen. Schließlich öffnete sich endlich die orangefarbene Tür, die wir drei Wartenden anstierten. Ein Physio stand dahinter, und der Mann neben mir stand auf, sie begrüßten sich recht launig, und die Tür ging wieder zu. Es dauert nicht lange, bis sie wieder auf ging. Eine junge Frau stand hinter der Tür. Frau Blau, sagte sie und blickte uns etwas fragend an. Das bin ich, sagte ich und ging zur orangenen Tür.

Knallertisch

Der Speisesaal war ein Traum. Den Vergleich zur Psychiatrie gewann er locker, aber würde auch einige Vier-Sterne-Hotels überflügeln. Jeder hatte einen festen Platz im Speisesaal, beliebig zugeteilt. Die Tische waren entweder rechteckig oder rund und boten in der Regel Platz für bis zu sechs Personen. Ich war schon gespannt, wer an meinem Tisch sitzen würde. Die Namen auf dem Schild sagten mir gar nichts, niemand, den ich aus dem Zimmer oder aus Gauting kannte.

Spätestens fünf Minuten, nachdem der Tisch versammelt war, war mir klar: Ich habe hier mal wieder hundert Punkte gewonnen (Warum immer ich?). Ein Knaller-Tisch.

Rechts von mir: Ein Mädchen, vermutlich Anfang zwanzig. Komplett schwarz gekleidet, schwarzgefärbte, offene Haare, schwarz getuschte Augen, sehr blasser Teint. Sie aß kaum etwas, sprach beinahe nichts und verließ nach nicht einmal zehn Minuten wieder den Tisch.

Mir gegenüber, wie ich ein Neuankömmling: Typ Aerobic-Trainerin. Die kurzen, blonden Haare fast schon zu einer Art Vokuhila-Fransen-Frisur toupiert, vergleichsweise stark geschminkt, mit einer überdimensionalen Modeschmuck-Kette um den Hals. Das hochmotivierte Strahlen einer Fitnesstrainerin im Gesicht. Alter vermutlich um die vierzig. Und, tatsächlich: Sie ist zwar nicht Aerobic, aber Zumbatrainerin, wie sich sehr bald herausstellte.

Wieder ein Platz weiter: Die neugierige Oma auf Kur, wie aus dem Bilderbuch, inklusive Brille mit Goldrand und mehreren Goldringen an den Fingern, Perlenkette um den Hals. Der rote Lippenstift zog sich von der Oberlippe durch die Falten leicht in Richtung Nase. Und, Sophie, wissen Sie, ich bin schon ganz neugierig: Wo kommen Sie denn nun genau her? Gottseidank ist München groß, dachte ich mir. Das Beste an Ihr: Die dicken Gläser ihrer Brille vergrößerten ihre – zugegeben schönen – wasserblauen Augen um ein Vielfaches. Sie starrte um sich her wie ein Fisch. Oder Mesut Özil.

Links neben mir, direkt vor der Terrasse, also da, wo eigentlich das Licht hereinscheinen sollte: Finster. Bei so viel Leibmasse hatten die Sonnenstrahlen keine Chance. Das Alter war schwer zu schätzen, auch sie war nicht besonders redselig. Witzigerweise war sie die Einzige, die weder Suppe noch Salat noch Nachtisch aß. Abgesehen natürlich von dem schwarzen Mädchen. Aber die aß einfach gar nichts.

Groteske Zusammenstellung, ein Knallertisch. Ein Platz am Tisch ist noch frei. Ich bin gespannt. (Und heilfroh, dass ich Johanna für die restlichen 22,5 Stunden des Tages habe!)

Empfangsservice

Die Dame vom Empfangsservice stellte sich mir vor, fragte mich, wo meine Taschen wären, und war schon auf dem Weg zum Aufzug. Sie drückte den Knopf, während ich meine Reisetasche holte, und als ich wieder neben ihr stand, erklärte sie mir, dass sie mir als Erstes mein Zimmer zeigen würde.

