For a reason

Umso wohler ich mich in der Kunsttherapie fühlte, umso mehr fehl am Platz fühlte ich mich in der Burnout-Gruppe. Die Besetzung hatte mittlerweile komplett gewechselt. Wir waren seit heute nur noch vier Leute und es war nur noch einer von der sympathischen Gruppe am Anfang dabei. Ein älterer Herr, um die fünfzig, ein Krankenpfleger. Er war sehr nett, aber was die Symptome und den Krankheitsverlauf betraf, hatten wir beinahe nichts gemeinsam. Neu dabei waren zwei Frauen, auch beide circa fünfzig Jahre alt. Eine herzensgute, total liebe Apothekerin und eine völlig abgemagerte, mit beinahe greifvogelartigem Gesicht ausgestattete Sozialdienstleisterin. Sie hatte eine Kurzhaarfrisur, die ihre markanten Gesichtszüge noch mehr betonte, lange, knochige Finger, trug eine unförmige, unmodische Hose und ein ebenso unförmiges Shirt, die knochigen Füße in Trekkingsandalen. Die Augen: wie ein Greifvogel. Immer auf der Suche nach dem nächsten Opfer, auf das sie picken konnte. Dabei war sie nicht einmal unleidig. Mit uns anderen meinte sie es meistens gut und wollte helfen; am meisten hackte sie auf sich selbst ein. Ein hoch perfektionistischer Greifvogel. Die Gruppenstunden, die in der ersten Woche noch recht lebhaft gewesen waren, waren mittlerweile ziemlich zäh. Es kam kein Gespräch, keine Diskussion zu stande, weil die anderen beiden Teilnehmer sich sehr zurücknahmen und Frau Greifvogel das Wort oft an sich riss. Ich fand es anstrengend, weil sie dabei ständig in eine Lehrerrolle rutschte und uns versuchte, die Welt, und in dem Fall Burnout, zu erklären – wobei, Burnout gibt es ja eigentlich gar nicht, das ist ja nur ein Modewort, wie sie gleich zu Beginn feststellte. Insbesondere, da sie selbst offensichtlich noch viel schwerwiegendere psychische Probleme hatte als wir. Zum Beispiel eine Essstörung. Oder die Tatsache, dass sie bislang keine einzige der Anfangsmeditationen mitmachen konnte, weil sie das einfach nicht konnte. Ich konnte schon verstehen, dass das tatsächlich „einfach nicht ging“. Aber ich wusste eben mittlerweile auch, wie schwerwiegend ihre Erkrankung dann war. Jedenfalls fühlte ich mich alles andere als wohl. Ich konnte mich mit keinem der anderen identifizieren und hatte absolut keine Lust, irgendwelche Details mit ihnen zu teilen.

Wie auch immer, ich konnte nicht einfach nicht in die Gruppe gehen. Also war ich nach Wassergymnastik und Mittagessen wieder pünktlich um eins im Stationsgruppenraum der Station V. Thema des Tages war laut Skript „Burn-Out und Persönlichkeit“. Wunderbar. Ich hatte schon recht früh für mich beschlossen gehabt, noch bevor ich überhaupt in der Psychiatrie war, dass in meinem Fall die Diagnose ganz sicher nicht auf übertriebenen Perfektionismus, der oft als einer der Hauptgründe für Burnout genannt wird, zurückzuführen ist. Wenn es bei mir an Eigenschaften lag, dann eher am Idealismus oder am Gerechtigkeitssinn. Aber bestimmt kein Perfektionismus. Also zusätzlich zu der unangenehmen Runde durfte ich mich nun in den nächsten anderthalb Stunden auch noch mit einem Thema befassen, das für mich nicht sonderlich relevant war. Immerhin war danach wieder Pilates.

Einmal mehr also durften wir einen Fragebogen zu unseren „Inneren Antreibern“ ausfüllen. Aussagen wie „Am liebsten mache ich alles selbst“, „Ich darf nicht versagen“, „Auf mich muss 100% Verlass sein“ oder „Wenn man Schwäche zeigt, wird man nicht respektiert“, insgesamt waren es 25, sollten wir zuordnen, ob wir häufig, manchmal oder nicht so dachten. Die Auswertung resultierte dann in einer Grafik, die anzeigte, wie stark ausgeprägt auf einer Skala von eins bis zehn die Antreiber „Sei perfekt!“, „Sei beliebt!“, „Sei stark!“, „Hab alles unter Kontrolle!“ und „Streng Dich an!“ bei jedem waren. Diesmal hatte ich, wie erwartet, das Ranking nicht gewonnen, sondern war die einzige, die bei keinem dieser Antreiber die Zehn-Punkte-Marke riss. Die anderen drei hatten teilweise bei mehr als der Hälfte der Antreiber die Zehn stehen. Ich hatte immerhin eine Acht und eine Sechs.

Ähnlich wie schon beim Schema mit dem wütenden Kind und wie bei eigentlich fast allem, worauf ich in der Therapie hier stieß, liegen die Ursachen für diese Antreiber in unserer Vergangenheit. Irgendwann waren diese Mechanismen hilfreich für uns und wir speicherten sie ab. Bis sie so verinnerlicht waren, dass sie zu Automatismen wurden. Wir also gar nicht mehr mitbekommen, dass sie überhaupt wirken. Für uns ist es also „ganz normal“ und wir meinen, gar nicht anders handeln zu können. Im ersten Schritt also müssen wir überhaupt erst einmal feststellen, welchen inneren Antreibern wir unterbewusst gehorchen. Dann erst können wir überhaupt versuchen, sie zu hinterfragen: Früher war das sinnvoll, aber was bringt mir das im Moment eigentlich?

Es wurde anschließend noch eine Zeit lang über die jeweiligen Antreiber der anderen diskutiert. Ich schaffte es, mich vornehm zurückzuhalten, bis die Stunde endlich aus war. Wir würden nächste Woche am gleichen Thema weiterarbeiten. Daher die Hausaufgabe: Was kannst du deinen stärksten Antreibern entgegensetzen?

Vor einigen Wochen hatte mich auf XING eine alte Mitschülerin hinzugefügt. Seit dem Abi hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Wir hatten uns gut verstanden, waren aber nicht wirklich befreundet gewesen. Und doch habe ich heute noch eine Szene aus der 13., es war schon recht nah am Abi, im Kopf, als wäre es gestern gewesen. Wir hatten ein Freistunde, saßen an einem der viereckigen, orangenen Tische, die am Ende der großen Schulaula direkt vor einer verfensterten Wand standen. Wir machten beide irgendwelche Aufgaben und unterhielten uns nebenbei. Ich weiß nicht einmal mehr, über was. Aber ich kann mich noch sehr deutlich an den einen Satz erinnern: „Und wie ist das bei euch? Ihr seid seit der Kollegstufe zusammen und nach dem Abi war’s das dann? Jeder geht seinen Weg?“. Bam. Seit Wochen rumorte es in mir. Mein Freund würde nach dem Abi nach Südamerika gehen, ich würde gleich mit dem Studium beginnen. Und zack, da hatte sie mir nur, wenig schonend, eine Tatsache an den Kopf geknallt, die ich bisher nicht zu denken gewagt hatte. Eine Tatsache, die zu denken ich Angst hatte. Aber ja. De facto war es so. Keiner von uns beiden war bereit, sein eigenes Leben unterzuordnen. Wir nahmen uns das auch nicht übel, es war eben so. Aber so deutlich wie sie es in dem Moment ausgedrückt hatte, hatten mein Freund und ich es wohl nicht einmal gedacht.

