Ich bin gerade etwas Welten bummeln (Achtung, Spoiler: Es geht mir wieder soweit gut) und melde mich daher die nächsten 2 Monate nur sehr spärlich… Aber dann wieder mit viel Text! Versprochen 🙂
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Schokolade ist aus!
Freitag. Angstgruppe. Meine Stimmung war wieder halbwegs in Ordnung. Bis zur Angstgruppe. Ich hatte eh schon nur noch ein Minimum an Energie und dann musste ich auch noch aktiv mitmachen, weil niemand ein Thema hatte. Auf dem Boden lag eine Schnur, unsere Zeitliste. Und ich musste angeben, wo ich mich bei meinem Klinik Aufenthalt gesehen hatte, dann weiter gehen, wo ich jetzt stand. Das war schon ein bisschen weiter. Und dann dorthin gehen, wo ich wieder hin wollte. Was mein Ziel war. Von dem Punkt, an dem ich war, als ich in der Klinik ankam, zu jenem an dem ich mich aktuell sah, reichte ein kleiner Hüpfer. Zu dem Punkt, an den ich gelangen wollte, musste ich die restliche Zeitleiste entlang gehen. Die war lang. Verdammt lang.
Was war mein Ziel? Ich wollte wieder Ich sein. „Wie bist du denn?“, fragten sie mich. Ich versuchte es mit ein paar Adjektiven. „Naja, eben. Fröhlich, voller Energie. Immer gut gelaunt.“ Die Therapeutin machte mir unmissverständlich klar, dass mein Ziel offensichtlich noch nicht definiert war. Dass ich offensichtlich gar nicht wirklich wusste, wo ich hin wollte. Das alte Ich hatte mich ja schließlich hierher gebracht. Ich musste etwas ändern in meinem Leben. Wollte ich wirklich wieder genauso werden, wie ich war?
Ich kämpfte mit den Tränen. Das war genau das, wovor ich am meisten Angst hatte. Ich hatte mein Leben geliebt. Ich wollte es nicht hergeben. Oder hatte ich das schon? Ich war ja oft gar nicht mehr selbst da. Zumindest fühlte ich mich so. „Aber du strahlst doch auch jetzt noch so viel Energie und Fröhlichkeit aus“, meinte jemand aus der Runde. „So, wie du da eben gehüpft bist. Da ist schon noch was da, Sophie. Das ist nicht alles weg.“
Eigentlich war das ja beruhigend. Aber die Aussage machte es nur noch schlimmer. Ich hüpfte ja nicht, weil ich fröhlich war. Sondern weil ich gar nicht anders konnte. Ich konnte das doch nicht anders. Ich habe es nie anders gemacht. Ich weinte. Schon wieder.
Und wie so oft begann ich zu frieren. Meine Hände waren warm, meine Haut, die Sonne schien ja auch draußen. Aber ich fror von innen heraus. Die Stunde war vorbei. Ich musste einen lieben Menschen hören. Johanna hatte Therapie. Ich holte mein Handy und etwas Geld und ging in die Cafeteria. Ich brauchte Schokolade. Am besten eine ganze Tafel. Die würde mich etwas aufwärmen.
Ich hatte Glück. Ich bekam die allerletzte Tafel. Nicht unbedingt meine Lieblingssorte, „Ganze Nuss“, aber immerhin Schokolade. Schokolade war jetzt ausverkauft in der Psycho-Klinik, die neue Lieferung würde erst in drei Tagen kommen. Ich setzte mich auf der Terrasse in die Sonne und rief bei Helene an. Das Telefonieren tat gut, sie heiterte mich auf und lenkte mich ab. Nebenbei aß ich die ganze Tafel. Mir wurde langsam wieder wärmer.
Samstag fuhr ich wie immer nach Hause. Und machte das ganze Wochenende original gar nichts. Lag im Haus herum und beobachtete die Katze. Ging spazieren und Sonntag in die Kirche. Das war alles. Sonntagabend kam ich wieder in die Klinik.
Zusammenbruch
Am Abend noch hatte ich Ihnen allen geschrieben. Meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester, meiner besten Freundin, meinem aktuellen Ex-Freund und meinem ersten Freund, mit dem ich immer noch in Kontakt war. Ich hatte Angst. Noch nie in meinem Leben hatte ich so etwas gemacht. Was, wenn Ihnen nichts einfallen würde. Würden sie überhaupt antworten?
Nach und nach trudelten die Antworten ein. Ich sammelte sie auf einem Block, erstaunlicherweise überschnitt sich wenig. Meine Eltern hatten am meisten geschrieben. Belustigt hatte mich eine Antwort meiner Mutter: „Sehr liebevoll, besonders mit Schafen und Katzen.“ Auf meine etwas verwirrte Frage hin, was sie damit genau meinte, antwortete sie, naja, eben liebevoll. Und Katzen und Schafe magst du doch gern.“ Na gut 🙂
Mehrmals war „immer gut gelaunt“ und „für jeden Spaß zu haben“ zu lesen. Das bereitete mir Sorgen. Was war denn dann, wenn ich nicht lachte? So wie im Moment? Mochten sie mich dann gar nicht mehr? Insgesamt aber war ich erleichtert über die Antworten. Sie hatten sich alle gemeldet, jeder hatte sich Zeit für mich genommen. Und es waren Dinge dabei, die ich selbst nie aufgezählt hätte. Aber auch alle, die mir selbst wichtig waren. Ich war erleichtert. Meine Stimmung hellte sich aber nicht auf. Im Laufe des Mittwochs wurde sie eher noch schlechter. In der Angstgruppe hatte heute die mit einer sonst großen Klappe ausgestattete, coole Jenny ein Thema gehabt. Selbst sie, deren Auftreten sonst eher einschüchterte, hatte Taschentücher gebraucht. Die waren sowieso in jeder Stunde im Dauereinsatz.