Wir stiegen also in den kleinen Aufzug ein, fuhren in den dritten, obersten Stock und traten auf einen Gang, der weniger nach Klink als nach Hotel oder Büro aussah. Der Boden war mit einem dunklen Teppich verkleidet, die Wände weiß, mit zahlreichen Kunstwerken behangen (später sollte ich feststellen, dass sie allesamt aus der hauseigenen Kunsttherapie stammten), eine kleine Couchgruppe in der Nähe des Aufzugs, und links und rechts zahlreiche, dunkelrote Türen. Hier oben war die Station V. Ich fragte, wie viele Patienten denn insgesamt hier wären. Wenn die Klinik voll belegt war, 180. Momentan waren es etwas weniger, da noch Urlaubszeit war. Schließlich stoppte sie etwa in der Mitte des Gangs vor einer Zimmertür, zauberte einen kleinen Papierstreifen aus ihren Unterlagen hervor, und schob ihn in das Schild, das links neben der Tür angebracht war. Auf dem Papierstreifen stand mein Name, er war nun zwischen zwei anderen angebracht. Das Zimmer war also voll belegt. Ihnen gehört das mittlere Bett, erklärte sie mir. Sie öffnete die Tür, schritt vor mir her, begrüßte meine beiden zukünftigen Zimmerkolleginnen und kündigte an, dass sie „die Neue“ mitbrächte. Beide waren gerade da, ich schüttelte den beiden die Hände. Die Namen habe ich direkt wieder vergessen. Die, die an meinem Kopfende schlief, war in etwa 50 Jahre alt und wirkte ein bisschen griesgrämig, die andere war noch sehr jung, sogar deutlich jünger als ich und machte einen ersten schüchternen, aber netten Eindruck. Mein Bett war beinahe eine kleine Koje. Am Kopf- und am Fußende waren etwa vierzig Zentimeter große Holztrennwände angebracht um mein Bett etwas abzuschirmen, gegenüber war der Schrank. Mir gehörte jeweils das mittlere Bett, der mittlere Schrank (der doppelt so groß war wie der in der Psychiatrie), das mittlere Regalbrett, und, wie ich weiter erfuhr, jeweils der mittlere Haken für die kleinen und großen Handtücher im Bad. Wir hatten zwar alle die gleiche Bettwäsche, die Handtücher waren aber verschiedenfarben, um Verwechslungen zu vermeiden. Meine waren rosa. Das Zimmer war zwar kleiner als das in der Psychiatrie, wirkte aber gemütlicher. Und: es hatte einen riesengroßen Balkon mit zwei Liegestühlen und einer Wäscheleine, von dem aus man über die Wiesen blickte.

Meine beiden neuen Mitbewohnerinnen hatten sich wieder in ihre Kojen zurückgezogen und mir wurde geheißen, nur mein Gepäck abzustellen, die Führung würde gleich weiter gehen. Ich wollte mich eigentlich einfach endlich ins Bett legen. Aber gut. Die Führung ging weiter.

Lassen Sie sich nicht verwirren! Ihr Zimmer ist im dritten Stock, gegenüber der Station V, aber sie gehören der Station II an. Aha. Sie zeigte mir den Gruppen- und Fernsehraum in meinem Stockwerk, dann gingen wir zwei Stockwerke tiefer, wo sich mein Stationszimmer befand – entsprechend der Logik, die bereits hinter der Zimmerzuteilung stand, war das der Station II im 1. Stock. Dort drückte sie mir einen Bogen in die Hand, einen DASS-Bogen nannte sie ihn, den ich von nun an jeden Mittwoch auszufüllen und in den dafür vorgesehenen Briefkasten neben dem Stationszimmer zu werfen hätte. Dann gingen wir weiter ins Erdgeschoss, wo sie mir den Wasserspender zeigte, die Flaschen dafür könne man in der Cafeteria kaufen, die medizinische Zentrale kennen Sie ja schon, hier erhalten Sie ihre Medikamente und können sich im Notfall melden, ging der Informationsfluss weiter, dann ging es den Gang gerade aus zum Speisesaal, der war hell und gemütlich, wie in einem Vier-Sterne-Hotel eingerichtet. Sie zeigte mir meinen Tisch und meinen festen Platz, direkt am Fenster, erklärte mir, dass ich heute das Menü 1 erhalten würde – oder sind Sie Vegetarierin? – Nach einem kurzen Abstecher ins Kellergeschoss, wo sich die physikalische Therapie befand, ging es weiter in den Neubau, der am gegenüberliegenden Ende des Gebäudes angeschlossen war. Dort zeigte sie mir das „Atrium“, einen hellen Raum, der vom Keller bis Dach offen und lichtdurchflutet war. Hier können Sie entspannen, lesen, puzzeln, die Puzzles und einige Bücher stehen in den Regalen zur freien Verfügung, sagte sie. Ich blickte verwundert auf die zahlreichen halbfertigen Puzzles, die am Boden verteilt waren, und auf die vier Personen, die gerade in dem Raum lasen, vor einem Tablet hingen oder tatsächlich puzzelten. Wann hatte ich das letzte Mal ein Puzzle gemacht? Der Raum wirkte wirklich einladend. Sie zeigte mir die Tür, wo ich mich später am Tag noch zum Eingangs-Computer-Test einfinden müsste, dann gingen wir wieder nach oben. Ich fragte zaghaft, ob es denn irgendwo Tee oder zumindest heißes Wasser gäbe? Ja, gibt es, den ganzen Tag gibt es in der Cafeteria umsonst Tee. Ich war glücklich. Sie erklärte mir noch, dass sich später am Tag noch mein Pate bei mir melden würde, also ein anderer Patient, der die Aufgabe hatte, mir die ganze Klinik zu zeigen und mir in den ersten Tagen zur Seite zu stehen. Außerdem würden man mir im Laufe des Tages noch die Termine für die Aufnahmeuntersuchungen und das Aufnahmegespräch mit meiner Therapeutin „durch die Tür durchschieben“. Aha. Wie auch immer, mir war alles egal im Moment. Ich wollte endlich meinen Tee. Bekam ihn auch. Schnappte mir die Tasse, entführte sie (vermutlich illegal) aus der Cafeteria in mein Zimmer, die ältere Dame war nicht mehr da, das Mädchen lag immer noch, wohl schlafend, auf ihrem Bett. Ich trank den Tee, antwortete auf Johannas Whatsapp-Nachricht, sie hatte mich wohl schon gesucht, und kuschelte mich in mein Bett. In einer Stunde war schon Mittagessen. Bis dahin würde ich mich nicht mehr bewegen.