Knappe zehn Jahre später, zwischendrin kein Wort, nicht über den Weg gelaufen, nicht einmal auf Facebook sind wir befreundet. Sie addet mich auf XING, ich bin neugierig, was sie so macht und schreibe ihr eine Nachricht. Sie fragt, was ich so mache, und ich sage ihr die Wahrheit, dass ich gerade in einer Klinik bin, krankgeschrieben wegen Burnout. Ihre Antwort: Du hast doch schon immer überall 130 Prozent gegeben.

Ich bin ja immer noch nicht der Meinung, dass ich immer 130 Prozent gegeben hatte. Ich hatte eben immer alles so gemacht, wie ich dachte, dass es gemacht werden sollte. Aber offensichtlich waren meine 100 Prozent eben 130 Prozent bei den meisten anderen. Ergo: Meistens reichen meine 70 Prozent. Das war bereits Wochen vor der Antreiber-Stunde. Meine Antwort auf mein inneres „Streng Dich an!“ ist ab sofort: Meistens reichen 70 Prozent.

 

People come into your life for a reason, a season or a lifetime.

 

 

 

Geburtstagsbesuch

Auch am Tag nach meinem Geburtstag war meine Stimmung ausgesprochen gut. Der kleine Schock, den mir das Aufeinandertreffen mit Jeanette am Vortag bereitet hatte, war der Erleichterung gewichen, dass sie also nicht in meinem Zimmer war. Und die Klinik hier war definitiv groß genug, um ihr aus dem Weg gehen zu können.

Das morgendliche Laufen war schön, die Angstgruppe war wie immer angenehm (meine Therapeutin war im Urlaub, da ersparte ich mir sogar den vorwurfsvollen Blick, wenn ich behauptete, kein Thema zu haben). Beim Mittagessen dann erzählte Julia am Tisch, dass sie nun auch ihren Entlasstermin genannt bekommen hatte. Sie war eine gute Woche nach mir gekommen, also Mitte September, und würde Anfang November die Klinik wieder verlassen. Die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich angekommen war, wusste bereits seit einiger Zeit, dass sie exakt sechs Wochen in der Klinik bleiben würde. Das war die Standardzeit, die offenbar von den Krankenkassen jedem Patienten zugestanden wurde. Ich war nun schon in der vierten Woche hier und hatte immer noch kein Datum genannt bekommen. Das war unüblich. Sicher, ich war aus der Psychiatrie überwiesen worden, vielleicht wurde da generell der Aufenthalt länger genehmigt, dennoch ging diese Thematik nicht ganz spurlos an mir vorüber. Alle, wirklich alle, hatten bereits ein Entlassdatum genannt bekommen. Auch Johanna. In der Regel waren es eben die sechs Wochen, bei schwereren Fällen auch mal etwas länger. Die Patienten, die wegen posttraumatischen Belastungsstörungen da waren, bildeten die große Ausnahme – sie verbrachten teils ein halbes Jahr am Stück in der Klinik. Aber selbst die wussten, wie lange sie hier waren. Nur ich nicht. Ich versuchte, den Gedanken, dass ich ein derart schwerer Fall sei, dass man bei mir noch gar keine Dauer absehen konnte, zu verscheuchen. Ich war genaugenommen auch sehr froh darum, dass ich noch keinen Entlasstermin hatte. Mir ging es zwar seit ich hier war stimmungsmäßig ziemlich gut, was Erschöpfung und Energie aber betraf, hatte ich kaum Fortschritte gemacht. Egal. Vergiss es, konzentriere dich auf dich, das passt schon alles so.

Die Kunsttherapie machte mir mittlerweile richtig Spaß. Die Zusammensetzung der Gruppe hatte sich ein wenig verändert und damit waren auch die Damen, die so schön malten, mittlerweile in der Unterzahl. Die Themen waren zwar nicht besonders viel besser geworden, aber ich fand immer wieder neue Malfarben oder Bastelutensilien im Therapieraum. Ich tobte mich aus.

Am Nachmittag bauten wir endlich mal wieder die Slackline auf, um das sonnige Wetter noch zu genießen und abends, nach dem Abendessen, bekam ich Geburtstagsbesuch. Marlene und Hanni kamen extra den weiten Weg aus München und hatten sogar einen selbstgebackenen Kuchen dabei. Wir setzten uns in die Cafeteria – heute war es entweder weniger laut als sonst oder ich war ein bisschen stabiler als sonst – und ratschten. Sie brachten ein bisschen Normalität mit in meine Klinik-Käseglocke. Ließen mich am Leben draußen teilhaben und vor allem hatten mir die beiden schon über die ganzen Monate hinweg nie auch nur einen kurzen Moment das Gefühl gegeben, dass ich mich irgendwie verändert hätte oder irgendetwas anders sei. Nicht einmal, als sie mich in der Psychiatrie besuchten. Dann war die Franzi eben jetzt in der Psychiatrie. Na und?

Auch der Tag nach meinem Geburtstag war ein sehr schöner Tag gewesen. Mir ging es richtig gut. Ich hoffte inständig, dass die gute Stimmung weiter anhalten würde.

Volle Punktzahl

Heute war Donnerstag: Wassergymnastik um elf. Burnout-Gruppe um eins. Endlich das erste Mal Pilates.  Danach noch Einzeltherapie. Aber die Sonne schien und heute war ein guter Tag.

Pünktlich um eins fanden wir uns wieder im Gruppenraum der Station V ein. In der letzten Stunde hatten wir das Skript beendet, heute würden wir mit iner neuen Therapeutin von vorne anfangen. Es gab also erneut eine ausführliche Vorstellungsrunde. Ich würde heute noch ins Pilates gehen, das war meine gute Tat für mich an diesem Tag. Kuchen und Essen allgemein standen bei den anderen Teilnehmern nach wie vor sehr hoch im Kurs.

Wir begannen im Skript mit dem „Bericht einer Betroffenen“. Den erspare ich euch, ihr lest ja gerade einen. Und so immens wich der Text auch gar nicht von meiner Geschichte und der der anderen in der Runde ab. Und ja: Burnout ist ein Prozess, der bei allen Betroffenen in Phasen verläuft: Enthusiasmus – Überforderung – Frustration – Apathie – Verzweiflung und Erschöpfung. Bei genauerer Betrachtung der letzten beiden Jahre kann ich diese Phasen sehr exakt auseinander dividieren. Teilweise auf den Tag genau.

Die nächste Folie bestand aus genau einem Satz: „In dem Prozess, der dem Burn-Out vorausgeht, gibt es individuelle Warnsignale, die aber meist so lange ignoriert werden, bis es zum Zusammenbruch kommt!“

Das wusste ich. Das war mir schon seit einiger Zeit sehr klar. Ich hatte viele dieser Anzeichen übersehen. Vor allem einfach aus Unwissenheit. Ich merkte schon, dass irgendetwas anders war, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber ich wusste einfach nicht was. Und genau das triggerte die Spirale noch weiter. Hatte ich vielleicht eine Herzmuskelentzündung? Was stimmte mit meiner Hüfte nicht, wann würde ich endlich wieder vernünftig gehen können? Selbst nach meinem Kreislaufzusammenbruch im Büro kam ich selbst keine Sekunde auf die Idee, ich könnte ein Burnout haben. Nach einem sehr ruhigen, langen Wochenende hatte ich keine Anzeichen von Unwohlsein mehr gespürt, also war ich ja wohl wieder fit! Also konnte ich in die Arbeit gehen. Ich war schließlich nicht krank!

Im Skript befand sich eine lange Checkliste mit Warnsignalen. Drei DIN A4-Seiten. 39 einzelne Warnsignale, unterteilt in körperliche (18), kognitive (5), emotionale (5), motivationale (4) und Warnsignale im Verhalten (7). Unter anderem: Herzstiche, Atembeklemmungen, Zittern, Zähneknirschen, Schlafstörungen und Albträume, Schwindel, Verdauungsbeschwerden, Vermehrte Infekte, Konzentrationsstörungen, Leere im Kopf, Tagträume, Nervosität, Versagensängste, Wut bei kleinen Anlässen, Resignation, sexuelle Inappetenz, Zynismus, Aggressivität, nicht zuhören können, Veränderungen im Essverhalten, Konsum von Alkohol/Medikamenten, Vernachlässigung privater Kontakte.