Aus welchem Grund auch immer – es war für mich selbst absolut nicht ersichtlich, meine Schwester war ja nun schon ein paar Tage in Berlin und hatte bisher eher positiv geschrieben – ging es mir immer schlechter. Mittwochabend spazierten Johanna und ich eine große Runde. Die Stimmung war auf dem bisherigen absoluten Tiefpunkt. Sonst war es immer mindestens einer von uns beiden recht gut gegangen. Johanna schimpfte ein wenig auf ihre Therapiegruppen und die Therapeutin. Ich hatte nichts zu schimpfen. Ich war einfach depressiv, ohne jeden Antrieb, ohne jeden Funken Lebensenergie. Einschlafen ging irgendwann irgendwie.
Am nächsten Morgen wurde es nicht besser. Um zehn hatte ich Therapiestunde. Ich war ein Häufchen Elend. Die Therapeutin fragte mich gar nicht erst, wie es mir ging. Es war offensichtlich. Ich hielt ihr die Liste hin, die ich in den vergangenen zwei Tagen gesammelt hatte. Sie überflog sie. Wunderschön. Für jeden Spaß und jedes Abenteuer zu haben. Spontan. Fröhlich. Warmherzig. Es waren wirklich viele Dinge. Viele sehr positive Dinge. Die Ärztin betonte das auch noch mal. Dass sie solche Listen nicht allzu oft sähe. Ob mich das nicht aufheitern würde. Offensichtlich war ich nicht nur nicht allein, sondern wurde auch sehr geschätzt. „Ich weiß“, antwortete ich ihr. „Aber es kommt nicht mehr durch“, waren meine Worte. „Ich kann es nicht spüren.“
Und ich verstand einfach nicht, warum es mir ausgerechnet jetzt so schlecht ging. Es gab doch keinen Anlass. „Oh naja“, meinte da die Ärztin. „Das ist eigentlich kein Wunder. Schließlich nehmen Sie seit ein paar Tagen gar kein Mirtazapin mehr. Das wirkt ja auch anti-depressiv.“ Ich nahm das in dem Moment gar nicht so war. Erst später, als ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte, fiel mir das wieder ein. Mir war nie bewusst gewesen, dass das nicht nur beruhigend und schlaffördernd, sondern auch anti-depressiv wirkte. Das erklärte natürlich einiges. Half mir aber dennoch nichts. Ich konnte die Tablette ja nicht einfach wieder nehmen.
Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, über was wir in dieser Stunde gesprochen hatten. Aber wirklich aufbauen konnte sie mich diesmal nicht. Ich hing zu tief drin. Nur, dass sie mich zuletzt fragte, ob es irgendetwas anderes, ein ganz anderes Thema gäbe, was mich zusätzlich beunruhigte? Ich schniefte immer noch. Ja. Ich hatte Angst, bald wieder in die Arbeit zu müssen. Wie all die anderen aus der Burnoutgruppe, die bereits zwei bis drei Wochen nach ihrer Entlassung mit der Eingliederung begonnen. „Solange es Ihnen nicht gut geht, werden sie nicht arbeiten müssen, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wenn Sie krank sind, werden sie von jedem Arzt auch krankgeschrieben werden.“ Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Eine Sorge weniger.
Als sie mich verabschiedete, tat sie etwas, was Therapeuten sonst nie tun. Sie stand auf, und nahm mich in den Arm. Drückte mich fest und fragte mich: „Gibt es denn hier in der Klinik niemanden, der sie in dem Arm nehmen kann?“ „Johanna“, schluchzte ich. „Sagen sie ihr, sie soll sie ganz fest drücken, ja?“
Ich ging hoch in mein Zimmer. Rief Johanna an. Ob sie kommen könnte. Sie war schon auf dem Weg zur Wassergymnastik. Da sollte ich eigentlich auch hin. Egal. Ich war sowieso nicht fähig. Sie kam zu mir und war ziemlich perplex, als sie mich völlig verheult vor ihr stehen sah. „Ge Franzi, was ist denn los? Komm her.“ Sie nahm mich in den Arm, wir setzten uns auf mein Bett. Und ich heulte. Und heulte. Sie redete mir gut zu. Schaukelte mich fast wie ein kleines Kind. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich will, dass das alles endlich aufhört. Sie setzte dagegen, „Franzi, es wird alles wieder gut.“ Wie ich es schon so oft bei ihr getan hatte. Irgendwann hatte sie es geschafft, mich zu beruhigen. Oder ich hatte einfach keine Tränen und keine Kraft mehr, zu weinen. Ich weiß es nicht. Sie blieb neben mir sitzen, fütterte mich mit Schokolade. Versuchte, mich zum Lachen zu bringen, bis es Zeit war für das Mittagessen. Ich stand immer noch ziemlich neben mir. Genauso in der Burnoutgruppe. Ich beteiligte mich kaum. Sah einfach nur zu. Am Abend ging ich eine große Runde spazieren. Ich musste mich dazu zwingen. Ich spürte, wie die Angst sich wieder fest in mir verbiss. Ich hatte Angst davor, allein draußen zu sein. Insgeheim Angst, ich würde mir vielleicht etwas antun, da draußen, allein auf dem Feld. Aber wenn ich die Angst gewinnen ließe, wäre ich hier eingesperrt. Das durfte nicht sein. Das erste Stück rannte ich beinahe. Wie damals im Wald begann ich absichtlich langsam zu gehen und baute kleine Achtsamkeitsübungen ein. Es half. Ich konnte langsamer gehen und die Angst verflog. Abends heulte ich mich in den Schlaf.