 

Klinik II

Die Türen schlossen sich hinter mir automatisch wieder. Ich ging zum Parkplatz, legte meine Reisetasche in den Kofferraum, verstaute meine Handtasche auf dem Beifahrersitz, setzte mich ins Auto und gab in mein Handy-Navi die Adresse der Psychosomatischen Klinik ein. Ich positionierte es in der Mittelkonsole, so dass ich den Pfeilen folgen konnte, startete den Motor, rangierte aus meiner Parklücke und ließ die Psychiatrie hinter mir. Das gelbe Kasernengelände verschwand schnell aus meinem Rückspiegel. Ich verließ das Waldstück, bog auf die Bundesstraße ein und fuhr in Richtung Autobahnauffahrt. Ich verspürte keine Freude. Aber Erleichterung. Ich war erleichtert, die Psychiatrie hinter mir lassen zu können. Das bedeutete, einen Schritt nach vorne zu gehen. Auch wenn ich gerade total erkältet und völlig k.o. war und eigentlich nur Schlafen wollte. Ich fuhr selbst mit meinem Auto. Ich hatte mein Leben wieder selbst in der Hand. Noch nicht ganz zwar. Aber ich war wieder für mich verantwortlich.

Nach etwa einer halbe Stunde Fahrt verließ ich die Autobahn, querte sie noch einmal in Richtung der Hinweisschilder „Autobahnkirche“ und „Klinik“ und ließ das gelbe Ortsschild hinter mir. Eine kurvige Straße mit Einfamilienhäusern lag vor mir, einige neu, aber die meisten sahen aus, als stünden sie hier schon seit Jahrzehnten. An der ersten Kreuzung wies ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Klinik“ den Weg. Ich folgte einer langen, geraden Straße, die ebenfalls mit schönen Ein- und auch Mehrfamilienhäusern gesäumt war, bis sie schließlich in einer Art Allee endete, an deren Ende man, etwa 200 m außerhalb des Ortes, die Klinik sehen konnte. Ich parkte auf dem riesigen Patientenparkplatz vor dem Gebäude, überlegte, ob ich gleich mein ganzes Gepäck zum Eingang schleppen sollte oder nicht, entschied mich für die beiden wichtigsten Stücke – die Handtasche und meine Reisetasche mit ein wenig Kleidung, meinem Waschbeutel und meinem kleinen Kissen  – verschloss meinen Golf und ging Richtung Klinik. Es war ein großer, aber kompakter, etwa vierstöckiger Bau, dessen Fassade mit roten Schindeln verkleidet war. Die Klinik war auf der einen Seite von Feldern und Wiesen umgeben, auf der andere Seite durch große Lärmschutzwälle und einen Feldweg von der Autobahn getrennt. Trotzdem war es nicht sonderlich laut. Ich betrat die Klinik durch den Haupteingang und fand mich unversehens in einer Art Hotelempfang wieder. Links die Rezeption, in die, nach der umfangreichen Zeitschriftenauslage zu urteilen, ein kleiner Kiosk integriert war, rechts ein Gang, links ein Gang, und nach vorne hin öffnete sich ein offener Bereich, der mit ca. zehn Sitzgruppen ausgestattet war, an den, durch Glastüren und -fenster getrennt, eine helle Cafeteria anschloss. Ich war überrascht, so viele junge Erwachsene und sogar Jugendliche zu sehen. Die im Übrigen alle total normal aussahen. Nicht Psychiatrie-normal. Sondern normal normal. Alles Menschen wie ich oder meine Eltern oder sogar meine Turnmädels.