Wir sollten diese Checkliste durchgehen und festhalten, wie stark wir die einzelnen Warnsignale bei ihrer jeweils stärksten Ausprägung verspürt hatten und zwei, einen oder eben auch null Punkte verteilen. Ab elf Punkten war die Ampel „gelb“:man war bereits dabei, in ein Burnout-Syndrom abzurutschen und sollte den Teufelskreis unterbrechen. Ab 21 Punkten war man „schwer belastet durch seelischen Stress und seine gesundheitlichen Folgen“, mittendrin in der Abwärtsspirale, von der bereits bei der Depression die Rede war: „Holen Sie sich professionelle Hilfe“.

Ich hatte über 60 Punkte.

Über 60.

Beim zweiten Durchsehen fiel mir auf, dass ich bei „Muskelverspannungen“ 0 angegeben hatte. Dabei waren meine Hüftschmerzen eine einzige Muskelverspannung gewesen. Keinen Schritt mehr weiter. Ich notierte also die 2.

Ich war schockiert. Mir war schon klar gewesen, dass ich einige Warnsignale ignoriert hatte. Aber so viele?! Sie nun so aufgelistet zu sehen, schwarz auf weiß vor Augen zu haben, war heftig. Was ich alles hingenommen hatte, bevor ich mich endlich um mich selbst kümmerte. Wie konnte man sich selbst so etwas antun?

Alle in der Runde waren recht deutlich über den 21 Punkten. Ich hatte den zweifelhaften ersten Platz gewonnen, gefolgt von dem 35-Jährigen. Die Punktezahl schien mit dem Alter abzunehmen. Mein haushoher Sieg bestätigte nun auch ein wenig meine These, die sich mehr und mehr verfestigte: Ich hatte mich viel, viel tiefer in das ganze Schlamassel hineinmanövriert, als die meisten hier in der Gruppe.

Ich hatte mir eingeredet, dass ich „stärker“ war als die anderen und es daher einfach mehr gebraucht hatte, um mich umzuhauen. Das war natürlich die einfachere Art, damit umzugehen. Da war ich zwar immer noch ein Opfer, aber irgendwie ein starkes. Aber ich wusste schon, genaugenommen war ich die Dumme. Ganz egal wie viel Energie und Kraft  – wer sich selbst nicht helfen kann, kann auch keinem anderen helfen. Ich sollte also mal ganz, ganz leise sein und mir von den anderen etwas abschauen. Wie man seine Grenzen erkennt und verteidigt zum Beispiel.

Pilates im Anschluss war übrigens sehr gut 🙂

 

Rosenkranz

Ich fühlte mich unwohl. Irgendwie eingeengt. Gestern hatten wir die Slackline aufgebaut. Diesmal vor dem Klinikeingang, zwischen der Raucherecke und der Schaukel. Da war der Boden eben. Und außerdem dachte ich, dass vielleicht noch ein paar andere Bock hätten, es auszuprobieren. Hatten sie. Aus welchem Grund auch immer, ich weiß es nach wie vor nicht, wurde mir das diesmal rasch zu viel. Ich fühlte mich ein wenig gegen meinen Willen eingespannt und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich lieber zurückgezogen hätte. Ich hatte es dann zwar schließlich, zu spät eigentlich, geschafft, mich abzuseilen, aber das maue Gefühl, dass man mich mal wieder dazu gebracht hatte, etwas zu tun, was ich eigentlich nicht tun wollte, und die Tatsache, dass mich das bisschen Slacklinen und Übungsleiterspielen so sehr überfordert hatten, behagten mir nicht. Ganz und gar nicht. Die Wassergymnastik war wie immer, das Wasser zu kalt, die Gymnastik ein wenig anstrengend, aber ich war einfach gern im Wasser. Danach war es wie immer stressig, innerhalb von einer Stunde raus aus dem Becken, über den Umweg Mittagessen um eins bereits fertig und aufnahmebereit in der Burnout-Gruppe zu sitzen. Und mittlerweile war die Teilnehmer-Anzahl in der Burnout-Gruppe ziemlich geschrumpft. Die waren zwar immer noch alle nett. Keiner tat mir da etwas zu leide. Aber es war eben auch keiner dabei, mit dem ich mit halbwegs identifizieren konnte. Ich war mit deutlichem Abstand die Jüngste. Punkt eins. Ich arbeitete in einer völlig anderen Welt wie sie. Punkt zwei. Ich war, was meine Energieressourcen betraf, physisch und psychisch in einem deutlich schlechteren Zustand als sie. Punkt drei. Und war aber, was die Analyse der Ursachen betrag, vielleicht auch aufgrund des Aufenthalts in der Psychiatrie zuvor, viel weiter als der Rest der Gruppe. Punkt vier. Ich fühlte mich unwohl. Mein Kopf rumorte. Ich brauchte eine Pause von allem hier. Dringend. Abstand. Ich wollte einen Chai-Latte. Und mich zumindest für zwei Stunden mal wieder „normal“ fühlen. Nicht in irgendeiner Klinik sein und mir den ganzen Tag anhören müssen, wie schlecht es anderen Leuten gerade ging, oder analysieren müssen, wie schlecht es mir gerade ging. Ich wollte eine Pause. Und einen Chai-Latte. Das einzige, was die hauseigene Cafeteria nicht im Angebot hatte.

Ich packte meine Tasche und fuhr in die Stadt. Ich fragte nicht einmal Johanna. Sie hatte sowieso gerade noch Therapie und mein Kopf wollte wirklich, wirklich, wirklich gerade überhaupt keinen Input von außen haben und nichts von Therapien, Burnout oder Kliniken hören. Ich schlenderte durch das Städtchen. Ließ die Kleidergeschäfte gleich links liegen, heute hatte ich kein Energie für ein Expositionstraining. Ich ging in den schönen Buchladen und stöberte dort umher. Las ein paar Bücher an. Besorgte mir endlich einen Ordner für die Zettelwirtschaft. Einen blauen, auch wenn er daheim dann farblich nicht ins Regal passen würde. Das war mir gerade egal. Kaufte eine kleine Leinwand. Ich wollte demnächst gerne mal den Freizeitbereich der Kunsttherapie nutzen, wenn man in der Kunsttherapie selbst nur dumme Gärten malen durfte. Kaufte zwei Zeitschriften, die burda easy und die flow, die kannte ich beide noch gar nicht und waren meilenweit von meinem alten Arbeits-Zeitschriftenspektrum entfernt. Und fand schließlich ein kleines Café, setzte mich dort allein an einen kleinen Tisch, bestellte einen Chai-Latte und genoss es, in der richtigen Welt zu sein. Allein. Einfach mal zumindest so tun zu können, als wäre alles so wie immer. Es war ruhig in dem Café und ich wurde langsam entspannter. Ich atmete die Normalität ein und blätterte in den beiden neuen Zeitschriften. Eine Näh-Zeitschrift. Ich könnte ja, wenn ich jemals irgendwann wieder aus diesen Kliniken raus wäre, mal wieder etwas nähen. Und die flow. Eine dieser Glücks- und Achtsamkeitszeitschriften, die unter den Klinikpatienten der Renner waren. Mit sowas esoterischem hätte ich mich früher nie beschäftigt. Für so etwas hätte ich gar keine Zeit gehabt. Auch diesmal hatte ich sie nur gekauft, weil auf dem Titel ein Gespräch mit dem „Erfinder“ der Achtsamkeit, Jon Kabat-Zinn angepriesen wurde. Das interessierte mich. Und außerdem war die flow einfach schön.