Pawlowsche Hunde
Heute in meiner Lieblings-Gruppe – der Angstgruppe – gab es ein bisschen Theorie: die Angstkurve, „psycho-edukativ“ nannte sich das Ganze. Ich stehe da drauf! Diese Theorien und Graphen kann man wenigstens verstehen.
Jedenfalls, der Gedanke hinter dem Konzept ist: Die Angst steigt nicht, wie von uns angenommen, ins Unermessliche, sondern es gibt einen Punkt, an dem sie nicht mehr steigt, sondern wieder sinkt. Die Angstreaktion ist genau wie die Stressreaktion des Körpers eine Reservefunktion: Sie wird aktiviert, um in bestimmten Situationen „überleben“ zu können. Das Noradrenalin und das Adrenalin, das dabei benötigt wird, ist aber irgendwann wieder aufgebraucht. Und dann hört die Angst auf, dann fallen wir – wie etwa nach einer schweren Prüfung oder einem harten Arbeitstag – in ein Erschöpfungstief.
Wir Angstpatienten sind alle Pawlosche Hunde:
Ich zum Beispiel bekam beim Kleiderkaufen eine Panikattacke. Daraufhin konditionierte sich mein Hirn unbewusst: Kleidergeschäfte sind gefährlich. Dann: Alle Räume, aus denen ich nicht unmittelbar an die frische Luft fliehen kann, sind gefährlich. Sprich: U-Bahn-Fahren ist gefährlich. Und irgendwann, weil auch die Angstreaktion einem Prozess der Generalisierung unterliegt, greift die Angst auf immer weitere Bereiche über. Letzte Woche hatte ich plötzlich Angst, alleine draußen spazieren zu gehen. Ich habe mich dagegen gewehrt und bin los gelaufen. Ich wollte nicht zulassen, dass diese dumme Angst nun wirklich beginnt, mein Leben einzuschränken. Und ich bin wirklich beinahe gelaufen. Erst nach etwa zwei Kilometern – auf der Hälfte der Runde – beruhigte ich mich und konnte mich entspannen. Das Gute ist: Man kann uns – genau wie einen Hund – auch wieder ent-konditionieren, und genau da setzt das Expositionstraining an.
Später im Zimmer kam mir plötzlich: Was für eine Ironie! Eigentlich hätte ich das alles bereits wissen müssen. Ich bin jahrelang Trainerin für Geräteturnen gewesen. Das erste, was du machst, wenn dir ein Kind vom Schwebebalken fällt, ist, es wieder draufzustellen (sofern es keine Verletzung davon getragen hat natürlich), selbst wenn es vor Schreck heult. Und wieder, und wieder. Bis es, allein oder mit Hilfe, klappt. Ich habe das einfach gemacht, weil es mit mir so gemacht wurde und mir später dann auch irgendwie sinnvoll erschien. Jetzt erst erschließt sich mir der Kreis: Wir lassen einer unbewussten Konditionierung (Schwebebalken = böse) gar nicht erst den Hauch einer Chance damit.
Urlaubsvertretung
Auch Therapeuten haben Urlaub. Und meine Therapeutin war Anfang Oktober zwei Wochen nicht da. In dieser Zeit würde ich meine beiden Therapiestunden, die ich jede Woche hatte, bei einer Urlaubsvertretung haben. Ich war meiner Ärztin zugeteilt worden. Bisher war sie mir vor allen Dingen als unnahbar und schroff aufgefallen – sie war es gewesen, die mich mit meinen erhöhten Leberwerten und vielen Fragen auf dem Gang stehen gelassen hatte. Die Konferenz (da trafen sich Ärzte und die verschiedensten Therapeuten, um über einen Fall zu diskutieren) würde erst in den nächsten Tagen darüber sprechen, war ihre ganze Antwort.