Ich hatte meine Tasche an die Wand gestellt, hier standen schon zwei, drei andere, und meldete mich an der Rezeption. Die Dame begrüßte mich, nahm meine Daten auf, klärte ein paar organisatorische Dinge, wie zum Beispiel ob sie Anrufer direkt zu mir durchstellen dürfe, und bat mich, den Gang links nach vorne zu gehen und mich bei der Klinikanmeldung zu melden. Mein Gepäck könne ich hier lassen. Also ging ich links den Gang entlang. Nach dem Aufenthaltsbereich folgte eine weitere kleine Halle, in der allerlei schwarze Bretter und Infokästen an der Wand hingen, dann folgte ich weiter dem Gang, von dem links und rechts Türen abgingen; an den Wänden standen Stühle, etwa in der Mitte des Gangs befand sich linker Hand ein großes Glasfenster mit der Aufschrift „Medizinische Zentrale“. Ich suchte die Tür, auf der „Anmeldung“ stand, und klopfte. Keine Reaktion. Na gut. Vielleicht klopfte man hier nicht. In der Psychiatrie mochten die das auch nicht unbedingt. Da wurde einfach zum vereinbarten Zeitpunkt die Tür geöffnet, und wenn man da war, war man da. Wenn nicht, ging die Tür wieder zu und wurde ein paar Minuten später wieder geöffnet. Da über den Gang verteilt auch schon mehrere Personen auf den Stühlen saßen, setzte ich mich auch. Endlich sitzen. Ich wollte eigentlich einfach nur in ein Bett und schlafen. Vielleicht einen heißen Tee. Ich war so richtig Erkältungs-k.o. Da sah ich Johanna – zumindest meinte ich, dass es Johanna wäre – am anderen Ende des Ganges. Sie sah sich um, ich winkte, für alles andere fehlte mir gerade die Energie, aber dann war sie aber schon wieder weg. Sie hatte gut ausgesehen, fröhlich, sofern man das denn auf die Entfernung erkennen konnte. Nach etwa fünf Minuten hatte sich die Tür zur Anmeldung immer noch nicht geöffnet. Und ich fragte eine Frau, etwa in meinem Alter, ob sie auch auf die Anmeldung warte. Nein, nein, sie habe einen Termin bei einer Ärztin. Bei der Anmeldung müsste man einfach hineingehen. Ach so. Na gut. Also stand ich wieder auf, klopfte und ging in das Büro hinein. Die Dame nahm meine Daten auf. Ich korrigierte mein Geburtsdatum. Ich war nicht Jahrgang 1982. Aber vermutlich lag das an meiner nicht besonders leserlichen Schrift auf dem Anmeldebogen. Dann schickte sie mich wieder hinaus, ich sollte vorne im Eingangsbereich warten, dort würde mich eine Dame vom Empfangsservice abholen. Also setzte ich mich vorne in einen der Sessel. Braun, nicht sonderlich bequem. Aber kaum dass ich mich gesetzt hatte, erschien schon eine ältere, freundlich blickende Dame, die meinen Namen fragend in die Halle sagte. Das bin ich, sagte ich, und stand auf.