 

Schließlich war der Chai leer. Ich hatte alle Schnittmodelle mehrfach begutachtet und mich für mein erstes Projekt entschieden. Ich zahlte, seufzte, stand auf und ging, in Richtung Auto. Ich kam an der Kirche vorbei. Eine dieser riesigen Stadtpfarrkirchen. Ich besuche gerne Kirchen. Ich mag die Ruhe, die sie ausstrahlen. Sie sind ein Zufluchtsort – weit, weit weg und raus aus dem Alltag.

Ich ging also in die Kirche hinein. Auf der Suche nach Ruhe. Ich wollte beten, allein sein. Bei mir sein. Eine Ruhe, wie ich sie nur in Kirchen finde. Ich war beinahe enttäuscht, als ich feststellte, dass ich nicht alleine hier war. Dass weiter vorne eine Gruppe älterer Damen saß und Rosenkranz betete. Ich wollte beinahe schon gehen, dann entschied ich mich anders. Setzte mich in eine Bank, mit Abstand zu den Damen, aber doch in guter Hörweite und ließ mich, statt selbst zu beten, von dem angenehmen Wechselrhythmus des Rosenkranzes wiegen. Es war ein bisschen schade, dass keine Männer da waren, und der Wechsel daher nur zwischen den Damengruppen stattfand. Schließlich begann ich beinahe automatisch mitzubeten. Die Worte kenne ich in und auswendig. Vater Unser, der du bist im Himmel. Gegrüßet seist du, Maria. Ich wiegte im Rhythmus mit. Ich wurde ruhiger, und ruhiger, und ruhiger. Ich versank richtig im meditativen Wechselrhythmus. Ich betete etwa zwanzig Minuten leise mit. Bis ich mich entschloss, zu gehen. Ich war getragen von dieser Ruhe, von diesem gleichmütigen Singsang. Mein Kopf war ruhig, mein Geist, die restliche Anspannung, die selbst nach dem Chai-Latte noch da gewesen war, war dahin. Ich war so ruhig wie seit Tagen nicht mehr.

Ich versuchte, diesen Zustand festzuhalten, und es gelang mir erstaunlich gut. Ich genoss das Abendessen mit den Frauen am Tisch, das Nashornbaby im Tierpark Hellabrunn war mal wieder Thema und verrückte Reisegeschichten der alten Dame. Außerdem die Wiesn, die seit Samstag lief. Und Johanna und ich trugen uns für den nächsten Tag in die Infrarot-Kabine ein.

Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Der Mittwoch würde mein erster „voller“ Tag sein: Walken bzw. Laufen, Angstgruppe, Kunsttherapie.

Die Frühstückszeiten kollidierten leider ungünstig mit der Walkingzeit: Frühstück gab es nur bis viertel vor neun, das hieß also, man sollte vorher frühstücken, wenn man nicht riskieren wollte, nichts mehr zu erwischen.

Um acht sammelten sich dann alle Patienten, die am Walking teilnehmen mussten/wollten in dem Nebenraum des Foyers, wo sich die schwarzen Bretter und der Wasserspender befanden. Es waren um die zwanzig. Eine Physiotherapeutin hakte unsere Namen auf einer Liste ab, ich folgte Johanna nach draußen und sie lief direkt los. Müssen wir denn nicht auf die Therapeutin warten?, fragte ich einigermaßen verwirrt. In der Psychiatrie war sehr stark darauf geachtet worden, dass kein Patient außer Sichtweite war. Nein, antwortete mir Johanna. Manche würden uns auf der Runde entgegen gehen, andere hakten sogar einfach nur ab.

Es war schön, wieder mit Johanna zu laufen, ich hatte das wirklich vermisst. Danach dehnten wir uns noch ein wenig, wie wir das in der Psychiatrie unter Anleitung der Therapeutin immer gemacht hatten und trennten uns. Ich holte meine Morgenration Tabletten an der MZ und ging in mein Zimmer, um mich fertig zu machen. Um 9.20 Uhr begann die Angstgruppe. Ich wollte nicht gleich bei der ersten Stunde zu spät kommen.

Die Runde war etwas kleiner als tags zuvor die der Burnout-Gruppe, die Atmosphäre war nicht nur angenehm, sondern richtig herzlich. Auch hier stellten sich wieder alle vor und sagten, wie es ihnen jeweils ging. Anstatt zu sagen, was sie sich heute Gutes tun würden, fügten sie an, ob sie ein Thema für die Gruppe hätten. Da waren Gabi, eine rundliche Fünfzigerin, mit einem unglaublich herzigen Lachen. Chris, 27, Typ Gangsta, wegen Agoraphobie hier. Tabea, eine sehr taff wirkende 23-Jährige, die definitiv nicht auf den Mund gefallen war. Ebenso Agoraphobie. Martín, Burnout und Angststörungen. Ich. Tina, die Zimmernachbarin von Johanna, Agoraphobie und Julia, eine junge Frau Anfang dreißig, hier wegen posttraumatischer Belastungsstörungen. Sie hatte für heute ein Thema. Geleitet wurde die Gruppe von meiner Therapeutin und einer zweiten Therapeutin der Station II. Wie meine Therapeutin war sie Anfang 30, hübsch und hatte eine sehr angenehme, lebenslustige, manchmal auch selbstironische Art, auch sie stellte sich vor. Anschließend wurden die Gruppenregeln erläutert. Die Wichtigste: Alles bleibt in diesem Raum. What happens in Angstgruppe, stays in Angstgruppe.

Ich stellte sehr schnell fest, dass diese Gruppe sehr viel anders als die Burnoutgruppe war. Es fehlte der Beamer, der Stuhlkreis war geschlossen. Es ging nicht um irgendein Skript, sondern um uns. Jeder konnte jedes Thema einbringen, erfuhr ich. Ich habe kein Thema, sagte ich, und erntete dafür einen leicht kritischen Blick meiner Therapeutin. Ich habe so etwas noch nie gemacht, ich würde es mir gerne erst einmal ansehen, verteidigte ich mich. Außerdem hatte schließlich Julia ein Thema. Es war eine Familienskulptur. Die Therapeutin erklärte Martín und mir kurz, dass Julia uns nun entsprechend einer Schlüsselsituation in ihrer Kindheit „aufstellen“ würde: Jeder von uns würde eine Rolle übernehmen, wie Vater, Mutter oder Geschwister. Dann würde uns Julia entsprechend dem damaligen Beziehungsverhältnis im Raum aufstellen – zum Beispiel einen übermächtigen Vater auf den Stuhl, oder eine Person, die Desinteresse zeigte, mit dem Rücken zur anderen gewandt. Dann würde zusätzlich jeder einen Satz zugeteilt bekommen, der spezifisch für diesen Menschen und diesen Zeitpunkt in Julias Leben war. Wir würden diesen Satz dann, in der Skulptur stehend, laut in einer bestimmten Reihenfolge sagen und dies dreimal wiederholen. Danach würde Julia selbst Teil der Skulptur werden, um tief in die ausgewählte Szene einzutauchen. Dann hatte sie die Möglichkeit, sich selbst, also ihre Figur innerhalb der Skulptur neu auszurichten und sich einen neuen Satz für sich selbst zu suchen, so dass sie in der Situation gestärkt wurde. Dann würden wir wieder alle unsere Sätze aufsagen, und Julia könnte so erfahren, dass sie diese Situation selbst verändern und für sich leichter machen konnte. Und ihr damit das Schlimmste nehmen.

Aja. Ich konnte mir nicht so wirklich vorstellen, was nun passieren würde und wie denn bitte schön durch das Aufstellen von anderen Leuten sich eine Situation verändern sollte, die Jahre her war. Aber gut. Ich musste mich darauf einlassen, deshalb war ich hier.