Ich war alles andere als erfreut über den Therapeutenwechsel. Mit meiner Therapeutin war ich ja ganz gut zurechtgekommen. Und generell ist es auch wenig sinnhaft, eine laufende Therapie zu unterbrechen. Die Ärztin wusste nichts von mir und ich kannte sie genauso wenig. Aber zwei Wochen gar keine Therapie zu haben, war eben auch keine Lösung. Im ersten Termin – sie war beinahe zehn Minuten zu spät, was natürlich von meiner Therapiezeit abgehen würde – erläuterte ich, warum ich hier war und was ich bis hierhin bereits für Fortschritte gemacht hatte und an was ich noch gerne arbeiten würde. Es war mein Geburtstag – nachmittags, der Tag, an dem es mir so gut ging, wie seit Monaten nicht mehr. Strahlend hatte ich ihr vom Geschenk meiner Kollegen berichtet, dem singenden Luftballon. Sie würde in den zwei Wochen gerne über meine Persönlichkeit sprechen. Das wäre für die zwei Wochen realistisch und ein verhältnismäßig abgeschlossener Block, begründete sie ihre Entscheidung. Ich war einverstanden und so gab sie mir einen Persönlichkeits-Test mit. Mal wieder ein Fragebogen. Er war beinahe so lang wie der Anamnesebogen, ich glaube, acht DIN A4-Seiten. Fragen über Fragen. Von „Ich weiß genau, wie ich das andere Geschlecht beeindrucken kann“ bis „Ich komme ungern zu spät“. Manche Fragen doppelten sich, um Nuancen anders gestellt. Das wichtigste war: Man durfte nicht über die Antworten nachdenken, sondern sollte die Ausprägung ankreuzen, die dem ersten Impuls entsprach.
Ich hatte ihr den Test einen Tag später unter der Tür durchgeschoben. Der zweite Termin in dieser Woche mit ihr entfiel, da sie einen Notfall einschieben musste. Mir ging es sowieso gut, mir war es also ganz recht. Mittlerweile war Dienstag, der zweite Termin also mit ihr. Ich war depri. Nicht so schlimm, wie ich es schon gehabt hatte. Aber doch deutlich. Dass ich heute Mittag, nachdem sie nicht zur Wassergymnastik aufgetaucht war, Johanna völlig verzweifelt und verheult in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, hatte meine Laune auch eher wenig gesteigert. Mir ging es immerhin noch besser als Johanna. Aber Johanna ging es gerade wirklich verdammt scheiße.
Ich saß also am Nachmittag wieder bei der Ärztin, die mir nach der ersten gemeinsamen Stunde nicht mehr ganz so unsympathisch war. Wie es mir ginge. Naja. Nicht so gut, und ich wüsste nicht warum. Sie bat mich, zu erzählen, was in den vergangenen Tagen so passiert war, was ich am Wochenende gemacht hatte. Und ich erzählte. Vor allem von meiner Schwester. Sie war am Sonntag nach Berlin abgereist. Und, obwohl ich mir sicher war, dass Berlin die richtige Entscheidung für sie war – und das schon gleich gar keine Entscheidung, in keinerlei Art und Weise, gegen mich war – war ich traurig. Und fühlte mich alleingelassen. Immerhin hatte sie mir in den letzten Monaten unglaublichen Halt gegeben. Da war es wieder. Dieses Gefühl, alleine gelassen zu werden. Die Ärztin war einigermaßen erstaunt, schließlich war ich nur eine Woche zuvor ganz beseelt gewesen von dem tollen Geschenk, den lieben Anrufen und Nachrichten, die ich zu meinem Geburtstag erhalten hatte. Sie forschte nach, warum das so wäre. Ich wusste das. Nicht erst seit der Therapie. Und dennoch hatte ich diesem Trigger nie wirklich etwas entgegen setzen können. Ich wusste um ihn, aber das war es auch. Ich heulte. Wie in beinahe jeder Therapiesitzung bisher. Sie versuchte mich aufzubauen. Wie aus einer intelligenten, jungen Frau mit so vielen Fähigkeiten so ein kleines Häufchen Elend ohne jegliches Selbstvertrauen werden konnte? Sie schaffte es tatsächlich, mich aufzubauen. Und gab mir eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde. Ich sollte meine Eltern, meine Schwester, meine beste Freundin und – wenn ich denn noch Kontakt hätte – meine Ex-Partner bitten, mir in Stichworten kurz zu schreiben, was sie an mir lieben/geliebt haben. Ich nickte.
Später erst wurde mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe erst bewusst. Ich sollte anderen Menschen bitte, mir zu sagen, was sie an mir gut fänden. Nach Komplimenten haschen.
6. Oktober
Jetzt bin ich seit vier Wochen hier. Seit knapp zwei Monaten in Kliniken, seit mehr als drei Monaten krankgeschrieben und immer noch kann ich es mir nicht einmal vorstellen, wieder zu Arbeiten. Die meisten, die mit mir ankamen, wissen ihren Entlassungstermin bereits. Ich habe immer noch keinen blassen Schimmer. Gleichzeitig habe ich riesige Angst davor, vielleicht tatsächlich in vier Wochen schon wieder mit der Eingliederung beginnen zu müssen. Ich kann doch nicht einmal mit einer Freundin gemeinsam kochen, ohne dass mein Kopf hinterher wieder sehr deutlich „Überlastung“ meldet. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, wie.
Meine Schwester ist am Wochenende nach Berlin gezogen. Immerhin schon ein Stück näher als die letzte Station in London. Aber immer noch viel zu weit weg, um spontan in den Arm genommen werden zu können. Ich fühle mich einmal mehr einsam.