Abschied von der Gang

Heute war so viel passiert, so dass ich gar nicht wirklich dazu kam, traurig zu sein, da Steffi und Johanna morgen gehen würden. Die beiden aber waren ganz schön aufgeregt. Johanna vor allem, weil es ihr momentan nicht gut ging – ihre Medikamente hatten immer stärkere Nebenwirkungen gezeigt, aber keine Wirkung, und waren erst wieder ausgeschlichen (so nennt man das schrittweise Absetzen von Psychopharmaka) worden. Das neue Medikament wirkte noch nicht – die Dosis war noch zu gering – und dann auch noch ein Klinikwechsel. Das waren zwei Fragezeichen auf einmal. Ruth aber machte ihr Mut. Ruth litt seit Jahrzehnten an posttraumatischen Belastungsstörungen und kannte sich in diesem mir völlig fremden System gut aus. Sie war selbst – wenn auch bereits vor zwanzig Jahren – in der gleichen Klinik gewesen und sprach durchweg positiv von ihr. Ruth hatte die Klinik dort gut getan, sie war mehrere Jahre, so lang wie nie zuvor in ihrem Leben, symptomfrei gewesen. Außerdem gab es dort ein Hallenbad. Und eine Sauna. Und das Essen war angeblich gut. Nicht nur im Vergleich zu dem Fraß hier in der Psychiatrie, sondern wirklich gut.

Steffi war zwar auch aufgeregt, aber noch viel mehr heilfroh darüber, endlich aus der Psychiatrie herauszukommen. Ich war nach wie vor für die gleiche Klinik wie Johanna gemeldet, aber hatte immer noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. In der Regel erfuhr man den Aufnahmetermin etwa eine Woche im Voraus. Damit hatte sich unsere ursprüngliche Hoffnung zerschlagen, zeitgleich aufgenommen zu werden. Johanna wäre zwar sowieso in einer anderen Station, aber dann wären wir immerhin nicht ganz allein. Also versuchte ich in den letzten Tagen vor allen Dingen nicht daran zu denken, was ich ohne meine beiden Mädels hier tun würde. Für Donnerstag hatte ich einen kleinen Ausflug mit meiner Schwester geplant, das Wochenende würde ich natürlich wieder zu Hause verbringen. Aber sonst?

Passend zur Stimmung drehte das Wetter während des Tages. Es wurde immer kälter, bis am Nachmittag sogar Regenwolken aufzogen. Wir hatten eigentlich einen gemütlichen letzten Abend im Park, mit der Slackline, unseren Decken und vor allen Dingen mit Pizza verbringen wollen. Jetzt saßen wir mit der Pizza, die uns direkt vor die Haustür geliefert wurde, im sterilen und ungemütlichen Eingangsbereich. Wir ratschten ein wenig, aber hauptsächlich aßen wir. In den letzten Tagen hatten wir die beiden Kliniken bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, die beiden hatten ihre Packlisten verglichen, wir hatten gegenseitige Besuchspläne gemacht – so dass jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen war. Ich blieb über. Ich würde hier bleiben. Allein, bislang auf noch nicht absehbare Zeit. Mindestens eine Woche noch. Eine Woche konnte lang sein. Besonders hier in der Psychiatrie. Ohne jemanden, mit dem man ganz entspannt und normal quatschen konnte. Oder mit dem man gern zwei Stunden lang durch den Wald spazierte.

Plötzlich stand Ruth hinter mir. Da bist du ja, Sophie. Ich habe dich schon überall gesucht! Du sollst zum Stationszimmer kommen, die Schwester will dich sprechen. Dann schmunzelte sie uns an: Bestimmt ist das eine Nachricht von der Klinik! Ich wollte es nicht glauben. Steffi und Johanna stimmten ein. Oh bestimmt! Du kommst mit mit uns!

Ich klappte also den Deckel meiner Pizzaschachtel zu, damit sie nicht kalt würde (so etwas Gutes hatte ich in diesen vier Wänden noch nie gegessen!) und ging über die Treppe in den 1. Stock, in unsere Station. Dort klopfte ich an die Tür zum Stützpunkt. Schwester Elke hatte heute Dienst und als sie mich durch das Glasfenster vor der Tür stehen sah, lächelte sie bereits. Sie öffnete die Tür. Es war tatsächlich endlich die heißersehnte Nachricht aus der Klinik. Ich würde am 8. September, also nächsten Dienstag erwartet. Endlich! Ich war erleichtert. Eine Woche. Der Zeitraum war also jetzt absehbar. Eine Woche hielt ich hier alleine aus.

Der Abschied von Johanna und Steffi am nächsten Tag war recht unspektakulär. Wir frühstückten noch gemeinsam und, zwischen zwei Therapien und ihren Abschlussbesprechungen mit den behandelnden Ärzten, umarmten wir uns. Viele Worte gab es nicht mehr zu sagen. Passt auf euch auf, meldet euch – und bis bald.