Julia war sichtlich nervös und hatte Angst, es schien sie arge Überwindung zu kosten. Nach und nach stellte sie uns auf. Es war eine Trennungsszene. Ich war die kleine Schwester, stand neben der großen Schwester und blickte auf den abweisenden Rücken der Mutter. Nur Julia und die Therapeutin sprachen, wir anderen standen still und stumm auf unseren Positionen. Schließlich hatte jeder einen Satz zugewiesen bekommen. Wir würden nun, jeder nacheinander, dreimal diesen Satz sagen, genau so betont wie von Julia vorgegeben. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, was mein Satz war, ich weiß aber noch sehr genau, dass ich mich dabei auf einmal sehr verloren fühlte. Die Emotionen, die sich durch das laute Aufsagen der Sätze, durch die Wiederholungen und ganz einfach auch durch die Positionen, die wir im Raum einnahmen entwickelten, waren enorm. Das Ganze hatte überhaupt nichts mit mir und meinem Leben zu tun, ich bin noch nicht einmal ein Trennungskind. Trotzdem fühlte ich plötzlich wirklich wie die kleine Schwester in dieser Skulptur. Julia stand mittlerweile selbst in der Skulptur, war völlig aufgelöst und weinte. Sie konnte kaum noch ihren Satz sagen.

Sie tat mir so unendlich leid, es war so schwer, sie so zu sehen; dabei kannte ich sie erst seit einer halben Stunde. Ich war auch eine große Schwester. Ich konnte ihr so gut nachfühlen. Aber ich durfte mich aber nicht aus meiner Position herausbewegen. Die Therapeutin reichte ihr schließlich die Box mit den Taschentüchern und ich bemerkte, dass auch die anderen zu kämpfen begannen. Alle aber bemühten sich sehr, ihre Rolle beizubehalten. Es war wirklich unwahrscheinlich, welch intensive Emotionen plötzlich in dem kleinen Konferenzraum herrschten, in dem vor nur zwanzig Minuten noch fast jeder gesagt hatte, dass es ihm gut ging und dass er ruhig war.

Dann aber durfte Julia ihre eigene Position verändern und sich einen neuen Satz geben. Und plötzlich veränderte sich das ganze Gefüge. Julias Stimme wurde mit dem neuen Satz kräftiger, sie fing sich und hörte auf zu schluchzen. Noch dreimal wiederholten wir alle unseren Satz und mit jedem Mal schien Julia zu wachsen. Schließlich lösten wir uns aus der Skulptur und gaben Julia unmittelbar  Feedback: Wie es für uns auf unseren Positionen gewesen war und wie wir sie wahrgenommen hatten.

Am Ende der Stunde war ich komplett verwirrt. Auch die anderen hatten berichtet, dass es schwer für sie gewesen war. Aber keinen hatte diese Skulptur anscheinend so sehr mitgenommen wie mich. Ich hatte Julia so sehr nachfühlen können. Gut,  es war mein erstes Mal gewesen. Und gut, ich hatte in den letzten Monaten schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ich mich kaum noch von den Emotionen anderer abgrenzen konnte. Aber schließlich fiel mir ein weiterer, möglicher Zusammenhang auf, über den ich bisher keine Sekunde nachgedacht hatte. Nach der plötzlichen Erkrankung meines Vaters hatte ich mich ähnlich gefühlt wie Julia in der Skulptur, die sie eben aufgestellt hatte. In einem völlig anderen Ausmaß und in einer völlig anderen Situation. Aber im Grund genommen ganz genauso wie Julia damals.

Diese erste Angstgruppenstunde war extrem anstrengend für mich gewesen, ich hatte einen verdammt vollen Kopf mit vielen neuen Gedanken. Ich verzog mich auf mein Zimmer, setzte mich in einen der Liegestühle auf dem Balkon in die Sonne und hing meinen Gedanken nach, versuchte, sie zu sortieren, schrieb einiges auf. Nach dem Mittagessen, um 13 Uhr, war meine erste Kunsttherapie.

Auch hier stellten sich wieder alle vor, auch hier sagte jeder, wie es ihm gerade ging. Auf dem Tisch vor uns hatte die Kunsttherapeutin, die genauso war, wie man sich eine Kunsttherapeutin so vorstellt, zahlreiche Papierschnipsel ausgebreitet; es waren Zeitungsauschnitte mit Sprüchen drauf. Wir sollten uns einen aussuchen, der uns ansprach. Ich war wie immer fasziniert davon, wie jeder innerhalb von wenigen Augenblicken einen Spruch für sich fand, ohne groß Nachdenken zu müssen und ohne, dass es Streitigkeiten gab. Ich entschied mich für „Everyday Amazing“. Jeden Tag wunderbar. Heute aus Protest. Ich wollte wieder zurück zu meinem alten „Everyday Amazing“.

Die Therapeutin hievte mehrere Stapel Zeitschriften auf den Tisch. Wir sollten eine Collage anfertigen, die zu unserem Schnipsel passte. Ich blätterte in den Zeitschriften, fand einige gute Headlines, die ich ausschnitt. Fand einige Gesichter in Illustrierten, mit denen ich in der Vergangenheit zusammen gearbeitet hatte. Und spürte, wie mir immer, je länger ich herumblättert, mir mehr und mehr die Luft wegblieb, ich schließlich Herzstechen bekam, mein Kreislauf beinahe wegsackte. Verdammt. Ich war mittlerweile vor allen Dingen genervt von diesen Anfällen, wusste ich ja, dass mir keinerlei Gefahr drohte, lediglich meine Psyche wieder Spielchen spielte. Natürlich hätte ich einfach die Therapeutin informieren und die Therapie verlassen n. Aber der Gedanke kam mir gar nicht erst, das fiel mir tatsächlich erst jetzt ein, als ich nun diesen Text schreibe. Ich atmete stattdessen tief ein und aus, beendete, was ich gerade getan hatte – nämlich die Zeitungen durchzublättern – legte sie alle beiseite, so dass ich sie nicht mehr sah und stand auf, versuchte, etwas Abstand zum Auslöser zu gewinnen. Langsam und bedacht holte ich mir Papier und Kleber, setzte mich wieder und begann, meine Ausschnitte aufzukleben, die Collage zu erstellen. Es legte sich wieder. Als ich weitere Ausschnitte suchte, nahm ich bewusst nur Zeitschriften in die Hand, die mir in der Arbeit nie untergekommen waren. Die NEON zum Beispiel und das sz-magazin. Das ging viel besser. Und ich fand meine Collage am Ende richtig gut! Mit einem Elefanten in der Mitte. Hinterher mussten wir der Therapeutin noch unsere Bilder erklären, obschon sie sowieso alle ziemlich selbsterklärend waren. Damit war die Therapie nach zwei Stunden, um drei, endlich vorbei.

What a day. Ich war froh, endlich Zeit für mich zu haben. Mein Kopf war voll von neuen Gedanken und alten Überlegungen. Für den Abend hatte ich mich mit Johanna für die Infrarot-Kabine eingetragen. Das würde, abgesehen vom Essen, der einzige weitere Programmpunkt heute sein. Ich brauchte die Zeit und die Ruhe, um meinen Kopf wieder zu sortieren. Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Elefant im Wald

Das ist nur Kunstfell!

Die Burnout-Gruppe

Ich war sehr gespannt auf meine allererste Gruppentherapie: die Burnout-Gruppe. Sie wurde von Therapeutinnen der Station V geleitet. Warum ich nicht in der Burnout-Station oder wie in der Psychiatrie in einer Depressionsgruppe landete, sondern stattdessen in der Angst-Station aufgenommen wurde, war mir ein Rätsel gewesen und würde es auch bis zum Schluss bleiben.