Einsam und ziellos. Dann wieder genervt. Ich will einfach nicht mehr heulen. Ich will endlich wieder ein normales Leben führen. Gleichzeitig habe ich Angst davor.
Die Therapiesitzungen sind auch nicht immer einfach. Die Gruppenstunden sind sehr von der Konstellation der Teilnehmer abhängig. Die Schematherapie Angst ist super, ich fühle mich wohl und finde auch den Rahmen, um zumindest hin und wieder offen sprechen zu können. Die Burn-Out-Gruppe, die eher psycho-edukativ angelegt ist, geht mir auf den Senkel. Viele Dinge, dich ich schon weiß, mit dem Beamer an die Wand geworfen. Es fehlt nur das Pult für die Dozentin / Therapeutin. Außerdem fühle ich mich in der Gruppe nicht wohl. Ich bin mit Abstand die Jüngste. Abgesehen von den Symptomen kann ich mich mit den wenigsten Problemen der anderen identifizieren. Ganz anders als in der Angstgruppe und auch anders als zu Beginn meiner Zeit in Windach sind mittlerweile vorrangig Menschen in dieser Therapie, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Das sind keine angsteinflößenden Menschen, Nerds, Freaks oder sonst wie wirklich komische Leute. Aber einfach niemand, der mir sympathisch ist, keiner, der mir das Gefühl gibt, am richtigen Ort zu sein. Ich will in der Gruppe gar nicht über meine Antreiber, oder noch schlimmer, Gefühle, sprechen. Damit ist das Ziel ziemlich gut verfehlt.
Und auch in der Einzeltherapie geht es langsam ans Eingemachte. Die persönliche Biographie wird erarbeitet – und zwar nicht die berufliche Laufbahn, sondern vor allem die emotionale. Die eigene Persönlichkeitsstruktur. Auch hier habe ich meinen Wortschatz um ein neues erweitern dürfen. Es wird auch bewusst in die Tiefe gegraben. Wo liegt der Ursprung für die eigenen Handlungs- und Denkmuster. Früheste Erinnerungen. Da ist es doch manchmal erstaunlich, was sich bei einer, eigentlich glücklichen Kindheit, finden lässt. Dazu braucht es nicht einmal eine Scheidung oder gar schlimmere Dinge wie Missbrauch etc. Wie viele Spuren man bei Kindern hinterlässt – da stellt man sich schon mal die Frage, ob man es überhaupt verantworten kann, einmal selbst Mutter zu sein. Man kann es eigentlich nur falsch machen.
Die Therapien wühlen unglaublich auf. Erinnerungen, die man eigentlich, teils schon vor Jahrzehnten, begraben hatte, blubbern wieder auf. Die Emotionen, die damit verbunden sind. Gedanken kreisen stundenlang. Bis der Kopf wieder meldet – Pause! Das tut er meist mit einem leichten Druckgefühl dem raschen Absenken der Konzentrationsfähigkeit – was hast du gerade nochmal gesagt? – und vor allem auch einem sehr großen Verlangen nach Ruhe. Die bunten Ohropax sind momentan auf Dauereinsatz. Und zwar nicht, weil meine Zimmernachbarin schnarcht, sondern weil tagsüber die Geräusche, die von der Terrasse unter mir oder vom Gang in das Zimmer dringen, zu laut sind.
Klar, gibt es immer mal wieder gute Tage und Momente, und die Freude darüber, dass sie da sind, lassen mich manchmal auch beinahe so wie früher strahlen und lachen. Aber sind eben nach wie vor nur Momente. Wenn ich Glück habe, mal ein ganzer Tag.
Wir schreiben heute den 6. Oktober. Über Zeit darf ich gar nicht nachdenken.
Neue Woche
Am Samstagmorgen fuhr ich, wie jedes Wochenende, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Hause. Nach wie vor zu meinen Eltern. Meine Schwester, die offiziell ja bereits in der vergangenen Woche umgezogen war, war zum letzten Mal zu Hause. Am Sonntag würde sie endgültig nach Berlin ziehen, am Montag hatte sie dort ihren ersten Arbeitstag.
Das Wochenende war sehr unspektakulär. Ich war k.o., aber guter Laune, meine Eltern hatte ich nun seit vierzehn Tagen nicht gesehen, die Katze war da. Am Sonntag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Meine Schwester war schließlich in den letzten Wochen immer da gewesen. Sie hatte immer Zeit gehabt, ich hatte sie jederzeit anrufen können. Nun würde sie nicht nur Vollzeit arbeiten, also telefonisch nicht erreichbar sein. Sondern auch noch in Berlin wohnen. Unendlich weit weg. Aber ich konnte sie verstehen. An ihrer Stelle wäre ich auch nach Berlin gegangen. Der Abschied war traurig. Wie so Abschiede eben sind.