Leben und Überleben in der Psychiatrie

Ohne Johanna und Steffi wäre ich in der Psychiatrie eingegangen. Die „Anstalts-Gang“ nannten wir uns im Scherz. Wir verbrachten beinahe den ganzen Tag zusammen – insbesondere Johanna und ich, da wir auch noch das Zimmer teilten. Sie waren meine beiden Anker zur Normalität in diesem Irrenhaus. An manchen, wenigen Tagen war es das nämlich leider wirklich.

Ich erinnere mich an die Schreie, die hin und wieder aus der „Wachstation“, also der geschlossenen Abteilung, zu hören waren. Das kam Gottseidank nicht oft vor, aber da wurde einem immer ganz anders. Oder wenn man hin und wieder von einer Therapie in die Station zurückkam und dann im Aufenthaltsraum jemand saß und hemmungslos heulte, rechts am Boden neben der Tür zum Stationszimmer eine zweite saß, die nicht mehr heulte, aber am ganzen Körper zitterte und beängstigend starr gerade ausblickte. Wenn in der Kunsttherapie die Damen und Herren neben mir beinahe völlig schwarze Bilder malten. Wenn man den jungen Mann, der immer Kopfhörer auf den Ohren hatte, und der eigentlich sympathisch aussah, beim Essen fragte, ob neben ihm noch Platz war, und er sichtlich zähneknirschend und Fäuste ballend, kämpfen musste, um nicht in die Luft zu gehen. Wenn man, wenn es doch zwischendurch tatsächlich mal etwas zu lachen gab, gleich von der Schwester Anschiss bekam. Wenn man sah, welche Unmengen an Tabletten manche Mitpatienten täglich schluckten. Wie Smarties.

Johanna und Steffi waren mein Lichtblick. Während ich diesen Text schreibe, fällt mir erst auf, was wir alles zusammen in diesen zweieinhalb Wochen durchgestanden haben. Das reicht bei manch anderen Freundschaften für ein ganzes Leben.

Am Dienstag erfuhren schließlich alle beide, dass sie in einer Woche, nächsten Mittwoch, die Klinik wechseln würden. Wie ich würden sie in die Psychosomatik gehen, allerdings in zwei verschiedene Kliniken. Ich war seit gestern für das gleiche Haus wie Johanna angemeldet, hatte aber noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. Die Wartezeiten für die Kliniken lagen, wenn man denn von der Psychiatrie aus angemeldet wurde, bei zwei bis drei Wochen; wenn man sich „einfach so“ dort bewarb, bei mehr als drei Monaten.

Ich freute mich sehr für die beiden – insbesondere für Steffi, die mehr als Johanna und ich an der Tatsache zu knabbern schien, dass sie in einer Psychiatrie war. Psychosomatik hört sich doch gleich anders an! Gleichzeitig versuchte ich den Gedanken zu verdrängen, dass ich dann alleine hier wäre. Das war das gefährlich daran: Alleine würde ich den Aufenthalt in der Psychiatrie nie durchstehen. Aber ich durfte mich andererseits auf keinen Fall zu sehr von den anderen abhängig machen.

Johanna ging es immer schlechter. Die Nebenwirkungen ihrer neuen Medikamente wurden immer stärker, das Zittern war mittlerweile so stark, dass sie nicht einmal mehr eine volle Tasse Tee in der Hand halten konnte, ohne etwas zu verschütten. Zudem verringerte sich ihre Sehkraft merklich. An manchen Tagen, vor allem nach den selten einfachen Gesprächen mit der Psychotherapeutin, saß sie einfach nur heulend auf ihrem Bett. Und ich konnte nichts tun, außer ihr vielleicht ein bisschen Schokolade aufzudrängen. Das ging mir so nahe. Ich hätte ihr so gerne geholfen. Johanna ist eigentlich einer der Menschen, die normalerweise die Stimmung schon heben, wenn sie den Raum nur betreten. Offen, fröhlich, strahlend. Und nun war sie nicht viel mehr als ein Häufchen Elend. Diese Hilflosigkeit machte mir zu schaffen. Wenn es Johanna und Steffi schlecht ging, ging es mir auch schlechter. Ich konnte nicht ohne meine Anstaltsgang – aber ich merkte, dass ich sehr, sehr stark aufpassen musste, wen ich wie nahe an mich heranließ. Ich hatte momentan nicht die Kraft, mich emotional abzugrenzen. Johanna und Steffi gaben mir so viel, dass es das wert war. Alle anderen mussten mir egal sein.