Natürlich hatte ich bereits in der Psychiatrie erste Gruppentherapien gehabt und Johanna hatte mir auch schon ein bisschen aus ihren Gruppen erzählt. Aber ich war trotzdem ziemlich unsicher, was mich in diesen Stunden erwarten würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit Wildfremden über meine innersten Ängste zu sprechen. Das fiel mir nach wie vor auch gegenüber den Psychologen schwer, obwohl ich mich langsam daran gewöhnte.

Nach dem Mittagessen am Dienstag machte ich mich also auf zu meinem ersten Termin der Burnout-Gruppe. Praktischerweise war der Gruppenraum auf meinem Stockwerk, so dass ich ihn nicht lange suchen musste. Als ich hineinging, saßen dort bereits zwei Männer, vermutlich in ihren späten Vierzigern. Ob ich hier richtig wäre? Es entwickelte sich ein bejahender, humorvoller Wortwechsel, die beiden waren mir auf Anhieb sympathisch, ich fühlte mich wohl. Ich setzte mich auf einen der noch zahlreichen freien Stühle in dem Stuhlhalbkreis. Die beiden Männer scherzten weiter, und ich war augenblicklich in sehr gute Stimmung und fühlte mich richtig wohl. Das war in den letzten Monaten äußerst selten vorgekommen. Der eine, Thomas hieß er, der mir von den beiden angenehmer war, sprach ganz genauso wie jemand, den ich gut kannte und mochte. Der gleiche Dialekt, der gleiche Tonfall. Ich kam aber einfach nicht drauf, wer es war. Bis schließlich, einige Minuten später, der Groschen fiel. Mein Ex-Freund. Und, Tatsache: Thomas war aus der gleichen Stadt. Dort hatte ich mich bis zuletzt immer wohl gefühlt. Gut aufgehoben und geliebt.

Während ich fieberhaft versucht hatte, herauszufinden, an wen mich Thomas so erinnerte, waren die weiteren Gruppenmitglieder in den Raum gekommen, auch die Therapeutin, die am anderen Ende des Raumes, zu dem sich der Stuhlkreis hin öffnete, eine weiße Leinwand herunterließ und via Laptop und Beamer eine Präsentation öffnete. Da außer mir ein weiteres neues Gruppenmitglied hinzugekommen war, bat die Therapeutin die Teilnehmer, zu der üblichen Willkommensrunde eine kurze Vorstellung hinzuzufügen. Jeder sollte zu Beginn einer jeden Stunde sagen, wie er sich denn fühlte – das kannte ich schon aus der Psychiatrie – und, das war in der Burnout-Gruppe speziell – erklären, was er sich heute schon Gutes getan hatte oder noch Gutes tun werde. Okay.

Es waren außer mir und dem zweiten neuen, einem Spanier, weitere acht Personen in der Gruppe. Die Männer waren leicht in der Überzahl, ich schien die jüngste zu sein. Eine junge Frau war in meinem Alter, 28, erklärte, sie wäre schon seit fünf Wochen hier und würde die Klinik in zwei Wochen bereits verlassen. Mit dem Skript der Burnoutgruppe war sie beinahe schon fertig, daher wäre das ihre vorletzte Stunde in dieser Gruppe. Sie würde sich heute ein gutes Stück Kuchen in der Cafeteria gönnen. Ein junger Mann, Jonas, war 36, ebenso schon eine ganze Zeit hier. Er würde zum Abendessen in die einzige Pizzeria im Ort gehen und sich eben dieses Abendessen gönnen. Thomas hatte heute die letzte Stunde und würde abends Volleyball spielen. Martín, der Spanier, war bereits seit zwei Wochen in der Klinik, wie ich auch eigentlich der Angststation zugeteilt und war heute Morgen joggen. Das hatte er sich heute Gutes getan. Ich war die Sophie, seit einer Woche hier, wegen Burnout, Depression und Angstzuständen. Ich war gerade etwas aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Vor allem war ich mir nicht sicher, ob ich eine so lange Gruppenstunde überhaupt schon aushalten würde. Sonst ginge es mir, abgesehen von einer leichten Erkältung, ganz gut. Ich würde nachher draußen spazieren gehen.

Danach übernahm die Co-Therapeutin das Wort und begann mit uns eine geführte Entspannungsübung. Das war ebenfalls fester Bestandteil dieser Therapie. In jedem Termin würde eine andere Übung vorgestellt werden, so dass wir, die Teilnehmer, herausfinden konnten, welche für uns am besten funktionierte um diese dann auch selbstständig anwenden zu können. Daher musste jeder von uns nach er der Übung kurz erklären, ob es gelungen war, zu entspannen und wie es sich anfühlte.

Dann nahm die Therapeutin die Beamer-Bedienung in die Hand und die Co-Therapeutin drückte Martín und mir das ominöse Skript, in einem hässlichen senfgelben Schnellhefter gebunden, in die Hand. Es war ganz schön dick. Ich hatte Vorlesungen gehabt, deren Skripte dünner waren. Diese Therapie hatte einen stark psycho-edukativen Fokus, erklärte die Therapeutin. Sie würde, mit einer Kollegin im Wechsel, das Skript von Anfang bis Ende durchgehen, das würde im Schnitt vier Wochen dauern. Wir, die Patienten, stießen einfach hinzu, wenn ein Platz frei war, und würden dann eben vier Wochen der Therapie beiwohnen, bis wir das ganze Skript einmal durchgearbeitet hätten. Wir waren schon beinahe am Ende des Skripts. Nächste Woche würde ihre Kollegin dann übernehmen.

Die weitere Stunde lang fühlte ich mich beinahe wie in der Uni: Vor der Präsentation stehend erläuterte uns die Therapeutin zahlreiche theoretische Dinge. Es war tatsächlich nichts Neues dabei, ich hatte darüber entweder schon gelesen, oder bereits in der Psychiatrie davon gehört. Abgelöst wurde das ganze durch eine kurze Partnerübung und eine zehnminütige Pause, die wir – die Burnoutgruppe – unbedingt einzuhalten hatten. Es war weder besonders anstrengend, noch besonders aufregend. Die Atmosphäre war angenehm, es war gut auszuhalten, und ich hoffte, dass die Themen im Laufe der Wochen interessanter werden würden. Nach der Abschlussrunde – wir mussten erzählen, wie es uns denn jetzt ginge – und der Verabschiedung von Thomas war meine erste Gruppenstunde um kurz vor drei beendet. Ich war beinahe etwas enttäuscht, weil sie so unspektakulär gewesen war.

Ein voller Terminkalender

Am Sonntag war ich – wie erwartet – zu gar nichts zu gebrauchen. Das Mittagessen war eigentlich schon zu anstrengend. Ich versuchte, so wenig Sinnesreize wie überhaupt möglich zu generieren, schließlich musste ich ja immerhin noch selbst mit dem Auto bis in die Klinik fahren.

Ich war zwar wirklich gerne zu Hause, und das nicht nur wegen der Katze, aber wenn meine Schwester und meine Eltern da waren, wurde mir das momentan sehr schnell zu viel. Die Klinik –  obwohl ich noch nicht einmal eine Woche dort verbracht hatte – wurde mein neuer Sehnsuchtsort. Dort fühlte ich mich wohl. Dort hatte ich Ruhe. So viel davon, mit dem Blick vom Balkon in die Weite, ohne auch nur ein einziges Haus vor dem Horizont zu sehen. Und wenn ich mein Handy ausschaltete, war ich für die Außenwelt unerreichbar. Und deshalb fuhr ich diesmal beinahe direkt nach dem Mittagessen los.

Die knapp einstündige Fahrt war lang. Sehr lang. Und auch sehr anstrengend. Aber ich kam gut an. Der Tag war für mich vorbei. Ich malte noch in meinem neuen Malbuch und las etwas.