Ich war dann auch nicht mehr lange da, ich packte hauptsächlich noch meine Sachen und machte mich dann auch auf den Weg zurück in die Klinik. Am Montagmorgen bekam ich keine Mirtazapin mehr. Die Ärztin führte meine schlechten Leberwerte darauf zurück, dass ich die Kombination meiner Medikamente eben nicht vertrug und hatte beschlossen, testweise die Mirtazapin abzusetzen. Über diese Entscheidung war ich einigermaßen erleichtert gewesen. Bei Johanna und diversen anderen Patienten hatte ich in den vergangenen Wochen miterleben dürfen, wie heftig die Nebenwirkungen und auch die späteren Entzugserscheinung der Psychopharmaka sein konnten, wenn man sie nicht vertrug. Ich hatte mich immer sehr glücklich geschätzt, dass ich bis dato keinerlei Probleme gehabt hatte. Nun wurden also bei mir die Mirtazapin abgesetzt. Das waren die Tabletten, die ich abends nahm, um einschlafen zu können. Am Tag bevor mir die Ärztin mitteilte, dass sie mir die Mirtazapin absetzen würden, war ich zum allerersten Mal seit Anfang Juli einfach so eingeschlafen. Ich hatte mich, wie so oft, am Nachmittag in mein Bett gekuschelt, weil ich erschöpft gewesen war, um so zu tun, als ob ich schliefe. Schlafen ging ja nie, aber das stille Ruhen tat auch gut. Und dabei war ich doch tatsächlich eingeschlafen. Von daher dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Mirtazapin abzusetzen – jetzt, wo ich schließlich auch von alleine wieder schlafen konnte. Jedenfalls, zurück zum Montagmorgen, war diesmal nicht einmal mehr eine halbe Tablette in meiner Tagesration Tabletten, die mir der Pfleger in der MZ in mein blaues Schächtelchen einsortierte. Damit war sie wohl endgültig ausgeschlichen. Ich nahm das zur Kenntnis, beunruhigte mich aber nicht weiter. Bislang hatte ich ja auch keinerlei Probleme mit der geringeren Ration gehabt.
Etwa um neun war das Morgenprogramm vorbei. Frühstück, Laufen, Tabletten holen, Duschen. Montagvormittag hatte ich immer frei, Johanna auch. Johanna war nicht besonders gut drauf. Das Wochenende war durchwachsen gewesen. Bei ihr hakte die Psychotherapie im Moment ziemlich und noch dazu passte bei ihr nach wie vor die Zusammenstellung der Tabletten nicht. Sie hatte zwar keine Nebenwirkungen mehr – das Zittern hatte aufgehört – aber dafür auch kaum Wirkung. Es war gerade noch okay. Aber in Kombination mit der schwierigen Therapiesituation nicht gut. Wir sind dann also nicht in die Stadt oder an den See gefahren, sondern hatten einen langen Spaziergang gemacht. Zu den Pferden, den Hasen, den Schafen und an dem malerischen Flüsschen entlang. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. In der Kunsttherapie bastelte ich „meinen Rahmen“, den restlichen Nachmittag verbrachte ich relativ zurückgezogen. Ich schrieb mit meiner Schwester, wie es ihr denn so ginge. Und war früh im Bett. Meine Stimmung war nicht besonders gut. Aber ich schlief, auch ohne Tabletten, gut ein.
Ich will doch nur spielen.
Male deinen Seelengarten. Gestalte einen Rahmen für dein Leben. Male deinen Weg. Die Kunsttherapie war momentan nicht besonders spannend und sogar nervig. Die Themen waren relativ eng gestrickt und, ganz abgesehen, dass ich mich manchmal innerlich regelrecht weigerte, mich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen, machte es einfach überhaupt keinen Spaß. Das Thema war dumm. Alle um mich herum waren darauf bedacht, mit feinen Strichen möglichst schöne Bilder zu malen. Und konnten das auch noch alle. Sie verwendeten alle feine Kreiden, so dass ich auch dachte, nur mit diesen Kreiden malen zu dürfen. Ich wollte aber bunte, kräftige Farben, am besten Acrylfarben, wie in der Psychiatrie, und Pinsel. Keine dummen Kreiden. In der dritten Stunde dann fragte ich einfach, ob ich nicht auch mit anderen Farben malen könnte? Ja, war kein Problem. Also nahm ich diesmal die Acrylfarben. Das war schon besser. Aber immer noch nicht gut. Mein Bild war farbenfroh, aber immer noch nicht „schön“, wie die der anderen. Die wirklich bis ins Detail feine Gärten malten. Ich fragte mich, wo da nun ihre Seele war. Aber gut. Nicht meine Aufgabe. Wieder eine Stunde später entdeckte ich die Fingerfarben im Regal. Fingerfarben! Seit dem Kindergarten hatte ich das nicht mehr gemacht! Das würde bestimmt scheiße aussehen. Aber Spaß würde es machen! Und in dem Moment beschloss ich, dass es mir scheißegal war, was bei diesen Kunstwerken rauskommen würde. Ich würde sie ja sowieso nie aufhängen. Hauptsache, ich hatte Spaß dabei!
Von da an machte mir die Kunsttherapie Spaß. Ich entdeckte meine alte Bastelader wieder und konnte mich richtig in meine Projekte vertiefen, in die verschiedensten Materialien, dicke Pinsel oder auch in das Arbeiten mit Ton. Plötzlich waren die eineinhalb Stunden beinahe zu kurz.
Bei meinem letzten Ausflug in die Stadt habe ich mir auch eine Ausgabe der „flow“ gekauft, vor allen Dingen, weil auf dem Titel ein Interview mit Achtsamkeitsguru Jon Kabat-Zinn angekündigt war. Diese „Psycho“-Zeitschriften, wie ich sie gerne auch mal abschätzig nannte, hatten einen großen Leserkreis hier in der Klinik. Die „flow“ ist ein schönes Magazin. Es macht Spaß, darin zu blättern. Das Layout und die Farben sind angenehm zu betrachten, bunt und lebhaft, aber nicht anstrengend. Das Heft ist übersichtlich aufgeteilt und neben zahlreichen Artikeln über das Leben, Glück, also oftmals leicht philosophischen Themen, finden sich auch einige DIY-Anregungen – um den „flow“ gleich mit ins eigenen Leben zu nehmen. Ich war wirklich insgesamt positiv überrascht. Mittlerweile habe ich die flow ganz gelesen. Und am meisten angeregt hat mich nicht, wie erwartet, das Gespräch mit Kabat-Zinn, sondern ein ganz anderer Artikel.
Die Autorin Otje van der Lelij schreibt (auf Deutsch) über das Spielen. Der Spieltrieb liege in unserer Natur, sagt der kalifornische Psychiater und Spielforscher Stuart Brown, schreibt van der Lelij. Wir werden mit ihm geboren. Hunde verlieren diesen Spieltrieb nicht, wenn sie älter werden, leider ganz im Gegensatz zu uns. Wir lernen irgendwann, dass erst die Arbeit, dann das Vergnügen kommt. Einer der beliebtesten Glaubenssätze. Und auch nicht ganz falsch, aber eben auch nicht immer richtig. Als Spielen definiert Brown nicht zwangsläufig das, was wir im normalen Sprachgebrauch als Spielen definieren, also zum Beispiel ein Völkerballspiel, eine Runde Mau-Mau oder eine Partie Schach. Vielmehr ist Spielen alles, was wir nur zu unserem Vergnügen tun – ohne damit ein Ziel erreichen zu wollen.
Eine Stunde spielen verrät mehr über eine Person als ein Jahr reden.
Platon
Was wir gerne tun, mit was wir also spielen, bei welchen Aktivitäten wir die Zeit vergessen, ist dabei völlig individuell. Das kann das Gärtnern sein. Das Kuchenbacken. Das Heimwerken. Malen, Fotografie, Theater, Lesen, Sport, Musik, Fernsehen, selbst Tagträume. Brown ist weiter der Meinung, dass Depressionen eine Folge von chronischem Spielmangel sind. Die Arbeit, die früher leicht und spielerisch von der Hand ging – im Bayrischen sagt man sogar, man hat sich damit „gespielt“ – ist auf einmal des Vergnügens beraubt. Sie ist plötzlich nur mehr Mittel zum Zweck, zum Erreichen eines Zieles, mehr nicht. Man tut sie nicht mehr um ihrer selbst willen. Das mag in Ordnung sein. Solange ich eben in anderen Lebensbereichen noch ausreichend spielen kann und so einen Ausgleich finde.
Nicht von ungefähr also haben die Tipps, die ich von Therapeuten, Ärzten und Bekannten bekommen habe, also funktioniert: Machen Sie, was Sie früher gerne gemacht haben. Vielleicht ein Musikinstrument spielen. Malen. Machen Sie Sport – aber laufen Sie nicht den Marathon, sondern laufen sie einfach, solange sie wirklich Lust dazu haben. Genaugenommen basiert auch ein großer Teil der Therapie auf diesem Prinzip, die wiederum Hand in Hand mit der Achtsamkeit geht: Entdecke wieder das Spielerische. Spiele um des Spielens selbst willen. Und dann bist du auch anwesend – was der erste große Schritt in Richtung achtsames Leben ist.
Also: Vergesst nicht, zu spielen!
Und übrigens: Wenn man spielt, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet. Wer also spielt, nimmt Informationen leichter auf. Learning by playing also!
Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König.
Kurzmitteilung
Auf dem Hohen Peißenberg
Bild
Wieder Freitag. Traumwetter. Johanna war nicht da, sie war diesmal schon von Freitag auf Samstag nach Hause gefahren. Und ich wollte in die Berge. Keine große Tour, aber ich wollte raus aus der Klinik, schließlich hatte ich den ganzen Nachmittag frei. Ich hatte mir überlegt, ob ich jemand anderes fragen sollte, ob er nicht mitkommen wollte auf den Hohen Peißenberg, aber dann ging ich doch lieber allein. Ich hatte mir eine wirklich entspannte Tour ausgesucht, mit einem angeblich traumhaften Panoramablick über die Seen und die Ammergauer Alpen.
Allein schon die Anfahrt war ein Traum. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, warm, mit einer ganz leichten Brise. Entspannte Musik, die Autofenster offen, die Haare im Wind, mitten durch die kurvigen Landstraßen Oberbayerns, durch kleine Dörfer mit malerischen Bauernhöfen, Kuhweiden, Wiesen, Wälder und Klöster in einer sanften grünen Hügellandschaft.