Montagvormittag traf ich mich mit Johanna auf einen großen Spaziergang und verbrachte sonst den Tag sehr zurückgezogen. Im Laufe des Nachmittags trudelten drei Zettel in unserem Zimmer ein. Alle drei waren für mich: eine Einladung zur „Schematherapie Angst“, mittwochs und freitags um 9.20 Uhr, eine Einladung zur Burnout-Gruppe, dienstags und donnerstags um 13.00 Uhr und zur Kunsttherapie I, montags und mittwochs um 13.00 Uhr. Das waren die drei Gruppen, die ich in Absprache mit meiner Therapeutin besuchen würde. Offensichtlich war ich recht schnell in diese Gruppen hineingekommen. Meine Nachbarin, die ältere Dame, quittierte die Zettel nur mit einem schlecht gelaunten „ich bin schon seit zwei Wochen hier und ich habe nichts zu tun, und überhaupt ist man hier so allein gelassen“. Ich brummte nur zustimmend, um einer weiteren Jammertirade auszuweichen. Ich war mir gar nicht so sicher, ob ich überhaupt so froh über den vollen Zeitplan sein sollte. Die Burnout-Gruppe dauerte beinahe zwei Stunden am Stück. Ich konnte mich noch gar nicht so lange konzentrieren. Und dann hatte ich im Anschluss daran auch noch –  zumindest in dieser Woche – einen fünfzigminütigen Termin bei meiner Therapeutin. Langweilig würde mir nicht werden. Wohl eher das Gegenteil. Ich trug die Termine in meinen Kalender ein. Sie überschnitten sich wenigstens nicht mit den Sportterminen und bisher auch nicht mit den beiden je fünfzigminütigen Therapiegesprächen, die ich pro Woche hatte. Einzig Montagvormittag und Freitagnachmittag hatte ich noch frei.

Die Hochzeit

Am Samstag stand ich früh auf. Ich war in guter Stimmung, voller Vorfreude auf die Hochzeit. Ich frühstückte, holte meine Wochenendration Tabletten in der MZ und fuhr nach Hause. Es war wenig Verkehr, ich war sogar etwas früher als geplant zu Hause.

Meine Eltern und meine Schwester waren bereits mitten in den Vorbereitungen, das Bad voll belegt. Ab zehn Uhr waren wir beim Brautpaar, ein paar Ortschaften weiter, zum Weißwurstfrühstück eingeladen, die Trauung war für den Mittag angesetzt. Wir würden mit zwei Autos fahren, so dass ich jederzeit nach Hause konnte.

Die Versuche, mir ein neues Kleid zu kaufen, waren ja kläglich gescheitert. Aber ich habe einen eleganten Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen: Online-Shopping. Ich hatte bereits einen hellrosafarbenen, knielangen Plissée-Rock und dazu passende Sandalen zu Hause, beides wunderbar auch für eine Hochzeit geeignet. Dazu hatte ich mir eine weiße Spitzenbluse bestellt. Und, seien wir mal ehrlich, um „offline“ eine Bluse zu finden, die so gut zu dem Rock passte, hätte ich mir vermutlich wochenlang die Füße wund gelaufen.

Meine Schwester glättete mir meine Haare, da ich das auch nach vier Wochen mit kurzen Haaren immer noch nicht so richtig drauf hatte, und schließlich waren auch wir fertig. Meine Eltern waren schon vor etwa einer halben Stunde losgefahren.

Das Brautpaar hatte an der Garage ein Zelt angebaut, was aber eigentlich, denn es war ein strahlend schöner Herbsttag, gar nicht notwendig war. Sie hatten sogar eine ganze Blaskappelle engagiert, die während des Weißwurstfrühstücks spielte. Das würde eine richtig urige bayrische Bauernhochzeit geben.

Die Blaskapelle war allerdings verdammt laut. Viiieeeeel zu laut. Ich schnappte mir also zwei Weißwürste, mit süßem Senf und Breze versteht sich, setzte mich zu meiner Verwandtschaft an einen etwas abgelegenen Tisch und bemühte mich, die Musik zu ignorieren. Glücklicherweise musste die Kapelle auch hin und wieder eine Pause einlegen, ein Wohlgenuss für meine armen Ohren. Beim nächsten Einsatz der Musik war ich wieder weg. Langsam wurde es außerdem voll. Ich beschloss, erstmal auf die Toilette zu gehen. Die war im Haus, das war wunderbar weit weg von der Blasmusik. Auf dem Weg dahin konnte man wunderbar mit den verschiedensten Menschen ratschen. Unterwegs erfuhr ich, dass einer meiner Cousins seinen neuen Hund dabei hätte, einen Boarder-Collie-Welpen.

Der Welpe musste natürlich Gassi geführt werden. Ideal! Also suchte ich den Hof nach dem Hund ab, fand ihn (und meine Cousin am anderen Ende der Leine) schon halb auf dem Feldweg, ignorierte mein absolut Feldweg-untaugliches Schuhwerk und beschäftigte mich in der nächsten halben Stunde mit dem Hund, fernab von dem ganzen Trubel.

So in der Art ging der Tag weiter: Die Hochzeit war wunderschön, die Stimmung war toll, das Wetter perfekt und ich schaffte es, in einer Mischung aus Dabeisein und Mich-doch-immer-wieder-ausreichend-abseits-zu-halten, relativ lange relativ gut durchzuhalten. Ich tanzte sogar und dann, als es zum Brautverziehen in den sonnigen Biergarten unter alten, knorrigen Kastanien- und Obstbäumen ging, war mir alles egal. Die Band war verdammt laut, aber dagegen hatte ich Ohropax. Ich konnte trotzdem noch mitsingen, ich hörte nach wie vor alles, ich stand, wie alle anderen, auf den Stühlen, feuerte den Bräutigam an, bis er seine Braut endlich wieder ausgelost hatte, ich genoss es. Und es tat so gut! Ich fühlte mich, inmitten meiner ganzen Verwandtschaft, so sicher und so geborgen, dass ich zwischendrin, als mir dieser Gedanken durch den Kopf schoss, beinahe vor Glück angefangen hätte zu weinen. Ich war nicht allein. Nein. Ich hatte sie alle. Ich konnte auf jede Einzelne meiner Tanten, jeden Onkel, jede Cousine und jeden Cousin zählen. Und vor allen Dingen auf meine Schwester und meine Eltern. Ich war zum ersten Mal seit sehr langer Zeit glücklich, und zwar aus ganzem Herzen, ich hätte die Welt umarmen mögen.

Zum Schluss sattelte die Band auf AC/DC um, das war dann leider samt Ohropax zu laut. Das Brautstehlen hatte schon über eine Stunde gedauert, ich war erschöpft, verdrückte mich einmal mehr auf die Toilette und dann in einen eher abseits gelegenen Teil des Biergartens, wo sich die kleinen Kinder mit ihren Omas aufhielten.

Ich hatte meine Belastungsgrenze mehr als ausgereizt. Ich war auch schon wesentlich länger dabei gewesen, als ich mir je erhofft hatte. Es gab Abendessen. Danach würde ich fahren. Es ging nicht mehr. Als die Band draußen aufhörte, zog ich mir die Ohropax aus den Ohren. Und wenige  Sekunden später stopfte ich sie wieder rein. Es war viel, viel, viel zu laut. Es war nicht mehr auszuhalten. Insbesondere, da nach dem Brautverziehen und vor dem Abendessen der allgemeine Alkoholpegel auf Hochzeiten generell am höchsten war. Und ich stocknüchtern und völlig erschöpft. Das Abendessen war dennoch sehr, sehr lecker. Die Nachspeise konnte ich zu meiner Enttäuschung leider nicht mehr abwarten, ich verabschiedete mich. Meine Verwandten hatten sich sehr gefreut, mich zu sehen, zu sehen, dass ich dabei war und wieder lachen konnte. Und ich musste mit niemandem diskutieren, warum ich denn nun schon ginge. Meine Schwester kam mit mir mit, sie wollte mich offensichtlich nicht alleine gehen lassen.