Ich genoss es, ich kam mit dem Schauen beinahe nicht hinterher. Ich war glücklich, so wie es war, froh, dass ich allein unterwegs war. So ein schöner Flecken Erde. Schließlich parkte ich das Auto und ging los. Die Wanderung war mehr ein ausgiebiger, teils steiler Spaziergang, im Wald, an Feldern vorbei, bis auf ein Hochplateau, an mehreren einzelnen, abgeschiedenen Bauernhöfen vorbei, bis zum Hohen Peißenberg. Dort oben befindet sich eine Wallfahrtskirche, eine Wirtschaft und ein – warum auch immer – Küchenstudio. Man hätte auch mit dem Auto hochfahren können, der Parkplatz war nicht sonderlich voll, es war ja Freitag, zwei Reisebusse standen da. Ich setzte mich auf eine Bank in die Sonne, und sog das Alpenpanorama auf, das sich vor mir ausbreitete. Ich war nicht besonders hoch, aber es reichte, vor mir wuchsen die Alpen in die Höhe. Berge lösen bei mir immer eine Art Demut aus – so erhaben, wie sie dort vor einem liegen, so unverrückbar – und gleichzeitig Neugier. Was mag wohl hinter ihnen sein? Wie mag es wohl hinter ihnen sein?
Schließlich streckte ich mich aus, legte mich auf die Bank in die Sonne. Ich war am Leben. Es war nicht alles gut, aber gerade schon. Es war ein wunderschöner Tag. Ich war zufrieden mit meinem Leben, so wie es jetzt gerade war. Ich war glücklich. Ich war ruhig, ich war bei mir angekommen. Nach einer Weile stand ich schließlich auf und beschloss, mir das Gipfelplateau ein wenig genauer anzusehen. Dort oben war ein großer Friedhof, ihm gegenüber ein großes, gemütlich wirkendes Gasthaus, das auf eine sonnige Panoramaterrasse einlud. Dazwischen eingeklemmt ein Wohnhaus und das Küchenstudio. Die Kirche lag ein Stückchen weiter, am Ende des Plateaus. Die Hauptkirche wurde gerade renoviert und war deshalb gesperrt, die kleine Marienkappelle aber war offen. Ich ging hinein, setzte mich in eine der Bänke. Ich war allein, ich genoss die Ruhe, die zwar gleich, aber gleichzeitig doch ganz anders war als die zuvor, draußen auf der Bank.
Ich begann mit leiser, kaum hörbarer Stimme zu singen. Segne du, Maria, segne mich dein Kind. […] Segne all mein Denken, segne all mein Tun, lass in deinem Segen Tag und Nacht mich ruh’n. Ich versank in diesem Lied, in diesem Wunsch, in diesem Bitten.
Es klang schon öfter an, manchmal sehr deutlich, manchmal eher zwischen den Zeilen. Mein Glaube hatte mich in den letzten Wochen aufgefangen. Als es am allerschlimmsten war, als es mir am allerschlechtesten ging, so schlecht, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben für mich betete, als meine Angst am größten war, hat mich mein Glaube aufgefangen. Ich konnte plötzlich loslassen, mich an einem Punkt, an dem ich selbst mit Willen und Verstand nicht weiter kam, jemandem Größeren überantworten. Der Gedanke, dass das alles einen Sinn hätte, auch wenn es gerade schwer war, darin einen Sinn zu erkennen. Das Gott einen Plan für mich, für jeden von uns hat und dass jeder gut ist, so, wie er ist, jeder so, wie er ist, es wert ist, geliebt zu werden: Es gibt keinen tröstenderen Gedanken, kein befreienderes Wissen. Vergeben bedeutet auch und vor allem Loslassen. Ein Rosenkranz ist nichts anderes als eine Meditation. Eine Stunde Gottesdienst ist eine Auszeit vom Alltag, eine Auszeit, um zu sich selbst und dann auch zu Gott zu finden. Ich glaube an Gott, ja. Im Glauben finde ich meine innere Mitte, meine innere Kraft.
Die meisten von uns hier suchen Halt. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Für mich war dies der einzig richtige Weg, gleichzeitig ein Schritt zurück in meine Kindheit und nach vorne in meine Zukunft. Ab dem Tag, an dem ich meinen weiteren Weg in Gottes Hand legte, ging es mir besser. Ich fühlte mich befreit. Es gibt sicher viele andere Wege und Varianten. Ganz egal aber, wie: Wer seine Mitte nicht findet, kann nur schwer seinen Ruhepunkt finden.
Ich genoss die Geborgenheit, die Akustik, der Klang meiner Stimme, die Worte des Liedtextes und sog diese Kraft in mich auf. Ich blieb noch eine Weile ruhig sitzen, dann zog es mich aber wieder nach draußen in die Sonne. Ich machte mich auf den Rückweg, dann auf die Heimfahrt und versuchte, die Kraft und Energie, die mir der Ausflug gegeben hatte, aufzubewahren. Abends dann spielten wir in der Turnhalle wieder zusammen Volleyball. Zu acht, immer beinahe die gleiche Runde, kaum Regeln, unterschiedlichste Niveaus. Es tat gut, sich auszutoben, oft ging wirklich ein gutes Spiel zusammen, besonders Chris, der Gangsta, tat sich hervor – nicht nur als cooler Player, sondern auch als Organisator, er trommelte die Leute zusammen, war gerecht und fair, kümmerte sich. Auch das: Ein bisschen Normalität. Ein bisschen Ventil. Lachen, leben, auspowern, bis keiner mehr konnte. Gemeinsam.