Ich fuhr selbst, die Feier war etwa zwanzig Minuten von zu Hause entfernt gewesen. Es war eine altbekannte Strecke, die ich schon hundertmal in meinem Leben gefahren war. Trotzdem war ich heilfroh, als ich endlich, endlich sicher zu Hause war. Meine Konzentration war so rapide gesunken, dass ich nach zehn Minuten Fahrt das Gefühl hatte, mich nicht länger als 100m auf die Fahrbahn und das Fahren konzentrieren zu können. Auf meine Schwester konnte ich auch nicht zählen. Sie saß zwar neben mir, aber ganz abgesehen davon, dass sie nicht nüchtern war, hatte sie ihre Brille nicht auf. Ich würde den Baum nicht mal sehen, wenn ich schon dagegen gefahren wäre, meinte sie nur. Hilfreich.

Ich fuhr also langsamer, stehen bleiben wollte ich zwei Kilometer von zu Hause entfernt allerdings auch nicht mehr. Wir kamen sicher zu Hause an. Ich fiel tot ins Bett.

Am nächsten Tag wusste ich nicht einmal mehr, dass meine Schwester mit mir nach Hause gefahren war.

 

Ausflug

Ach, wie schön das Leben doch sein konnte! Draußen schien die Sonne, das Mittagessen war sehr gut gewesen und der Knallertisch entwickelte sich richtig positiv. Wir hatten eine Neue dazubekommen. Auch so ganz und gar nicht der Typ Mensch, mit dem ich normalerweise zu tun hätte – aber es war mittlerweile genau diese total verrückte Mischung, die den Tisch ausmachte. Jede von uns führte draußen ein völlig anderes Leben, allein schon, weil wir alle unterschiedlich alt waren. Und deshalb hatte jede von uns so unglaublich unterschiedliche Dinge zu erzählen. Ein wenig fühlte ich mich wie auf Reisen. Unterwegs trifft man immer auf Menschen, mit denen man zu Hause vermutlich kein Wort wechseln würde. Einfach, weil es sich nie ergäbe. Und mit jedem Menschen, mit jeder neuen Ansicht, lernt man dazu; begreift Neues oder rückt die eigenen Ansichten wieder zurecht. Es war meistens hochinteressant, was die anderen zu erzählen hatten. Wenn es mir gut ging, freute ich mich auf jedes Essen. Wenn es mir schlecht ging, war es aber auch völlig okay, dass ich sofort, nachdem ich gegessen hatte, wieder den Tisch verließ.

Heute ging es mir gut. Ich hatte ja noch keine Therapien und Johanna und Tina hatten Freitagnachmittag immer frei. Die Sonne schien, ein Tapetenwechsel würde sicherlich nicht schaden und so beschlossen wir drei, einen Ausflug in die nächste Stadt zu machen. Ein bisschen bummeln und Eis essen. Die anderen beiden waren schon hier gewesen und kannten sich aus. Ich war noch nie dort gewesen, obwohl ich die einzige Münchnerin war und somit sehr in der Nähe wohnte. Und das Städtchen war wunderbar malerisch, ein wenig mittelalterlich geprägt, mit vielen kleinen Gässchen, wunderbaren Häusern und einem Flussufer in der Altstadt. Und vielen schönen Geschäften! Direkt am Hauptplatz, wo Johanna das Auto abstellte, begann die kleine Einkaufsstraße. H&M, Thalia, Street One oder S.Oliver waren da, aber auch sehr viele kleine Geschäfte, die keiner Kette angehörten. Johanna hatte, seit es ihr wieder gut ging, das Einkaufsfieber gepackt. Sie hatte zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wieder überhaupt wirklich Freude an etwas und das machte sich auch beim Shoppen bemerkbar. Zielstrebig steuerten die beiden also das erste Geschäft an, das sich von einer Glasfront aus, die so breit war wie der Laden selbst, tief in das Gebäude hineinwand. Ein schöner Laden. Ich brauchte zwar nichts, aber ein bisschen stöbern konnte ja nicht schaden. Ich folgte also Johanna und Tina. Die beiden liefen zielstrebig auf die ersten Ständer zu. Ich blieb wie angewurzelt vor der Türschwelle stehen. Als wäre eine Wand vor mir heruntergefahren. Ich konnte dieses Geschäft nicht betreten. Ich konnte keinen Schritt weiter gehen.

Ich stand da und wollte eigentlich rein. Aber  es ging nicht. Ich konnte nicht durch diese Mauer gehen, die sich da plötzlich vor mir aufgetan hatte. Ich gab mich geschlagen. Fünfzig Meter weiter war offensichtlich eine Buchhandlung, eine ganze Reihe Buchregale und Ständer mit Postkarten standen davor. Ich rief Johanna und Tina zu, dass ich dort auf sie warten würde. Johanna wusste ja, dass ich mit dem Einkaufen Schwierigkeiten hatte. Tina schaute mich fragend an. Ich sagte ihr nur, ich kann nicht, das geht gerade einfach nicht. Sie stellte keine Fragen, die beiden meinten nur, sie würden dann sowieso gleich zur Buchhandlung kommen.

Ich stöberte also ein wenig in den Bücherkisten und bis Johanna und Tina kamen hatte ich mich wieder beruhigt. Die Gefahr war schließlich gebannt. Ich betrat kein Kleidergeschäft mehr. Andere Geschäfte aber waren kein Problem. Ich entdeckte ein paar hundert Meter weiter sogar mein neues Lieblingsgeschäft: Eine liebevoll eingerichtete, großzügige Buchhandlung (es gibt in diesem Städtchen offensichtlich sehr viele Leser) mit spannend ausgewähltem Sortiment, die zudem einige Dekoartikel, Schreibwaren und Künstlerbedarf führte. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Weiter hinten im Laden entdeckte ich, wonach ich insgeheim gesucht hatte: Ein Malbuch.

Ruth, meine Zimmergenossin in der Psychiatrie, hatte sich an einem meiner letzten Tage ein Mandala-Malbuch gekauft. Mandala kannte ich bis dahin nur aus der Freiarbeit in der Grundschule. Ich hatte die damals geliebt. Und auch Johanna hatte vor kurzem eines geschenkt bekommen. Johanna hatte in der Psychiatrie auch in der Ergotherapie, in der ich nie war, zuletzt hauptsächlich Zentangel gemalt. Für mich war das einfach systematisches Gekritzel, wie früher in der Schule am Heftrand. Aber sie machte das gerne, es tat ihr gut. Buntstifte hatte ich mir im Juli bereits gekauft, da eine gute Freundin mir vorgeschlagen hatte, ich könnte doch ein wenig malen? An mir war aber keine große Künstlerin verloren gegangen, deshalb hatte ich die dann doch kaum benutzt. Aber diese Malbücher waren wirklich schön. Ich suchte mir also eines aus, eines mit Tieren natürlich, und entdeckte hinterher bei Tchibo sogar noch ein 10er-Pack bunte Gelstifte, die ich auch mitnahm.

Damit war unsere Shoppingtour beendet und wir setzten uns in ein kleines Eiscafé am Flussufer und gönnten uns etwas Gutes. Es war einfach schön mit den beiden. Wir verstanden uns gut, ohne jeden Druck, es gab keine komischen Nachfragen, wir unterhielten uns über völlig normale Dinge, über die Klinik und Mitpatienten und ließen uns von dem glitzernden Wasserspiel zwischen Sonne und Stauwehr faszinieren. Es war ein wunderschöner Nachmittag. Dass ich nicht in das Geschäft gehen konnte und meine Ängste offenbar doch noch intensiver waren, als ich mir selbst gegenüber und auch der Psychologin gegenüber zugeben wollte, war schon lange wieder vergessen.